Behinderte Jugendliche und Sexualität

Viele Probleme haben behinderte Jungen und behinderte Mädchen gemeinsam. Während des Aufwachsens ist ihr Hauptaugenmerk auf all die Therapien (Krankengymnastik, Logopädie, Ergotherapie usw.) gerichtet, die eingesetzt werden, um möglichst weitgehend zu kompensieren, was wegen der Behinderung nicht möglich ist. Ziel ist dabei immer, möglichst nahe an das heranzukommen, was der Normalität der Nichtbehinderten entspricht (laufen, sprechen, essen können wie sie).

Es ist leicht einzusehen, dass dadurch viele Behinderte maßlos überfordert werden, und es ist kein Wunder, wenn bei all dem, was „wegtherapiert“ werden soll, der eigene Körper fremd bleibt.Die intensive Beschäftigung mit dem, was nicht in Ordnung ist, führt schließlich dazu, dass Gedanken und Gefühle verinnerlicht werden, die besagen: Mir fehlt, was andere begehrenswert und attraktiv macht, ich bin „nicht zeigenswert“, ich bin „defekt“. Schwere Minderwertigkeitsgefühle können die Folge sein.

In der Zeit der Pubertät werden die Einschränkungen, die von Körperbehinderten bedingt sind, besonders deutlich. Die gleichaltrigen Nichtbehinderten gehen zum Tanzkurs, machen ihren ersten Urlaub ohne Eltern, haben längst ihre erste Freundin, ihren ersten Freund. Für das behinderte Mädchen und den behinderten Jungen bleiben diese sonst so selbstverständlichen Zugänge ins Erwachsensein meist viel zu lange verschlossen. Hinzu kommt, dass sexuelle Gefühle und Wünsche nun unaufschiebbar zu schaffen machen.
Besonders schwer haben es da die Mädchen und Jungen, die sich nicht selbst befriedigen können, weil sie zu kurze oder gar keine Arme haben oder in ihrer Bewegungsfähigkeit stark eingeschränkt sind.

Manche behinderte Jugendliche empfinden nichts in ihren Geschlechtsorganen. Ein Sexualberater berichtet beispielsweise aus seiner Arbeit mit einer Spina-bifida-Jugendgruppe, wie ihn der 17-jährige Horst zum Nachdenken brachte:
Horst erklärte: „Vom Bauchnabel abwärts spüre ich nichts. Aber wenn jemand meine Schulter berührt oder sogar streichelt, dann ist das ein derart geiles Gefühl für mich, dass ich denke: so muss der Orgasmus sein.“ Dann fragte er mich: „Wenn ich wenigstens das erleben kann – bin ich dann ein ganzer Mann?“

Manche Ärzte sprechen hier von „Phantomorgasmen“ und meinen damit, dass mit anderen Körperteilen als den Geschlechtsorganen Empfindungen wahrgenommen werden, die einem Orgasmus gleichkommen. Man muss diesen Begriff nicht übernehmen, denn er ist der Bezeichnung „Pantomschmerz“ nachgebildet (gemeint ist zum Beispiel, dass eine Zehe juckt, die amputiert wurde, also gar nicht mehr vorhanden ist). Tatsächlich geht es hier um etwas ganz anderes: Horst erlebt keine „genitale Sexualität“ sondern empfindet sexuell an einem ganz anderen Körperteil, nämlich an seiner Schulter. Wenn er wüsste, dass das erlaubt und auch möglich ist, dann könnte er mit Phantasien und Übungen vielleicht erreichen, dass noch andere Körperteile sexuell empfindungsfähig und reaktionsfähig werden.

Die Kenntnis von Völkern mit einer ganz anderen Sexualkultur, aber auch ein Blick zurück in unsere eigene Geschichte und in das Thema Sexualität und Behinderung könnten uns belehren, das ein sexuelles Erleben, das auf das Funktionieren der Geschlechtsorgane angewiesen ist, eine starke Einschränkung bedeutet.

Erst in unserer Gegenwart fangen wir an, neu zu lernen, dass die Sexualität nicht in den Eierstöcken oder in den Hoden ihren Ursprung hat, sondern – wenn überhaupt irgendwo – im Kopf. In unserem Gehirn entsteht die Idee, etwas Sexuelles erleben zu wollen, und in unseren Gedanken spinnen wir aus, wie das sein soll. Es sind unsere Augen, die eine Situation als erotisch oder sexuell wahrnehmen. Nicht der pure genitale Akt ist lustvoll, sondern das Drum-und Dran (die Phantasien, Wünsche und Gedanken, ein Duft, ein Lächeln, eine Haarkräuselung, Falten, der erhaschte Blick aus den Augenwinkeln, zärtliches Spielen). Orgastisches Erleben ist nicht auf die Intaktheit der genitalen Funktionen angewiesen (es kommt vor, dass trotz aller Intaktheit der Sexualorgane kein Orgasmus entsteht, weil die psychischen Gegebenheiten nicht stimmig sind). Es gibt so etwas wie eine Ganzkörper-Sexualität: Mit jedem unserer Sinnesorgane können wir erotische und sexuelle Reize wahrnehmen, nicht nur die „erogenen Zonen“ unseres Körpers, sondern alle Körperbereiche sind in der Lage, auf Stimulierungen sexuell zu reagieren. Frauen, die ihr Baby stillen, können plötzlich einen Orgasmus erleben. Auch ein Gespräch kann so intensiv befriedigend erlebt werden, dass gleichsam die geistige Erfülltheit ins Körperliche überspringt und einen Orgasmus auslöst.

Ein selbstbestimmtes Sexualleben anstreben

Für körperbehinderte Frauen und Männer ist es ebenso wichtig wie für andere Menschen, dass sie selbst darüber bestimmen, wie sie sexuell unabhängig von herrschenden Normen leben wollen. Das verlangt oft eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Erziehung und Mut zum eigenen Körper. Alles, was mit Sexualität zu tun hat, wird höchst unterschiedlich beschrieben und bewertet, je nachdem, wen man fragt.

Was Sexualität sein kann, ist offensichtlich so verschieden wie die Menschen. Das hat den Vorteil, dass sich niemand in eine Norm zwingen lassen muss; die Sexualität befähigt alle Menschen dazu, sich zu verschaffen, was Ihnen gefällt, was ihnen Lust bereitet, was sie befriedigt, erregt, verbindet, tröstet und noch vieles mehr. Die Vielfalt gelebter Sexualität kann aber auch verwirren. Das gilt vor allem dann, wenn Menschen zu wenig Orientierung und Anleitung bekommen haben, wenn sie kaum ahnen, was alles mit Nähe, Zärtlichkeit, Geschlechtsverkehr, Verhütung und so weiter gemeint und verbunden ist.

Die Fähigkeit zum sexuellen Erleben bedeutet vor allem Lust und Entspannung. Es ist nicht vorgeschrieben, wie das geschehen soll. Selbstbefriedigung ist nicht nur Ersatz, sondern vollwertige Sexualität, und mit einiger Phantasie und ungehemmtem Ausprobieren lässt sich eine ganze Reihe von „Techniken“ entwickeln, die geeignet sind, Selbstbefriedigung abwechslungsreich zu machen. Es muss nicht der Geschlechtsverkehr sein, um Lust zu erleben. Petting kann zu einem überraschenden Spiel mit den körperlichen Empfindungen werden. Wie Nichtbehinderte müssen auch Behinderte herausfinden, ob sie sexuell mehr zum eigenen oder zum anderen Geschlecht oder zu beiden Geschlechtern hin orientiert sind. Homosexualität, Heterosexualität, Bisexualität sind unterschiedliche, aber völlig gleichwertige Gestaltungen partnerschaftlicher Sexualität. Moral und Ethik haben nichts damit zu tun, mit wem jemand ins Bett geht, sondern wie Menschen miteinander umgehen.

Bestimmte Behinderungsformen können ein selbstbestimmtes Sexualleben besonders erschweren, wenn nicht zusätzliche Informationen und Erfahrungen vermittelt werden, die andere sich selbst aneignen. So haben von Geburt an Blinde große Schwierigkeiten, sich die anatomische Beschaffenheit der Geschlechtsorgane (des eigenen und des anderen Geschlechts) klarzumachen. Taubgeborene haben nur selten Eltern, die sich mit ihnen gut genug in der Zeichensprache verständigen können, um auch sexuelle Probleme darzulegen und zu klären; Taubgeborenen fällt es vor allem schwer, abstrakte Begriffe wie „Weiblichkeit“, „Männlichkeit“, „Intimität“ zu verstehen.

Menschen mit Behinderungen sollen selbst herausfinden, was sie mögen, was ihnen Spaß und Lust macht. Der Weg vom eigenen Defizitdenken (einem Denken, das um die eigenen Mängel und Schwächen kreist) hin zu einer sich wertschätzenden Persönlichkeit braucht Zeit.
Die eigenen Qualitäten und Vorzüge können erst entdeckt und entwickelt werden, wenn die herrschenden Vorstellungen, wie Frauen und Männer zu sein haben, für uns bedeutungslos geworden sind. Das sollte Männern eigentlich nicht schwer fallen, denn ihr Leben könnte weniger anstrengend und zugleich vielseitiger sein, wenn sie – entgegen dem Männlichkeitsbild – sich erlauben, Schwächen einzugestehen, Gefühle zu zeigen, nicht immer überlegen und erfolgreich zu sein.

Behinderte Frauen aber haben vor sich das nicht nur von der großen Mehrzahl der Männer, sondern auch von den meisten Frauen verinnerlichte und zudem von allen Medien einheitlich gepriesene Schönheitsideal. Dieses Ideal, das Glücklichsein und gesellschaftliche Akzeptanz verspricht, ist von Frauen mit Behinderung niemals zu erreichen. „Defizite“, wie Gliedmaßenfehlbildungen, Inkontinenz, Speichelfluss, Stottern, im Rollstuhl sitzen, passen nicht zum Bild makelloser und erfolgreicher Schönheit. Sich selbst und auch andere zu akzeptieren, heißt, Abschied zu nehmen von dem Ziel, wie das Fotomodell zu werden, und endlich anzufangen, eigene Werte zu entdecken und zu entwickeln, die wirklich zu einem passen. Das ist so schwierig, dass es allein oftmals nicht zu schaffen ist.

Konflikte mit persönlichen Hilfen

Ob behinderte Menschen im Heim, zu Hause, allein oder sonst wo leben, je nach Art ihrer Einschränkung brauchen sie pflegerische oder sonstige Hilfe. Am angenehmsten mag dieses Angewiesensein auf die Hilfe anderer noch sein, wenn Familienangehörige für die Behinderte oder den Behinderten da sind. Aber diese Unterstützung schafft auch eine große Abhängigkeit und erschwert die „Abnabelung“ von der Herkunftsfamilie. Oft sind es sehr engagierte Zivildienstleistende, die für persönliche Pflege und Hilfe zur Verfügung stehen. Dabei wird viel zu wenig berücksichtigt, was den jungen, meist unausgebildeten Männern abverlangt wird, und noch weniger wird daran gedacht, wie wohl den behinderten Frauen zumute ist, die in der Regel nicht zwischen weiblichem und männlichem Pflegepersonal wählen können. Ungeachtet ihrer Würde, müssen sie sich von Männern, auch im Intimbereich, helfen lassen.

Eine Auflehnung gegen dieses System könnte – so fürchten sie – dazu führen, dass ihnen die notwendige Hilfe versagt wird. Es lässt sich leicht vorstellen, wie schwierig es für eine Frau mit Behinderung ist, immer wieder wildfremden Menschen einen Einblick in ihr Leben bis hin zum Intimsten zu gewähren. Solange diese Frauen nicht einmal selbst bestimmten dürfen, wann sie jemand und wen sie an ihren Körper lassen, dürfte es ihnen kaum möglich sein, ihre Körperlichkeit positiv wahrzunehmen, Selbstbewusstsein und Stolz zu entwickeln.

Damit auch behinderte Frauen ihr Selbstbestimmungsrecht wahrnehmen können, sind unbedingt alternative Hilfsangebote nötig wie beispielsweise die „Persönliche Assistenz“, ein Modell, das den Frauen mit Behinderung ermöglicht, selbst ihre Assistentin oder ihren Assistenten auszuwählen, einzustellen und nach Tarif zu entlohnen.

Vor allem von Selbsthilfegruppen besonders schwer körperbehinderter Männer ist die Forderung nach einer „Sexualhilfe“ ausgegangen. Ihre Begründung lautete: „Wir haben normale Sexualempfindungen, aber wir können unsere Hände nicht gebrauchen – es ist schlicht ein Gebot der Gesundheit, dass uns andere Menschen helfen!“

In diesem Zusammenhang sind folgende Vorschläge gemacht worden:

  1.  Zu den finanziellen Mitteln, die Körperbehinderte erhalten, sollte ein Betrag gehören, der es ihnen ermöglicht, wenigstens einmal monatlich eine Prostituierte oder einen Callboy zu engagieren.
  2. Sexuelle Befriedigung sollte als Teil der Gesundheitspflege anerkannt werden, „Sexualhilfe“ sollte daher zu den Aufgaben der Pflegerinnen und Pfleger.

Hier wird auf die Problematik mancher Behinderter drastisch aufmerksam gemacht: Sie sind sexuell völlig intakt, aber sie sind nicht in der Lage, sich selbst zu befriedigen, und wenn sie keine Partnerin und keinen Partner haben, sind sie zu einer Abstinenz gezwungen, von der sich jeder vorstellen kann, wie unerträglich sie ist.

Aber es fragt sich, ob die vorgeschlagenen Lösungen wirklich praktikabel sind. Sexuelle Befriedigung ist zwar auch unabhängig von einer seelischen Bindung, von Erotik und Liebe möglich, indem die entsprechenden sexuellen Reize erzeugt werden, und es ist gut vorstellbar, dass dies gegen Bezahlung von männlichen und weiblichen Prostituierten oder auch als Sexualhilfe im Rahmen der Pflege „geleistet“ werden kann. Aber das Grundproblem, das darin liegt, dass ein behinderter Mensch keine Partnerin und keinen Partner hat, wird dadurch nicht gelöst. Darin sind sich viele Behinderte und Nichtbehinderte gleich, dass sie keine sexuelle Erfüllung finden, wenn ihr sexuelles Erleben nicht zu einer Ihrer ganze Person beanspruchenden Beziehung gehört. Zudem dürfte klar sein, dass im sexuellen Bereich nichts verlangt und gefordert werden darf. Nur Helferinnen und Helfer, die in der Sexualhilfe so etwas wie eine „hygienische Betreuung“ sehen, können ein Verlangen nach sexueller Befriedigung erfüllen.

Niemand kann garantieren, dass daraus nicht mehr wird: eben doch das Verlangen nach einer persönlichen Bindung, nach Liebe, so dass neue seelische Verletzungen und Schmerzen entstehen, wenn solche Beziehungswünsche zurückgewiesen werden. Außerdem besteht die Gefahr, dass die Grenze zwischen Hilfeleistung für die Behinderten und Missbrauch (Ausnutzen der Hilflosigkeit für eigene sexuelle Bedürfnisse der Helferin, des Helfers) undeutlich wird und schließlich nicht mehr zu erkennen ist.

Da aber, wo wirklich in gegenseitigem Einverständnis Sexualhilfe geschieht, müsste gewährleistet sein, dass sie weder durch moralische Verbote noch gesetzliche Drohungen beeinträchtigt wird.
Es dürfte wohl auch kaum vernünftige Einwände dagegen geben, dass behinderte Frauen und Männer finanziell so ausgestattet sind, dass sie Sexualhilfe von Prostituierten bezahlen können.

Auch dürften keine Probleme entstehen, wenn Pflegerinnen und Pfleger darum gebeten werden, körperbehinderten Partnern so zu helfen, dass sie sich lieben, dass sie zärtlich zueinander sein können, dass sie sich sexuell befriedigen können. Vielleicht müssen die beiden nur nebeneinander gelegt und ihnen muss beim Entkleiden nach ihren Anweisungen geholfen werden; vielleicht müssen sie dabei unterstützt werden, verschiedene Stellungen einzunehmen, vielleicht ist noch Intimeres zu tun. Hier wird „Hilfestellung zum Lieben können“ gegben; das braucht keine moralisch-ethische Rechtfertigung.

Alle Hilfen haben jedoch eine unabdingbare Voraussetzung: Körperbehinderte – Frauen wie Männer – brauchen zumindest ihren eigenen Raum, in dem sie ihr Sexualleben ungestört gestalten können.

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