Sexualität und Behinderung

Acht Millionen Menschen unseres Landes sind körperbehindert. Sie sind bewegungsgehemmt, sprachgestört, blind, taub. Obwohl sie meist nicht in ihrem sexuellen Empfinden beeinträchtigt sind, leiden viele darunter, dass ihr Bedürfnis nach Geborgenheit, Zärtlichkeit, sexueller Lust unerfüllt bleibt oder dass ihr Sexualleben stark eingeschränkt ist.

Es besteht eine Kluft zwischen Behinderten und Nichtbehinderten. Nichtbehinderte Frauen und Männer wissen meist nicht, wie sie sich angemessen verhalten sollen und meiden daher Kontakte; manche fühlen sich bereits durch den Anblick eines körperbehinderten Menschen gestört und provoziert. Es hilft kaum, wenn sie daran erinnert werden, dass sie selbst plötzlich als Folge einer Erkrankung, eines Verkehrs- oder Arbeitsunfalles für den Rest ihres Lebens schwer behindert sein können.

Es gibt nicht die beiden Körperbehinderten, die sich gleichen. Das gilt auch für das Sexualleben. Es kommt nicht so sehr auf die Art der Behinderung an, sondern darauf, wie einschneidend eine Behinderung erlebt wird. Für die Lebenszufriedenheit ist entscheidend, ob als gleichwertig erlebbare andere Formen der sexuellen Befriedigung entdeckt werden, ob Alternativen möglich sind. Auch Charaktereigenarten, beispielsweise mehr optimistische oder pessimistische Einstellungen, Mut, sich anderes als das Übliche einfallen zu lassen und auch zu verwirklichen, Eigenwilligkeit und Selbstvertrauen, schließlich die Fähigkeit, Resignationen immer wieder zu überwinden, haben einen positiven Einfluss.

Eine Broschüre wie diese kann nicht das Ziel haben, allgemeingültige Ratschläge zu vermitteln. Ein guter Rat, der im einen Fall weiterhilft, erregt im anderen Fall nur Ablehnung und Ärger. Ein wichtiges Ziel wäre jedoch erreicht, wenn möglichst viele Körperbehinderte angeregt würde, Kontakt mit Selbsthilfegruppen mit einer Beratungsstelle für Körperbehinderte oder auch einer Sexualberatungsstelle aufzunehmen, um hier Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner für ihre Probleme zu finden und Möglichkeiten zu entdecken, wie trotz und mit der Behinderung ein befriedigendes Sexualleben zu gestalten ist. Nur in sehr persönlichen Gesprächen können die besonderen Eigenarten eines Menschen berücksichtigt werden.

Zwischen Erwartungsdruck und Behinderung

Die Erziehung der Mädchen, die von Geburt an oder seit früher Kindheit behindert sind, ist oft widersprüchlich:
Einerseits ist eine der Frauenrolle entsprechende Erziehung erkennbar. Die Eltern und später auch die Lehrerinnen und Lehrer in der Schule tun alles, um die behinderten Mädchen möglichst nahe an die Welt der Nichtbehinderten heranzubringen, weil sie die einzig vorstellbare, lebbare und auch für die erwachsenen Frauen akzeptable Lebensweise zu garantieren scheint. Den Mädchen werden schöne Kleider angezogen. Es wird darauf geachtet, dass sie sich mädchenhaft benehmen.

Andererseits wird den Mädchen signalisiert, dass für sie die in der Gesellschaft üblichen Rollen einer Frau (Hausfrau, Ehefrau, Mutter) nicht in Frage kommen, weil sie die mit ihnen verbundenen Aufgaben und Pflichten angeblich wegen ihrer Behinderung nicht zufriedenstellend erfüllen können. Beispielsweise werden sie zuhause von hauswirtschaftlichen Tätigkeiten freigestellt.

Je weniger wegen der körperlichen Einschränkungen die Anpassung an die Welt der Nichtbehinderten gelingt, um so mehr wird versucht, dies durch schulische Bildung auszugleichen. Erfolge in der Schule sollen mangelhafte weibliche Reize wettmachen. Auch später in der Berufsausbildung dürfen körperbehinderte Mädchen nicht nachlässig werden, notfalls wird ihr Leistungsehrgeiz mit dem Hinweis angestachelt, sie müssten schon für sich selbst sorgen, denn einen Mann würden sie doch nie finden (leider ist diese Drohung nicht unbegründet: Etwa 75 Prozent aller behinderten Männer, aber nur 38 Prozent aller Frauen mit Behinderungen sind verheiratet).

Es fragt sich, ob körperbehinderte Frauen, die so erzogen worden sind, nicht in eine Sackgasse geraten müssen. Berufliche Karrieren sind schon für nichtbehinderte Frauen schwierig und nur unter besonderen „Opfern“ zu verwirklichen. Frauen mit Behinderung werden solche Leistungen nicht zugetraut, sie sind im Berufsleben doppelt benachteiligt: als Frauen und als Behinderte. Gleichzeitig erleben sie, welche Hindernisse einer Familiengründung im Wege stehen: Männer, die mit körperbehinderten Frauen ein gemeinsames Leben wagen wollen, sind selten, selbst dann, wenn sie selbst behindert sind – es gibt nur wenige Möglichkeiten für unbefangene Begegnungen mit Angehörigen des anderen Geschlechts – schließlich stellt sich als größter Nachteil heraus, dass körperbehinderte Frauen nicht nur zu wenig auf Haushaltsführung und Familienleben vorbereitet wurden, sondern oft auch gänzlich ungeübt sind im Umgang mit jungen Männern.

Um nicht dauerhaft in die Stellung einer Außenseiterin abgedrängt zu werden, bemühen sich viele behinderte Frauen, den bei ihnen sichtbaren Mangel durch Schminke, Kleidung, aber auch durch gute Gespräche, gute Leistung und vor allem durch den Status einer guten Freundin, die immer für alle ein offenes Ohr hat, auszugleichen. Ihre eigenen Ansprüche auf Nähe, Partnerschaft, Zärtlichkeit und sexuelle Erfüllung nehmen sie zurück: Sie wollen sich nicht aufdrängen, niemand lästig werden und schützen sich mit ihrer Zurückhaltung zugleich davor, zurückgewiesen und seelisch verletzt zu werden. Sie genießen es, dass sie in der Rolle des guten Kumpels akzeptiert und beliebt sind und als wertvoll angesehen werden.

Im Zentrum des Selbstverständnisses von Männern steht von frühen Kindheitstagen an die Erfahrung: Ich habe einen Penis, der mir lustvolle Empfindungen vermittelt, der steif werden und zu immer stärkeren Lustgefühlen gereizt werden kann, bis schließlich auf dem Höhepunkt der Orgasmus entsteht.

Wer je mitbekommen hat, wie bereits kleine jungen mit der Erektionsfähigkeit ihres Gliedes angeben und wie sehr erwachsene Männer leiden, wenn sie sich als impotent erleben, der muss glauben, dass die Frage, was den richtigen Mann ausmache, sich für den Mann mit dem Erleben der Funktionsfähigkeit seines Penis beantwortet: „Wie mein Phallus beweist, bin ich sexuell potent, und also bin ich ein Mann!“

Es fällt Männern meist schwer, sich von solchen Festlegungen und Überzeugungen zu befreien, obwohl es doch eigentlich keiner Überlegungen bedarf, um herauszufinden, wie unsinnig sie sind. Selbstverständlich verwirklicht sich ein Mann nicht vor allem oder auch nur vorwiegend durch seine Erektions- und Ergasmusfähigkeit. Jeder Mann hat Fähigkeiten, die lebenswichtiger und die für seine Persönlichkeit charakteristischer sind, wie zum Beispiel Zuverlässigkeit oder die Art und Weise, wie er liebt und sich liebenlassen kann – und das alles hat gar nichts mit der Funktionsfähigkeit seines Penis zu tun.

Ein Mann, der auf den Rollstuhl angewiesen ist, kann nicht den großen Frauenjäger spielen. Bevor er mit einer Partnerin intim wird, muss er mit ihr über seine körperlichen Gegebenheiten reden. Er muss sich ins Bett und vielleicht noch bei anderen intimen Handlungen helfen lassen. Damit entspricht er nicht gerade dem üblichen Männlichkeitsbild. Aber dieser Mann hat gute Chancen bei Frauen, die nicht so sehr stürmische Eroberer, sondern rücksichts- und verständnisvolle, zu gleichberechtigter Partnerschaft fähige Männer bevorzugen. Männlichkeit kann viele Gesichter haben.

Der Einsamkeit eine Schippe schlagen – Dating für Behinderte

Als behinderter Mensch muss kein Dauerzustand sein alleine zu sein. Längst gibt es zahlreiche Möglichkeiten im Bereich der Kontaktanzeigen und des Datings speziell für Behinderte und Menschen mit Handicaps. Einen teil davon wollen wir hier vorstellen:

Dating- und Sexportale

Eine Behinderung muss kein Lustkiller sein, sondern ist für manche Menschen entweder überhaupt gar kein Problem oder sogar eine Art Lustgewinn. Auf einschlägigen Fetisch Portalen wird offen das Thema Sex mit Behinderten angesprochen und darauf hingewiesen, dass es eben auch eine Art Lustgewinn sein kann, Verkehr in einem Rollstuhl zu haben. Auch der sexuelle Umgang mit Amputationen, der Prozess des Pflegens und der damit gesteigerte Gefühlsgewinn in puncto Erotik spielen hier eine essentielle Rolle und sollten mit körperlichen Einschränkungen dazu ermutigen aktiv nach einem Lebens- und / oder Sexualpartner zu suchen. Modernes Dating für Behinderte macht es möglich.

Sexualbegleitung
Auch behinderte Menschen in Einrichtungen nutzen die Angebote von Prostituierten. Zumeist werden sie bei der Kontaktaufnahme von Mitarbeitenden der Einrichtung unterstützt. Oft ist dafür auffälliges Verhalten der behinderten Menschen, zum Beispiel Aggression, der Anlass gewesen.

Die Erfahrungen mit den Kontakten zu Prostituierten ist nicht immer gut. Die Gründe für problematisches Verhalten sind oft komplexer und beruhen nicht nur auf biologischen Notwendigkeiten. So haben sich in den vergangenen Jahren nach dem Vorbild der SAR in den Niederlanden auch in Deutschland drei Anbieter etabliert, die Sexualbegleitung anbieten. Anders als in der Prostitution bieten hier Frauen und Männer sexuelle Dienstleistungen an ohne die Nachteile des Prostitutionsbetriebes. Bei der Sexualbegleitung wird eine würdevolle Beziehung aufgebaut, die einen Ausgleich findet zwischen professioneller Distanz und emotionaler Achtung. Es gibt regelmäßige Supervisionen und eine spezielle Ausbildung, die auch von Behinderten selber durchgeführt wird.

Sexybilities Berlin
Die Initiative Sexybilities bietet Beratung nach dem Peer-Counseling-Prinzip, d.h. Betroffene beraten Betroffene. Die Beratung kann anonym über Telefon oder Email erfolgen oder direkt in der Beratungsstelle bzw. einem anderen Ort, den Klienten wählen. Sexybilities vermittelt Kontakte zu Prostituierten, deren Arbeit den Beratenden bekannt ist und die sie weiterempfehlen können.

Darüber hinaus werden Gesprächsgruppen und Themenabende organisiert. Jedes Jahr bietet Sexybilities in Berlin eine Großparty als kulturelle Veranstaltung an. Die beratenden behinderten Menschen lehnen Sexualbegleitung als spezielle Ausbildungsprofession ab, da sie darin eine neue Besonderung für behinderte Menschen sehen.
Sexybilities beim ASL e.V.
Oranienstraße 189
10999 Berlin
Tel.: 030 60 88 05 76 (Anrufbeantworter)

Nina de Vries
Die bekannteste Sexualbegleiterin in Deutschland ist die Niederländerin Nina de Vries. Sie arbeitet als selbstständige Sexualbegleiterin und hat sich auf ein Angebot für geistigbehinderte Menschen spezialisiert. Sie arbeitet mit Einrichtungen der Behindertenarbeit zusammen, gibt Fortbildungen, hält Workshops und arbeitet an Tagungen und Seminaren mit.
Zurzeit versuchen einige Aktive in der Schweiz mit ihr als Ausbilderin eine Fortbildung zur Berührerin bzw. zum Berührer zu etablieren. Die Bezeichnung für ihr Angebot weist schon darauf hin, dass für Nina de Vries die Körperberührung im Vordergrund steht. Sie bietet daher keinen Geschlechtsverkehr an.

Nina de Vries hat die Diskussion um Sexualbegleitung in Deutschland sehr geprägt und an verschiedenen TV-Berichten mitgearbeitet.
Nina de Vries
Wattstr. 12
14482 Potsdam
Tel. : 0331/74 24 30 oder 0179/42 40 37 9
Email : nina_devries@web.de

Sensis Hessen und Sensis Sachsen
Die Interessengemeinschaft für Behinderte (IFB) ist ein Dienstleistungsanbieter in Wiesbaden und Leipzig. Aus ihm ging 1995 Sensis hervor. Sensis schreibt über sich: „Sensis bietet körperlich behinderten Menschen die Möglichkeit, körperliche Nähe und Sexualität in entspannter Atmosphäre zu erleben … Sensis möchte Menschen helfen, die durch ihre Behinderung Schwierigkeiten haben, den eigenen Körper und ihre Gefühle kennen zu lernen. Das Angebot .. gilt für Frauen und Männer.“

Sensis nutzt dazu die Vermittlung von Mitarbeiterinnen, will aber auch Beratung und Fortbildung durchführen. Sensis organisiert ein gut besuchtes Forum im Internet zum Thema Sexualbegleitung. Träger für Sensis Hessen und Sachsen ist der Landesverband für Körper- und Mehrfachbehinderte Hessen e.V.

SENSIS Hessen

Ehrengartstraße 15

65201 Wiesbaden

Tel.: 0611-1828378

Sexualberatung für Menschen mit Handicap

Immer mehr behinderte Menschen haben den Mut, fragen zu ihrer Sexualität öffentlich auszusprechen. Zu oft bekommen sie diese Fragen im außerprivaten Raum nur von ihren Ärzten beantwortet. Den Vorteil des Peer Counseling können sie kaum nutzen; das bedeutet die besondere Vertrautheit einer Beratung durch eine Person mit ähnlichen Erfahrungen. Bislang haben sich die traditionellen Beratungsstellen Behinderter zu den Themen Sex und Partnerschaft kaum Kompetenz angeeignet. Das soll nun anders werden.

In Kooperation mit Mitarbeitern von PRO FAMILIA, BALANCE und dem ISBB aus Trebel bieten der VFbI e.V. und der Berufsverband Peer Counseling jetzt eine Ausbildung in Sexualberatung an. Das Ziel: Ausgebildete Sexualberater/innen verfügen einerseits über eher medizinisches Wissen aus den Familienberatungszentren, wie etwa PRO FAMILIA. Andererseits haben sie Informationen zu den besonderen erotischen Wegen behinderter Menschen, die z. B. das „Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (ISBB) in Trebel geht. Zwei Herangehensweisen, einmal von der Erlebnisseite her, einmal eher medizinisch, hin zur selbstbestimmten Sexualität behinderter Menschen. Potentielle Arbeitgeber sind die klassischen Beratungsstellen der Familienplanung oder die Zentren für selbstbestimmtes Leben Behinderter oder Verbände der Behindertenarbeit. Bundesweit gibt es schon zwei Beratungsstellen von PRO FAMILIA, die nur für die Fragen behinderter Menschen technisch und personell mit Peer Counselorinnen ausgestattet sind.

Sexuelle Gewalt

Je stärker Frauen und Männer durch Behinderungen eingeschränkt sind, um so mehr sind sie auf die Hilfe anderer angewiesen. Sie sind abhängig. Abhängigkeit ist nur erträglich, wenn dem Menschen, der hilft, zugetraut werden kann, das er die Hilflosigkeit nicht für sich ausnutzt und dass er den Menschen, der die Hilfe braucht, achtet. Mit Abhängigkeiten sind immer auch unterschiedliche Machtverhältnisse verbunden, und je mehr in einer Beziehung diese Diskrepanz zum Ausdruck kommt, um so stärker wird das Gefühl der Überlegenheit auf der einen, des Ausgeliefertseins auf der anderen Seite.

Viel zu selten wagen es behinderte Frauen und Männer, darüber mit ihrer Pflegerin oder ihrem Pfleger zu reden, oft aus Angst, falsch verstanden zu werden, als „überempfindlich“ oder „allzu kritisch“ zu gelten und dann nur noch nachlässig oder sogar gar nicht mehr versorgt zu werden.
Jegliche Formen von Abhängigkeit und ungleichen Machtverhältnissen bilden einen Nährboden für Gewalt. Das gilt auch für Mädchen und Frauen, für Jungen und Männer mit Behinderung. Es muss nicht immer gleich eine Vergewaltigung sein. Nicht weniger wird die Würde verletzt durch jene oft wiederholten kleinen Grenzüberschreitungen, denen zahlreiche weibliche und männliche Behinderte bei der Intimpflege täglich ausgesetzt sind.

Sexuelle Rehabilitation

Wer von einem zum anderen Augenblick, ohne Vorwarnung, urplötzlich aus seinen sexuellen Gewohnheiten herausgerissen ist und nun merkt, was alles „nicht mehr geht“, der kämpft zunächst einmal verzweifelt darum, den alten Zustand wiederherzustellen. Vor allem Männer sind dann geradezu leichtgläubig und geraten in Gefahr, ohne ein sorgfältig-prüfendes, kritisches Nachdenken jeden Vorschlag anzunehmen, der eine sexuelle Rehabilitation verspricht. Der menschliche Erfindergeist hat eine ganze Reihe von Hilfsmitteln bereitgestellt: Es gibt Vibratoren, mit denen die Selbstbefriedigung variabel zu gestalten ist; man kann sich einen Kunstpenis umschnallen oder eine Penisprothese „einbauen “ lassen,; es gibt errektionsfördernde Spritzen, die einfach und von einem selbst zu handhaben sind; schließlich werden noch stimulierende Salben empfohlen.

Es fällt auf, dass die weitaus meisten sexuellen Hilfsmittel für Männer entwickelt worden sind. Das hat sicher mehrere Gründe, vor allem aber wohl diese beiden: Männer leiden eher als Frauen unter sexuellen Unzulänglichkeiten, weil sie bei ihnen sichtbar sind (sie empfinden sich dann nicht nur, sondern sie sehen sich auch als „Schlappschwanz“) – Frauen hingegen können sich auch durch die Atmosphäre einer Beziehung stimuliert fühlen, und sie sind nicht so auf die Empfindungsfähigkeit ihrer Genitalien beschränkt.

Ehe Entscheidungen gefällt werden, die nicht mehr rückgängig zu machen sind (wie zum Beispiel eine Penisprothese), sollte sehr sorgfältig geprüft werden, ob eine bestehende Partnerschaft wirklich auf solche Hilfen angewiesen ist und ob tatsächlich eine Verbesserung der sexuellen Zufriedenheit bei beiden Partnern zu erwarten ist. Ein eregierter Penis ist zwar die notwendige Bedingung dafür, dass der Koitus vollzogen werden kann – es gibt aber durchaus auch Partnerinnen, die gar nicht so darauf aus sind, immer Geschlechtsverkehr zu haben, und es ist sehr die Frage, ob der Mann das Wahrnehmen seiner Erektion lustvoll findet, wenn er genau weiß, das die Entspannung letztlich unvollkommen bleibt, weil ihm ein Erguss nicht möglich ist.

Ähnliche Schwierigkeiten im Umgang mit sexuellen Hilfsmitteln können auch körperbehinderte Frauen erleben. Was hat beispielsweise eine Spastikerin davon, wenn sie dank spasmuslindernder Mittel eine Beischlafstellung einnehmen und ruhig durchhalten kann? Eine Voraussetzung für den Koitus ist erfüllt, aber ist dadurch auch garantiert, dass diese Frau nun eine sie befriedigende Lust erlebt?

Eine sexuelle Rehabilitation (also: das Erreichen des früheren Zustandes vor Auftreten der Behinderung) ist nur in ganz wenigen Ausnahmefällen möglich. Statt alle Überlegungen darauf zu konzentrieren, wie der „Defekt“ behoben werden kann, sollte lieber versucht werden, den eigenen Körper ganz neu zu erforschen und dabei womöglich neue Befriedigungs- und Entspannungsmöglichkeiten zu entdecken, die früher verborgen waren. Durch die Konzentration auf das Verlorene geht auch das noch oder sogar neu Vorhandene verloren. Wer sich nur noch als behindert, gestört und schadhaft erlebt, kann die immer noch möglichen Stimulationen nicht genießen und als Bereicherung erleben. Schließlich schläft die Sexualität ein.

Hilfsmittel können verhindern, dass neue Lusterlebnisse entdeckt werden, weil sie auf alte Erfahrungen festlegen. Körperbehinderte sollten sich keinen geltenden Normen und Standards unterwerfen, um sich und anderen den Eindruck der Normalität zu vermitteln. vielmehr dürfen sie neugierig sein und alles versuchen, um herauszufinden, wie vielfältig, wie verschieden und variantenreich sexuelles Erleben ist, wennsich die sexuellen Empfindungen nicht in gesellschaftliche Vorgegebenheiten einfügen müssen.

Hilfe zur Selbsthilfe

In dieser Broschüre werden viele Probleme angesprochen, aber mit Rat und Hilfe wird sparsam umgegangen. Das muss so sein, denn Rat und Hilfe, die in die eigene Lebenspraxis umgesetzt werden kann, muss „personen nah“ gegeben werden: im persönlichen Gespräch, im vertrauten Miteinander, manchmal auch in einer längeren Begleitun. Am erfolgreichsten ist die Beratung und Hilfe, die Körperbehinderte sich gegenseitig geben können, beispielsweise in Selbsthilfegruppen. Dabei hat sich besonders bewährt, wenn zumindest vorübergehend auch ein Zusammentreffen und gemeinsames Arbeiten in geschlechtsgleichen Gruppen möglich ist.

Oft wird erst in einer Selbsthilfegruppe erlebt: Endlich bin ich mit Menschen zusammen, die mich ohne Erklärungen verstehen; sie helfen mir, mich so zu akzeptieren wie ich bin und Ansprüche nicht nur immer an mich, sondern auch an andere zu stellen, weil ich wertvoll bin.
Allerdings gibt es hier ein Problem, das nicht nur Körperbehinderten eigentümlich ist: Es fällt den meisten Menschen schwer, über ihre sexuellen Bedürfnisse, Wünsche, Phantasien und Träume mit anderen zu reden. Aber wie soll ich über mich selbst Klarheit gewinnen, wenn ich nicht in der Lage bin, wenigstens im Selbstgespräch, in der Selbstreflexion, zunächst zu formulieren, was ich will und was ich ablehne, und dann auch mit anderen, denen ich vertrauen kann, darüber zu reden?

Körperbehinderte Frauen und Männer sind in der Mitteilung über Sexuelles doppelt negativ vorbelastet: Einmal haben auch sie nicht gelernt, über etwas derart Intimes offen zu reden, zum anderen haben sie darunter zu leiden, dass es in unserer Gesellschaft nicht üblich ist, über Mängel und Schwächen zu sprechen, auch dann nicht, wenn sie unverschuldet sind.

Es sind nicht gerade wenige Körperbehinderte, die sich allein, unverstanden und ungeliebt fühlen. Aber wie soll sich an ihrem Zustand etwas ändern, wenn sie ihre Innenwelt verschlossen halten und nichts von ihr nach außen dringen darf?
Lernen, sich mitzuteilen, über sich zu reden, ist eine der wichtigsten Aufgaben, die in Selbsthilfegruppen zu lösen sind. Mag es auch schwer fallen, die eigene Scheu zu überwinden – nur sehr selten haben es Menschen bereut, dass sie Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe aufgenommen haben.

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