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GILLES DE LA TOURETTE - SYNDROM
von
Dr. med. Kirsten R. Müller-Vahl
Abteilung für Klinische Psychiatrie und Psychotherapie
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Str. 1
30625 Hannover
Telefon: 0511-5323122
Email: mueller-vahl.kirsten@mh-hannver.de

Weitere Informationen unter:
www.tourette.de
und bei der
Tourette-Gesellschaft Deutschland e.V. (TGD)
Von-Siebold-Str. 5
37075 Göttingen
Telefon: 0551-396727

Die Inhaltsübersicht

-
Was ist Tourette?
- Wie wird Diagnose Tourette-Syndrom gestellt?
- Was sind Tics?
- Welche anderen Symptome können bei Tourette-betroffenen auftreten?
-
Zwangshandlungen und -gedanken
- Impulsivität, Fremd- und Autoaggression
- Begabungen und Talente
- Gibt es ein typisches Tourett-Syndrom?
- Was ist die Ursache dieser merkwürdigen
und komplexen Erkrankungen?

- Wie häufig ist das Tourette-Syndrom?
- Kommt das Tourette-Syndrom weltweit vor?
- Wie verläuft die Erkrankung?
- Ist die Erkrankung heilbar?
- Gibt es allgemeingültige Regeln für den Umgang?


Was ist das Tourette-Syndrom?

Das Gilles de la Tourette-Syndrom - häufiger nur Tourette-Syndrom oder TS genannt - ist eine neurologische Erkrankung. Die Krankheit ist nicht neu: sie wurde im Jahre 1825 erstmals in der Wissenschaft erwähnt und erhielt den Namen des französischen Arztes, der 1885 eine ausführliche Beschreibung dieser Erkrankung gab: George Gilles de la Tourette. Literarische Schilderungen lassen aus heutiger Sicht noch frühere Beschreibungen vermuten. Anhand historischer Aufzeichnungen wird diskutiert, ob beispielsweise Claudius, Napoleon, Moliere, Peter der Große, der Schriftsteller Samuel Johnson und Mozart ein Tourette-Syndrom hatten.
Trotz dieser frühen sehr prägnanten Schilderungen geriet die Erkrankung für beinahe 100 Jahre - auch unter Ärzten - in Vergessenheit. Erst eine umfassende Darstellung durch ein amerikanisches Ärzte-Ehepaar im Jahre 1978 rückte das Tourette-Syndrom wieder stärker ins Interesse der Neurologen, Psychiater und Kinderärzte. Dennoch ist das TS auch heute noch vielen unbekannt.


Wie wird die Diagnose Tourette-Syndrom gestellt?

Bis heute wird die Diagnose TS klinisch gestellt. Das heißt, weder durch Bluttests noch durch andere technische Untersuchungen ist eine Diagnosestellung möglich. Die Diagnose TS kann nur von einem Arzt (Neurologen, Psychiater oder Kinderarzt), der die Erkrankung gut kennt, anhand einer sorgfältigen Anamnese und klinischen Untersuchung gestellt werden. Hierbei müssen folgende Kriterien erfüllt sein:

1. Auftreten von multiplen motorischen Tics und mindestens einem vokalen     Tic
2. Beginn vor dem 18. Lebensjahr
3. Symptomdauer von mehr als einem Jahr
4. Im Krankheitsverlauf Veränderung der Tics hinsichtlich Häufigkeit, Anzahl,     Lokalisation, Form und Schwere
5. Ausschluß anderer Erkrankungen

Was sind Tics?

Der Begriff Tic stammt aus dem französischen und hat mit dem umgangssprachlichen Wort "Tick" (im Sinne von "jemand tickt nicht richtig") nichts gemein. Tic steht für ein spezielles neurologisches Symptom. Es werden motorische von vokalen Tics unterschieden.

Motorische Tics
Alle Kinder und Erwachsene mit TS weisen eine Vielzahl von motorischen Tics auf. Hierunter werden unwillkürlich eintretende Bewegungen verstanden. Motorische Tics sind in der Mehrzahl kurze irreguläre Bewegungen. Am häufigsten kommen sie im Gesicht und am Kopf vor mit Blinzeln, Grimassieren, Augenverdrehen und Kopfrucken. Häufig sind motorische Tics auch an den Schultern und Armen (z.B. Hochziehen der Schultern, Schleudern des Armes, Verkrampfen der Finger). Seltener, aber nicht ungewöhnlich, sind motorische Tics am Rumpf und an den Beinen.

Da diese Bewegungen einerseits sehr kurz, nahezu unmerklich, anderseits aber auch sehr auffällig und grotesk sein können, sprechen wir von einfachen und komplexen motorischen Tics. Häufig sind einfache motorische Tics so gering, daß sie als "Eigenart" oder "Nervosität" verkannt werden. Komplexe motorische Tics sind beispielsweise Hüpfen, Springen, in die Hocke gehen oder bizarre Arm- und Rumpfbewegungen.

Einige komplexe motorische Tics werden wegen ihrer Charakteristika zusätzlich mit speziellen Begriffen beschrieben:

Echopraxie: Bewegungen, Gesten, Handlungen werden von anderen Menschen übernommen und nachgeahmt

Kopropraxie: hierbei werden Bewegungen mit obszönen Inhalten gemacht (z.B. das Mittelfingerzeichen ("Stinkefinger") oder das Berühren der eigenen Genitalregion)

Touching: unwillkürliches Berühren anderer Personen; häufig lediglich mit einem kurzen Antippen, seltener mit Berührungen des Gegenüber in dessen Brust- oder Genitalbereich.

Vokale Tics
Unter einem vokalen Tic wird das unwillkürliche Hervorbringen von Lauten und Geräuschen (sog. einfache vokale Tics) und Wörtern oder Sätzen (sog. komplexe vokale Tics) verstanden. Auch dieses Symptom tritt bei allen Tourette-Betroffenen auf. Häufig ist es jedoch weniger stark ausgeprägt. Typische vokale Tics sind: unwillkürliches, wiederkehrendes Husten (ohne daß eine Erkältung vorliegt), Räuspern, Grunzen, lautes Ein- und Ausatmen, Schnauben, Quieken, aber auch bellende, miauende Laute oder lautes Schreien. Wie bei den motorischen Tics werden einige vokale Tics aufgrund ihrer Besonderheiten besonders bezeichnet:

Echolalie: Wörter oder ganze Sätze anderer werden nachgesprochen bzw. ohne erkennbaren Grund wiederholt (wie ein Echo)

Palilalie: selbst gesprochene Wörter, Silben oder Satzteile werden wiederholt. Ausgeprägte Formen erinnern an Stottern. Gelegentlich besteht eine Art "Sprachblockade".

Koprolalie: hierbei werden sozial wenig akzeptierte Wörter mit obszönem Inhalt unwillkürlich ausgesprochen. Eine ausgeprägte Koprolalie ist selten, führt in diesen Fällen jedoch in der Regel zu erheblichen sozialen Schwierigkeiten.

Was ist noch typisch für Tics?

Vielleicht denken Sie an dieser Stelle, daß viele Ihrer Schüler Symptome aufweisen wie kurze Zuckungen, unwillkürliche Lautäußerungen, Aussprechen von obszönen Wörtern. Was kennzeichnet das Tourette-Syndrom noch? Wodurch können Sie ein "normales" Kind von einem tourette-betroffenen Kind noch unterscheiden?

Tics sind unwillkürlich. Das heißt, betroffene Kinder können nicht einfach "damit aufhören". Dennoch unterliegen Tics einer gewissen willentlichen Steuerung. So können sie von allen Betroffenen für wenige Minuten oder manchmal auch Stunden unterdrückt werden. Dies ist sehr typisch für Tics und darf in keinem Fall zu der Annahme führen, Tics würden von den Betroffenen absichtlich (beispielsweise um andere zu ärgern oder um Aufmerksamkeit zu gewinnen) gemacht werden. Einzelne Betroffene können ihre Tics sogar stundenlang unterdrücken. Dies kann die Diagnosenstellung erheblich erschweren, wenn Tics während des Arztbesuchs unterdrückt werden. Dies kann auch zu Mißverständnissen zwischen Ihnen als Lehrerin oder Lehrer und den Eltern führen, wenn Tics nur zu Hause und nicht in der Schule auftreten oder umgekehrt.

Bislang ist nicht bekannt, warum Tics mehr oder weniger lange unterdrückt werden können. Die Betroffenen schildern, das Unterdrücken sei unangenehm und anstrengend. Ein den Tics vorausgehendes sehr kurzes "Vorgefühl", ein "Dranggefühl", das durch den Tic gelindert werden kann, nehme während des Unterdrückens stark zu und limitiere es. Viele Tourette-Betroffene unterdrücken Tics nicht gerne für längere Zeit, da nachfolgend zumeist stärkere Tics auftreten, als ob sich die unterdrückten Tics aufstauten und dann entladen würden im Sinne eines "sich austicken". Das Unterdrücken von Tics erfordert daneben häufig eine gewisse Anstrengung und Konzentration. Diese können währenddessen im Unterricht fehlen. Umgekehrt können Tics unter hoher Konzentration auch deutlich nachlassen. Ein gutes Beispiel ist ein bekannter kanadischer Chirurg, der tagsüber erfolgreich operiert und dabei "tic-frei" ist, jedoch abends in entspannter Atmosphäre um so stärkere Tics hat.

Weiterhin ist für Tics charakteristisch, daß sie sich in Form, Lokalisation, Intensität Häufigkeit und Schwere ständig wandeln. Neue Tics entstehen, während frühere Tics nicht mehr auftreten. Für die Diagnose Tourette-Syndrom ist es stets notwendig, daß die Symptome mindestens 1 Jahr bestehen (es gibt auch transiente Tic-Erkrankungen, die abgegrenzt werden müssen) und vor dem 18. Lebensjahr beginnen. Durchschnittlich treten erste Symptome bereits mit 6 - 8 Jahren auf, häufig in Form von Blinzeln und Grimassieren, theoretisch aber auch mit jedem anderen Symptom.


Welche anderen Symptome können bei Tourette-Betroffenen auftreten?

Auch wenn die formale Definition des Tourette-Syndroms ausschließlich (motorische und vokale) Tics zum Diagnosekriterium erhebt, bestehen bei nahezu allen Betroffenen weitere Symptome, die nicht selten subjektiv oder für die unmittelbare Umgebung - auch in der Schule - das Hauptproblem darstellen.


Zwangshandlungen und -gedanken

Zwänge sind eine typische Verhaltensauffälligkeit, die bei nahezu allen Tourette-Betroffenen auftritt. Am häufigsten finden sich Zwangshandlungen mit Ordnungsliebe und Arrangieren, Kontrollieren, ritualisierten Handlungen und Zählen. Zwangsgedanken führen dazu, daß bestimmte Ideen wieder und wieder "gedacht" werden müssen und die Konzentration nicht auf andere Inhalte gelenkt werden kann. Gelegentlich berichten Betroffene über ungewöhnliche Zwänge, etwa einem Hang zu verbotenen Handlungen oder gefährlichen Situationen, beispielsweise dem Drang, Alarmknöpfe zu betätigen, verbotene Wege zu betreten, rasant Auto zu fahren, mit Messern oder Feuer zu spielen.

Oftmals sind Zwangssymptome mit dem Bedürfnis verbunden, etwas "genau richtig" (engl. "just right") machen zu müssen. Erst wenn sich dieses "Genau richtig"-Gefühl einstellt, kann die Wiederholung der Zwangshandlungen oder -gedanken beendet werden. Zum Beispiel muß eine Tür "genau richtig" geschlossen, ein Gegenstand "genau richtig" berührt, eine an andere gestellte Frage "genau richtig" beantwortet oder eine Gestik oder ein Satz eines anderen "genau richtig" nachgeahmt werden. Auf diese Weise können über viele Minuten andauernde Prozeduren entstehen. Den Betroffenen fällt es schwer, dieses "Genau richtig"-Gefühl näher zu beschreiben. Es ist dabei nicht etwa so, daß objektiv ein "Fehler" festzustellen wäre. Vielmehr handele es sich um ein Gefühl der Befriedigung, welches angestrebt werde. Auch das Erledigen von Aufgaben in der Schule oder zu Hause kann durch derartige Zwangshandlungen erheblich gestört und verzögert werden, etwa wenn Buchstaben und Zahlen so lange geschrieben werden müssen, bis sie "genau richtig" sind.

Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörung
Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörung (engl. attention-deficit hyperactivity disorder, ADHD) sind die häufigsten psychiatrischen Erkrankungen im Kindesalter (2-14%). Epidemiologische Studien konnten zeigen, daß bei tourette-betroffenen Kindern mit 27-54% eine nochmals deutlich höhere Prävalenz besteht. Nicht selten gesellen sich Lernschwierigkeiten, eine erhöhte Konfliktbereitschaft, Erziehungs- und Führungsprobleme hinzu. Sie gehen anderen Symptomen des Tourette-Syndroms gelegentlich voraus und können bei Kindern das klinisch führende Symptom sein. In der Schule führen Hyperaktivität mit oder ohne Aufmerksamkeitsstörung nahezu regelhaft zu erheblichen Problemen.


Impulsivität, Fremd- und Autoaggression

Eine Störung der Impulskontrolle stellt ebenfalls eine häufige Verhaltensauffälligkeit dar. Impulsivität äußert sich zumeist in verbalem "Jähzorn", gelegentlich verbunden mit einem Zerstören von Gegenständen. Impulskontrollstörungen führen nicht selten in Familie und Schule zu Konflikten und müssen als Krankheitssymptom eingeordnet werden.

Autoaggressives Verhalten besteht bei 20 - 30% der Betroffenen, in der Mehrzahl nur in Form sehr leichter Selbstbeschädigungen wie Schlagen mit der Faust gegen den Körper, Schlagen mit dem Kopf gegen die Wand, Kneifen oder Beißen in die Wange. Nur selten kommen schwere Verletzungen vor, etwa Brandwunden, Verlust des Augenlichtes, Knochenbrüche und innere Blutungen.

Fremdaggressives Verhalten ist vornehmlich gegen besondere Bezugspersonen (Ehefrau, Mutter) gerichtet und führt nur ausnahmsweise zu bedrohlichen Situationen. Im Alltag spielt dieses Symptom in der überwiegenden Mehrzahl keine Rolle, insbesondere sind Tourette-Betroffene nicht überdurchschnittlich aggressiv oder gar gewalttätig.

Andere Verhaltensstörungen
Signifikant häufiger treten im Rahmen des Tourette-Syndroms weitere Verhaltensstörungen auf: Ängste, Phobien, Panikattacken, Depressionen, Schlafstörungen, Sucht und Sprechstörungen. Im Kindesalter können insbesondere Schlafstörungen zu einer Beeinträchtigung der Schulleistungen führen. Einem Suchtverhalten ist manchmal schwierig zu begegnen, da sowohl der Konsum von Nikotin (in hoher Konzentration), als auch von Alkohol und Cannabis (Marihuana) zu einer Symptomreduktion führen kann.


Begabungen und Talente

Intelligenztests haben gezeigt, daß Kinder und Erwachsene mit Tourette-Syndrom eine normale allgemeine Intelligenz aufweisen. Auffällig ist, daß viele Betroffene ein sehr rasches Auffassungsvermögen, eine besondere Schlagfertigkeit und spezielle Teilleistungsstärken besitzen. Künstlerisches oder musikalisches Talent, eine überdurchschnittliche Sprachbegabung, ein gutes mathematisches Verständnis sowie ein ausgeprägtes Langzeit-, Personen- und Zahlengedächtnis sind häufig zu beobachtende Fertigkeiten. Daneben ist nahezu allen Betroffenen eine besondere Pünktlichkeit eigen.

Lernstörungen und Leistungsschwächen
Es steht nicht im Widerspruch zu vorhandenen Teilleistungsstärken, daß bei einzelnen Kindern auch Lern- und Leistungsschwächen bestehen können. Zu nennen sind hier insbesondere ein ineffektiver Lernstil, Abstraktionsschwäche, motorische Ungeschicklichkeit, Sprechstörungen und Leseschwächen. Manchmal ist es schwierig zu unterscheiden, ob eine Leistungsschwäche durch motorische oder vokale Tics, Zwangshandlungen oder -gedanken, Aufmerksamkeitsprobleme oder durch eine Lernstörung im engeren Sinne bedingt ist. In solchen Fällen ist eine sorgfältige Analyse unabdingbare Voraussetzung für eine günstige Symptombeeinflussung.


Gibt es ein typisches Tourette-Syndrom?

Aus den beschriebenen Symptomen wird ersichtlich, daß das TS eine sehr komplexe Erkrankung ist. Jeder Betroffene unterscheidet sich vom anderen. Es gibt nicht zweimal das gleiche TS. So verwirrend es klingt: gerade diese Vielfalt ist charakteristisch für das Tourette-Syndrom.


Was ist die Ursache dieser merkwürdigen und komplexen Erkrankung?

Die Ursache des Tourette-Syndroms ist bis heute nicht abschließend geklärt. Als sicher gilt, daß es sich um eine organische Erkrankung und nicht um eine psychische oder reaktive Störung handelt. Neuere wissenschaftliche Studien konnten mit Hilfe moderner bildgebender Untersuchungen (Kernspintomographie, PET, SPECT) Stoffwechselveränderungen in speziellen Hirnarealen (Stirnhirn, Basalganglien und im sog. limbischen System) zeigen. Man nimmt derzeit eine Störung im Gleichgewicht zwischen verschiedenen Hirnbotenstoffen (Neurotransmitter) an, insbesondere den Botenstoffen Dopamin und Serotonin.

Gesichert ist heute auch, daß dem TS eine erbliche Komponente zugrundeliegt. Das "Tourette-Gen" konnte jedoch noch nicht gefunden werden. Daher können noch keine genauen Angaben zur Vererbungsart und zum Erkrankungsrisiko gegeben werden. Familienstudien weisen daraufhin, daß das Vererbungsrisiko deutlich unter 50% liegt und daß neben einer genetischen Veranlagung noch andere, bis heute noch weitestgehend unbekannte Faktoren, notwendig sind, damit sich das Tourette-Syndrom klinisch manifestiert.


Wie häufig ist das Tourette-Syndrom?

Obwohl die Angaben zur Häufigkeit sehr stark schwanken, ist davon auszugehen, daß das TS eine häufige Erkrankung ist. Viele der Betroffenen haben nur geringe Symptome, fühlen sich im eigentlichen Sinne nicht krank und suchen keinen Arzt auf. Dies erschwert genaue Angaben zu Inzidenz und Prävalenz und erklärt unter anderem die in Studien voneinander abweichenden Ergebnisse: so gibt es Mitteilungen über 5 bis hin zu 50 Betroffenen unter 10.000 Kindern. Eine amerikanische Studie aus dem Jahr 1990 an 3.000 Kindern ergab unter Jungen sogar eine Prävalenz von 1%. Jungen sind - aus bisher nur wenig bekannten Gründen - etwa 10x häufiger betroffen als Mädchen.


Kommt das Tourette-Syndrom weltweit vor?

Ja, das Tourette-Syndrom wurde auf allen Kontinenten beschrieben. Es scheint aber in gewissem Maße kulturellen Einflüssen zu unterliegen. So ist die Koprolalie (das Aussprechen obszöner Wörter) in den USA ein viel häufigeres Symptom als etwa in Japan.


Wie verläuft die Erkrankung?

Der Verlauf ist chronisch, das heißt, das TS besteht lebenslang. Typisch ist nach einem Beginn in der Kindheit eine Symptomverstärkung während der Pubertät und im jungen Erwachsenenalter. Im weiteren Verlauf wandeln sich die Symptome zumeist: die Tics nehmen in der Regel an Intensität ab, Verhaltensprobleme wie Zwänge, Ängste und Depressionen können in den Vordergrund treten.
Alle Tourette-Betroffene kennen Situationen, die zu einer Symptomverschlechterung oder -besserung führen. Streß, physische und psychische Belastung, Trennungssituationen (z.B. Umzug, Scheidung der Eltern, Tod eines Angehörigen) aber auch Erlebnisse wie die Einschulung können eine vorübergehende Verschlechterung hervorrufen. Entspannung und Ruhe (z.B. in den Ferien) sowie ein verständnisvolles soziales Umfeld führen meist zu einer Symptomreduktion. Auch unabhängig von solchen äußeren Einflüssen bestehen erhebliche Fluktuationen.


Ist die Erkrankung heilbar?

Bisher ist keine Heilung möglich. Es stehen jedoch je nach Symptomart und -schwere verschiedene Medikamente zur Behandlung zur Verfügung. Da es sich hierbei um sog. "zentralwirksame Substanzen" handelt, können Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schwindel, aber auch innere Unruhe eintreten. Für den behandelnden Arzt ist es sehr wichtig, von Lehren und Eltern über mögliche Nebenwirkungen informiert zu werden, um die Behandlung zu optimieren.

Bei vielen Kindern ist eine medikamentöse Therapie jedoch nicht oder nur vorübergehend erforderlich. Oftmals kann bereits durch die Diagnosestellung und ein ausführliches Beratungsgespräch eine deutliche Entlastung erzielt werden. Die korrekte Diagnose führt in Familien zumeist zu einem Ende von Schuldzuweisungen und im sozialen Umfeld zu mehr Toleranz und Akzeptanz. Die Betroffenen sind vom "Makel" der psychischen Störung bzw. vom Vorwurf, die Symptome absichtlich zu verursachen, entlastet und können selbstbewußter mit ihrer Erkrankung umgehen. Um das Eintreten von sekundären Folgen, wie Hänseleien oder Ausgrenzung in der Schule oder reaktive depressive Verstimmungen zu vermeiden, kann eine frühzeitige Information des Umfeldes besonders wichtig sein.

Bei ausgeprägten Verhaltensauffälligkeiten ist gelegentlich eine Verhaltens-, Gesprächs- oder Familientherapie oder eine spezielle kinder- oder jugendpsychiatrische Behandlung angezeigt.

Wichtigstes Ziel der gegenwärtigen Bemühungen ist, die Diagnose Tourette-Syndrom so früh wie möglich zu stellen. Dadurch kann den Betroffenen sowie der Familie und dem unmittelbaren Umfeld viel Leid erspart werden. Es ist daher sehr wichtig, daß nicht nur Ärzte, sondern auch Lehrer die Krankheit kennen.


Gibt es allgemeingültige Regeln für den Umgang?

Da sich jedes tourette-betroffene Kind vom anderen unterscheidet und andere Symptome aufweist, gibt es keine allgemeingültigen Empfehlungen. Tourette-Betroffene sollten - wie andere Schüler auch - ihren Neigungen und Begabungen entsprechend gefördert werden, auch wenn dies sicherlich oftmals anstrengender und mühevoller ist als bei gesunden Kindern. Viele Tourette-Betroffene kommen im Erwachsenenalter relativ gut zurecht, sind verheiratet und haben eigene Kinder. In Deutschland und den USA gibt es einige "prominente" Tourette-Betroffene, die als Chirurg, als Basketballstar, als Musiker, als Ingenieur, als Pädagoge etc. berufstätig sind. Diese Möglichkeiten sollten Kindern nicht vorschnell genommen werden. Hierzu zählt auch, daß mehrheitlich eine Regelbeschulung möglich ist. In Einzelfällen können Internate oder Privatschulen mit besonders kleinen Klassen vorteilhaft sein.


© by Dr. med. Kirsten R. Müller-Vahl
Abteilung für Klinische Psychiatrie und Psychotherapie
Medizinische Hochschule Hannover



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