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Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von
Prof. Dr. H. Schröder

Wenn Stress krank macht
Interview mit Herrn Professor Dr. H. Schröder am 17.06.2003


Professor Schröder ist Direktor des Instituts für Angewandte Psychologie und Sozialpsychologie der Universität Leipzig.

Dr. Ingeborg Buchholz

I. Bu.: Herr Professor, Sie beschäftigen sich mit der Problematik Stress. Ich nehme an, Sie sind von Ihrer Ausbildung her Psychologe. Was hat Sie dazu bewogen, sich mit Stress zu befassen?

Prof. Sch.: Ja, ich bin wirklich von der Ausbildung und Praxis her Klinischer, Medizinischer und Gesundheitspsychologe und approbierter Psychotherapeut. Stress ist nicht nur ein Alltagsphänomen, das uns das Leben vielleicht ein bisschen schwerer macht. Wir betrachten Stress als ein Mittlerkonzept zwischen Gesundheit und Krankheit, unterscheiden aber akuten und chronischen Stress.
Akuter Stress ist etwas, das uns herausfordert. Wenn es uns in relativ kurzer Zeit gelingt, diese besonderen Anforderungen zu erfüllen, wachsen wir daran, haben positive Gefühle, vielleicht sogar Triumphgefühle und zusätzlich einen Erfahrungszuwachs. Packt man die Anforderungen aber nicht, kann man in chronische Stresszustände kommen, an die auf Dauer eine Anpassung nicht möglich ist und die in ihrer Konsequenz zu Krankheiten führen. Von daher sind wir als Gesundheitspsychologen vor allem daran interessiert, präventiv tätig zu sein, d. h. Stressbewältigungskompetenzen aufzubauen. Dort, wo schon eine Destabilisierung oder ein Krankheitszustand entstanden ist, vermitteln wir auch Fähigkeiten, um Anforderungen besser erfüllen zu können.
Generell ist zu sagen, dass die Anforderungsentwicklung in den modernen Industrieländern dazu führt, dass das Individuum vermehrt an die Grenzen seiner Belastbarkeit stößt. Man sagt heute, dass 50 % der Kausalfaktoren bei Krankheiten, die zum Tode eines Menschen führen, verhaltensbedingt sind. Es geht also darum, wie es uns gelingt, die Anforderungen des Lebens zu erfüllen bzw. zu gestalten. Das ist wohl Grund genug, sich ernsthaft und wissenschaftlich mit dem Thema Stress zu befassen.

I. Bu.: Woran erkennt man, dass es sich bei einem Patienten um eine Erkrankung handelt, die durch Stress hervorgerufen wurde? Kann man das überhaupt erkennen?

Prof. Sch.: Zu uns kommen Patienten, die sich in einem Belastungszustand befinden und verschiedene Symptome aufweisen, von der Schlafstörung bis hin zur Erschöpfung und burn out (ausgebrannt sein / I. Bu.). Das sind schon die unspezifischen Vorstufen, an die Grenze der Belastungstoleranz gekommen zu sein. Oder aber es sind schon deutliche Störungen vorhanden, so dass der Hausarzt oder Facharzt eine somatisch manifestierte Erkrankung diagnostiziert, bei der aber noch viele weitere Dinge eine Rolle spielen. Von daher kommen die Patienten dann zu uns oder zu anderen Fachkräften, wie Psychotherapeuten. Unsere Programme vermitteln den Patienten Interventionstechniken. Im Mittelpunkt steht dabei immer die Befähigung, besser mit den Anforderungen zu Rande kommen zu können.

I. Bu.: Sind unter Ihren Patienten auch Personen, die Poliomyelitis hatten und an den Spätfolgen der Poliomyelitis leiden?

Prof. Sch.: Im Moment habe ich keine derartigen Patienten, aber im Verlauf meiner langen Berufserfahrung habe ich immer wieder auch mit Poliomyelitispatienten zu tun gehabt, z. B. mit jungen Frauen, die Anpassungsstörungen entwickelt hatten und mit den neuen Anforderungen nicht zurecht kamen. Das sind Dinge, die krankheits- oder störungsspezifisch bzw. behinderungsspezifisch sind. Hier ist man gut beraten, besondere Emotionsregulationsfähigkeiten, Zeitmanagement, aktive Fähigkeiten der Ressourcensuche und der Unterstützungsakquirierung zu lernen. Davon kann diese Personengruppe sehr viel profitieren, vor allem aber auch ältere Patienten zwischen 30 und 50 Jahren mit Beziehungsstörungen, lebenskritischen Zuständen, Selbstwertkrisen und Problemen im beruflichen Bereich, wo dann vielleicht nicht mehr richtig mitgehalten werden kann, vor allem auch Identitätsprobleme bestehen und manches andere.

I. Bu.: Die Patienten mit den Spätfolgen der Polio gehören ja zu den chronisch Kranken. Ist der chronisch kranke Patient stressanfälliger als eine gesunde Person? Gibt es besonders stressgefährdete Personen?

Prof. Sch.: Ja. Bekommt ein durchschnittlich stressresistenter Mensch eine chronische Erkrankung, dann kommt zu den Anforderungen, die er im Leben zu bewältigen hat, der gesamte Komplex an Problemen hinzu, der mit einer solchen Erkrankung verbunden ist. Wir sind vor allem im onkologischen Bereich recht erfahren. Jede Erkrankung bringt aber ihre eigene Spezifik mit, z. B. die eingeschränkte Mobilität bei Rollstuhlfahrern. Diese ist ganz anders als die eines Krebspatienten. Zu solchen krankheitsspezifischen Faktoren kommen allgemeine Belastungsfaktoren hinzu, die mit chronischem Kranksein überhaupt verbunden sind, und dazu noch die üblichen Lebensaufgaben. Deshalb sollte jeder chronisch Kranke ein Fachmann/eine Fachfrau in der Bewältigung von Stresszuständen werden.

I. Bu.: Kann ich nun selbst erkennen, ob bestimmte Symptome, die sich einstellen, z. B. Bluthochdruck oder besonders Infektanfälligkeit, auf Stress oder auf andere Ursachen zurückzuführen sind?

Prof. Sch.: Eine saubere medizinisch naturwissenschaftliche Ursachenrückführung gelingt nicht. Das ist für den Patienten auch gar nicht wichtig. Es ist wichtig, den Patienten in einen psychophysischen Zustand hineinzubringen, der günstig für die Gesundung ist. Wenn ich ihn über Stressbewältigungstechniken und Emotionsregulationstechniken einen substanziellen Einfluss auf die Anhebung der Immunkompetenz ausüben lassen kann, dann ist es völlig unabhängig davon, ob es ein Virus war oder etwas anderes. Wir sind nicht so sehr daran interessiert, im Einzelnen aufzuklären, welches die Anteile sind, sondern wir versuchen, insgesamt über eine ganzheitliche Betrachtung dem Menschen Unterstützung zu geben, ihm Ressourcen zukommen zu lassen. Man sieht dann an den medizinischen Fakten, wie es gelingt, u. a. Krankheitsprozesse zu reduzieren, wie Wundheilungen schneller vonstatten gehen, wie Krankenhausaufenthalte sich verkürzen, und vor allem an der Anhebung der Lebensqualität.

I. Bu.: Ich muss also in jedem Falle den Spezialisten befragen?

Prof. Sch.: Unsere Botschaft ist es, dass jeder sich mit Stress- und Belastungsbewältigungstechniken vertraut machen sollte, so wie wir Lesen und Schreiben lernen. Wir müssen durch die kritischen Lebensereignisse hindurch, die das Leben für uns vorsieht. Jeder sollte eine Entspannungstechnik wirklich gut beherrschen, man sollte über Fähigkeiten der Emotionsregulation verfügen, und man sollte ein Basiswissen bezogen auf Stress und negative Beanspruchung haben. Viele Menschen subsumieren alles unter die nebulöse Wortmarke „Stress“. Man muss unterscheiden: Übermüdung von Monotonie, diese von Frustration, diese wieder von Sättigung und dann kommt auch noch Stress.

I. Bu.: Gibt es besondere Behandlungsmöglichkeiten für Stresspatienten bzw. gibt es ein allgemeingültiges Behandlungsschema?

Prof. Sch.: Eine eigenständige „Stresskrankheit“ gibt es nicht. Sie sprechen von Patienten, bei denen schon Symptome vorhanden sind, also Personen, die sich in einer bestimmten Notsituation befinden und auf Hilfe angewiesen sind. Man wird zuerst versuchen, die Symptome zu beeinflussen, z. B. die einer Depression oder einer Angststörung. Hier muss man mehr erreichen als nur eine Symptomreduktion. Obligatorisch ist, dass man lernt, mit stressinduzierenden Anforderungen auch selbstregulativ umzugehen. Das ist ein Muss.

I. Bu.: Wie lange dauert in etwa der Genesungsprozess?

Prof. Sch.: „Genesung“ meint in diesem Zusammenhang Aneignung von Bewältigungskompetenz. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit drei Varianten des Stressbewältigungsprogramms, das wir entwickelt haben. Wir haben
• eine 10-Wochen-Version,
• eine Drei-Einheiten-Version für Personen, die voll im Berufsleben stehen und schlecht abkömmlich sind,
• eine Ein-Termin-Beratung, die über zwei Stunden erfolgt. Es handelt sich ja oft um sehr lebenserfahrene Menschen, die allein schon durch das Gespräch für ihre Belastungsregulation profitieren können.

I. Bu.: Tragen die Krankenkassen die Kosten der Behandlungen bzw. der Konsultationen?

Prof. Sch.: Die Kassen bieten Kurse zu Stressbewältigung an, man kann auch zum niedergelassenen Psychotherapeuten gehen ohne Überweisung. Wenn es sich um eine echte Störung handelt, muss man nicht finanziell dafür aufkommen. Es kommt auch immer auf die Diagnosenstellung an. Die Diagnose wird nicht auf den Begriff „Stress“ ausgestellt, sondern ergibt sich als Anpassungsstörung, depressiver Zustand, generalisierte Angsterkrankung, psychosomatische Störung o. a., und das bezahlen natürlich die Kassen. Auch Einzelsitzungen werden bei diesen Diagnosen über die Kassen abgerechnet.

I. Bu.: Ich danke Ihnen sehr herzlich für dieses Gespräch.

Anmerkung: Die Wissenschaftliche Psychologie hat ihren Ursprung in Leipzig und geht auf Professor Wilhelm Wundt, den Begründer des ersten Psychologischen Institutes der Welt, im Jahr 1879 zurück

Quelle:
Polio-Nachrichten Nr. 3/2003 vom 15.08.2003
Zeitschrift des Bundesverbandes Poliomyelitis e. V.
Informationen zu Polio (Kinderlähmung) und Post-Polio-Syndrom
Internet: www.polio.sh
E-Mail: bundesverband@polio.sh


Hier noch 5 Empfehlungen von Herrn Professor Schröder zur Bewältigung und Prävention von Belastungen bei chronischen Erkrankungen:
1. Fähigkeiten:
Werde der beste Spezialist deiner Erkrankung!
2. Persönlichkeit:
Bemühe dich um Lebensvielfalt (Interessen, Tätigkeiten, Kontakte, Berührungspunkte)!
3. Gefühle:
a) Sprich kontrolliert darüber!
b) Lerne deine Entspannungsmethode richtig!
4. Ressourcen:
Pflege und nutze dein soziales Netzwerk!
5. Sinnfindung:
Suche und finde deinen persönlichen Lebens- und Bewältigungsstil!

Quelle: www.polio.sh

 

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