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Paruresis – Entstehung und Behandlungsmöglichkeiten
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Paruresis – Entstehung und Behandlungsmöglichkeiten

von Dr. Philipp Hammelstein, Psychologischer Psychotherapeut, Universität Düsseldorf

Die Inhaltsübersicht

- Paruresis - Was ist das?
- Die Hartnäckigkeit von Paruresis
- Die Behandlung von Paruresis
- Wo finden Sie Hilfe?

Paruresis – Was ist das?

Mit diesem nicht sehr eingängigen Begriff „Paruresis“ wurde in den fünfziger Jahren erstmals ein psychisches Problem bezeichnet, über das bis heute kaum gesprochen wird. Der Begriff kommt aus dem griechischen und bezieht sich auf „par“, was soviel heißt wie „gestört“ oder „abweichend“ und „uresis“, was übersetzt „Harnlassen“ bedeutet. Das psychische Problem besteht darin, dass die Betroffenen an dem Unvermögen leiden, bei der (drohenden) Anwesenheit anderer auf öffentlichen Toiletten zu urinieren und zunehmend versuchen, öffentliche Toiletten zu meiden. Im Englischen hat sich hierfür der Begriff „Shy Bladder Syndrome“ etabliert, was soviel heißt wie „schüchternes Blasen-Syndrom“.

Dabei hat die Problematik nichts mit Ekel vor öffentlichen Toiletten zu tun: ob die Toilette sauber oder unhygienisch ist, hat nichts damit zu tun, ob die Betroffenen nun urinieren können oder nicht.

Was am Stammtisch Heiterkeit auslösen mag, ist ein ernstzunehmendes Problem. Die Betroffenen ziehen sich von bestimmten Aktivitäten (wie bspw. Kneipen, Kinos, Ausflüge) zurück, da sie nicht abschätzen können, wo und unter welchen Bedingungen es möglich ist, zu urinieren. Der Tagesablauf wird teilweise danach bestimmt, wann es Gelegenheiten gibt, zu urinieren. Das heißt auch, dass unter Umständen nicht mehr nach Lust und Laune getrunken wird, sondern dass genau abgeschätzt wird, wie viel getrunken werden kann bis zum nächsten Toilettenbesuch. Hinzu kommen häufig Selbstabwertungen und Selbstzweifel. So sagte ein Patient zu mir: „es ist doch so peinlich: ich kann noch nicht mal die natürlichste Sache der Welt“.
Der soziale Rückzug und die Selbstzweifel bieten hierbei ein hohes Risiko, an Depression zu erkranken. In Kooperation mit der Universität Tübingen konnten wir zeigen, dass das Depressionsrisiko bei Menschen, die unter Paruresis leiden, um mehr als das Fünffache erhöht ist.

Wie häufig kommt Paruresis vor? Ist es ausschließlich ein Männerproblem?
Lange Zeit gab es nur grobe Schätzungen darüber, wie viele Menschen unter Paruresis leiden. Dabei lagen die Schätzungen bei weniger als 1% der Bevölkerung bis hin zu 30%. Diese Unterschiede hängen nicht zu letzt mit dem zusammen, was man genau unter Paruresis versteht. Nahezu jeder Mann kennt die Situation, dass er am Urinal steht und der Harn nicht direkt fließt; beim nächsten Mal geht es dann allerdings wieder. Das ist nicht Paruresis.
Der Begriff Paruresis meint eine psychische Störung und die liegt dann vor, wenn die Betroffenen versuchen, öffentliche Toiletten zu meiden und unter diesen Einschränkungen leiden. In der ersten bevölkerungsrepräsentativen Untersuchung an über 1000 Männern sind wir in Kooperation mit der Universität Leipzig zu dem Schluss gekommen, dass ca. 2,7% aller Männer an der Problematik leiden. Hochgerechnet heißt das, dass ungefähr 1 Millionen Männer in der Bundesrepublik davon betroffen sind.
Ursprünglich war man davon ausgegangen, dass unter Paruresis hauptsächlich Männer leiden bzw. dass auf 10 betroffene Männer eine betroffene Frau kommt. Im Rahmen unserer Untersuchungen kommen wir zu anderen Einschätzungen: wir fanden, dass auf 3 betroffene Männer 2 betroffene Frauen kommen. Das bedeutet, dass es viel mehr betroffene Frauen gibt, als bislang angenommen.

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Die Hartnäckigkeit von Paruresis
Paruresis entsteht in der Regel im Laufe der Pubertät und verschwindet leider in den häufigsten Fällen nicht von selbst. Warum ist die Störung so verdammt hartnäckig?

Das biologische System signalisiert bei Betroffenen auf der Toilette „Gefahr“. Und nun laufen eine Reihe physiologischer und psychischer Prozesse ab, die auf der Basis der Evolution hoch sinnvoll sind. Das sogenannte „sympathische Nervensystem“ wird aktiviert, d.h. der Körper wird auf „Angriff“ oder „Flucht“ vorbereitet: bestimmte Hormone werden ausgeschüttet, der Körper sondert Schweiß ab, bestimmte Muskelpartien werden besonders gut durchblutet – und der Harnfluss wird unmöglich gemacht (da die Ringmuskel der Blase sich zusammenziehen). Es sei nochmals betont: dies ist aus der Evolution hoch sinnvoll. In Angriffs- oder Flucht-Situationen behindert uns der Harnfluss.
Deshalb macht das „Pressen“ auf der Toilette in solchen Situationen auch überhaupt keinen Sinn: es führt nur dazu, dass sich noch mehr Muskel anspannen. Aber der Weg durch die Harnröhre ist nicht frei.

In solchen Situationen „lernt“ der Betroffene also, dass er bei Anwesenheit anderer oder allgemein auf öffentlichen Toiletten nicht urinieren kann. Geht er das nächste Mal auf Toilette wird er möglicherweise etwas aufgeregt sein („Wird es diesmal klappen?“). Aber gerade diese Aufgeregtheit führt wieder zu einer Aktivierung des „sympathischen Nervensystems“ und der Zirkel beginnt von Neuem. Die Betroffenen werden also zunehmend darin bestärkt, dass sie nicht urinieren können und werden weiter versuchen, diese Situationen, weil sie unangenehm sind, zu vermeiden.
Warum es nun erstmals zu einer solchen Situation kommt, ist bislang weitgehend ungeklärt. Manche Patienten berichten von besonders schamhaften Situationen beim Pinkeln während der Pubertät; andere können sich nicht an solche Kernsituationen erinnern. Aus wissenschaftlicher Sicht muss man sagen, dass wir mittlerweile relativ gut wissen, wie die Störung aufrecht erhalten bleibt; warum sie überhaupt auftritt, ist ungeklärt.

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Die Behandlung von Paruresis
Nach allem, was wir heute wissen, lässt sich Paruresis nicht mit Medikamenten behandeln. Sämtliche angstlindernden Medikamente verbessern bei den Betroffenen zwar das Wohlbefinden, reduzieren aber nicht das Urinier-Problem.

Aber Paruresis lässt sich relativ gut behandeln mit einer Verhaltenstherapie. Dies ist eine der großen psychotherapeutischen Strömungen (neben der Psychoanalyse/Tiefenpsychologie). Verhaltenstherapie versucht, die Menschen zu Experten ihrer eigenen Problematik zu machen und bietet konkrete Übungsmöglichkeiten an, das Problem zu überwinden. Der Körper muss also lernen, dass die Toilettensituation völlig ungefährlich ist und der Körper keinerlei Gefahrenreaktionen in Gang setzen muss. Das geht letztlich nur über die Konfrontation mit der Toilettensituation. Hierbei arbeitet der Therapeut mit den Betroffenen eine nach Schwierigkeit abgestufte Liste von Situationen aus (z.B. kann für Männer das Urinieren im Sitzen in einer Kabine leicht sein, während es schon schwieriger ist, im Stehen in der Kabine zu urinieren, wenn die Kabinentür nur angelehnt ist). Diese Liste von Situationen wird dann gemeinsam mit dem Therapeuten „abgearbeitet“, d.h. Therapeut und Betroffener gehen gemeinsam auf öffentliche Toiletten und immer wieder setzt sich der Patient den Situationen mit steigendem Schwierigkeitsgrad aus. Hierbei muss der Patient vorher ausreichend getrunken haben, damit ein ordentlicher Harndrang vorliegt und das Urinieren dadurch etwas erleichtert wird.

Neben diesen Übungen wird auch versucht, die Selbstzweifel der Patienten zu verringern. In Gesprächen werden hierbei die Gedanken des Betroffenen in das Blickfeld genommen, die Bedeutung dieser Gedanken genau analysiert, hinterfragt und evtl. auch verändert.

Diese Behandlungsform kann mittlerweile als die erfolgversprechendste gelten. Sie wird auch von der „International Paruresis Association“ (www.paruresis.org) empfohlen. An der Universität Düsseldorf wird derzeit diese Behandlung in ihrer Wirksamkeit noch genauer untersucht. D.h. wir versuchen herauszufinden, für welche Betroffene diese Behandlung besonders gut geeignet ist und welche möglicherweise Veränderungen dieses Ansatzes benötigen (an dieser Therapie können Betroffene weiterhin teilnehmen; Informationen hierzu: philipp.hammelstein@uni-duesseldorf.de).

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Wo finden Sie Hilfe?
Zum einen gibt es weitere Selbsthilfeforen im Netz, die Informationen für Betroffene anbieten (www.paruresis-europa.org).
Wenn Sie im Rheinland wohnen, können Sie sich natürlich an der verhaltenstherapeutischen Einrichtung der Universität Düsseldorf helfen lassen. Wir haben uns dort u.a. auf diese Problematik spezialisiert (Email-Adresse s.o.). Die Behandlung ist dabei vollkommen kostenlos.
Letztlich können Sie sich aber an jeden Verhaltenstherapeuten wenden. Unter www.psychotherapiesuche.de können Sie einen Verhaltenstherapeuten in Ihrer Nähe suchen. Auf dieser Homepage sind Therapeuten genannt, die mit den Krankenkassen abrechnen. Das heißt, die Behandlung wird dann vollständig von der Kasse übernommen. Bei der Behandlung der Paruresis sollte das Geschlecht des Therapeuten mit Ihrem Geschlecht gleich sein, da Sie ja mit Ihrem Therapeuten (Ihrer Therapeutin) auf öffentliche Toiletten müssen. Fragen Sie Ihren potenziellen Therapeuten, ob er „Konfrontationstherapie“ (anderer Ausdruck: „Expositionstherapie“) macht. Dies ist der Fachausdruck für die Übungen außerhalb der Praxis, in diesem Fall also auf Toiletten. Nur wenn Ihr Therapeut dies macht, hat es auch Sinn für Sie, eine solche Behandlung bei diesem Therapeuten in Angriff zu nehmen.
Wenn Sie in den „Gelben Seiten“ suchen, schauen Sie unter der Rubrik „Psychologische Psychotherapie“ nach. Dort sind Diplom-Psychologen mit Zusatzausbildung aufgelistet, d.h. das sind Psychotherapeuten, die mit den Kassen abrechnen. Häufig können Sie aber in den Gelben Seiten nicht erkennen, ob es sich dabei um einen Verhaltenstherapeuten oder um einen tiefenpsychologisch arbeitenden Psychotherapeuten handelt. Während die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie bei vielen Problemen hilfreich sein kann, ist sie es bei Paruresis sehr wahrscheinlich nicht! Auch hier sollten Sie vorab klären, ob der Therapeut „Konfrontationen“ durchführt.
Bei jedem Therapeuten, den Sie aufsuchen, haben Sie 5 sogenannte „probatorische Sitzungen“, d.h. diese Sitzungen werden von der Kasse immer bezahlt und dienen u.a. dazu, festzustellen, ob Sie das Gefühl haben, dass Ihr Therapeut zu Ihnen passt und Sie sich vorstellen können, sich dieser Person anzuvertrauen. Nur wenn Sie ein gutes Gefühl bei Ihrem Therapeuten haben, sollten Sie eine Therapie bei ihm in Angriff nehmen.

Informationen über Paruresis-Fachpublikationen und Forschungsarbeiten der Universität Düsseldorf unter: http://www.psycho.uni-duesseldorf.de/abteilungen/kp/arbeitsgruppe/hammelstein.html

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