Huntington: Fehlender Antrieb für Nervenzellen
12.07.2004 - Eine Transportstörung scheint den Ausschlag für die Huntington-Krankheit zu geben, berichtet eine französisch-deutsche Forschergruppe im Fachblatt "Cell". Im Normalfall beschleunigt das Protein Huntingtin demnach den Transport eines Wachstumsfaktors im Großhirn. Ist das Protein mutiert, läuft dieser Transport nur langsam ab und die Nervenzellen verlieren nach und nach an "Überlebenswillen".
Das neue Wissen um den Mechanismus der Krankheitsentstehung könnte bei der Entwicklung wirksamer Therapien helfen, hoffen die Forscher um Frédéric Saudou vom Institut Curie und Volkmar Lessmann von der Universität Mainz. Morbus Huntington, auch bekannt als Erblicher Veitstanz, betrifft etwa eine von 10.000 Personen und kann bislang nur symptomatisch behandelt werden. Die Krankheit macht sich meist zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr erstmals in Form von Bewegungsstörungen bemerkbar. Im Laufe der Zeit treten auch Lähmungen und Wesensveränderungen auf, binnen 20 Jahren sterben die meisten Patienten.
Beim Morbus Huntington führt eine Genmutation zum Absterben von Nervenzellen im Striatum, einer tief im Großhirn gelegenen Hirnregion. Über die Funktion dieses Huntingtin-Gens und des entsprechenden Proteins war bislang jedoch kaum etwas bekannt. Saudou und Kollegen vermuteten nun, dass das Huntingtin-Protein am Transport des Brain-derived Neurotropic Factor (BDNF) beteiligt ist. Die Nervenzellen im Striatum benötigen diesen Wachstumsfaktor für ihr Überleben, stellen ihn selbst jedoch nicht her. Stattdessen wird er in der Großhirnrinde gebildet und innerhalb von Nervenfasern in das Striatum verfrachtet.
Als Verpackung dienen dabei winzige Membranbläschen, die von Motorproteinen entlang regelrechter Schienenstränge, den Mikrotubuli, durch die Nervenfasern geschleppt werden. Durch 3D-Videomikroskopie an Zellkulturen fanden die Forscher nun, dass Huntingtin bei diesem Transport die Rolle des "Antreibers" zu spielen scheint: Bildeten die Nervenzellen verändertes oder nur wenig Huntingtin, wanderten die BDNF-Vesikel deutlich langsamer durch die Nervenfasern und gerieten häufiger ins Stocken. Offenbar lagert sich Huntingtin an die Kupplung zwischen Vesikeln und Motorproteinen an und sorgt so dafür, dass sich letztere noch stärker an die Mikrotubuli klammern und mit ihrer wertvollen Fracht nicht vom Weg abkommen.
Forschung: Laurent R. Gauthier, Sandrine Humbert und Frédéric Saudou, UMR 146 CNRS, Institut Curie, Orsay; Volkmar Lessmann, Institut für Physiologie und Pathophysiologie, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz; und andere
Veröffentlicht in Cell, Vol. 118, 9. Juli 2004, pp 127-38