Hilfe für Angehörige

Quelle: Deutsche Krebshilfe / Die blauen Ratgeber
Hilfen für Angehörige

  Wenn ein Mensch an Krebs erkrankt, beeinflusst dies das Leben der ganzen Familie – nicht nur was die Bewältigung des praktischen Alltags anbelangt, sondern vor allem auch in bezug auf die Gedanken und Gefühle aller Beteiligten.

  Als Angehöriger eines Krebskranken müssen Sie sich mit einer Vielzahl von neuen und unbekannten Dingen auseinandersetzen. Gleichzeitig drängen sich Ihnen ungewohnte, bisher vermutlich nicht gekannte Gedanken und Gefühle auf. Sie stehen plötzlich vor der Situation, die Doppel- und Dreifachaufgabe von Berufstätigkeit, Familie und gesellschaftlichem Leben bewältigen zu müssen. Dies kann sehr belastend für Sie sein, und manch einer mag die Lage zumindest zeitweise als chaotisch empfinden. Viele werden sich in dieser Situation vielleicht auch allein gelassen fühlen.

  Zögern Sie nicht, Hilfe anzufordern und anzunehmen – selbst dann nicht, wenn Sie bisher noch keine praktische oder psychologische Unterstützung bekommen haben sollten. Es wird nicht nur zu Ihrem eigenen Vorteil sein, sondern auch dem Krebskranken nützen.
Je besser Sie die Probleme bewältigen, desto mehr wird der Kranke davon profitieren.
Die Verarbeitung der Diagnose

  Durch die Krankheit geht eine Ordnung verloren – mit Ihrer Hilfe kann leichter eine neue entstehen.
Auch wenn die Diagnose Krebs dank der Fortschritte in Medizin und Wissenschaft heute nicht zwangsläufig das Todesurteil bedeutet, reagieren alle davon Betroffenen meist stark verängstigt. Dies liegt vor allem daran, dass unsere Sprache für unterschiedlichste bösartige Erkrankungen immer nur das Wort „Krebs“ benutzt und nicht zwischen weniger und sehr bedrohlichen Erkrankungsformen unterscheidet.

  In dem Augenblick, wo ein Arzt dem Patienten mitteilt „Sie haben Krebs“ machen alle Betroffenen den Fehler, dass sie alles auf ihre eigene Situation beziehen, was sie jemals unter dem Etikett Krebs im Freundes-, Familien- und Bekanntenkreis erlebt haben. Das ist nicht richtig. Krebs ist nicht gleich Krebs.

  Eben weil sie aber nur die eine „Schublade Krebs“ kennen, haben die meisten Menschen das Gefühl, als ob die ganze Welt über ihnen zusammenbricht. Vielen erscheint die neue Situation unüberschaubar. Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll, und haben Angst vor der Zukunft.

  In den ersten Tagen nach der Diagnosestellung werden Sie und Ihr(e) Angehörige(r) wahrscheinlich von einer Vielzahl von Informationen überflutet, die Sie kaum aufnehmen können, da Sie sich noch in einer Art Schockzustand befinden. Halten Sie sich deshalb nicht für aufdringlich oder lästig, wenn Sie den behandelnden Arzt erneut ansprechen. Es ist völlig normal, dass man nach einiger Zeit die Notwendigkeit verspürt, über die Krankheit noch einmal ausführlicher und besser informiert zu werden. Ein hilfreicher Tip: Schreiben Sie sich die Fragen, die stellen wollen, vorher auf. Auf diese Weise stellen Sie sicher, dass Sie sich alle die punkte erklären lassen, die Ihnen noch unklar sind.

  Ein Angehöriger weiß oft nicht, wie er mit der neuen Situation umgehen soll und auf welche Weise er dem Kranken am besten helfen kann. Hier gibt es auch keine Patentlösungen.

  Das Beste, was Sie tun können ist, zusammen mit dem Erkrankten Ihre eigene, ganz persönliche Art der Unterstützung und Anteilnahme zu finden.
Sich informieren

  Damit Sie die neue Situation besser verstehen können, holen Sie sich Informationen über die Krankheit, über Behandlungsmöglichkeiten usw. Bei der Deutschen Krebshilfe erhalten Sie z.B. allgemeinverständliche Broschüren zu den meisten Krebsarten, zu der wirksamen Behandlung von Schmerzen , Ernährungshinweise für Krebspatienten oder Informationen über Sozialleistungen.

  Genauere Kenntnisse über die Krankheit, über Behandlungsmethoden, Risiken und Chancen dienen als Orientierungshilfe und helfen dabei, Entscheidungen bewusster und damit besser zu treffen.

  Wenn Informationen richtig erlebt wird, nimmt das Gefühl des Ausgeliefertseins ab und schafft allmählich Raum für Initiative und eine aktive Bewältigung der Krankheit.

  Da Wissen die Angst vermindert, kann man mit der bedrückenden Situation sehr viel leichter zurechtkommen. Aus der Angst, die alle direkt und indirekt Betroffenen lähmt, wird eine Angst, mit der es sich leben lässt.

  Je aufgeklärter Sie als Angehöriger sind, um so eher sind Sie in der Lage, den kranken zu unterstützen.
Offen und ehrlich miteinander reden

  Besonders zu Beginn der Krankheit wird es allen Beteiligten wahrscheinlich schwer fallen, über die jeweiligen Sorgen und Ängste zu sprechen.

  Das gilt für den erkrankten Menschen, wenn er Schwierigkeiten haben sollte, seine Krankheit zu akzeptieren. Das kann aber auch auf Sie als Angehöriger zutreffen, wenn Sie einmal über Ihre eigenen Probleme reden möchten und merken, dass der Kranke damit Probleme hat.

  Menschen, die es überhaupt nicht gewohnt sind, mit jemandem ihre innersten Gedanken und Gefühle auszutauschen, wird es um so schwerer fallen, plötzlich sehr persönliche Dinge zu formulieren. Dennoch sollten sie es versuchen.

  Offen und von gegenseitigen Vertrauen geprägte Gespräche zwischen allen Beteiligten von Anfang an werden dazu beitragen, dass sich die Beziehung zwischen dem Kranken und dem Angehörigen entspannt gestaltet, und dies wird sich positiv auf das Erleben der Gesamtsituation auswirken.
Achtung und Vertrauen

  Wahrscheinlich neigen Sie dazu, sich voll und ganz nach den Bedürfnissen des Kranken zu richten. Sie möchten so viel wie irgend möglich helfen und geben sich große Mühe, dem Kranken jeden Wunsch von den Augen abzulesen.

  Sie sollten dabei jedoch bedenken, dass auch oder gerade ein Kranker Mensch unter Umständen nur ein gewisses Maß an Unterstützung zu akzeptieren bereit ist.

  Zu Beginn seiner Krankheit möchte er sich die Verantwortung für sein Leben vielleicht nicht aus der Hand nehmen lassen und die Konflikte allein meistern. Auch wenn Sie es nur gut meinen, Sie sollten auf jeden Fall vermeiden, Beschlüsse über den Kopf des Kranken hinweg zu fassen. Dies kann eine Vielzahl von unnötigen Verwicklungen schaffen.

  Sprechen Sie statt dessen offen über die Wünsche und Bedürfnisse des Betreffenden.

  Auf diese Weise erkennen Sie die persönlichen Grenzen des Kranken, können Sie respektieren und überschreiten auch das von ihm vorgegebene Tempo nicht so leicht. Es ist ratsam, sich vor einem Arztgespräch darüber abzustimmen, was man gerne wissen will und wer von Ihnen welche Frage stellen sollte.

  Viele mag es überraschen, aber vielfach wünschen Angehörige und Patienten ganz unterschiedliche Informationen . Als Angehöriger werden Sie sich viele Gedanken über die Zukunft machen: Wie wird die Situation in einem Monat aussehen? Sollte, muss ich aufhören zu arbeiten? Was soll ich mit den Kindern und dem Haus machen?

  Mancher Kranke zieht es im Gegensatz dazu vor, von einem Tag auf den anderen zu leben. Auf diese Weise kann er vielleicht die Realität besser von sich fern halten.

  Für Sie beide ist es wichtig, eine gemeinsame Balance zu finden. Respektieren Sie die Bedürfnisse und Grenzen des Kranken, aber verlieren Sie dabei die eigenen nicht aus den Augen.

  Dazu gehört auch zu erkennen, dass das eigene Leben an Tiefe gewinnen kann.

  Manche Angehörige empfinden es als unbefriedigend, dass sie ohne die Einwilligung des Patienten nicht dazu berechtigt sind, mit dem Arzt ein Gespräch unter vier Augen zu führen oder sogar Einblick in die Krankenakte zu erhalten. So verständlich es auch sein mag, dass Sie sich über den Krankheitszustand Gewissheit verschaffen möchten, in den meisten Fällen würden Sie sich vermutlich sehr unbehaglich fühlen, wenn Sie mehr wissen als der Kranke selbst. Dieser wiederum würde Ihren Wissensvorsprung eher als Vertrauensbruch erleben.

  Das Krankenhauspersonal wird Ihnen gern allgemeine Auskünfte über die Krankheit geben. Wenn Sie jedoch konkrete Informationen über die besondere Situation Ihres Angehörigen erhalten möchten, ist dessen Anwesenheit oder aber, wenn er dies nicht möchte, zumindest seine Einwilligung erforderlich.
Die Behandlung

  Bald nach der Diagnosestellung werden die Ärzte erläutern, welche Behandlung möglich und sinnvoll ist. Auch wenn Sie noch dabei sind, die nötigen Informationen über die Krankheit selbst zu sammeln und zu verarbeiten, sollten Sie sich so früh wie möglich mit den Wirkungen und Nebenwirkungen der Behandlungsmethode auseinandersetzen, selbst wenn Ihnen dadurch anfangs alles noch unüberscheinbarer erscheint.

  An vielen Arztgesprächen, Untersuchungen und Behandlungsschritten werden Sie teilnehmen wollen. Dies setzt jedoch die Zustimmung des Patienten voraus. Fragen Sie vor Beginn der Behandlung den Betroffenen, inwieweit er wünscht, dass Sie einbezogen werden.

  In manchen Fällen wird sich herausstellen, dass die Krankheit zu weit fortgeschritten ist und deshalb nicht mehr behandelt werden kann. Dann wird sich der Krebspatient möglicherweise aufgegeben und verlassen fühlen, und Ihnen als Angehöriger wird es ebenso ergehen. Halten Sie dann ständigen Kontakt zum Krankenhaus oder zu Ihrem Hausarzt bzw. bauen Sie diesen Kontakt auf. Er könnte Ihnen bei der Bewältigung der Probleme und Beschwerden, die im Laufe der Krankheit auftauchen werden, eine wichtige Hilfe sein.

  Viele Patienten suchen als Ergänzung zu den Behandlungsmethoden, die vom Krankenhaus angeboten werden, nach zusätzlichen (additiven) Therapien. Auf diese Weise möchten sie aktiv Einfluss auf die Verbesserung ihrer Situation nehmen.

  Allerdings ist diesen unkonventionellen Methoden eines gemeinsam: Sie sind in ihrer Wirkung und Sicherheit nicht oder nur unzureichend wissenschaftlich untersucht. Deshalb ist immer Vorsicht geboten.

  Es gibt derzeit von der Schulmedizin kontrovers diskutierte Behandlungsmethoden, zu denen nur ungenügende Erfahrungen vorliegen. Für Therapien, die nicht direkt gegen die Tumorerkrankung wirken, aber die Lebensqualität des Betroffenen günstig beeinflussen sollen, gilt insbesondere, dass definitive Aussagen über die Wirksamkeit dieser Methoden noch nicht möglich sind.

  Hat sich der Kranke für die Anwendung zusätzlicher Methoden entschlossen, sollte er vor Beginn äußerst kritisch dazu eingestellt sein und sich nach der Seriosität der Therapie erkundigen. Er sollte gewisse Ansprüche an die Behandlung stellen und sich klar darüber sein, welche Wirkung er sich davon erhofft. Auch der zeitliche und finanzielle Einsatz verdient eine kritische Betrachtungsweise.

  Wenn bei dem Kranken selbst oder bei Ihnen als Angehörigen Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit der angestrebten zusätzlichen Behandlungsmethode bestehen sollten, zögern Sie nicht, eine zweite unabhängige Meinung zu den Verfahren einzuholen.

  Leider gibt es immer wieder Scharlatane, die mit der Angst der Betroffenen Geschäfte machen. Eine unabhängige, den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechende Zweitmeinung zu Diagnostik, Therapie oder Nachsorge einer Krebserkrankung erhalten Sie z.B. in den Onkologischen Schwerpunkten und Tumorzentren, die zum Teil mit Unterstützung der Deutschen Krebshilfe eingerichtet wurden.
Der Alltag – Ablenkung oder Herausforderung?

  Wenn mit der Behandlung begonnen wird, empfinden Angehörige dies oft als Erleichterung: Man ist froh darüber, dass endlich etwas Konkretes unternommen wird. Gleichzeitig kann diese Zeit aber auch sehr schwer sein, da es dem Kranken manchmal vielleicht physisch und psychisch relativ schlecht geht – für Sie unter Umständen eine ungewohnte Situation, wenn Sie den Kranken bisher stets als gesund, stark und zuverlässig erlebt haben.

  Solange der Krebskranke sich im Krankenhaus befindet, können Sie durch die häufigen Besuche in der Klinik sehr gefordert sein: Vielleicht haben Sie einen langen, zeitaufwendigen Anfahrtsweg, müssen Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder organisieren oder wichtige Aufgaben übernehmen, die nicht aufgeschoben werden können.

  Zur rein physischen kommt die psychische Belastung darüber, was die Zukunft bringen wird. Und dennoch: Solange der Kranke in der Klinik ist, bleibt in Ihren eigenen vier Wänden ein Teil „Normalität“ erhalten.
Wieder zu Hause

  Das kann sich ändern, sobald der Kranke nach Hause entlassen wurde. Nach einer Operation wird vielen Patienten eine Chemotherapie oder Strahlenbehandlung nahegelegt, die meistens ambulant erfolgen kann, d.h. der Patient wird nicht ins Krankenhaus eingewiesen, sondern muss nur für die Dauer der Behandlung dort anwesend sein. Für den Angehörigen bedeutet dies, dass er den Kranken zu Hause unterstützen und ihm zur Seite stehen muss. Häufig werden Sie dieser Herausforderung allein begegnen müssen.

  Kranke unter Chemo- oder Strahlentherapie leiden nicht selten unter unerwünschten Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall. Da Ihnen zu Hause nicht die Ratschläge eines Arztes oder einer Krankenschwester zur Verfügung stehen, sollten Sie sich vor Beginn der Behandlung erkundigen, wie Sie dem Kranken am besten helfen können. Sollten Sie dennoch nicht mit der Situation fertig werden, zögern Sie nicht und wenden Sie sich direkt an das Krankenhaus, ihren Hausarzt oder Beratungsdienste.

  Viele Menschen verbinden mit der Krankheit Krebs zwangsläufig Schmerzen. Zugegebenermaßen leiden viele Krebskranke unter Schmerzen; allerdings gibt es heute erprobte, ausgeklügelte und hochwirksame Methoden der Schmerzlinderung, die den Patienten – und auch das ist eine längst überholte Vorstellung – nicht mehr in einen tranceähnlichen Dämmerzustand versetzen oder ihn abhängig machen.

  Es kommt vor, dass der Kranke Phasen hat, in denen er müde, gereizt und abweisend ist. Diese Verschlossenheit könnte ein Signal dafür sein, dass der Kranke vielleicht seine Ruhe haben möchte. Der Psychologieprofessor Jürgen Meuser empfiehlt eine einfache Lebensregel: „Es gibt Situationen, in denen ist es am besten, wenn Angehörige den Patienten in Ruhe lassen“. Wenn Sie sich nicht sicher sind, lässt sich diese Situation durch eine offene und zugleich feinfühlige Frage klären.

  Mit der Zeit werden Sie ein Gespür für die Stimmungen und Wünsche des Kranken entwickeln und ihm so seine Privatsphäre lassen. Vertrauen Sie auf sich selbst und Ihre Fähigkeiten, sich mit ihm abzustimmen
Der Alltag verändert sich

  Da ein kranker Mensch meistens nicht mehr so belastbar ist wie früher, übernimmt man als Angehöriger oft den größten Teil der Hausarbeit. Die Vielzahl der im Haushalt zu erledigenden Dingen mag für einen allein unüberschaubar wirken. Viele Angehörige werden sich der mehrfachen Anforderung von Haushalt, Kindern, Beruf und der Betreuung des Kranken und infolgedessen Vielfach einer ungewohnten Stresssituation gegenübersehen.

  Übertreiben Sie Ihre Anstrengungen aber nicht. Das nützt weder Ihnen noch dem Kranken!

  Handelt es sich bei dem Kranken um ein Elternteil, wird es für Sie als „Kind“ vielleicht ein ungewohntes Gefühl sein, dass Sie sich plötzlich um Ihre Mutter oder ihren Vater kümmern, sie aufmuntern, pflegen und versorgen sollen. Durch die Krankheit kehrt sich das Verhältnis von erwachsenen Kindern zu ihren an Krebs erkrankten Eltern um und lässt das Gefühl aufkommen, als sei man selbst ein Elternteil des eigenen Vaters/Mutter.

  Die ungewohnte, neue Rollen- und Aufgabenverteilung bei der Hausarbeit kann Anlass zu Konflikten geben. Der Kranke mag den Eindruck haben, völlig überflüssig zu sein; im Gegenzug wird mancher Angehöriger aufgrund der großen Verantwortung, die auf einen Schultern lastet, möglicherweise viel gereizte reagieren als früher.

  Versuchen Sie deshalb, eine Lösung zu finden, die nicht nur die besonderen Bedürfnisse des Kranken berücksichtigt, sondern darüber hinaus einen reibungslos funktionierenden Alltag gewährleistet. Stellen Sie sich darauf ein, dass es einige Zeit dauern wird, bis man dieses Gleichgewicht erreicht hat. Alte Muster lassen sich nur schwer verändern.

  Manch ein Konflikt wird sich vermeiden lasen, wenn der Kranke die Möglichkeit erhält, so weit wie möglich am alltäglichen Leben teilzunehmen. Auch wenn er nicht mehr so viel Kraft wie früher haben sollte und bestimmte Dinge nicht mehr selbst erledigen kann:

  Schließen Sie ihn unter keinen Umständen aus der Gemeinschaft aus. Wichtige Dinge können auch gedanklich und gefühlsmäßig mitgetragen werden.

  Seien Sie offen für die Ratschläge und Erfahrungen des Kranken. Ein Krebskranker mag körperlich nicht mehr so leistungsfähig sein – seine geistigen Fähigkeiten jedoch bleiben (von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen) davon unberührt!

  Vermeiden Sie es, die anfallenden, für sie neuen Aufgaben ausschließlich nach Ihren eigenen Vorstellungen zu erledigen, nur weil es für Sie so am einfachsten oder bequemsten ist. Wenn der Kranke z.B. bisher für das Kochen zuständig war, könnte man sich an seine Rezepte halten und ihn zwischendurch um Rat fragen. Hat er sich früher um den Garten gekümmert, sollte man beispielsweise die Kartoffeln an der Stelle pflanzen und die Hecke so scheiden, wie er es sonst immer getan hat.

  Auf diese Weise werden Sie sich bei der Hausarbeit ergänzen, und zugleich vermeiden Sie, dass Sie sich gegenseitig verletzen.

  Immer wieder werden Sie den Eindruck haben, dass Sie als Angehöriger den gestellten Anforderungen – sei es nun im Hinblick auf den Kranken, die alltäglichen Dinge des Haushalts oder aber hinsichtlich ihres Berufes – nicht gerecht werden. Es kann sehr belastend sein, den Großteil seiner Zeit mit der Neu- bzw. Umorganisation des Alltags zu verbringen.

  Stellen Sie deshalb keine zu hohen Anforderungen an sich selbst. Ihre Mitmenschen werden Verständnis dafür haben, dass Sie nicht immer hundertprozentig funktionieren können.

  Angehörige neigen dazu, sich selbst und ihre Bedürfnisse zurückzustellen. Sie benötigen jedoch hin und wieder Erholungsphasen, damit Sie wieder genügend Energie aufbringen können.

  Schätzen Sie deshalb Ihre Kräfte realistisch ein oder hören Sie auf warnende Worte von Freunden und anderen Angehörigen. Erkundigen Sie sich nach Unterstützung, die von der Krankenkasse und der Gemeinde angeboten wird, und nehmen Sie solche Angebote wahr.

Ernährung

  Da man weiß, dass sich gesunde Ernährung förderlich auf den Gesundheitszustand des Kranken auswirken kann, kommt der Ernährungstherapie und -beratung als Ergänzung der medizinischen Behandlung erhebliche Bedeutung zu.

  Eine richtige Auswahl der Speisen, die unbedingt die persönlichen Wünsche des Patienten berücksichtigt, ist notwendig uns lässt sich mit Hilfe der entsprechenden Ernährungsberatung auch verwirklichen.

  Im übrigen haben Angehörige unter Umständen das Bedürfnis, mehr Zeit auf das Kochen zu verwenden. Die Zubereitung der Mahlzeiten gibt einem Angehörigen das Gefühl, etwas konkretes für den anderen tun, ihn verwöhnen zu können.

  Viele Krebspatienten leiden während bestimmter Phasen jedoch an Appetitlosigkeit oder empfinden Abneigungen gegen den Geruch oder Geschmack bestimmter Lebensmittel. Ursachen für diesen Appetitmangel können nicht nur Niedergeschlagenheit und Angst sein, sondern auch Veränderungen im Körper. So kann der Geschmack hinsichtlich „süß“ und „bitter“ verändert und die Empfindungen für Sättigung und Hunger gestört sein. Verstärkt wird dies durch mögliche Nebenwirkungen der medizinischen Krebstherapie.

  So steht mancher Angehörige vor dem Dilemma, dass der Kranke zum einen mehr und mehr an Gewicht verliert, zum anderen jedes Essen ablehnt, ganz gleich, was man ihm serviert.

  Seien Sie nicht enttäuscht, wenn Ihre gutgemeinten Anstrengungen nicht immer gleich zum Erfolg führen.

Einige hilfreiche Tipps gegen Appetitlosigkeit:

Lüften Sie das Zimmer des Kranken stets gut und vermeiden Sie   Essensgerüche.
Verteilen Sie mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag.
Stellen Sie Portionen bereit, die besonders ansprechend zubereitet sind.
Decken Sie den Tisch schön ein.
Probieren Sie neue Gerichte oder Essgewohnheiten aus; das bringt   Abwechslung.
Sorgen Sie beim Essen für Ablenkung.
Feste Essenszeiten müssen nicht sein. Der Kranke sollte immer dann essen   können, wenn er gerade Appetit hat.
Stellen Sie kleine Schalen mit Essen bereit, das zum Zugreifen „verführt“.
Achten Sie auf genügend Vorräte im Haus (auch Tiefgefrorenes), das sich   schnell zubereiten lässt, wenn der Kranke plötzlich Heißhunger auf etwas   bekommt.
Falls ein Schlückchen Alkohol erlaubt ist, kann ein Glas Sherry, Wermut   oder Sekt vor dem Essen appetitanregend.
Liebe, Zärtlichkeit, Sexualität

  Jeder Mensch besteht aus Leib und Seele, und deshalb darf in dieser Broschüre auch ein Abschnitt über die körperlichen Bedürfnisse und ihre möglichen Veränderungen durch die Krankheit nicht fehlen.

  In vielen Ehen oder Partnerschaften kann das Sexualleben unter dem Einfluss der Krebserkrankung an Bedeutung verlieren, so dass der Kranke selbst ebenso wie der Ehepartner phasenweise keine Lust mehr verspürt.

  Wenn sich der Kranke äußerlich verändert hat, sei es durch eine Operation, durch Chemo- oder Strahlentherapie oder durch Auswirkungen der Krebserkrankung auf den gesamten Organismus, fällt es Ihnen vielleicht schwer, mit ihm in Körperkontakt zu treten. Denken Sie als Angehöriger im übrigen daran, dass sich der Betroffene in seinem Selbstwertgefühl verletzt fühlen kann. Sie sollten deshalb sehr behutsam vorgehen, wenn Se ihn oder sie auf Operationsfolgen wie z.B. eine amputierte Brust ansprechen.

  Bei dem Kranken selbst können körperliche Veränderungen, Nebenwirkungen der Behandlung wie Müdigkeit oder Übelkeit, aber auch die tiefgreifenden Ängste und Sorgen, die sein Leben in dieser Phase bestimmen, zu mangelndem Interesse an sexuellem Kontakt führen.

  Es kann für beide Seiten ein schwieriger, unter Umständen langwieriger Balanceakt werden, die körperlichen Wünsche und Bedürfnisse einander wieder anzupassen. Versuchen Sie in einem ruhigen Gespräch herauszufinden, wie beide Seiten ihre Intimität am besten bewahren können.

  Bedenken Sie jedoch: Auch wenn der Kranke im Moment kein Bedürfnis nach Sexualverkehr haben sollte, sehnt er sich möglicherweise um so mehr nach körperlicher Nähe, Zuwendung und Zärtlichkeit.

  Zeigen Sie ihm deshalb Ihre Liebe und Zuneigung, und geben Sie Ihm das Gefühl der Geborgenheit
Angst, Trauer, Tränen

  Wie schon an anderer Stelle erwähnt, wird eine Krebserkrankung das Denken  und Fühlen aller Beteiligten über einen langen, vielleicht sehr langen Zeitraum beeinflussen und manchmal auch blockieren. In Abhängigkeit von der Behandlung, dem Verlauf und der Prognose der Krankheit wird das emotionale Empfinden dabei oft alle nur denkbaren Höhen und Tiefen erreichen.

  Bei den meisten ist das beherrschende und immer wiederkehrende Gefühl der Angst. Im Angesicht einer so schweren Erkrankung darf man Angst haben und sie auch zeigen dürfen: Seitens der Angehörigen wird dies vor allem Angst vor dem Verlust des geliebten Menschen sein und Angst vor der Zukunft.

  Wichtig ist, dass Sie mit dem Kranken über die ihn und Sie beherrschenden Ängste sprechen.
Diese Offenheit wird allen Beteiligten dabei helfen , dass sie sich durch ihre Ängste nicht gegenseitig blockieren. So haben z.B. Kranke immer wieder berichtet, dass die Verlustangst ihrer Angehörigen für sie schlimmer war als ihre eigene Angst vor der Krankheit oder dem Tod und sie noch Kräfte investieren mussten, um ihren Angehörigen diese Angst zu nehmen.

  In Konfrontation mit einer schweren, unter Umständen lebensbedrohlichen Krankheit werden sich die meisten Menschen die Fragen „Warum?“ und „Warum gerade mein Mann/ meine Mutter?“ stellen. Manche suchen dann vielleicht Trost in ihrem Glauben und finden in einem Seelsorger einen Gesprächspartner, der ihnen aufmerksamer einfühlsamer Zuhörer ist. Auch wer nicht besonders gläubig ist, aber das Bedürfnis danach verspürt, sollte nicht zögern, zum Seelsorger Kontakt aufzunehmen.

  Als gutes und notwendiges „Ventil für die Seele „ sollten Sie das Weinen betrachten: Weinen löst, entspannt und entkrampft. Dabei ist es wichtig, dass Menschen , die sich lieben und unter der Bedrohung einer schweren Krankheit stehen, auch miteinander weinen können.

  Verbergen Sie Ihre Trauer und Tränen nicht um jeden Preis vor dem Kranken, sondern gehen Sie auch in dieser Hinsicht  offen miteinander um.

Sie sind nicht allein

  Familie, Freunde und Kollegen können für einen Angehörigen eine große Stütze sein. Vielen fällt es jedoch schwer, „Fremde um Mithilfe zu bitten und mit ihnen über ihre eigenen Probleme zu sprechen. Einige haben Angst davor, dass sie zur Last fallen könnten, während sich andere wiederum für ihre Unsicherheit oder Hilflosigkeit schämen. Für manch einen ist es sicherlich nicht einfach, für sich selbst um Unterstützung zu bitten, wenn die Familie und die Freunde sich immer nur nach dem Befinden des Kranken erkundigen.

  Die Zeit der Behandlung ist für alle Beteiligten eine Zeit der Hoffnung und der Angst, der widersprüchlichen Gefühle zwischen himmelhochjauchzend und mutlos- tieftraurig. In dieser Situation braucht der Kranke intensive Zuwendung, Aufmerksamkeit, Fürsorge und Unterstützung; in ebensolchem Maße trifft dies jedoch auch auf den Angehörigen zu.

  Seien Sie deshalb offen für die Hilfe, die von Familienmitgliedern und Freunden angeboten wird: Sie können hierdurch etwas mehr Zeit für sich selbst gewinnen.

  Niemand kann auf Dauer für einen anderen Menschen zur Verfügung stehen, ohne sich selbst hin und wieder eine Atempause zu gönnen.

  Sicherlich wird man nicht den gesamten Freundes- und Bekanntenkreis in die Betreuung des Kranken einbeziehen wollen; auch sollte der Kranke mitbestimmen, wer um Unterstützung gebeten werden soll und wer nicht.

  Es kann sinnvoll sein, zwischen denjenigen Personen zu unterscheiden, mit denen Sie über Ihre Probleme sprechen möchten, und denjenigen, mit denen Sie Ihre Freizeit verbringen möchten.

  Zum einen bleiben Ihnen auf diese Weise Enttäuschungen z.B. darüber erspart, dass der andere Ihre Probleme nicht nachvollziehen und Ihnen demzufolge auch nicht die erhoffte Hilfe sein kann; zum anderen werden Sie es als wohltuend empfinden, Ihre wenigen freien Stunden mit Menschen zu teilen, die Ihnen relativ unbelastet begegnen.

  Manchen fällt es leichter, sich Menschen anzuvertrauen, die nicht persönlich betroffen sind, und finden in ihren Arbeitskollegen eine wertvolle Stütze. Man kann mit ihnen über Dinge reden, die einem im Gespräch mit dem Kranken oder der näheren Umgebung nur äußerst schwer über die Lippen kommen würden.
Hilfe annehmen

  Die Bedrohung durch eine Krebserkrankung löst bei allen Beteiligten Angst aus: vor der Behandlung und ihren Folgen, vor der Zukunft und vielfach auch vor dem Tod.

  Dies führt fast zwangsläufig dazu, dass man die Welt mit anderen Augen betrachtet und sich die persönlichen Werteskala verändert.

  Die Probleme und Gesprächsthemen anderer erscheinen einem oft banal und oberflächlich. Man beginnt vielleicht, sich von den Menschen seiner näheren Umgebung zu distanzieren. Achten Sie aber darauf, dass Sie sich nicht selbst ins Abseits manövrieren und zu sehr isolieren!

  Wann und auf welche Weise ein Angehöriger auf die stattfindenden Veränderungen in seinem Leben reagiert, wird individuell immer verschieden sein. Erfahrungsgemäß halten viele in der ersten Zeit ihre Gefühle noch stark zurück., da die Gedanken vor allem um den Kranken und dessen Bedürfnisse kreisen. Erst wenn etwas mehr Ruhe eingekehrt ist und der Alltag mit eventuell veränderter Routine wieder Raum zu greifen beginnt, gesteht man sich selbst eigene Reaktionen zu.

  Angehörige von Krebspatienten sind nicht nur psychischen Belastungen ausgesetzt. Auch der Körper reagiert auf zahlreichen Umwälzungen, und es kann dazu kommen, dass Sie sich häufig unpässlich fühlen. Zu den häufigsten Beschwerden gehören Schlafstörungen, Schwindel, Kopfschmerzen, Herzklopfen, mangelnder Appetit und Durchfall.


  Haben Sie keine Hemmungen, deswegen Ihren Hausarzt um Rat zu fragen. Lassen Sie sich helfen, auch wenn Sie Ihre Beschwerden zur Krebserkrankung Ihres Partners oder eines Elternteils für unbedeutend halten. Denken Sie daran, dass Sie Ihrerseits nur für den Kranken da sein können, wenn Sie selbst genügend Kraft haben und sich wohlfühlen.

  An besonders schweren Tagen kann vielleicht sogar ein Glas Wein oder eine Tablette ganz hilfreich sein, um besser abspannen oder schlafen zu können. Sie sollten es jedoch keinesfalls zur Gewohnheit werden lassen.

  Möglicherweise stellen Sie auch fest, dass Sie selbst auf die unbedeutendsten Dinge empfindlich und gereizt reagieren, sich ihren Mitmenschen gegenüber aggressiver verhalten, launenhaft sind oder unter Konzentrationsschwierigkeiten leiden. Wenn man sich lange der Anforderung ausgesetzt sah, immer der Starke sein zu müssen, der sich um alles kümmert, ist es ganz natürlich, dass die eigene Toleranzgrenze sinkt.

  Unter Umständen entwickeln Sie auch dem Kranken und dem ganzen Behandlungssystem gegenüber Wutgefühle. Ursache hierfür ist meist die eigene Ohnmacht, die in schwierigen Situationen besonders stark zu spüren ist. Oft hat man ein schlechtes Gewissen, wenn man den Kranken seinen Unwillen spüren lässt.

  Wenn Sie wirklich einmal die Geduld verlieren und zornig werden, verzeihen Sie sich selbst Ihr Verhalten; Sie würden sonst Schuldgefühle entwickeln, die zu einer zusätzlichen Belastung führen würden.

  Im Laufe der Behandlungszeit des Kranken werden Sie sicher auch Angehörige von Mitpatienten kennenlernen, die vielfach ähnliche Probleme zu bewältigen haben wie Sie und mit denen sich – Sympathie vorausgesetzt – ein Erfahrungsaustausch, gern außerhalb der Krankenhausmauern, lohnt.

  Auch Mitglieder von Selbsthilfegruppen nach Krebs, die zwar eigentlich für die Patienten gedacht sind, werden Ihnen bei Bedarf mit Rat und Tat zur Seite stehen.

  Wenn Sie mit der Situation allein nicht mehr fertig werden, sollten Sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Hier leisten Krebsberatungsstellen wertvolle Arbeit. Vielleicht sind Sie an Gruppenangeboten oder Seminaren interessiert, die u.a. von solchen Beratungsstellen durchgeführt werden. Auch die Dr. Mildred Scheel Akademie in Köln bietet verschiedene Seminare an. Wenn Sie sich einen Überblick über das Kursangebot verschaffen möchten, fordern Sie das Jahresprogramm an:

  Dr. Mildred Scheel Akademie für Forschung und Bildung gGmbH, Joseph- Stelzmann-Str. 9, 50931 Köln, Te. 02 21/94 40 49-0, Fax 02 21/94 40 9-44

  Ein Psychologe oder ein Seelsorger kann Ihnen ebenfalls dabei helfen, einen Überblick über Ihre Lage zu gewinnen. Sie können ihm Ihre Probleme schildern und müssen dabei kein schlechtes Gewissen haben: Zuhören und helfen gehört zu den Aufgaben beider Berufsgruppen.

  Fassen Sie es also keinesfalls als Niederlage auf, wenn Sie sich psychologischen oder seelsorgerischen Beistand holen. Es geht viel mehr darum, für eine schwierige Situation die bestmögliche Lösung zu finden.

  Manchmal kommt es vor, dass die Familie durch die Krebserkrankung in eine finanzielle Notlage gerät. Es können z.B. krankheitsbedingte Kosten entstehen, die das – vielleicht ohnehin geschmälerte – Einkommen zu stark belasten. Kosten, die keine Krankenkasse oder anderer Institution übernimmt. Hier Hilft der Härtefonds der Deutschen Krebshilfe schnell und unbürokratisch. Die einmalige finanzielle Unterstützung ist in der Höhe begrenzt. Damit die Gelder denen zugute kommen, die sie am dringendsten benötigen, sind die Zuwendungen an bestimmte Familieneinkommensgrenzen gebunden.


  Allein 1998 hat die Deutsche Krebshilfe auf diese Weise rund 7 Mio. DM (ca. 3,6 Mio. €) an direkter Hilfe an 8.500 bedürftige Krebspatienten gegeben.

Auf sich selbst acht geben

  Seit bei Ihrem (Ehe-)Partner, bei einem Elternteil oder einem anderen nahen Verwandten die Diagnose Krebs gestellt wurde, haben Sie sich fast ausschließlich nach den Bedürfnissen des Kranken gerichtet.

  Sie müssen aber darauf achten, dass Sie selbst nicht zu kurz kommen, auch wenn es Ihnen schwer fällt.


  Vielleicht haben Sie das Gefühl, den Kranken im Stich zu lassen, wenn Sie einen Stadtbummel machen, ins Kino oder ins Konzert oder essen gehen.

Gönnen Sie sich diese Atempausen.

  Niemand kann ständig auf Hochtouren laufen: auch der leistungsfähigste Mensch hat seine Grenzen und braucht Erholungsphasen, in denen er abschalten und neue Energie tanken kann. Einigen bietet körperliche Betätigung eine sehr gute Entspannungsmöglichkeit: Sie treiben Sport, machen Spaziergänge oder arbeiten in Haus und Garten. Andere wiederum ziehen es vor, Musik zu hören, ein gutes Buch zu lesen oder in die Sauna zu gehen.

  Gönnen Sie sich selbst etwas Gutes, legen Sie Pausen ein, und gehen Sie Ihren eigenen Interessen nach. Wenn Sie nicht ausreichend auf sich selbst Acht geben, wird Ihnen schon bald die notwendige Kraft fehlen, die Sie brauchen, um dem Kranken weiterhin beistehen zu können. Denken Sie daran, dass Sie eine unentbehrliche Stütze für ihn sind.

 Die lange Behandlungszeit und die nerven- und kräfteraubende Situation lastet schwer auf Ihnen. Aber im Laufe der Zeit werden Sie feststellen, dass Sie in der Tat sehr viel mehr verkraften können, als Sie je vermutet hätten. Wahrscheinlich werden Sie Seiten an sich entdecken, die Ihnen vorher völlig unbekannt waren. Nicht nur die Kranken selbst, sondern auch viele Angehörige haben berichtet, dass ihr Leben durch die Krebserkrankung an Tiefe gewonnen hat.
Miteinander reden

  Viele Probleme lassen sich vermeiden, viele Konflikte lösen, wenn man miteinander redet: ein Rat, der vielfach leichter zu geben als zu befolgen ist. Oft steht man vor dem Dilemma, dass man einerseits gerne den richtigen Zeitpunkt abwarten möchte, um über eine bestimmte Sache zu reden, andererseits nicht unbegrenzt auf die passende Gelegenheit warten kann.

  Angehörige neigen dazu, ihre eigenen Probleme – verglichen mit denen des Kranken – als unbedeutend abzutun. Sie halten sich zurück, da sie den anderen unter allen Umständen schonen und nicht mit alltäglichen Kleinigkeiten behelligen möchten. Das kann jedoch ein großer Fehler sein.

  Krebskranke möchten sich, ihre Situation und die daraus resultierenden Anforderungen zwar ernst genommen wissen, sie wünschen sich Hilfe und Unterstützung bei der Bewältigung ihrer Probleme, aber sie möchten nicht pausenlos und ausschließlich über ihre Krankheit sprechen.

 „Behelligen“ Sie den Kranken ruhig auch mit alltäglichen Schwierigkeiten. Sie lenken ihn damit vielleicht sogar für eine gewisse Zeit von seiner Krankheit ab und geben ihm das Gefühl, z.B. während des Krankenhausaufenthaltes am Leben „draußen“ teilhaben zu können. Auch ein kranker Mensch hat das Bedürfnis, seinem Partner beizustehen.

  Wissen Sie nicht, wie Sie ein ernstes Thema am besten anschneiden können? Dann erinnern Sie sich, in welchen Situationen Sie sich früher am besten mit dem Kranken unterhalten konnten. Haben Sie beispielsweise tiefgehende Gespräche bei gemeinsamen Spaziergänge geführt, bei einem guten Essen oder abends, wenn die Kinder im Bett waren? Versuchen Sie, soweit es die gesundheitliche Situation des Kranken zulässt, solche Rahmenbedingungen auch jetzt zu schaffen. Ein künstlich erzwungenes Gespräch auf dem Krankenhausflur oder am Küchentisch ist sicher keine gute Ausgangssituation.

  Eine funktionierende Kommunikation zwischen dem Angehörigen und dem Kranken vermittelt beiden Seiten Nähe und hilft, die Bedürfnisse des anderen zu erkennen.
Die kleinen Freuden des Alltags

  Eine Krebserkrankung kann sich lange hinziehen. Zu manchen Zeiten bestimmen die zahlreichen Arzttermine für Untersuchungen, Behandlungen und Kontrollen den Alltag. Für einen Angehörigen sind es oft sehr schwere tage und Wochen, man wird von der Angst vor der Zukunft, vor dem Tod und dem Verlust eines geliebten Menschen vollends beherrscht. Einige Menschen entwickeln auch ein Gefühl der Ungerechtigkeit und der Wut: Sie möchten gemeinsam mit ihrem Ehepartner alt werden oder die Mutter oder der Vater sollen miterleben dürfen, wie es einem in Zukunft ergehen wird.

  Um sich selbst zu schützen, versuchen Sie vielleicht phasenweise, von einem Tag auf den anderen zu leben und alle Gedanken an die Zukunft weit von sich zu schieben. Aber selbst dann werden in Ihnen immer wieder Zukunftsängste aufsteigen, über die Sie sprechen möchten und sollten.

  Vertrauen Sie sich einer außenstehenden Person an, wenn Sie den Kranken nicht damit belasten wollen. Im Krankenhaus könnte dies z.B. ein Sozialarbeiter oder ein Seelsorgersein; in der Nähe Ihres Wohnortes gibt es sicher auch eine Krebsberatungsstelle.

  Eine schwere Krankheit wird über weite Strecken das Denken, Fühlen und Handeln aller Beteiligten bestimmen.

  Gerade deshalb sollten Sie versuchen, den Alltag an diese Situation anzupassen und ihm neue Inhalte zu geben. Schaffen Sie für sich und den Kranken positive Erlebnisse

  Setzen Sie sich realistische Ziele, auf die Sie hinarbeiten und über deren Erreichen Sie sich freuen können. Es müssen nicht immer große Unternehmungen sein, auch kleine Erfolgserlebnisse motivieren. Stellen Sie sich jedoch darauf ein, dass der eine oder andere Ihrer Pläne durchkreuzt werden kann, dann sind sie nicht allzu enttäuscht, wenn es wirklich passiert.
Problemflut – Problembewältigung

  Die im folgenden beschriebene Vorgehensweise erhebt nicht den Anspruch, allen Angehörigen in allen Problemlagen helfen zu können. Sie hat sich aber vielfach als geeignetes Instrument für Angehörige bewährt, die das Gefühl haben, von einer Problemflut überrollt zu werden, und Klarheit und Übersicht bekommen möchten, um mit den anstehenden Problemen besser fertig werden zu können.

Beantworten Sie folgende Fragen:
Wie wichtig sind die Probleme für Sie selbst? Versuchen Sie, eine genaue Beschreibung zu geben (nervenaufreibend, bedrückend, ärgerlich, einschränkend, usw.).
Listen Sie die Probleme auf und beschreiben Sie sie stichwortartig. Versuchen Sie, verschiedene Verhaltens-, und Lebensbereiche zu trennen.
Wenden Sie sich nun dem einfachsten Problem zu. Beschreiben Sie genau: wann das Problem auftritt, welche Verhaltensweisen genau damit verbunden sind, welche Situationen damit verbunden erscheinen, woran Sie und andere merken würden, dass das Problem gelöst ist.
Stellen Sie für dieses Problem, überschaubare Teil (Verhaltens-) ziele für die nächsten Tage auf. Um Ihren Zielen nahe zu kommen, greifen Sie, soweit es geht, auf bekannte, gewohnte Verhaltens-weisen zurück.

Gehen Sie, wenn Sie wollen, die anderen Probleme auf die gleiche Weise an.

Nehmen Sie sich nicht zuviel vor. Die Wirkung dieser Vorgehensweise besteht darin, dass kleine Erfolgserlebnisse das Vertrauen, Probleme aus eigener Kraft lösen zu können, steigern. Dieser Ansatz scheitert, wenn das erste Ziel nicht klar begrenzt ist.
„Was fehlt dir, Papa?“

  Im ersten Teil dieses Ratgebers ging es um das Leben als Angehöriger eines Krebskranken im allgemeinen. Auf den nun folgenden Seiten wollen wir einen Aspekt besonders beleuchten, nämlich die Situation von Kindern, die damit konfrontiert werden müssen, dass ein Elternteil an Krebs erkrankt ist.

  Wir beschreiben die Auswirkungen eines solchen Ereignisses auf die Erlebniswelt von Kindern und möchten Ratschläge geben, wie Eltern und andere Erwachsene den Kindern in einer solchen Situation helfen können
Mein Vater ist krank

  „Ich habe einen Vater, der sehr krank ist. Er hat eine schwere Krankheit, die Leukämie heißt, eine Krebskrankheit. Als ich das erfuhr, wurde mir ganz komisch zumute. Mir schwirrten tausend Gedanken durch den Kopf. Das erste, woran ich dachte, war der Tod“ (Stine, 12 Jahre)

  Das Leben eines Kindes verändert sich, wenn Vater oder Mutter ernsthaft erkrankt sind. Kinder besitzen die Fähigkeit, auch in solchen Zeiten zu spielen und fröhlich zu sein; dennoch empfinden sie die Phase der Krankheit wie ein Erwachsener als eine Zeit der Angst und Sorge.

  Um diese Belastung so gut wie möglich überstehen zu können, bedürfen Kinder besonderer Aufmerksamkeit und Fürsorge.

  Die Eltern bzw. der gesunde Elternteil werden diese Situation allein nicht bewältigen können. Sie sollten Beistand und Hilfe von Großeltern, Freunden, Nachbarn, Lehrern, Psychologen, Pflegepersonal, Ärzten oder Seelsorgern annehmen.

  Eltern machen sich oft Gedanken darüber, ob und inwieweit sie ihre Kinder über die Krebserkrankung eines Elternteils in Kenntnis setzen sollen. Sie zögern unter anderem deshalb, weil sie nicht wissen, wie sehr sie ihre Kinder mit solch schwerwiegenden Problemen belasten können und sollen, und weil sie ihnen nur ungern absichtlich Sorgen bereiten möchten.

  Dennoch ist es wichtig, dass in der Familie über die neue Situation gesprochen wird. Auf die Dauer werden Sie ohnehin von den Kindern nicht verbergen können, dass etwas nicht in Ordnung ist. Kinder besitzen eine besondere „Antenne“, ein ausgeprägtes Gespür für Stimmungen und bemerken rasch, wenn die Eltern bekümmert und bedrückt sind. Erfahren sie den Grund dafür nicht, werden sie ihrer ausschweifenden Phantasie freien Lauf lassen und sich mitunter Szenarien ausmalen, die die Wirklichkeit vielleicht bei weitem übertreffen. Mit solchen Gedanken allein gelassen, kann besonders bei sehr sensiblen Kindern ein Gefühl der Unsicherheit, des Verlassenseins und der Isolation entstehen.

  Für Kinder getrennt lebender oder geschiedener Eltern kann sich eine noch kompliziertere Situation ergeben. Leben sie bei dem nicht erkrankten Elternteil, müssen sie ihre Gefühle, z.B. die Angst um den kranken Vater oder die kranke Mutter, offen zeigen dürfen, auch wenn das Verhältnis zwischen den Eltern gespannt sein sollte. Ist jedoch der Elternteil krank, bei dem sie leben, werden sie mit der Krankheit eine existentielle Bedrohung verbinden.

  Ungeachtet der Familienverhältnisse sind Nähe, Geborgenheit und Sicherheit überaus wichtig für die Kinder.

  Es gibt noch einen weiteren wichtigen Grund, ihnen die Wahrheit nicht vorzuenthalten: Kleinere Kinder können einzelne Erlebnisse und Eindrücke nur schwerlich in einen größeren Zusammenhang einordnen.

  So verstehen sie z.B. nicht, dass der Vater, der ihrem Empfinden nach gesund aussieht, todkrank sein kann, während die Mutter, die eine schwere Operation hinter sich gebracht hat, völlig gesund nach Hause kommt.

  Helfen Sie ihren Kindern, die Situation besser einzuordnen und zu verstehen, indem sie jederzeit offen für deren Fragen sind. Sie werden sie damit gleichzeitig vor unnötiger Angst bewahren.
Der richtige Zeitpunkt

  Wie bei vielen Fragen des menschlichen Miteinanders gibt es keine Faustregel, wann der richtigen Zeitpunkt ist, um das Kind über die Erkrankung eines Elternteils aufzuklären. Und auch die Art und Weise, wie ein solches Gespräch ablaufen soll, werden Sie selbst bestimmen müssen.

  Auch Sie werden vielleicht versucht sein, ein solches Gespräch hinauszuzögern. Sie laufen dabei jedoch Gefahr, dass die Kinder die Wahrheit von anderen erfahren oder zufällig Zeuge eines Gespräches zwischen Ihnen und einem Dritten werden.

  Aufgrund ihrer scharfen Beobachtungsgabe und ihres guten Gespürs für besondere Situationen werden viele Kinder ohnehin ahnen, dass irgendetwas „nicht in Ordnung ist“.

  Wenn Sie sie so lange im Unklaren lassen, bis sie die Wahrheit aus anderer Quelle erfahren haben, riskieren Sie, dass die Kinder nun ihrerseits nicht wagen, Sie offen zu fragen, und deshalb ihrem Kummer allein überlassen bleiben.

  Kinder haben die Fähigkeit, selbst mit sehr dramatischen und traurigen Nachrichten umgehen zu können. Von zentraler Bedeutung ist hierbei jedoch, dass sie von liebevollen und verständnisvollen Erwachsenen aufgefangen werden, die ihnen das Gefühl von Nähe und Geborgenheit geben.

  Sollte die Erkrankung des Vaters oder der Mutter so weit vorgeschritten sein, das sie lebensbedrohlich ist, müssen sie auch in diesem Fall dem Kind die Wahrheit sagen. Machen Sie ihm klar, dass die Ärzte zwar alles in ihrer Macht Stehende tun, aber das auch diese keine Wunder vollbringen können.

  Machen Sie dem Kind keine falschen Hoffnungen, auch wenn die Versuchung sicher groß ist, den Kummer des Kindes noch möglichst gering zu halten.

  Für ein Kind ist es sehr beruhigend, wenn die Erwachsenen Ihm versprechen, rechtzeitig Bescheid zu geben, wann der Zeitpunkt des Abschiednehmens gekommen ist. Auf diese Weise kann sich das Kind besser auf andere Dinge konzentrieren.
Die ganze Wahrheit?

  Bevor die Eltern ihrem Kind mitteilen, dass ein Elternteil an Krebs erkrankt ist, sollten sie gemeinsam beraten, was sie über die Krankheit erzählen wollen. Sie sorgen so dafür, dass das Kind von beiden Elternteilen die gleichen Erklärungen erhält.

  Fällt es vielen Erwachsenen schon schwer, mit anderen Erwachsenen über so ein schwieriges Thema zu sprechen, sind sie bei Kindern über die Gesprächsführung erst recht verunsichert.

  Sie sollten auf jeden Fall berücksichtigen, dass Kinder eine Grundlegend andere Denkweise und ein anderes Auffassungsvermögen als Erwachsene haben. Kinder denken „in kleinen Portionen“, selektiv. Wenn Sie ihnen alle Einzelheiten über die Krankheit, die Behandlungsmethoden und die Folgen für die Familie auf einmal erzählen würden, wären sie gar nicht in der Lage, alle Informationen zu verarbeiten. Die Kinder wären infolgedessen vielleicht erst recht verunsichert.

  Beschränken Sie sich deshalb in mehreren Gesprächen immer nur auf einzelne Details und versuchen Sie herauszufinden, woran das Kind im Moment besonders interessiert ist.

  Vielleicht beschäftigt ihr Kind sich beispielsweise gerade damit, wie die Krankheit den Alltag verändert hat, dass der Tagesablauf durcheinander geraten ist, weil die Mutter durch die Behandlung oft müde ist. Oder es möchte darüber sprechen, warum der Vater die Haare verliert oder so häufig ins Krankenhaus muss.

  Kinder sind es gewohnt und können es deshalb verstehen, dass nicht immer alle ihre Fragen auf einmal beantwortet werden. Vermeiden Sie es aber, allzu viele Fragen offen zu lassen.

  Ein offenes, von Vertrauen geprägtes Verhältnis zu den Erwachsenen ist für Kinder das Wichtigste. Sie müssen das Gefühl haben, alles fragen und sich so geben zu können, wie ihnen gerade zumute ist – ob sie nun glücklich oder traurig sind.
Kindliche Reaktionen

  Kinder sind innerhalb kurzer Zeitspannen zu starken Gefühls- und Gemütsschwankungen fähig. War es eben noch sehr verängstigt, kann es schon wenig später zum heiteren Spiel mit Freunden übergehen.

  Im Gegensatz zu den meisten Erwachsenen können Kinder Kummer zeitweise „ausblenden“ und schützen sich auf diese Weise davor, dass er zu überwältigend wird. Aber Angst und Kummer kommen wieder. Kinder in solchen Situationen haben deshalb ein besonders starkes Bedürfnis nach Fürsorge und Zuwendung, selbst wenn sie zeitweise glücklich und unbekümmert erscheinen.

  Die Reaktionen von Geschwistern auf die Krankheit eines Elternteils können oft sehr unterschiedlich sein. Während das eine Kind sich in sich selbst zurückzieht, wird das andere vielleicht seinen Gefühlen freien Lauf lassen. Unabhängig von den verschiedenen Verhaltensweisen bracht das eine Kind ebenso viel Unterstützung wie das andere.
Wo warst du, Mama?

  Kleinere Kinder reagieren immer besonders auf eine Trennung von ihren Eltern. Unabhängig davon, ob der Grund hierfür eine Reise oder ein Krankenhausaufenthalt ist: Sie vermissen den Vater oder die Mutter; sie sind verunsichert, weil der alltägliche Rhythmus gestört ist.

  Kinder unter vier Jahren erleben die Trennung von ihren Eltern am schlimmsten, da sie – meist von der Mutter – noch sehr abhängig sind. Sie haben Angst davor, dass der Vater oder die Mutter nicht zurückkommt. Oft bäumt sich das Kind dagegen auf, dass man es allein gelassen hat: anfangs vielleicht noch lautstark, aber nach einiger Zeit lässt der vehemente Protest nach. Das Kind scheint sich der neuen Situation anzupassen und wendet sich dem anwesenden Elternteil, den Großeltern oder anderen vertrauten Erwachsenen zu.

  Unter der scheinbar ruhigen Oberfläche aber verbleibt eine starke Sehnsucht nach dem anderen Elternteil.

  Gleichzeitig ist das Kind enttäuscht und zornig darüber, dass der Kranke nicht da ist. Vielfach bricht die Enttäuschung hervor, wenn der kranke Elternteil nach Hause kommt: Dann tut das Kind so, als würde es den Vater oder die Mutter nicht mehr kennen, es geht ihm bzw. ihr vielleicht völlig aus dem Wege.

  Nach einiger Zeit kann sich das Verhalten wieder ändern: Das Kind kommt mit Vorwürfen, weint und klammert sich an denjenigen, der fortgewesen ist.

Räumen Sie Ihren Kindern das Recht ein, heftig und bisweilen aggressiv zu reagieren. Sie helfen ihnen damit, schneller über den zeitweisen Verlust hinwegzukommen und in den normalen Alltag zurückzufinden.

  Die meisten Kinder haben ein überaus gutes Gedächtnis für Ereignisse und Empfindungen. Selbst mehrere Monate nach einem Krankenhausaufenthalt kann dies in Fragen zum Ausdruck kommen wie: „Wo warst du, Mama? Warum warst du nicht bei mir? Ich habe dich so sehr vermisst.“

  Sie sollten bestrebt sein, dass Ihr Kind während der Abwesenheit des erkrankten Elternteils von einer Person betreut wird, mit der es vertraut ist und der es vertaut. Das ist nicht immer zwangsläufig die Oma, wenn diese weit weg wohnt und Ihr Kind sie nur selten sieht. Eine Freundin oder andere Person, zu der Ihr Kind ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat, ist in solchen Fällen sicher die bessere Lösung – vorausgesetzt, diese Person sieht sich in der Lage, diese anspruchsvolle Aufgabe zuverlässig zu übernehmen.

  Soweit es machbar und dem Kind gegenüber vertretbar ist, sollte es Vater oder Mutter regelmäßig im Krankenhaus besuchen können.

Stellen Sie sich jedoch ein, dass Sie nach der Rückkehr aus der Klinik Zeit brauchen, damit Sie gemeinsam mit dem Kind die fremden Eindrücke verarbeiten können. So helfen Sie Ihrem Kind, mit der ungewohnten Situation fertig zu werden.
Wenn Kinder wieder in die Hose machen

  Kleinere Kinder mit ernsthaften Problemen neigen dazu, in ein früheres Entwicklungsstadium zurückzufallen. So kann es beispielsweise passieren, dass sie wieder in die Hose machen, obwohl sie schon längere Zeit sauber sind; andere nuckeln wieder am Daumen , stammeln oder sind quengelig wie ein Kleinkind.

Dies alles sind Hilferufe nach Aufmerksamkeit und Zuwendung, damit sie ein neues Gleichgewicht finden können.
Aggressionen

  Bei älteren Kindern drücken sich die Trennungsängste wieder anders aus. Wenn Vater oder Mutter für längere Zeit im Krankenhaus ist, kann sich die Sehnsucht eines Kindes darin äußern, dass es gegenüber seiner vorübergehenden Aufsichtsperson mit Zorn und Aggressionen reagiert. Vielleicht fängt es an zu schimpfen oder schlägt in seiner Verzweiflung sogar auf den Erwachsenen ein.

  Das Kind kann auch dem Kranken gegenüber aggressiv reagieren, da dieser seinen bisherigen Aufgaben und Gewohnheiten nicht mehr nachkommt und ihm beispielsweise keine Gutenachtgeschichte vorliest oder mit ihm gemeinsam auf Angeltour geht.

Hinter derlei Aggressionen verbirgt sich die Trauer über das Geschehene und ein Verlangen nach Nähe und Verständnis.

  Ein Zehnjähriger hat dieses Verhalten einmal sehr treffend beschrieben: „Wenn ich Amok laufe, will ich am allerliebsten getröstet werden.“
Nägelkauen und Alpträume

  Wenn ein Elternteil an Krebs erkrankt ist, ist jedes Kind von der neuen Situation zu Hause betroffen – auch wenn es nicht über die Krankheit des Vaters oder der Mutter spricht.

  Die Reaktionen der Kinder können breit gefächert sein. Es gibt jedoch eine Reihe von Verhaltensweisen, die sich sehr häufig finden.

Das Kind
• kaut Nägel, kratzt, schlägt um sich, tritt mit den Füßen;
• weint und ist traurig;
• ist wehleidig;
• ist gereizt und zornig oder versucht, Aufmerksamkeit zu erregen;
• hat Angst vor der Dunkelheit oder davor, von zu Hause fort zu müssen;
• hat Alpträume oder Einschlafprobleme;
• leidet unter Essstörungen oder Bauchschmerzen;
• kann sich nur schwer konzentrieren;
• hat Angst vor Katastrophen und davor, dass noch andere Familienmitglieder krank werden könnten.
Wenn das Kind aufhört zu spielen

  Kinder haben einen sehr ausgeprägten Spieltrieb. Besonders aufmerksam sollte man deshalb sein, wenn das Kind
übertrieben folgsam ist;
sich isoliert;
die Schule schwänzt;
Verhaltensstörungen in der Schule oder im Kindergarten aufweist;
nicht mehr spielt.

  Diese Reaktionen sind typisch für Kinder, die allein mit ihren schweren Gedanken kämpfen und dringend die Hilfe von Erwachsenen benötigen.

  Deshalb ist es wichtig, dass sowohl die Eltern wie auch die Erzieher bzw. Lehrer besonders aufmerksam auf veränderte Verhaltensweisen der Kinder achten.

  Fällt einer der Kotaktpersonen des Kindes irgendetwas Ungewöhnliches auf, muss ein Gespräch zwischen dem Elternhaus und dem Erzieher/Lehrer stattfinden. Ein enger Kontakt zwischen dem Elterhaus und dem Kindergarten/der Schule kann für das Kind eine Hilfe von unschätzbarem Wert sein.
Schuldgefühle

  Kinder haben oft Probleme damit, Wirklichkeit und Phantasie voneinander zu trennen. Sie glauben, dass ihre Worte und Wünsche dramatische Auswirkungen auf die Umwelt haben können. Häufig sind sie davon überzeugt, dass Sie die Krankheit des Vaters oder der Mutter verursacht haben, weil sie ihnen irgendwann einmal anlässlich eines Streites Schlechtes gewünscht haben. Ihrer Ansicht nach bekommen sie nun folgerichtig ihre „gerechte Strafe“ für solche Gedanken.

  Selbst wenn Kinder zu solchen Vorstellungen neigen, sind sie dennoch in der Lage, Zusammenhänge richtig zu durchschauen. Doch die Schuldgefühle gewinnen oft Oberhand über die Vernunft und können das Kind sehr belasten, wenn es mit niemandem darüber sprechen kann.
Das Zusammenleben während der Krankheit

  Ist Krebs ansteckend? Kann Papa sterben, während ich in der Schule bin? Was macht der Krebs mit Mama? Wird Papa noch kränker werden, wenn ich Lärm mache? Werden mich meine Klassenkameraden hänseln, dass meine Mutter keine Haare hat?

  Im Laufe der Zeit, wenn das Kind versteht, dass sein Vater oder seine Mutter an Krebs erkrankt ist, werden immer mehr Fragen auftauchen. Das Kind wird infolgedessen oft über die Krankheit sprechen wollen.

  Ausgelöst durch die große Verlustangst um den geliebten Vater oder die geliebte Mutter, befürchtet es vielleicht, dass noch andere Familienmitglieder krank oder von einer Katastrophe betroffen werden könnten.

Geben Sie Ihrem Kind Sicherheit, indem Sie ihm erläutern, dass es nicht nur schwere Krankheiten gibt.

  Für ein Kind ist es beruhigend zu wissen, dass eine Erkältung oder eine Magenverstimmung – anders als eine Krebserkrankung – durchaus nicht lebensbedrohlich ist. Gegebenenfalls sollten Sie Ihrem Kind auch versichern, dass die anderen Familienmitglieder gesund sind.

  Denken Sie aber auch in diesem Fall daran, dass Kinder nicht daran gewöhnt sind, lange Gespräche zu führen.

  Sie sprechen und weinen in kurzen Sequenzen und leben hauptsächlich in der Gegenwart. Sie stellen Fragen, bekommen Antworten und wenden sich dann wieder ihrem Spiel zu. Wenig später tauchen neue Fragen auf.
Körperkontakt gibt Sicherheit

  Muss man mit einem Kind ein ernstes Gespräch führen, sollte man für eine angemessene Gesprächsatmosphäre sorgen. Im Gegensatz zu Erwachsenen ist es vielfach hilfreich, Körperkontakt zum Kind zu halten: Umarmen Sie es, halten Sie seine Hand oder kuscheln Sie sich gemeinsam in eine Sofaecke. Manche Kinder fühlen sich noch sicherer, wenn sich der Erwachsene mit ihm in Augenhöhe unterhält.

  Physische Nähe vermittelt besser als alle Worte: „Wir beide sind jetzt hier zusammen, ich habe dich gern, du bist nicht allein.“
Wenn ein Kind keine Fragen stellt

  Nicht alle Kinder stellen viele Fragen. Vielleicht haben sie das Gefühl, dass ihre Fragen bereits beantwortet wurden. Schweigen kann aber auch ein Zeichen für Verunsicherung sein, ausgelöst durch die unbekannten und heftigen Gefühle, die die Erkrankung des Vaters oder der Mutter bei ihm hervorgerufen hat. 

  Erst wenn ein Kind dazu bereit ist, seine Gefühle mit den Eltern oder anderen Erwachsenen zu teilen, wird es sich nach und nach mit seinen Fragen an sie wenden.

  Die meisten Kinder werden ihre innersten Gefühle nicht offenbaren, wenn sie sich dazu gedrängt fühlen.

  Die Eltern können jedoch versuchen, anhand von einfachen Beispielen die Gesprächsbereitschaft des Kindes zu fördern: „Viele Kinder sind böse auf ihren Vater, wenn er krank ist“ oder „Viele Kinder glauben, dass sie daran Schuld sind, dass ihre Mutter krank ist.“ Das Kind kann daran erkennen, dass man ruhig über seine tiefsten Gefühle sprechen darf. In den meisten Fällen sollte es dann auch den Mut finden, sich selbst zu öffnen.

  Der – verständliche – Wunsch vieler Erwachsener, Kinder mit einer Aussage „Es wird schon alles gut“ zu beschwichtigen, wird auf Dauer keine zufriedenstellende Lösung bringen. In den meisten Fällen wird eine solche Antwort das Kind demotivieren und verunsichern, und es wird in letzter Konsequenz ganz aufhören, Fragen zu stellen



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