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ORIGINALBEITRAG

Kenntnisstand Selen - Ergebnisse des Hohenheimer Konsensusmeetings

Teilnehmer des Meetings:

H. K. Biesalski1, M. M. Berger, P. Brätter, R. Brigelius-Flohe, P. Fürst, J. Köhrle, O. Oster, A. Shenkin, B. Viell, A. Wendel

1Universität Hohenheim, Institut für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft, Stuttgart

Vorbemerkung

Die Diskussion um gesicherte oder erwünschte bzw. propagierte Wirkungsweisen des Spurenelementes Selen haben zu einer zunehmenden Verunsicherung der Allgemeinbevölkerung geführt und gleichzeitig von einem möglichen präventiven Gesundheitsschutz dieses essentiellen Elementes abgelenkt.

Um Klarheit in die widersprüchlichen Aussagen und Interpretationen zu Bedarf und Wirkungsweise von Selen zu bringen, haben sich zehn Experten auf dem Gebiet der Selenforschung im Rahmen der Hohenheimer Konsensusgespräche am 2./3.12.1995 getroffen. Auf der Basis gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse wurden elf kritische Fragen erörtert und im gemeinsam erzielten Konsens beantwortet. Der folgende Beitrag stellt die Fragen und Konsensusantworten zusammen, die durch einen erklärenden Begleittext ergänzt werden.

Grundlagen

1. Welche metabolische und physiologische Funktion hat bioverfügbares Selen?

Wir kennen bisher zwölf Selenproteine beim Menschen.

Von zwei Enzymfamilien, d. h., den Peroxidasen und Dejodasen, sind biochemische Funktionen beim Menschen bekannt.

I. Glutathionperoxidasen
   Reduktion von Hydroperoxiden exogener und endogener Natur durch Glutathionperoxidasen, die    Selenozystein enthalten.

II. Dejodasen
   Aktivierung und Deaktivierung von T4 bzw. T3 durch Dejodase-Isoenzyme, die Selenozystein    enthalten.

Darüber hinaus gibt es eine Reihe weiterer Selenozysteinenthaltende Proteine, deren Funktion noch unbekannt ist.

Unsere gegenwärtigen Vorstellungen zur physiologischen Rolle von Selen begründen sich auf zwei verschiedene Denkansätze:

a) Beobachtungen am Menschen bei Ernährungsweisen, die einen Selenmangel erzeugen. Vor allem in China wurde die sog. Keshan-Krankheit, d. h., eine endemische Kardiomyopathie bei Kindern und Jugendlichen als akute Verlaufsform, und die sog. Kashin-Beck-Krankheit, d. h., eine Osteoarthropathie mit Zwergwuchs als chronische Verlaufsform, beobachtet. Diese Befunde können dahingehend interpretiert werden, dass unter Selenmangelernährung eine Organschädigung des Herzens oder chronisch entzündliche Prozesse in den Gelenken, verbunden mit Wachstumsstörungen, auftreten. Diese Aussage ist dadurch limitiert, dass andere Variablen außer Selenaufnahme (z. B. genetische Prädispositionen, Fehlernährungen anderer Art, Belastungen mit organischen oder anorganischen Noxen sowie virale und bakterielle Noxen) nicht in die Betrachtung eingehen. Eine in diesem Zusammenhang bedeutende Beobachtung machten Beck u. Mitarb. [11], die bei selendefizienten Mäusen feststellten, dass ein sonst benignes avirulentes Coxsackievirus zu einer schweren Myokarditis führte. Wurde das Coxsackievirus aus dem Herzmuskel der erkrankten (selendefizienten) Tiere isoliert und bei seiensuffizient ernährten Tieren inokkuliert, so erkrankten auch diese an einer schweren Myokarditis, während eine direkte Inokkulierung mit dem Virus, also ohne vorangegangenem Kontakt mit den selendefizienten Mäusen, keine Myokarditis erzeugte. Als Ursache für diese "erworbene" Virulenz konnten die Autoren eine Veränderung am viralen Genom nachweisen, d. h., das nutritive Selendefizit hat durch Veränderung am Genom des sonst avirulenten Coxsackievirus zur Virulenz geführt. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass gemäß dem Umkehrverbot eines Analogschlusses nicht gefolgert werden kann, dass Herzerkrankungen oder entzündliche Gelenkerkrankungen, die nicht auf Selenmangel zurückzuführen sind, durch eine Zufuhr von zusätzlichen Selenmengen verhindert werden können.

b) Die primären Befunde über das Glutathionperoxidasesystem als Maschinerie zur Eliminierung exogener und endogener Hydroperoxide wurden bestätigt und erweitert. Damit erfüllt bioverfügbares Selen, in Form von Selenozystein gezielt in Protein eingebaut, einen spezifischen Teil der antioxidativen Abwehr von Säugetierzellen.

In den letzten Jahren wurden eine Reihe weiterer selenozysteinhaltiger Proteine mit unklarer Funktion bei höheren Vertebraten identifiziert. Im Blut zirkuliert ein, bis zu zehn Selenozysteinreste enthaltendes, glykosiliertes Selenprotein P, welches von der Leber sezerniert und in vielen anderen Geweben und Zellen exprimiert wird. Dieses Protein wird ebenfalls durch den Selenstatus moduliert und ist möglicherweise an Redoxreaktionen oder am Selentransport beteiligt [2]. Ein weiteres, drei Selenzysteylreste enthaltendes Protein mit unbekannter Funktion wurde ursprünglich in der Mitochondrienkapsel der Spermien identifiziert [3], jedoch konnte die Selenoprotein-Charakteristik nicht bestätigt werden [6]. An der Spermienreifung ist auch noch das durch Gonadotropin regulierte Selenprotein Phospholipid-Glutathionperoxidase beteiligt [4, 5]. Im Skelettmuskel, dem größten Selenspeicher, wurde ein 9 kDa-Selenprotein W nachgewiesen [6]. Vor kurzem wurden auch die Thioredoxinreduktase (TRR) und eine Selenophosphatsynthase (Sei D2) als selenozysteinhaltige Proteine beschrieben. Aus biosynthetischer Markierung von Selenproteinen unter Selenmangelbedingungen sind noch eine Vielzahl weiterer selenhaltiger Proteine zu erwarten. Die beobachtete Hierarchie der Selenversorgung unter Selenmangelbedingungen bzw. Repletion zwischen Organen und intrazellulär zwischen verschiedenen Selenproteinen lässt erwarten, dass Auswirkungen des massiven Selenmangels essentielle Vitalfunktionen wie Regulation des Schilddrüsenhormonhaushalts oder Spermatogenese erst spät beeinträchtigen.

Biologische Funktion von Selen im Schilddrüsenhormonstoffwechsel

Die Aktivierung des Prohormons Thyroxin (T4) zum biologisch aktiven Schilddrüsenhormon 3,3, 5 Trijodthyronin (T3) wird durch die Typ 1- und Typ 11-5-Dejodasen katalysiert. Die enzymatische Inaktivierung des T4 zu 3,3, 5-Trijodthyronin (reverse T3, rT3) und des aktiven T3 zu 3,3-T2 erfolgt durch ein weiteres Isoenzym, die 5-Dejodase (Typ III) oder in der Leber durch die Typ 1-5-Dejodase. Die Typ I-5-Dejodase und die 5-Dejodase enthalten im aktiven Zentrum einen an der Reaktion beteiligten Selenozysteinrest, während die Typ lI5-Dejodase möglicherweise kein Selenprotein ist. Diese Isoenzyme sind gewebespezifisch in sehr niedrigen Konzentrationen exprimiert und werden unterschiedlich durch Hormone, Neurotransmitter, Zytokine, Kohlenhydratzufuhr und Selenstatus reguliert [7, 8]. Unter Selenmangelbedingungen wird im Tierversuch eine starke Abnahme der Expression und der Aktivität der Typ 1-5-Dejodase in den wichtigsten Produktionsorganen für zirkulierendes T3, Leber und Niere, nicht jedoch in der Schilddrüse gefunden. Daraus resultiert eine Abnahme der zirkulierenden T3-Konzentrationen, verbunden meist mit einem leichten T4-Anstieg durch den verringerten T4-Metabolismus [7-12]. Bisher ist unklar, ob beim Menschen eine Selendepletion in dem Maße auftreten kann, dass die Produktion von T3 beeinträchtigt wird, da es auch Befunde für eine Hierarchie der Selenverteilung zugunsten der Typ I5-Dejodase und anderer essentieller Sefenproteine unter Mangelbedingungen gibt [7-91]. Möglicherweise sind jedoch beobachtete Veränderungen des Schilddrüsenhormonstatus zu Ungunsten des aktiven Hormons T3 auf eine Aktivitätsabnahme der Typ 1-5-Dejodase durch Störung der hepatischen Selenaktivierung und -bereitstellung zurückzuführen, z. B. unter Bedingungen des Nieder-T3-Syndroms, bei dem die T3-Produktion durch die Leber verringert ist, bei diätetisch bedingtem Selenmangel (PKU-Diät) und bei gastrointestinal oder durch zystische Fibrose verursachten Selenresorptionsstörungen [11, 12]. Berücksichtigt werden sollte bei diesen Überlegungen, dass bei Kindern die Selenspeicher wesentlich niedriger als bei Erwachsenen sind.

Ein wesentlicher Erkenntniszugewinn wurde durch die Identifizierung der Dejodasefamilie als Selenoenzyme erreicht. Obgleich die Rolle dieser gewebespezifisch exprimierten Enzymfamilie für den lokalen oder systematischen Schilddrüsenhormonstoffwechsel nicht in allen Einzelheiten so bekannt ist, dass der Einfluss von Aktivitätsänderungen dieser Enzymfamilie auf den Schilddrüsenhormonstoffwechsel den einzelnen Enzymen zuzuordnen ist, können nun gezielte Untersuchungen über die Wirkung selenabhängiger bzw. unabhängiger Aktivitätsänderungen dieser Enzyme auf den Schilddrüsenstoffwechsel erfolgen. Ähnliches gilt für die Rolle von Selenoprotein P, einem extrazellulären Selenoprotein, das im Plasma die überwiegende Menge von Selen enthält. Damit ergibt der tierexperimentelle Ansatz nur auf begrenztem Gebiet Auskunft über die physiologische Rolle von Selen.

2. Welche Rolle spielt Selen bei "oxidativem Stress"?

In der Nahrung vorkommende Selenverbindungen wirken selbst nicht als Antioxidantien.

Selen wirkt im aktiven Zentrum der Glutathionperoxidase (GPx) als Katalysator für ein im menschlichen Organismus vorkommendes Antioxidans, nämlich reduziertes Glutathion. Über diesen Mechanismus ist Selen am antioxidativen Schutz beteiligt. Ob eine zusätzliche Zufuhr von Selen zu einer Verbesserung des antioxidativen Schutzes beim gesunden unbelasteten Erwachsenen führt, ist derzeit nicht hinreichend gesichert.

Vier der zwölf bekannten Selenproteine sind Glutathionperoxidasen (GPx): die zytosolische GPx, die erstmals 1957 von Mills [13] beschrieben, 1973 als erstes Selenprotein identifiziert wurde und die heute die klassische GPx heißt; die Phospholipid-Hydroperoxid-Glutathionperoxidase (PH-GPx) [4, 14], die Plasma-GPx (ugPx) [15] und eine gastrointestinale GPx [16]. Alle vier sind kloniert und sequenziert, von der cGPx ist die Röntgenstruktur bekannt. Das aktive Zentrum aller Glutathionperoxidasen besteht aus einer Triade von Selenozystein, Tryptophan und Glutamin. Hier findet die Reduktion der Hydroperoxide statt. Das Selen am Selenozystein wird dabei oxidiert und in nachfolgenden Schritten von GSH wieder reduziert, so dass sich die Aktivität durch folgende Reaktionsgleichung ausdrücken lässt:

ROOH + 2 GSH - ROH +GSSG + H20

Die Spezifität gegenüber den Peroxidsubstraten ist unterschiedlich. Die cGPx reduziert nur lösliche Hydroperoxide, die ugPx und die PH-GPx reagieren auch mit Hydroperoxiden in komplexen Lipiden, wie Phospholipiden oder Membranbestandteilen [17], und nur die PH-GPx reduziert Cholesterinhydroperoxide [18].

Die verschiedenen Glutathionperoxidasen sind in ihrer Aktivität unterschiedlich abhängig von der Verfügbarkeit von Selen. Während die cGPx relativ schnell auf Selenmangel anspricht und Aktivität verliert, bleibt die Aktivität der PH-GPx auch unter schwerem Selenmangel erhalten. Umgekehrt wird bei Wiederverfügbarkeit von Selen zuerst die Aktivität der PHGPx restauriert, erst später normalisiert sich die der cGPx [19].

Aus der unterschiedlichen Reaktion auf die Selenverfügbarkeit, die unterschiedliche Verteilung in den Organen und in der Zelle selbst, ergibt sich je nach Lokalisation für jede individuelle GPx eine unterschiedliche Selenkonzentration, bei der maximale Aktivität erreicht wird. So ist z. B. die Plasma-GPx bei einer Serumselenkonzentration von ca. 0,86 uM maximal aktiv, die cGPx in Blutplättchen bei einer Konzentration von 1,25-1,45 und die cGPx aus Erythrozyten erst bei einer Konzentration von ca. 1,77 uM [20]. Hieraus wird klar, dass ein erheblicher Forschungsbedarf besteht, um Aussagen über die Auswirkungen einer erhöhten, aber noch nicht toxischen Aufnahme von Selen beim gesunden Erwachsenen bez. seines antioxidativen Schutzes zu treffen.

3. Wie sicher ist die Datenlage bez. der karzinoprotektiven Wirkung des Selens?

Es existieren keine pro-spektiven kontrollierten Humanstudien, die einen Schutzeffekt vor Krebs belegen. Um solche Effekte zu belegen, sind kontrollierte Interventionsstudien erforderlich.

Um eine karzinoprotektive oder antikarzinogene Wirkung von Selen zu sichern, muss neben einem Wirkungsnachweis ein Wirksamkeitsnachweis erbracht werden. Obwohl man sich die Wirkungsweise von Selen aufgrund der biochemischen Datenlage im Sinne einer Unterbrechung radikal-induzierter Kettenreaktionen, die zu DNA-Schäden führen, vorstellen könnte, ist ein Wirksamkeitsnachweis, nach den Richtlinien wie sie für Arzneimittel vorgeschrieben sind, nicht erbracht. Dazu gehört eine meist an mehreren Zentren durchzuführende, doppelblinde klinische prospektive Langzeitstudie, d. h., Auswahl der Risikogruppen, Ein- und Ausschlusskriterien, Randomisierung, Beobachtungszeit, zu erwartende Reduktion des Risikos und die Art der Auswertung müssen hinterlegt sein. Was bisher zum Thema Selen und karzinoprotektive Wirkung vorliegt, sind retrospektiv erhobene epidemiologische Korrelationen oder bestenfalls retrospektive offene Studien [21]. Dies ist unzureichend, um bei einer erwiesenermaßen toxischen Verbindung wie bioverfügbarem Selen das Risiko-/Nutzen-Verhältnis verlässlich abschätzen zu können.

Nach Abschluss des Konsensusmeetings wurde eine multizentrische doppelblinde Interventionsstudie [53] veröffentlicht, die an 1312 Probanden zu dem Ergebnis kommt, dass eine Supplementierung von 200 ug Selen versus Plazebo zu einer signifikanten Verringerung der Krebsinzidenz um 39% und der Mortalität um 48% führt. Betroffen waren in erster Linie Lungen-, Prostata-, Kolon- und Rektumkrebs. Wenngleich diese Ergebnisse alle bisherigen Resultate anderer Studien (z. B. Linxian) übertreffen, so sind sie doch mit gewisser Zurückhaltung zu interpretieren. So wurden im Verlauf der langdauernden Studie weitere sekundäre Studienziele definiert, nachdem sich für das primäre Studienziel Hautkrebs während des Studienverlaufes keine Veränderung der Inzidenz gezeigt hatte. Da die Studie nicht für die Untersuchung dieser Sekundärziele ausgelegt war, bedürfen die Nebenergebnisse der Überprüfung. Bei den 25% teilnehmenden Frauen hat sich keine Reduktion des Brustkrebses gezeigt, obgleich aus tierexperimentellen und In-vitro-Daten ein hemmender Einfluß des Selens auf Brustkrebs beschrieben wird. Ein allgemeiner, von den Autoren postulierter Mechanismus des Selens auf DNA-Schäden bzw. Apoptose erklärt nicht die scheinbare Spezifität auf die Hemmung bestimmter Krebsarten. Auf keinen Fall kann aus den Beobachtungen eine generelle Krebsprophylaxe durch Selen abgeleitet werden. Es müssen weitere kontrollierte Studien durchgeführt werden, um die Frage der Bedeutung des Selens in der Prävention von Krebs beurteilen zu können.

Humanernährung

4. Kann angenommen werden, dass der tägliche Selenbedarf des Menschen durch die übliche europäische Kost gedeckt werden kann?

Die Zufuhr, die zu normalen Selenplasmaspiegeln (>50ug/1) führt, kann durch normale mitteleuropäische Kost erreicht werden (VERA-Studie). Ein wesentlicher Anteil entfällt dabei auf tierische Proteine, die infolge Supplementierung des Futters reich an Selen sind. Plasmaspiegel > 50ug/l werden mit einer Zufuhr von 0,67 ug Selen pro kg Körpergewicht erreicht.

Es kann angenommen werden, dass der tägliche Selenbedarf des Menschen durch die übliche westeuropäische Kost gedeckt ist. Für die osteuropäischen Länder kann das bisher nicht eindeutig beantwortet werden, weil zu wenig Daten vorliegen hinsichtlich der nutritiven Aufnahme von Selen, aber z.T. über niedrige Selenkonzentrationen im Serum/ Plasma und Vollblut berichtet wird.

Die Hauptquelle für Selen ist tierisches und pflanzliches Eiweiß. Dabei ist der Selengehalt der Nahrungsquellen abhängig von der Selenaufnahme der Pflanzen und Tiere selbst. Pflanzen nehmen Selen aus dem Boden auf, d. h. ihr Selengehalt ist abhängig vom Selengehalt der Böden. Deutschland ist wie Dänemark, Ostfinnland oder Neuseeland ein "Selenmangelland". Das macht sich bemerkbar im relativ niedrigen Selengehalt verschiedener Brotsorten (1-2 ug/100g Brot) im Vergleich zu Broten, die mit Getreide aus dem "Selenland" Kanada gebacken wurden und die bis zu 60 ug Selen/100g enthalten [22, 23, 24].

Tiere akkumulieren Selen auch aus selenarmem Futter, ebenso wie aus dem Wasser. Deshalb ist unsere Hauptselenquelle tierisches Eiweiß. Fische enthalten zwischen 25 und 50 ug Selen/100g, Fleisch 3-30 ug/1OOg, Eier 10-40 ug/1OOg und Milch 4-1O ug/l00g [22, 23, 24]. Folglich stellen tierische Lebensmittel unsere Hauptselenquelle dar.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass in der Europäischen Union die Addition von Selen zu Tierfutter (in der Regel Kraftfutter bei Schweinen und Geflügel) bis zu 500 ug Se/kg erlaubt ist, was auch Anwendung findet. Wie weit dies in den osteuropäischen Ländern geschieht, ist bisher nicht zu recherchieren. In der ehemaligen DDR wurde z. B. kein Selen zum Tierfutter gegeben. In den westeuropäischen Ländern der EU werden Serum/Plasmaspiegel gemessen, die mit über 50 ug/1 (Bundesrepublik 53-120 ug Se/1) durch die normale gemischte Kost erreicht werden.

In den westeuropäischen Ländern haben Meeresfische, das Ei sowie Hühner- und Schweinefleisch einen hohen Selengehalt. Obst und Gemüse enthält sehr wenig Selen. Die tägliche Selenaufnahme des Bundesbürgers wurde mit 47Iig Se für den Mann und 38 ug Se für die Frau ermittelt; ca. 65% der Gesamtselenaufnahme wird durch tierisches Eiweiß wie Fisch, Eier oder Fleisch getätigt [23, 24]. Die mit der Nahrung in der Bundesrepublik aufgenommene Selenmenge liegt in dem Bereich, der von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlen wurde (20-100 ug Se/Tag) [25]. Der National Research Council der USA empfiehlt 1 ug Se/kg Körpergewicht pro Tag [26]. Der Bundesbürger, der im Schnitt 0,67 ug Se/kg Körpergewicht aufnimmt [23, 24], erreicht die in den USA empfohlene Selenaufnahme zum größten Teil nicht, obwohl dies auch aus bundesrepublikanischer Sicht wünschenswert wäre. In der Bundesrepublik liegt keine endemisch vorkommende klinische Symptomatik vor, die einem Defizit von Selen in der Nahrung zuzuordnen ist.

Neben den geographisch bedingten Schwankungen des Selengehaltes der Nahrungsquellen spielen individuelle Ernährungsgewohnheiten eine Rolle. Beispielsweise nehmen Personen, die sehr viel Fisch essen (Japaner) auch viel Selen auf. Am ehesten vom Risiko einer Unterversorgung betroffen sind möglicherweise Vegetarier, vor allem die, die auch keine Eier und Milchprodukte zu sich nehmen (Veganer). In einer unlängst erschienenen Literaturübersicht [27] sind vergleichende Zahlen für die Selenaufnahme von Vegetariern und mit üblicher Mischkost ernährten Personen zu finden: In Schweden nehmen Veganer mit 9,6 ug/Tag deutlich weniger Selen zu sich als mit üblicher Mischkost Ernährte (64lig/Tag). In den USA dagegen unterschied sich die Selenaufnahme beider Gruppen nicht wesentlich. Es ist demnach nicht sehr wahrscheinlich, dass Vegetarier speziell einem Risiko des Selenmangels unterliegen. Auch wurde bisher nicht über spezifische Selenmangelkrankheiten bei Vegetariern berichtet. Etwas anders dürfte die Situation bei den Veganern sein, allerdings liegen entsprechende Untersuchungen noch nicht vor.

5. Gibt es sichere Biomarker für ein Selendefizit?

a) Pathologische Manifestation des Selendefizits

Ein Selendefizit ist für die Pathogenese der Keshan-Disease eine notwendige aber nicht hinreichende Voraussetzung. Bei Selendefiziten z.B. in Folge TPN (Total Parenteral Nutrition), werden auch Myopathien beobachtet. Das Auftreten dieser Myopathien ist aber nicht obligat.

Beim endemischen myxödematösen Kretinismus werden ursächlich Selendefizite in Gebieten mit Selenmangel diskutiert.

b) Indikatoren des Selendefizites

Die Erniedrigung der Serumselenspiegel ist zwar ein Indikator für eine niedrige Zufuhr an Selen, korreliert jedoch nicht unbedingt mit Aktivitätseinschränkung der GPx-Funktion. Diese tritt erst bei Selenspiegeln < 50ug/1 ein. Diese Selenspiegel werden bei in Deutschland üblicher Kost (Proteinanteil 22 15%) erreicht. Bei besonderen Ernährungsformen (z.B. Veganer) sind niedrige Spiegel zu beobachten (60).

Aus Tierversuchen lässt sich entnehmen, dass ein durch GPx-Mangel dokumentiertes Selendefizit im weiten Bereich kompensiert werden kann.

Auch andere Indikatoren (z.B. Schilddrüsenhormone, Selen im Urin, immunologische Parameter) erlauben bisher keine sicheren Hinweise auf einen funktionell bedeutsamen Selenmangel. Insbesondere sind Analysen von Selen in Haaren und Nägeln nicht zu empfehlen.

Trotz aller Unklarheiten ist die Analyse der Gesamtselenkonzentration im Serum und im Erythrozyten (bezogen auf Hb) ein verläßlicher Indikator für den mittel- bzw. langfristigen Selenstatus.

Endemisch bedingte extreme Selenmangelzustände, wie bei Keshan-Erkrankung (China) oder myxödematösem Kretinismus (Zaire), sind in Mitteleuropa unbekannt.

Als geeignete Biomarker für eine adäquate Selenversorgung werden die Aktivitäten der Glutathionperoxidasen, insbesondere die der Plasma-GPx diskutiert. Es gibt allerdings noch wenig Studien, die den Selenspiegel mit der Aktivität der einzelnen Glutathionperoxidasen vergleichen, so dass noch nicht mit abschließender Sicherheit gesagt werden kann, ob und welche GPx aus welchem Kompartiment als bester Biomarker herangezogen werden kann.

Wie für alle diagnostischen Parameter gibt es auch für Selen keinen 100%igen sicheren Marker für ein Defizit.

Es ist jedoch erwiesen, dass ein nutritiver Selenmangel sich in einer niedrigen Konzentration der Selenwerte im Plasma und Erythrozyten sowie anderem biologischen Material ausdrückt. Die Plasmakonzentration und die Selenkonzentration in Erythrozyten sind die bisher besten (trotz aller Einschränkungen) evaluierten Parameter zur Bewertung des Selenstatus. Man kann unterscheiden zwischen einem mittelfristigen (Plasmaselen) und langfristigen (Erythrozytenselen) subnormalen Selenstatus. Die Glutathionperoxidase im Plasma - ein Parameter, der im Prinzip an klinisch-chemischen Analysen automatisierbar ist - korreliert bei normalen Selenkonzentrationen im Plasma nur schwach mit der Selenkonzentration im Plasma. Bei Selenkonzentrationen < 50lig Se im Plasma werden deutliche signifikante Zusammenhänge zwischen der Plasma-Glutathionperoxidaseaktivität und der Selenkonzentration im Plasma gefunden [24].

Niedrige Selenkonzentrationen im Plasma und niedrige Glutathionperoxidaseaktivitäten im Plasma werden erreicht bei durchschnittlicher bundesrepublikanischer Kost, die Protein aus tierischen Quellen ausschließt (z. B. Veganer) [60].

Im Rahmen einer größeren Untersuchung einer Arbeitsgruppe in Homburg wurde der durchschnittliche Selengehalt im Serum mit 71±171ig/l Serum ermittelt (24-204ug/1) [22]. Nur ca. 10% der untersuchten Personen hatten einen Serumselengehalt von unter 50 ug/l. Aus der durchschnittlichen Serumkonzentration wurde eine durchschnittliche Aufnahme von 46 ug Selen pro Tag berechnet. Damit würde die empfohlene Zufuhr von 1 ug/kg Körpergewicht und Tag nicht erreicht werden.

Drastische Selenderizite in der Nahrung, wie sie in den westeuropäischen Ländern unter normalen Bedingungen nicht vorkommen, können wie die Pathogenese der Keshan-Disease zeigt, zu Kardiomyopathien führen [28]. Für die Keshan-Disease ist ein Selenmangel eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung. Extremer Selenmangel in den westeuropäischen Ländern ist bei langzeitparenteraler Ernährung möglich, da die verwendeten Lösungen üblicherweise kein Selen enthalten. Klinische Symptome bei parenteraler Ernährung, die auf Selenmangel zurückzuführen sind, sind Makrozytose, Pseudoalbinismus, gestreifte Fingernägel und Myopathien, die so schwer sein können, dass das Gehvermögen deutlich eingeschränkt ist [29]. Vereinzelt ist auch berichtet, dass Kardiomyopathien, die bei TPN auftreten und auf Selenmangel zurückzuführen sind, z.T. durch Selengaben rückgängig gemacht werden können (30).

6. Erscheint eine Anreicherung spezifischer Lebensmittel oder aber von Ackerböden (Finnland) mit Selen sinnvoll?

Es gibt bereits eine "Anreicherung" unserer Ernährung über die tierische Nahrungskette (z. B. Zusatz von Selen zum Kraftfutter). Eine darüber hinausgehende Anreicherung unserer Lebensmittel oder Ackerböden erscheint gegenwärtig nicht notwendig.

Viele pflanzliche und tierische Nahrungsmittel werden von Mensch und Tier gleichermaßen genutzt, d. h., die Selengehalte der Tiernahrung hängen von denselben Faktoren ab, wie z. B. der Selengehalt der Böden. Da durch die moderne Tierhaltung Tiere ihre Nahrung nicht selbst beeinflussen können und im verwendeten Futter oft keine ausreichenden Selenmengen enthalten sind, wird das Tierfutter mit Selenit supplementiert, insbesondere das für Geflügel und Schweine, da hier kein (selenreiches) Fischmehl verwendet wird. Durch den Verzehr von Geflügel und Schweinefleisch werden wir somit automatisch supplementiert.

Die Selenaufnahme in Deutschland liegt mit durchschnittlich 40 ug in Mainz [23] unter der Empfehlung von 1ug/kg Körpergewicht und Tag. Dies ist aber nur für die hier untersuchte Stadt Mainz in Deutschland zutreffend. Eine Anreicherung der Ackerböden mit Selen - wie sie seit 1984 in Finnland praktiziert wird - ist deshalb derzeit nicht zu empfehlen. Insbesondere auch deshalb, weil in Deutschland bisher keine ernsthaften Krankheiten beobachtet wurden, die durch eine generelle Unterversorgung mit Selen verursacht sind. Wir wissen wenig darüber, welche Auswirkungen eine Versorgung mit hohen Selendosen über längere Zeit hat - insbesondere stehen die Ergebnisse der erhöhten Selenaufnahme in Finnland noch aus -, wie die Bioverfügbarkeit der organischen und anorganischen Selenverbindungen beim Menschen ist und welche Interaktionen mit anderen Nahrungsbestandteilen zu erwarten sind.

Im Tierexperiment haben sich anorganische Selenverbindungen wie Natriumselenit, -selenat oder Selendioxid als wirksam gegen, durch Selenmangel verursachte, Schädigungen erwiesen. Auch organische Selenverbindungen wie Selenozystein und Selenomethionin, wie sie in Proteinen vorkommen, sind wirksam. Allerdings ist die Bioverfügbarkeit in Ratten und Hühnern unterschiedlich[31]. Selenomethionin wird nach statistischen Gesichtspunkten statt Methionin in Proteine eingebaut [32], Übersicht bei Burk u. Hill [33], so dass dieses Selen zunächst nicht in einer biologisch sinnvollen Weise zur Verfügung stehen dürfte. Für den Menschen liegen entsprechende Untersuchungen nicht vor.

7. Gibt es Gruppen mit "kritischer" Selenzufuhr?

Es gibt:

- Gruppen mit erhöhtem Bedarf (Stillende, Heranwachsende)
- Gruppen mit niedriger Zufuhr: Veganer und bei energie- und proteinreduzierter Kost (z. B. Reduktionsdiät, alte Menschen, einseitige Kost).

Eine therapeutische Intervention ist erst dann indiziert, wenn Plasmaspiegel < 50ugll beim Erwachsenen und < 25ugll beim Heranwachsenden gemessen werden.

Gruppen mit erhöhtem Bedarf

Es gibt Gruppen mit erniedrigtem Serum-Se-Spiegel mit verschiedenen Grundkrankheiten (Tab.1). Über Ursache der Erniedrigung sowie Notwendigkeit einer Supplementierung besteht derzeit keine Klarheit. Hier besteht nicht nur die Gefahr eines Selenmangels, sondern generell die Gefahr einer Unterversorgung mit allen Vitaminen und Spurenelementen, insbesondere den Vitaminen des B-Komplexes.

Vitamin B6 ist z. B. beteiligt an der Verwertung von Selen aus Selenomethionin (Zystathioninsynthase, Zystathioninlyase), so dass bei Mangel an diesen Vitaminen auch Selen aus Selenomethionin nicht genutzt werden kann. So wurde eine verminderte GPx-Aktivität in humanen Lymphoblasten gefunden, die einen Defekt in oben beschriebenem Stoffwechselweg hatten. Zugabe von Vitamin B6 erhöhte die selenomethionin-induzierte GPx-Aktivität in diesen Zellen beträchtlich [34]. Über welchen Mechanismus dies geschieht, ist nicht bekannt. Das entstehende Selenozystein wird nach dem derzeitigen Kenntnisstand nicht direkt in GPx eingebaut, sondern erfordert ein kompliziertes Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die bei Prokaryonten gut untersucht sind [35] und beim Menschen derzeit erforscht werden [36]. Dies ist nur ein Beispiel für das Zusammenspiel aller Nahrungskomponenten. Grundsätzlich ist bei Reduktionsdiät auf eine ausreichende Zufuhr von allen Vitaminen und Spurenelementen zu achten.

Einseitige Ernährung, die verschiedenste Ursachen haben kann, beinhaltet das Risiko einer Unterversorgung mit Selen. Einseitig ernähren sich gezwungenermaßen Personen mit niedrigem Einkommen, Arme und Obdachlose, die nicht die finanziellen Möglichkeiten haben, ausreichende Nahrung zu kaufen und zuzubereiten, und in zunehmendem Maße ältere Menschen, vor allem wenn sie sich allein versorgen müssen, aber auch sog. "Manager", d. h., Personen, die glauben, aus Zeitmangel nicht ausgewogen essen zu können. Systematische Untersuchungen, wer unter den Ernährungsbedingungen der Bundesrepublik zu einem Selenmangel neigt, gibt es bisher nicht. Aus Einzelbefunden, aus der Erfahrung bei Mangel von anderen Spurenelementen sowie aufgrund der Kenntnisse des renalen und fäkalen Ausscheidungsverhaltens von Selen können die in Tab.1 zusammengestellten Risikogruppen formuliert werden [61]. Gruppen mit erhöhtem Bedarf sind vor allem Stillende.

8. Besteht ein Zusammenhang zwischen Selenzufuhr und koronarer Herzkrankheit?

Bisher ist ein solcher Zusammenhang nicht eindeutig erwiesen.

Es gibt jedoch einige Studien, die auf die Möglichkeit solcher Zusammenhänge hinweisen [37, 38, 39]. Eine wissenschaftliche gesicherte Erkenntnis oder gar Empfehlungen können jedoch daraus nicht gezogen werden.

Indikationen

9. Welche klinischen (gesicherten) Indikatoren für die Anwendung von Selen gibt es?

Bei vollständig parenteraler Ernährung müssen alle Nährstoffe suppiementiert werden, auch Selen. Enterale Diäten enthalten im allgemeinen ausreichende Selenkonzentrationen. Bei Spezialdiäten sollte auf Höhe des Selenzusatzes geachtet werden.

Es gibt klinische Situationen mit erniedrigtem Selenplasmaspiegel. Ob hier durch eine gezielte Selenzufuhr die Situation verbessert werden kann, muss abgewartet werden.

Es gibt auch pathologische Zustände mit Selenverlusten (z. B. Diarrhöen, Schwerverbrennungen, Polytrauma, nephrotisches Syndrom, Dialysetechniken), bei denen auf eine Aufrechterhaltung des Selen-Bestandes geachtet werden muss. Dies kann durch Kontrolle des Plasmaselens erfolgen.

Die ersten menschlichen Selendefizite hat man bei TPN nachgewiesen [40]: das klinische Bild besteht aus einer reversiblen schmerzhaften Myopathie, Pseudoalbinismus, Makrozytosie [41] und einigen Fällen einer der Keshan-Krankheit ähnlichen Kardiomyopathie [42]. Es gibt keinen Zweifel über die Essentialität von Selen, dessen Zufuhr zu jeder vollwertigen Ernährung gehört. Wegen der Unterschiedlichkeit der Verluste werden intravenöse Ergänzungen 0,01 pmol/ kg KG für Erwachsene und 0,025 gmol/kg KG für Kinder empfohlen [43]. Die meisten enteralen Ernährungspräparate enthalten 40-100 ug Se/L: wenn es keine Zusatzverluste gibt, sind diese Mengen ausreichend, um den Normalbedarf zu decken. Einige modulare enterale Präparate (Kohlenhydrate, Fett, Eiweiß) sind Selendefizient: Selen muss zusätzlich zugeführt werden.

Selen nimmt an immunologischen Vorgängen teil: Plazebokontrollierte Ergänzungsstudien bei gesunden Menschen haben gezeigt, dass die Lymphozytenfunktion verbessert werden kann [44]: es ist noch nicht nachgewiesen, ob dieses bei Kranken klinische Folgen hat. HIV-Patienten [45], Intensivstationspatienten [46] und Patienten mit acute respiratory distress syndrome (ARDS) zeigen im Verlauf ihrer Krankheit erniedrigte Selenplasmaspiegel ohne nachgewiesene Verluste. Klinische Studien mit Kombinationen aus Selen- und anderen Antioxidantiensupplementen zeigen positive klinische Resultate [47], isolierte Selensupplementstudien sind dagegen noch nicht verfügbar.

Bei verschiedenen schweren Krankheitsbildern, wie nephrotischem Syndrom, Anwendung von Dialysetechniken [48], Polytrauma [49] und Schwerverbrennungen [50], ist der Selengehalt des Körpers akut geleert, wobei Umverteilungen von Selenpools mit großen Verlusten über die Ausscheidung als Ursache diskutiert werden. Hier muss Selen ersetzt werden. Bei Dialysepatienten [48] und nach Schwerverbrennungen [50, 51] sind die niedrigen Plasma-Selen-Spiegelwerte mit niedrigem Plasma- und Erythrozytenwerten verbunden. Supplementierungsstudien mit 150-500 lag Se/Tag erreichen eine Normalisierung verschiedener biologischer Funktionen [48, 51].

10. Ab welcher Dosis ist mit Nebenwirkungen zu rechnen?

Bei normaler mitteleuropäischer Kost können keine Selenüberdosierungen aus der Nahrung auftreten.

Selensupplemente, die 1 ug/kg KG und Tag übersteigen, sind unter ernährungsmedizinischen Aspekten nicht zu empfehlen. Wegen der Möglichkeiten der Überdosierung sollten darüber hinausgehende Dosierungen der ärztlichen Kontrolle unterliegen.

Ab 8 ug/kg KG ist bei längerdauernder Anwendung mit Nebenwirkungen zu rechnen.

Yang et al. haben in Gebieten in China mit Selenosis den sicheren Bereich der nutritiven Selenaufnahme mit 400 ug Se/Tag ermittelt und durch neuere Untersuchungen bestätigt [5, 52]. Die Autoren geben die obere Grenze (maximum individual safe level) mit 600 ug/Tag an.

11. Selenmangel und Schilddrüsenfunktion

Kombinierter schwerer Jod- und Selenmangel (< 10 ug/d) ist wohl die Ursache der Entstehung des myxödematösen Kretinismus, z. B. in gewissen Regionen in Zaire. Alleiniger schwerer Jodmangel führt zu neurologischem Kretinismus [55]. In einer Pilotstudie wurde versucht, eine Selen- oder jodsupplementierung in dieser Region bei Heranwachsenden durchzuführen. Hierbei zeigte sich, dass alleinige Selensupplementation ohne vorherige Beseitigung des schweren Jodmangels zu einer weiteren Verschlechterung des Schilddrüsenhormonstatus bis hin zum Myxödem führt [56, 57]. Durch die Zufuhr von Selen wurde offensichtlich über die Expression und Aktivierung der im schweren Selenmangel nicht aktiven Typ I-5-Dejodase in noch vorhandenen Schilddrüsenhormonpools in der Peripherie vermehrt, T4 und T3 dejodiert und freigesetztes Jodid durch die schon vorgeschädigte Schilddrüse nicht mehr ausreichend verwertet, sondern ausgeschieden. Unter dieser Situation des schweren Jodmangels scheint zusätzlicher Selenmangel während der Embryonalentwicklung und bei Kindern, die noch Reste aktiven Schilddrüsengewebes haben, protektiv zu sein [56]. Bei kombiniertem schwerem Jod- und Selenmangel wird durch die kontinuierliche TSH-Stimulation die H202-Produktion in der Schilddrüse erhöht und bei möglicherweise weniger gutem Schutz vor "oxidativem Stress" das Schilddrüsengewebe langsam zerstört [57, 58]. Bei mäßigem Jodmangel (ca. 30-50% der Bevölkerung in Deutschland) scheint eine zusätzliche Selenzufuhr keine negativen Effekte auf die Schilddrüsenfunktion zu haben [59]. Allerdings ist dies durch entsprechende Studien in Deutschland bisher nicht hinreichend gesichert. Aus Sicherheitsgründen sollte bis zum Vorliegen kontrollierter Studien auch in unseren Regionen trotzdem zuerst eine ausreichende Zufuhr des Spurenelements Jod (180-250 ug/d) vor Selensupplementation gewährleistet sein.

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Prof. Dr. med. H. K. Biesalski

Universität Hohenheim
Institut für Biologische Chemie
und Ernährungswissenschaft
Fruwirthstr.12
70599 Stuttgart

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