Verantwortlich:
R. Kluthe, Freiburg U. Rabast, Hattingen
Na-Glutamat
Eine
Standortbestimmung
H.
K. Biesalski, K. H. Bässler, j. F. Diehl, H. F. Erbersdobler,
P. Fürst, W. Hammes, O. Kempski, W. Müller, H.
Steinhart
Universität
Hohenheim, Stuttgart
Zusammenfassung:
In der Vergangenheit hat es immer wieder kontrovers diskutierte
Berichte über Nebenwirkungen von MSG gegeben. Aus diesem
Grund wurde ein „Hohenheimer Konsensus Gespräch“
zu den gesundheitlichen Effekten des MSG durchgeführt.
Mit dieser Arbeit werden die Daten vorgelegt, die sich mit
den gesundheitlichen Effekten des MSG befassen. 10 Fragen
wurden durch die Experten bearbeitet und im Konsens beantwortet.
Die Experten kamen auf der Basis publizierter Arbeiten zu
dem Ergebnis, dass MSG auch in hohen Dosen keine spezifischen
Nebenwirkungen aufweist. Weiter wurde festgestellt, dass
MSG zum Geschmack von Speisen beiträgt und daher ein
gut verwendbares Additiv der menschlichen Ernährung
darstellt. Nebenwirkungen, die in einzelnen „anekdotischen“
Artikeln beschrieben wurden, sind nicht in validierten Studien
bestätigt. Es gibt jedoch offensichtlich einige wenige
Menschen, die auf MSG überempfindlich reagieren. Diese
sollten MSG meiden. Für die allgemeine Bevölkerung
besteht jedoch kein Anlass auf MSG zu verzichten.
Vorbemerkung
Na-Glutamat
ist ein bedeutender Geschmacksverstärker und wird weltweit
eingesetzt. Da er der Ernährung zugesetzt wird, also
im eigentlichen Sinne einen Lebensmittelzusatzstoff darstellt,
kommt es immer wieder zu Diskussionen, ob der Zusatz von
Na-Glutamat unter Umständen gesundheitsschädlich
sein könnte. Es tauchen immer wieder Berichte auf,
die verschiedene Beschwerden im Zusammenhang mit Na-Glutamat
beschreiben und zu Verunsicherungen beim Verbraucher führen.
Um den Stand der Wissenschaft zu Chemie, Stoffwechsel, Toxikologie
und Anwendungsmöglichkeiten des Na-Glutamats zu evaluieren,
fand im Institut für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft
der Universität Hohenheim ein Konsensusgespräch
mit Experten auf dem Gebiet der Chemie und Wirkungsweise
des Glutamats statt. Ziel dieses Treffens war es, den Stand
der Wissenschaft zu erörtern und anhand vorgegebener
Fragen zu gemeinsamen Konsensusantworten zu kommen. Der
folgende Artikel stellt das Ergebnis dieses Konsensusmeetings
dar, wobei die Fragen fett, die Konsensusantworten kursiv,
und der erklärende Fließtext normal gedruckt
sind.
Definition
Glutamat
wird als Geschmacksverstärker eingesetzt, die Applikationsform
ist bevorzugt das Mono-Na-Salz, im amerikanischen als MSG
(Mono-Sodium-Glutamat) bezeichnet.
Das
Vorliegen der dissoziierten bzw. undissoziierten Form hängt
vom pH ab. Im sauren Bereich vorwiegend als Glutaminsäure
(Magen) im physiologischen Bereich (neutral bis alkalisch)
dissoziiert als Glutamat.
Im folgenden wird dabei immer von Glutamat gesprochen.
In
Proteinen liegt Glutamat ausschließlich in der L-Form
vor. Mikroorganismen, die in der Darmflora und in der Ernährung
vorkommen, enthalten auch die D-Form.
Für
Ernährungszwecke wird Mono-Natrium-L-Glutamat aus biologischen
Quellen durch Proteinhydrolyse oder Fermentation gewonnen.
Die
Gewinnung aus natürlichen Quellen durch Fermentation
stellt heute das quantitativ wichtigste Verfahren dar. In
der Vergangenheit erfolgte dies durch Proteinhydrolyse oder
Extraktion von Zuckerrübenmelasse und anschließender
Hydrolyse der Pyrolidoncarbonsäure, die in dieser Melasse
enthalten ist. Alle größeren Glutamathersteller
benutzen seit den 60-er Jahren Fermentation. Nur 1 oder
2 sehr kleine Fabriken in China verwendeten bis vor 2 oder
3 Jahren noch die Proteinhydrolyse.
Chemie
Glutamat
ist eine stabile Aminosäure, die als Na-Salz gut löslich
ist.
Proteine
weisen hohe Gehalte an Glutamat auf. Die Angaben in diversen
Veröffentlichungen sind jedoch widersprüchlich,
da Glutamin üblicherweise mitanalysiert wird.
Glutamat
(L-a-Aminoglutarsäure, L-a-Aminopentandi-säure),
abgekürzt Glu, besitzt am a-Kohlenstoffatom ein Asymmetriezentrum,
so dass zwei Konfigurationen möglich sind, die D- und
die L-Form. Da zwei Carboxyl- und eine Aminogruppe vorhanden
sind, besitzt das Molekül drei pK-Werte: pK1:
2,13, pK2: 4,32, pK3:
9,95. Die Verbindung ist chemisch stabil, in Wasser wenig,
in Ethanol schwer löslich und in Ether, Azeton, Eisessig
unlöslich. Die Säure bildet farblose Kristalle,
wobei die D-Form bei 213 °C, die DL-Form bei 224-225
°C und die L-Form bei 247-249 °C schmelzen. Alle
drei Formen zersetzen sich dabei.
In
Proteinen liegt Glut ausschließlich in der L-Form
vor. Auch die freie Aminosäure liegt in höheren
Organismen ausschließlich in der L-Form vor. Mikroorganismen,
auch solche, die in der Darmflora und in Lebensmitteln vorkommen,
enthalten als Zellwandbestandteile auch die D-Form.
Salze
und Ester der Glutaminsäure heißen Glutamat (Glu).
Das Mono-Natrium-L-Glutamat (Mononatriumglutamat), abgekürzt
MSG, liegt als Monohydrat und als weißes, kristallines
Pulver vor. Es ist im Gegensatz zu Glu in Wasser löslich,
nicht jedoch in Ethanol.
Herstellung
Glu
ist in fast allen Proteinen in größeren Mengen
vertreten: Die Aminosäure kann durch Hydrolyse von
Gluten und anderen Proteinen sowie aus Glutamin hergestellt
werden.
Die
ersten Herstellungsmethoden zur Gewinnung von Mono-Natrium-L-Glutamat
waren die Proteinhydrolyse oder die herstellung aus Zuckermelasse
(genauer von PCA in Melasse). Zwischen 1960 und 1968 wurde
diese Herstellungsmethode in fast allen Ländern der
Welt durch Fermentation ersetzt.
Chemisch
kann Glu durch katalytische Formylierung von Acrylnitril,
Oberführung des entstandenen Aldehyds über eine
Streckerreaktion in das Dinitril der Glu und anschließender
Verseifung zum Racemat gewonnen werden. Die Racemattrennung
erfolgt durch Animpfen einer gesättigten Lösung
von D-L-Glutaminsäure mit der L-Form. Die chemische
Synthese spielt heute in der Praxis keine große Rolle
mehr.
Chemische
Syntheseprozesse wurden entwickelt, um racematische Gemische
(D- und L-Form) herzustellen. Ziel ist, dadurch verstärkt
die D-Form in die L-Form umzuwandeln. Diese
Methode war nie konkurrenzfähig und wurde nicht dazu
benutzt, L-Glutamat für den Lebensmittelbereich herzustellen.
Verschiedene
Mikroorganismen wie Brevibacterium favum, Brev roseum, Brev
saccharolyticum sowie Corynebacterium glutamicum synthetisieren
aus den Ausgangsverbindungen D-Glukose und Ammoniak oder
aus Methanol direkt MSG. Aus 1000 kg D-Glukose können
ca. 500 kg Glu produziert werden.
Die
Weltjahresproduktion liegt bei ca. 800 000 Tonnen (1995).
Verwendung
Glu
wird bevorzugt als MSG in verschiedenen Lebensmitteln, beispielsweise
bei Suppen und Soßen sowie bei Fleisch- und Fischerzeugnissen
(Gefrier- und Trockenprodukte, Konserven), als Geschmacksverstärker
eingesetzt. Wirksam ist nur die L-Form (die D-Konfiguration
ist geschmacklos), die im pH-Bereich von 5-8 bei Konzentrationen
von 0,2-0,8% einen angenehmen, leicht salzig-süßen
Geschmack entwickelt und darüber hinaus den Eigengeschmack
der Lebensmittel verstärkt.
Stoffwechsel
MSG
wird als natürliches Glutamat quantitativ resorbiert.
Die Geschwindigkeit der Resorption hängt von der Gegenwart
anderer Nahrungsbestandteile ab. In wässriger Lösung
wird es auf nüchternen Magen eingenommen besonders
schnell resorbiert.
Eine
rasche Transaminierung in der intestinalen Mucosa wirkt
einer Kumulation von L-Glutamat entgegen. Dies gilt in gleicher
Weise für MSG wie für natürliches L-Glutamat.
Glutaminsäure
(aus Proteinen während der Verdauung hydrolysiert oder
aus zugesetztem Glutamat) wird mittels eines aktiven Transportsystems
absorbiert und in der Mucosa größtenteils verstoffwechselt
(Transaminierung unter Bildung von Alanin bzw. oxidativer
Abbau des Kohlenstoffskeletts). Diese biochemischen Abläufe
verhindern eine Akkumulation von Glutamat (MSG).
Da
exogenes Glutamat nicht ohne weiteres die Zellmembran passieren
kann, wird Glutamin durch die Membran transportiert, desaminiert
und steht damit als Glutamat für verschiedene Synthese-Prozesse
im intrazellulären Kompartiment zur Verfügung
(Löw et al. 1992, Hundal et al. 1986, Kovacevic u.
McGivan, 1983).
Worin
besteht der Unterschied zwischen gebundenem und freiem Glutamat?
Die
im Protein gebundene Glutaminsäure muss vor der Resorption
freigesetzt werden und wird daher langsamer resorbiert.
Vor der Resorption kann eine lokale Interaktion (z. B. im
Ösophagus) nur mit freier Glutaminsäure erfolgen.
Die
im Protein gebundene Glutaminsäure muss vor der Resorption
im Magen-Darm-Trakt erst enzymatisch freigesetzt werden.
Dadurch ist die Blutkonzentration von Glu, das aus der gebundenen
Form stammt, niedriger als Glu, das in freier Form angeflutet
wird. Glu, die in gebundener Form vorliegt, wird daher langsamer,
aber vollständiger resorbiert als freie Glu. Vor der
Resorption kann hypothetisch eine lokale zelluläre
Interaktion, z.B. im Ösophagus, nur mit freier Glu
erfolgen.
Wieviel
Glu wird mit der üblichen Ernährung aufgenommen?
Gebundene Form
In
gebundener Form werden bei normaler Mischkost etwa 8-12
g/Tag aufgenommen.
Der
Gehalt an Glutamat und an verwandten Aminosäuren, wie
Aspartat Asparagin und insbesondere Glutamin in 100 g Nahrungsprotein
wird auf 4-12 g geschätzt (Anderson und Raien 1992).
Allerdings gibt es heftige Diskussionen um die exakten Glutamatwerte
in Lebensmitteln, da Glutamin durch die Proteinhydrolyse
zu Glutamat umgewandelt wird. Die gemessene Konzentration
stellt damit die Summe beider Aminosäuren dar (Glx).
Mit
Hilfe einer neuentwickelten Methode ist es heute möglich,
Glutamin in intakten Proteinen zu bestimmen (Kuhn et al.
1996a). Diese Methode wurde zunächst in Produkten für
die klinische Ernährung in Milchproteinen angewendet
(Kuhn et al. 1996b).
Freie
Form
In
westlichen Ländern liegt die mittlere Aufnahme an zugesetztem
Glutamat (MSG) bei 0,3 g/Tag, In asiatischen Ländern
dagegen bei bis zu 4 g/Tag. Die Gesamtzufuhr an freiem Glutamat
liegt bei normaler Mischkost bei ca. 1 g.
Europa:
Griechenland/Italien 0,3-0,4 g/Tag (durchschnittlich) NI,
UIC: 0,6 g/Tag (durchschnittlich)
Europa/USA: 0,5-0,6 g/Tag (durchschnittlich)
Asien:
Japan/Korea: 1,2-1,7 g/Tag bis 4 g; nur für extrem
hohen Konsum (97,5 Percentile).
Einfluss
der Dosis auf den „individuellen“ Plasmaspiegel
Bei
oraler Zufuhr von Glutamatmengen, wie sie in der Nahrung
vorkommen (frei und gebunden), ändert sich der normale
Plasmaspiegel von 20-40 prno VL kaum (Homöostase).
Deutlich
höhere Plasmakonzentrationen werden erst dann beobachtet;
wenn Glutamat intravenös oder in hoher Dosis in wässriger
Lösung auf nüchternen Magen zugeführt wird.
Diese hohen Werte sind allerdings nur kurzfristig.
In
der Literatur berichtete Unterschiede der physiologischen
Plasmawerte erklären sich durch methodische Einflüsse.
Nach
Zufuhr von 15 Umg MSG/kg Körpergewicht (WHO/FAOADI-Wert
vor 1987), zusammen mit einer typisch chinesischen Mahlzeit
stieg der Serum-Glutamat-Spiegel bei Erwachsenen um das
1,3-fache, bei Neugeborenen auf das 2-fache des Basisspiegels:
(Tung u. Tung 1980).
Unterschiede
in der Bioverfügbarkeit von MSG erklären sich
unter anderem durch die Matrix, in der MSG verabreicht wurde.
So tragen rechtzeitig verabreichte Kohlenhydrate eher zu
einem schwächeren Anstieg bei (Stegink et al. 1986).
Dagegen haben offensichtlich typische bei Neugeborenen und
Kleinkindern eingesetzte Formulamilchen keinen Einfluß
auf die Glutamatresorption. Weder bei Formulamilchen, mit
hohen Anteilen an Glutamat, noch bei Muttermilch, die die
höchste Glutamatkonzentration im Vergleich zu anderen
Milcharten besitzt, konnte eine postprandial signifikante
Erhöhung des Glutamats im Serum beobachtet werden (Airoldi
et al. 1979; F ler et al. 1979).
Die
Hypothese, dass Kinder Glutamat langsamer metabolisieren
als Erwachsene, wurde in einer Studie von Stegink u. Mitarb.
überprüft. Bei 8jährigen Kindern wurde die
Bioverfügbarkeit von MSG in einer Dosierung zwischen
0,25 und 50 mg/kg Körpergewicht geprüft und mit
9 Erwachsenen verglichen. Es zeigte sich, dass der Anstieg
der Plasma- und Glutamatkonzentration bei Kindern von der
der Erwachsenen nicht signifikant verschieden war, womit
in dieser Studie diese Hypothese widerlegt war (Stegink
et al. 1986).
Byun
u. Kim haben bei Koreanern- und Taiwanesen, die die weltweit
höchste Menge MSG pro Tag aufnehmen (2,3 g/Tag bzw.
3 g/Tag), den Effekt einer Dosis von 60 mg MSG/kg Körpergewicht
auf die Serumglutamat-, Aspartat- und Alaninspiegel untersucht.
Die Ergebnisse zeigten, dass die resultierenden Serumspiegel
zwischen 16 und 105 gmol/L (Mittelwert: 62 gmol/L) lagen.
Auch für die anderen Aminosäuren ergab sich wie
für Glutamat ein Mittelwert, der dem gesunder Erwachsener
entspricht (Amstrong u. Stave 1973).
Gibt
es Unterschiede in Bioverfügbarkeit, Stoffwechsel und/oder
Wirkungsweise zwischen industriell gewonnenem und natürlichem
Glutamat?
Da
es sich in beiden Fällen um L-Glutamat handelt, besteht
kein Unterschied zwischen der industriell gewonnenen und
der natürlich vorkommenden Form.
Da
für die industrielle Gewinnung von Glu bzw. MSG natürliche
Ursprungsquellen verwendet werden, ist eine unterschiedliche
Verwertung von natürlich und industriell hergestellten
Produkten äußerst unwahrscheinlich.
Wie
wirkt Glutamat sensorisch - UMAMI-Konzept?
Es
werden neben den vier klassischen Geschmacksrichtungen weitere
diskutiert. Das UMAMI-Konzept ist ein Versuch, den geschmacksverstärkenden
Effekt von Glutamat zu erklären.
Der
UMAMI- oder „Köstlichkeit“-Begriff wurde
zu Beginn dieses Jahrhunderts nach der Beobachtung der geschmacksverstärkenden
Wirkung des Glutamats kreiert. Diese sogenannte UMAMI-Geschmacksrichtung
wurde wissenschaftlich als 5. Geschmackskomponente neben
salzig, süß, sauer und bitter akzeptiert (Bäylis,u.
Rolls 1991).
Auch
Inosin-5´-Monophosphat (IMP) und Guanosin-5´-Monophosphat
(GMP) haben ähnliche geschmacksverstärkende Qualitäten.
Die UMAMI-Geschmacksrichtung ist das Ergebnis der Stimulierung
spezifischer Geschmacksrezeptoren, deren Stimulierung zu
einer lokalen Freisetzung von bisher nicht identifizierten
Neurotransmittern mit hormonähnlicher Wirkung führt
(Yoshie et al. 1991).
Der
UMAMI-Geschmack spielt eine besondere Rolle für die
Schmackhaftigkeit und Akzeptanz der Lebensmittel. Aus diesem
Grund werden auch häufig Lebensmittel, die viel Glutamat
enthalten, wie z. B. Tomaten und Käse, wegen ihres
Geschmacks bevorzugt. Bellisle u. Mitarb. (1989) zeigten
in einer Untersuchung, dass von älteren Menschen Lebensmittel,
die glutamatreich waren gegenüber den Lebensmitteln
präferiert wurden, denen kein MSG zugesetzt wurde.
Damit kommt dem Geschmacksverstärker MSG, besonders
bei der Ernährung des alten Menschen, eine wichtige
Rolle zu. Da die Geschmacksqualitäten im Alter deutlich
abnehmen (Little u. Brinner 1984, Schiffman u. Cark 1980,
Schiffman et al. 1981) und damit eine Einschränkung
der Nahrungsauswahl resultiert, kann durch die Anwendung
von MSG die besonders beim alten Menschen bestehende Gefahr
einer Minderversorgung mit Vitaminen und Spurenelementen
eingeschränkt werden. Es kann die Akzeptanz gegenüber
den verschiedensten Gemüsesorten gesteigert werden;
weshalb die Anwendung von MSG zur Appetitsteigerung bei
alten Menschen auch gezielt empfohlen wird (Belliskle et
al. 1989).
Während
für die Geschmacksqualitäten salzig und sauer
Zonenverschiebungen an den Membranen der Geschmacksknospen
verantwortlich gemacht werden, nimmt man an, dass es für
die Qualitäten süß und bitter Rezeptoren
mit G-Proteingekoppelter Signaltransduktion gibt (Ruiz =
Avila et al. 1995). Eine Clonierung ist jedoch bisher nicht
gelungen. Dagegen konnte kürzlich ein G-Protein-gekoppelter
Glutamatrezeptor (mGluR4) bei Ratten sowohl in als auch
außerhalb lingualer Regionen mit Geschmacksknospen
nachgewiesen werden (Chaundhari et al. 1996).
Sofern
solche Rezeptoren auch bei Menschen nachweisbar wären,
würde dies eine molekulare Bestätigung des UMAMI-Konzepts
bedeuten. Gleichzeitig ließe sich durch den Nachweis
der Existenz solcher Rezeptoren für Glu auch der Nachweis
einer evolutionsbiologischen Adaptierung an Glu führen.
Ein
weiterer, möglicherweise bedeutender Aspekt findet
sich in einer Untersuchung von Viarouge u. Mitarb., die
bei Ratten zeigen konnten, dass der thermische Effekt der
Ernährung durch Zusatz von MSG zur Nahrung gesteigert
wurde. Die nahrungsinduzierte Thermogenese zeigte bei Ratten
einen früheren, und sehr viel deutlicheren Anstieg
bei einer MSG-angereicherten Nahrung gegenüber einer
normalen Kontrollmahlzeit. Gleichzeitig konnte eine Zunahme
des respiratorischen Quotienten beobachtet werden. Die Autoren
interpretieren diesen Befund dahingehend, dass durch die
Erregung von UMAMI-Rezeptoren eine quantitativ nicht in
dieser Weise vorkommende Proteinzufuhr signalisiert wird,
was zu einer Steigerung der nahrungsinduzierten Thermogenese
führt. Obgleich diese Befunde weiterer Untersuchungen
bedürfen und insbesondere ihre Relevanz für den
Menschen abgeklärt werden muss, gibt es jedoch einen
Hinweis, daß die Evolution Rezeptoren für Glu
vorgesehen hat, und dass diese eine Rolle bei der Nahrungsaufnahme
spielen (Viarouge et al. 1992).
Hat
exogen zugeführtes Glutamat einen Einfluss auf die
nachstehend aufgeführtenOrgansysteme?
ZNS
Glutamat
ist der wichtigste erregende Transmitter im Gehirn mit hohen
intrazellulären Konzentrationen (bis 100 mmol in den
Vesikeln) und notwendigerweise niedrigen extrazellulären
Konzentrationen.
In
ZNSD wird natürlicherweise viel Glutamat freigesetzt,
jedoch sofort durch die Glu eliminiert. Daher sind die extrazellulären
Konzentrationen im ZNS sehr niedrig.
Für
die Aufrechterhaltung dieses IC/EC-Gradienten sorgen Homöostasemechanismen.
Diese schützen zusammen mit der BHS (Blut-Hirn-Schranke)
das Gehirn vor physiologischen Schwankungen der Glutamatplasmaspiegel.
Erst
ab sehr hohen Plasmakonzentrationen (6-10-faches der Norm)
ist auch bei gesunder BHS ein Übertritt von Glutamat
nicht auszuschließen.
Bei
drastischer Erhöhung der extrazellulären Glutamatkonzentrationen
(Versagen der Homöostase) kann es zu folgenden Veränderungen
kommen:
-
Gesteigerte energieabhängige Aufnahme durch die Glia
und Metabolsierung. Damit einhergehende dosisabhängige
Glia-Schwellung.
- Aktivierung von Neuronen durch Glutamatrezeptoren bis
hin zum Nervenzelltod (Kempski et al. 1993, Van Herreveld
et al. 1971, Dugan et al. 1994).
Ein
solcher Zustand lässt sich bei intakter Homöostase
in Tierversuchen nur durch gezielte artifizielle Intervention
erreichen (bis 4 g Glutamat/kg Körpergewicht) (Olney
1969).
Es
sind jedoch Situationen (z. B. Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma)
denkbar, bei denen eine Störung der BHS vorliegt (Kempski
1993). Bei normaler, selbst glutaminsäurereicher Ernährung
ist hier jedoch kein schädigender Einfluss zu erwarten.
Als
wichtigster erregender Transmitter führt Glutamat bei
synaptischer Freisetzung aus den Vesikeln zur transienten
Aktivierung von nachgeschalteten Neuronen mit elektrophysiologischer
und biochemischer Informationsübertragung, -verarbeitung
und -speicherung (Müller u. Conner 1991) und ist damit
für viele vitale Funktionen essentiell (Schmidt u.
Thews, 1995). Für das ordnungsgemäße Funktionieren
des ZNS sind entsprechend kurzzeitige Anstiege der Glutamatkonzentration
im synaptischen Spalt an einer niedrigen Ruhekonzentration
aus erforderlich. Dies wird durch synaptische Freisetzung
von Vesikeln, die mit bis zu 100 mM Glutamat geladen sind,
erreicht. Entsprechend wird im ZNS natürlicherweise
viel Glutamat freigesetzt. Diffusion aus dem synaptischen
Spalt und Aufnahme extrazellulären Glutamats durch
die Glia begrenzt einerseits die Dauer synaptischer Anstiege
und andererseits die extrazelluläre Ruhekonzentration
deutlich unter denen im Plasma (Nicholls u. Attwell 1992).
Diese
Homöostasemechanismen werden durch die BHS unterstützt,
die unnötigen und schädigenden Einstrom von Glutamat
aus der Peripherie unter normalen Bedingungen verhindert.
Bei gesunder BHS ist ein Übertritt von Glutamat erst
ab sehr hohen Plasmakonzentrationen (> 6-10-faches der
Norm) nicht auszuschließen.
Beim
Zustand des Schlaganfalls und Schädel-Hirn-Traumas
werden Neuronen entweder direkt zerstört oder indirekt
über Sauerstoffmangel: Daraufhin kommt es zur Freisetzung
von Glutamat. Der Wiederaufnahmemechanismus funktioniert
nicht mehr richtig. Hohe Konzentrationen können daher
weitere Neuronen zerstören (Schneeballeffekt). Dieser
Vorgang ist eine Konsequenz des vorangegangenen Ereignisses,
nicht eine Ursache.
Lunge
Es
gibt Berichte über sensitive Personen (Asthmatiker),
die auf eine Zufuhr von Glutamat
(0,5-7,6 g, nüchtern) symptomatisch reagieren. Im Widerspruch
dazu stehen andere Studien, die einen solchen Zusammenhang
unter vergleichbaren Bedingungen nicht beobachten.
Der
erste Bericht über einen Zusammenhang zwischen MSG
und Asthma stammt aus dem Jahr 1981, als zwei Fälle
beschrieben wurden, in denen nach Verzehr größerer
Mengen MSG ein Asthmaanfall ausgelöst wurde (Allen
u. Baker 1981, Healey 1981). Seit dieser Zeit sind eine
Vielzahl von wissenschaftlichen Arbeiten erschienen, die
sich der Frage widmeten, inwieweit MSG tatsächlich
zur Auslösung eines Asthma-Anfalles führen kann.
Tab. 1 faßt die Studien zusammen, die beim Menschen
eine solche Beziehung zwischen MSG-Auf nahme und Auslösung
eines Asthmaanfalles beschreiben.
Schwartzstein
(1992) hat die Literatur zu Asthma und MSG zusammengefasst
- und kommt zu folgendem Ergebnis: Insgesamt werden 19 Fälle
beschrieben, bei denen ein Asthmaanfall durch MSG provoziert
wurde. Bei den Untersuchungen, bei denen die Teilnehmer
nicht nach einer positiven Nahrungsmittel-Allergie-Anamnese
ausgesucht wurden, war der Anteil MSG-induzierter Bronchus-Spasmen
geringer als 5%. Unter den verschiedenen Veröffentlichungen
findet sich nur ein Bericht, in dem ein Bronchus-Spasmus
in einer doppelblind-kontrollierten Untersuchung beobachtet
wurde. Auch lässt sich eine Dosis-/Wirkungsbeziehung
nicht herstellen, ebenso wie es keine zeitliche Beziehung
gab. Die Auslösung eines Bronchus-Spasmus lag zwischen
30 min. und 12 h. Viele der Patienten, die in Allens Studie
untersucht wurden, waren instabile Asthmatiker. Aus diesem
Grund wird die Studie anfällig für Artefakte
(Stevenson 1988) und ist daher beschränkt aussagefähig.
Da die Medikation vor der Provokation gestoppt wurde, besteht
die Gefahr, dass die beobachteten Reaktionen durch den Medikamentenentzug
ausgelöst wurde. Problematisch erscheint auch, dass
z. B. in einer Studie (Allen et al. 1987), bei einzelnen
Teilnehmern mehrere Dosen appliziert wurden. So erhielten
Teilnehmer, die auf 2,6 g MSG nicht reagierten, eine höhere
Dosis mit 5 g. Daher ist eine Sensibilisierung nicht auszuschließen.
Aus den vorliegenden einzelnen Studien lässt sich folgern,
dass bei Zufuhr von MSG in Mengen, die weit über denen
in einer normalen Ernährung vorkommenden liegen, ein
Bronchus-Spasmus bei einigen wenigen Personen mit Asthma
bronchiale bei gleichzeitig vorhandener Nahrungsmittelallergie
ausgelöst werden kann. Es scheint, dass die cholinerge
Empfindlichkeit ein Faktor ist, der die Auslösbarkeit
eines MSG-induzierten Bronchus-Spasmus beeinflusst: Eine
solche hohe Sensitivität trifft jedoch nur, wie auch
die zitierten klinischen Studien zeigen, auf eine sehr geringe
Zahl von Asthmatikern zu. Man kann weiter aus den vorliegenden
Befunden und ihrer Interpretation folgern, dass Patienten,
bei denen eine Nahrungsmittelallergie bekannt ist und die
ein intrinsisches Asthma aufweisen, in seltenen Fällen
auf die Zufuhr von MSG mit einem Asthmaanfall reagieren
können.
Hinweis:
Laut Schwartzstein gab es 29 Fälle, in denen nach MSG
ein Asthmaanfall beobachtet wurde, dabei ist zu beachten,
dass es in Wirklichkeit weniger waren, da die Studie v.
Allen and Baker 1987 bereits die Fälle der vorhergehenden
eigenen Studien enthielt.
| Autor
|
Anzahl
Reaktionen/
Zahl der Untersuchten
|
Untersuchte
mit Nahrungsmittel-allergien |
Dosis
|
Plazebo-Kontrolle
|
einfach-
oder
doppelblind
|
| Allen
u. Baker 1981
Healy 1981
Allen u. Baker 1982
Allen u. Baker 1982
Koepke, U., Selner 1986
Monoret-Vautrin 1987
Schwartzstein et al. 1987
Allen et al. 1987
Hosen 1988
Germano et al. 1991 |
2/ 2
1/ 1
4/ 4
3/ 9
1/ 1
2/ 30
0/ 12
13/ 32
2/100
1/ 30 |
ja
ja
ja
ja(3/ 9)
ja
ja(8/30)
nein
ja
nein
nein |
2,5
g
NA
0,5-2,5 g
1,0-3,0 g
2,5 g
25 mg/kg
0,5-5,0 g
0,5-1,5 g
0,1-6,0 g |
ja
ja
ja
ja
ja
ja
nein
ja
|
einfach
einfach
einfach
doppel
einfach
doppel
einfach
einfach |
Tab.1
MSF-Aufnahme und Asthmaanfälle
Endokdnium
Studien
mit neugeborenen Tieren zeigen bei sehr hoher Dosis einen
strukturellen und funktionellen Einfluss von Glu auf hypothalamische
Zellen mit endokriner Funktion.
Bei Menschen konnten solche Beobachtungen bisher nicht bestätigt
werden.
In
der Literatur beschriebene diskrete Effekte von Glu auf
die Sekretion hypophysärer Hormone beim Menschen erfolgen
erst bei sehr hohen Dosen.
Glutamat
spielt auch im zentralen Endokrinium eine wichtige Rolle
als Neurotransmitter bei der Kontrolle der Hormonfreisetzung
(van den Pool et al. 1990, Müller u. Swandulla 1995).
Tierexperimentelle Studien mit neugeborenen Tieren zeigen
bei sehr hoher Dosis einen strukturellen und funktionellen
Einfluss von Glutamat auf hypothalamische Zellen mit endokriner
Funktion (Olney 1969). Beim Menschen konnten solche Beobachtungen
bisher nicht bestätigt werden. In der Literatur beschriebene,
diskrete Effekte auf die Sekretion hypophysärer Hormone
erfolgten erst bei sehr hohen Dosen.
Fernstrom
et al. (1996) untersuchten den Effekt einer sehr hohen Dosis
MSG (12,7 g) im Vergleich zur alleinigen Gabe des Vehikels
bzw. i.v. Injektion von TRH (Thyreotropin Releasing Hormon)
oder einer proteinreichen Kost auf die Sekretion hypophysärer
Hormone. Die Plasma-Prolaktin-Spiegel stiegen um das 10-fache
nach TRH-Infusion und um das 2-fache nach Proteinaufnahme
an, zeigten aber keinerlei Veränderung nach MSG-Gabe.
Die anderen hypophysären Hormone LH (Luteinisierendes
Hormon), FSH (follikelstimulierendes Hormon), Testosteron,
GH oder auch die Kortisolkonzentration zeigten auf die verschiedenen
Behandlungen hin keine Veränderung. Obgleich die Glutamat-Plasmaspiegel
bei den Untersuchten um das 11fache angestiegen waren, fand
sich demnach keine wesentliche Beeinflussung der Sekretion
hypothalamischerHormone bzw. der Funktion der Hypophyse.
Carlson
et al. (1989) zeigten, dass eine hohe Dosis von Glutaminsäure
(10 g) in einer Salzlösung zu einem leichteren Anstieg
der Prolaktin- und Kortisolspiegel im Blut führte.
Carlson u. Mitarb. berücksichtigten allerdings nicht
die täglichen Schwankungen des Prolaktin- und Kortisolspiegels.
Die hypothetische Annahme, dass Glutamat zum Hypothalamus
gelangt sein und dort diese Effekte ausgelöst haben
könnte, wurde bisher nicht bestätigt. TSLH oder
LH zeigten keine Veränderung.
Es
bleibt festzuhalten, dass die beschriebenen Veränderungen
erst bei sehr hohen Dosen eintreten, so dass hier eher pharmakologische
als nutritive Effekte im Vordergrund stehen.
Immunsystem
Es
gibt lediglich einzelne Hinweise auf Einflüsse eines
chronisch erhöhten Plasmaspiegels auf immunologischer
Parameter: Es besteht weiterer Forschungsbedarf zur Abklärung
der Bedeutung dieser Befunde.
Sicherheit
von MSG bezüglich Mutagenitätsprüfung
In
mehreren In-vitro- und In-vivo-Untersuchungen hat sich Glu
als nicht mutagen erwiesen.
In-vitro-Untersuchungen (Arnes Test) an Saimonella typhimurium
und Saccharomyces cerevisiae zeigten keine mutagene Wirkung
von Kalium- oder Ammoniumglutamat, L-Glutaminsäure
oder L-Glutaminsäurehydrochlorid (Litton Biometrics
1975 und 1977).
In-vivo-Untersuchungen
an Mäusen (dominant lethal test) und Ratten (Hast mediated
assay), die 14 Tage lang täglich 0,2 oder 5,7 g MSG/kg
Körpergewicht oral verabreicht erhalten hatten, zeigten
keine mutagene Wirkung (Industrial Bio-Test 1973).
Karzinogenitütsprüfung
Langzeit-Fütterungsversuche
an Mäusen und Ratten ergaben keine Hinweise auf eine
karzinogene Wirkung von Glutamat.
Langzeit-Fütterungsversuche
mit einer Diät, die 1 oder 4% L-Glutaminsäure
oder MSG enthielt, führten zu keiner Zunahme der Tumorhäufigkeit
bei Mäusen (Little 1953, Ebeit 1979).
Entsprechende Versuche mit Ratten, die bis zu 4% Glu erhielten,
zeigten ebenfalls keine erhöhte Tumorinzidenz oder
sonstige Anzeichen schädlicher Wirkungen (Little 1953,
Ebert 1979, Owen 1978). Shibata et al. (1995) haben männliche
und weibliche Ratten über einen Zeitraum von zwei Jahren
mit MSG-Konzentrationen zwischen 0 und 5% gefüttert
und im Vergleich zur Kontrolle keine Zunahme von Neoplasien
beobachtet.
Akute
orale Humantoxizität
Im
Zuge einer „Modeströmung“ Ende der 40-er
Jahre erhielten Hunderte von Kindern zur angeblichen geistigen
Leistungssteigerung täglich bis zu 40 g Glutamat in
einem Zeitraum von Wochen und Monaten.
Trotz dieser hohen Dosierung wurden keine akut toxischen
Effekte beschrieben.
Chronische
Toxizität
(unter Berücksichtigung üblicher Verzehrsmengen)?
Symptome
einer chronischen Intoxikation sind nicht beschrieben.
Die akute Toxizität von Glu ist wie die vieler anderer
Aminosäuren gering. An Mäusen wurde die LD50 unter
Lp. Injektion zu 26 mmol/kg (_ 3,8 g/kg) bestimmt (Czok
u. Lang 1955).
Aussagen
über akute und chronische Toxizität beim Menschen
lassen sich indirekt machen, weil es eine Zeit gab, in der
die orale Anwendung von Glu in hohen Dosen Mode war.
In
den Nachkriegsjahren, bis in die Mitte der 50-er Jahre,
wurde Glu in den USA und von dort aus übergreifend
auch in Deutschland in der Psychiatrie,; bei Epilepsie,
bei primäreng und sekundärem Schwachsinn, Mongolismus,
bei Hirnverletzten, bei Minderbegabung und Kindern mit Lernschwäche
sowie zur allgemeinen Förderung geistiger und körperlicher
Leistungsfähigkeit eingesetzt. Viele Anwendungsbereiche
wurden sogar von kassenärztlichen Vereinigungen anerkannt
(z.B. München: Rundschreiben vom 4. April 1953).
Es
gibt Berichte über tausende von Fällen, die bei
Müller (1955) zusammengestellt sind. Die Dosierungen
reichten von 10-100 g/Tag, die Behandlungsdauer von Wochen
bis zu Jahren. Es kann hier nur eine kleine Auswahl zitiert
werden.
In
der Tübinger Nervenklinik wurden bis zu 100 g Glutaminsäuregranulat
täglich an demente Erwachsene verabreicht (Koch 1964).
Lendle berichtet in der Medizinischen Welt, dass Dosen von
6-48 g/Tag ohne weiteres verträglich sind (Lendle 1951).
Häfner
u. Wieser (1954) verabreichten 3-mal täglich 20 g Glutaminsäure:
Zimmermann et al. (1950) behandelten in den USA 206 mongoloide
Kinder mit täglich 12-48 g Glutaminsäure. 85 davon
sind 1 Jahr lang behandelt worden. Später berichteten
sie über 1000 eigene Fälle.
Pilgrim
et al. (1951) behandelten 5-11-jährige und 19-35-jährige
Patienten mit täglich 40 g Glutaminsäure.
In
Mexiko wurden oligophrene Kinder im Alter von 4-12 Monaten
mit 12-24 Glutaminsäure pro Tag behandelt, Debile Kinder
mit Phenylketonurie wurden mit 9-30 g täglich behandelt
(Woolf et al. 1951).
Nach
heutigen Maßstäben ist wohl kein sicherer Wirksamkeitsnachweis
bei diesen Untersuchungen erbracht worden. jedoch ist in
keinem Fall überein toxische Wirkung oder auch nur
über gravierende Unverträglichkeitserscheinungen
berichtet worden. So lässt sich aus der Fülle
derartiger Untersuchungen ableiten, dass Glutaminsäure
bei oraler Zufuhr selbst in solchen, heute völlig irrelevanten
Dosen, weder eine akute noch eine chronische Toxizität
aufweist, was sicher auf ihre rasche Metabolisierung und
fehlende Kumulation zurückzuführen ist.
Schwangerschaft
und Stillzeit
Glutamat
passiert nicht die Plazentaschranke.
Die
Konzentration von Glutamat in der Muttermilch ist im Vergleich
zum Plasma relativ hoch, was weitere Anreicherungen im physiologischen
Bereich, wie Humanstudien belegen, ausschließt.
Alle
Aminosäuren werden durch die Plazenta zum fetalen Kreislauf
transportiert, mit Ausnahme von Glutamat, Aspartat und Serin.
Die basale Plasmamembran des menschlichen plazentaren Synzytiotrophoblasten
besitzt einen sättigenden Aufnahmemechanismus für
Glutamat und Aspartat, der natriumabhängig ist. Es
wird jedoch kein Glutamat und Aspartat zwischen mütterlicher
und fetaler Zirkulation transportiert, weder in der einen
noch in der anderen Richtung (Hoeltzli et al. 1990, Carter
et al. 1991). Während Glutamat in der Plazenta in millimolaren-Konzentrationen
vorliegt, liegen die Konzentrationen im mütterlichen
und im fetalen Plasma im Mikromoiaren Bereich. Glutamat
wird in der Plazenta metabolisiert, aber nicht an den Feten
abgegeben. Dagegen produziert die fetale Leber Glutamat,
welches zur Plazenta transportiert wird (Marconi et al.
1989). Es wird ein stickstofftransportierender Shuttle zwischen
Plazenta und fetaler Leber diskutiert., Glutamat wird in
der Plazenta zu Glutamin aminiert und als solches zur fetalen
Leber transportiert. Dort wird es desaminiert (oder transaminiert)
und zirkuliert als Glutamat wieder zur Plazenta zurück.
Der Glutamatspiegel im fetalen Plasma wird somit vom mütterlichen
Plasmaspiegel nicht beeinflusst.
Bis
zu welchen mütterlichen Plasmaspiegeln dieses zutrifft,
wurde an Rhesusaffen untersucht, deren Plazenta morphologisch
und funktionell der menschlichen am ähnlichsten ist
(Stegink et al. 1975, Pitkin et al. 1979). Die schwangeren
Muttertiere erhielten über eine Stunde i.v. Infusionen
mit 0,15, 0,17-0,19, 0,22 und 0,40 g MSG pro kg Körpergewicht.
Infusionen mit 0,15-0,22 g/kg steigerten den mütterlichen
Plasmaspiegel von einem Basalwert um 50 pmol/L auf 500-1000
umol/L. Die
Glutamatkonzentration im fetalen Plasma wurde dadurch nicht
beeinflusst. Erst bei der höchsten Belastung mit 0,40
g/kg, unter welcher der mütterliche Plasmaspiegel auf
2800 pmol/L anstieg, stieg der fetale Plasmaspiegel auf
440 gmol/L. Als Schwelle für einen Glutamattransfer
zum Feten wurde ein mütterlicher Plasmaspiegel zwischen
2000 und 2500 pmol/L ermittelt. Es ist somit sicher, dass
ein Übertritt von Glutamat von der Mutter zum Feten
selbst bei höchsten oralen Dosen unmöglich ist.
Baker
et al. (1979) untersuchten die Frage, inwieweit der Glutamat-
und Aspartatgehalt der Muttermilch durch Glutamataufnahme
beeinflusst wird. Muttermilch enthält im Gegensatz
zu Kuhmilch von Natur aus sehr hohe Konzentrationen an freiem
Glutamat (Tab.2):
Tab. 2 Gehalt an freien Dicarbonsäuren
in Muttermilch und Kuhmilch.
|
Aminosäure
|
2.Tag
|
Muttermilch
(mg/100 ml)
3 Wochen |
2 Monate
|
Kuhmilch
(mg/100 ml)
2 Monate |
| Glutamat
Glutamin
Aspartat |
12,88
9,48
2,92 |
7,66
1,79
1,40 |
4,20
1,75
0,53 |
0,64
0,41
0,08 |
| (nach
Giacometti 1979) |
Aus
den Daten lässt sich errechnen, dass die tägliche
Aufnahme von freiem Glutamat und Aspartat 24-48 mg/kg und
0,8-1,5 mg/kg beträgt. Gestillte Säuglinge nehmen
somit mehr Glutamat pro kg Körpergewicht auf als zu
irgendeiner anderen Zeit ihres Lebens.
Nach
oraler Belastung stillender Mütter mit 100 mg/kg MSG,
in Wasser gelöst, stiegen die Plasmaspiegel vorübergehend
auf das 5-fache der Basalwerte an. Die Glutamatkonzentrationen
in der Milch dieser Versuchspersonen, verglichen mit solchen,
die als Plazebo Laktose erhalten hatten, änderten sich
nicht signifikant. Eine Gefährdung gestillter Säuglinge
durch Glutamatverzehr ihrer Mütter ist demnach nicht
gegeben.
Babykost
Da
der Stoffwechsel des Säuglings, bezogen auf Glutamat,
keine Unterschiede zum Erwachsenen aufweist, sind keine
Nebenwirkungen zu erwarten.
Die
Frage, ob Glutamat in Babykost eine Gefährdung darstellt,
wurde von Filer et al. (1979) diskutiert. Die Aufnahme an
Glutamat und Aspartat aus verschiedenen amerikanischen Babynahrungen
(Nutramigen - Caseinhydrolysat; Isomil = SoyaIsolat; Enfamil
- Kuhmilchpräparat) unterscheidet sich nicht wesentlich
von der Aufnahme aus Muttermilch. Dementsprechend werden
auch weder die Plasmakonzentrationen an Glutamat noch die
Konzentrationen in den Erythrozyten der Kinder signifikant
beeinflusst.
Welche
Beziehung besteht zwischen dem Chinarestaurant-Syndrom und
der Glutamataufnahme?
Es
gibt zahlreiche Fallberichte (fast ausschließlich
aus USA), in denen Unverträglichkeitsreaktionen nach
Essen in Chinarestaurants beschrieben werden. Ein Zusammenhang
mit dem Glutamatgehalt der Speisen ist oft vermutet, jedoch
nie bewiesen worden. Ob derartige Unverträglichkeitsreaktionen
häufiger nach Essen in Chinarestaurants auftreten als
nach Mahlzeiten in anderen Restaurants, ist bis heute ungeklärt.
Insofern sollte auf den Begriff Chinarestaurant-Syndrom
ganz verzichtet werden.
In
wissenschaftlichen Studien sind bei Dosierungen von 3 g
Glutamat und mehr auf nüchternen Magen nach individuell
unterschiedlichen Zeiten bei einem Teil der Versuchspersonen
individuell unterschiedliche Beschwerden aufgetreten, die
man als MSG-Symptomkomplex bezeichnet. Eine Beziehung dieser
Symptome zum Glutamat-Blutplasmaspiegel wurde nicht beobachtet.
In
Form eines Leserbriefs berichtete Kwok 1968, nach Essen
in Chinarestaurants befalle ihn eine im Nacken beginnende
und in die Arme und den Rücken sich ausbreitende Taubheit,
begleitet von Schwächegefühl und Herzklopfen.
Als mögliche Ursache nannte er Inhaltsstoffe des in
der chinesischen Küche benützten Kochweins, der
Sojasoße, des hohen Gehalts an Kochsalz oder die in
asiatischen Ländern weit verbreitete Verwendung des
Geschmacksverstärkers Glutamat. In der Folgezeit wurden
in den USA zahlreiche weitere Einzelfallberichte dieser
Art veröffentlicht. Auffälligerweise stammen sie
fast ausschließlich aus den USA und nicht aus fernöstlichen
Ländern, wo erheblich mehr Glutamat verzehrt wird.
Als weitere Symptome wurden Kopfschmerzen, Übelkeit
sowie Wärme- oder Druckgefühle und Prickeln im
Gesicht, Nacken, Schultern, Oberarmen und im oberen Brustbereich
sowie zahlreiche weitere Beschwerden erwähnt. Obwohl
verschiedene Autoren darauf hinwiesen, dass dafür auch
andere Bestandteile der chinesischen Kost verantwortlich
sein könnten, z. B. Histamin (Chin et al. 1989), und
obwohl andererseits festgestellt wurde, dass derartige Symptome
auch nach Essen in nichtchinesischen Restaurants auftreten
können (Kenney 1986, Sittapane 1987) bürgerte
sich die Bezeichnung „Chinarestaurant-Syndrom“
ein und als Ursache wurde meist das Glutamat vermutet.
Das
FAO/WHO Joint Expert Committee an Food Additives ist bei
seiner Bewertung von Glutamat als Lebensmittelzusatzstoff
zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Zusammenhang zwischen
dem Glutamatgehalt der Nahrung und dem Auftreten der genannten
Symptome in wissenschaftlichen Untersuchungen nicht bestätigt
werden konnte. Einwandfrei durchgeführte Doppelblindversuche
an Personen, die angaben, bei ihnen trete das Chinarestaurant-Syndrom
auf, hätten keinen Hinweis auf Glutamat als Ursache
gegeben (JECFA 1988, S. 142/143).
Ein
im Auftrag der U.S. Food and Drug Administration (FDA) von
der Federation of the American Societies for Experimental
Biology (FASEB) eingesetzter Expertenausschuss hat neuerdings
alle vorliegenden Berichte über durch Glutamat verursachte
Unverträglichkeitsreaktionen nochmals ausgewertet (Analysis
of Adverse Reactions to Monosodium Glutamate [MSG], FDA
Contract No.223-92-2185, Bethesda, Maryland 1995. Das Executive
Summary dieses Berichts wurde veröffentlicht in Journal
of Nutrition 125 [1995] 12892-2906).
Der
MSG-Symptomkomplex dient dazu, Symptome zu beschreiben,
die eine kleine Gruppe von gesunden Personen innerhalb von
1 h entwickeln, wenn sie eine orale Bolusdosis von >-
3 g MSG, ohne andere Lebensmittel, aufnehmen (FASEB Report
1995).
Gibt
es eine individuelle Sensibilität, wenn Glutamat als
Geschmacksverstärker eingesetzt wird?
Es
gibt eine individuelle Sensibilität, wobei unklar ist,
in welchem Umfang physiologische oder psychologische Effekte
eine Rolle spielen.
Welche
Rolle spielt Glutamat in einer „gesunden Ernährung“?
Die
Verwendung von MSG als Geschmacksverstärker steht nicht
in Widerspruch zu einer „gesunden Ernährung“.
Die
Verwendung von MSG als Geschmacksverstärker steht bei
vernünftiger Anwendung nicht im Widerspruch zu einer
„gesunden Ernährung“. Es wird zwar das
Natriumsalz eingesetzt, so dass der Natriumgehalt der Nahrung
erhöht wird. Durch seine geschmacksverstärkende
Wirkung kann es aber Kochsalz (das ja auch eine geschmacksverstärkende
Wirkung hat) einsparen. Dafür sprechen jedoch Studien,
die die Interaktion von NaCI und MSG untersucht haben und
zu dem Ergebnis kamen, dass in einem angemessenen Verhältnis
von MSG/NaCI der totale Na-Gehalt in der Nahrung wegen der
geschmacksverstärkenden Wirkung auf 20-30% reduziert
werden kann (Yamaguchi 1984, Chi u. Chen 1992).
Ein
weiterer Kritikpunkt ist, dass durch die geschmacksverstärkende
Wirkung des Glutamats die Qualität der Lebensmittel
und der Anteil wertvoller, geschmacksgebender Bestandteile
(z. B. Fleisch) vernachlässigt werden könnte.
Untersuchungen zu dieser Frage (Lahmsen u. Erbersdobler
1988, unveröffentlicht) ließen dies jedoch nicht
erkennen. Es konnte bei Fertiggerichten weder eine signifikante
Beziehung zwischen dem Glutamatgehalt und dem Fleischanteil
noch eine Abhängigkeit von der Preiskategorie festgestellt
werden. Der Ernährungswirtschaft konnte somit ein maßvoller
Einsatz von Glutamat bescheinigt werden.
Unter
den geschilderten Umständen kann daher die Verwendung
von Glutamat als mit den Maßstäben einer „gesunden
Ernährung“ vereinbar bezeichnet werden.
Insgesamt
lässt sich auf der Basis gesicherter wissenschaftlicher
Daten, die als Grundlage des Konsensusgesprächs dienen,
festhalten, dass gegenüber einem vernünftigen
Einsatz von MSG in der menschlichen Ernährung keine
Bedenken bestehen.
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Prof.
Dr. Hans Konrad Biesalski
Institut für Biologische Chemie u. Ernährungswissenschaft
Universität Hohenheim
Fruwirthstraße 12
70593 Stuttgart
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