Wie entsteht eine Depression?
Eine Depression hat selten eine einzige Ursache. Meist
führt ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zur Erkrankung. Diese möchten wir
Ihnen hier näher erläutern. Die Depression können wir sowohl von der
körperlichen, biologischen Seite her als auch von der psychischen und
psychosozialen Seite her erklären und behandeln. Die früher verbreitete
Ansicht, dass Depressionen entweder körperlich bedingt seien (endogene
Depressionen) oder eher psychogen bzw. psychoreaktiv (neurotische Depression),
hat die Wissenschaft inzwischen revidiert.
Folgende Faktoren spielen für die Entstehung einer
Depression eine Rolle:
Veranlagung: Die Veranlagung zur Depression
kann erworben sein, ist jedoch oft auch genetisch bedingt. Patienten mit genetischer
Veranlagung neigen vermehrt dazu, bei belastenden Situationen oder auch ohne
erkennbare Belastungen eine Depression zu entwickeln. Wie diese genetischen
Faktoren genau aussehen, ist bislang ungeklärt. Die Hoffnung, dass ein
einzelnes Gen für Depressionen zu finden ist, hat sich nicht erfüllt.
Persönlichkeitsfaktoren: Wie die Veranlagung
könnten auch bestimmte Persönlichkeitsfaktoren die Depressionsanfälligkeit
erhöhen.
Psychosoziale Belastungsfaktoren: Akute
psychosoziale Belastungen wie der Verlust oder Tod einer Bezugsperson können
als Auslöser einer depressiven Erkrankung fungieren und in diese einmünden.
Auch soziale Faktoren, die eine Anpassung an neue Umstände erfordern (zum
Beispiel Heirat, Arbeitslosigkeit, Berentung), treten vermehrt vor dem Beginn
einer Depression auf. Jedoch sind nicht bei allen Patienten derartige
Auslösefaktoren im Spiel. Viele Depressionen treffen den Erkrankten wie aus
heiterem Himmel, so als ob jemand "den Lichtschalter ausgeschaltet"
hätte.
Körperliche Erkrankungen: Auch
körperliche Erkrankungen, z.B. Schilddrüsenfunktionsstörungen, können eine
Depression mit verursachen.
Ist die Depression einmal ausgebrochen, zieht sie den
ganzen Körper des Erkrankten in Mitleidenschaft. Es kommt zu hormonellen
Veränderungen, so werden z.B. vermehrt Stresshormone ausgeschüttet, der
Muskeltonus erhöht sich, der Schlaf-Wach-Rhythmus ist gestört, ebenso der
Appetit und die Sexualität. Als biologische Ursache für diese Veränderungen
sowie für die gedrückte Stimmung, die Kraftlosigkeit, die Schuldgefühle und die
anderen psychischen Symptome werden veränderte Funktionsabläufe im Gehirn, z.B.
bedingt durch veränderte Funktion der Botenstoffe zwischen den Nervenzellen,
diskutiert. Bisher ist es allerdings nicht gelungen, eine genau definierte
Funktionsstörung im Gehirn zu lokalisieren, die unmittelbar für das Auftreten
der depressiven Symptome verantwortlich ist.
Man sollte sehr vorsichtig damit sein, Depressionen nur
als nachvollziehbare Reaktion auf schwierige Lebensumstände aufzufassen.
Schwere Schicksalsschläge verursachen zwar Trauer, gedrückte Stimmung und
Befindlichkeitsstörungen, jedoch nicht zwangsläufig eine Depression. Tritt
allerdings eine depressive Erkrankung auf, so muss sie konsequent behandelt
werden. Depression - die unterschätzte Krankheit
Depressive Störungen gehören zu den häufigsten und
hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen.
Die Depression ist eine der größten Volkskrankheiten. Dies
wurde sehr eindrücklich durch eine neuere, weltweit durchgeführte Studie der
WHO ("Global burden of disease", Lopez und Murray, 1996) bestätigt.
Die Bedeutung der verschiedenen Volkskrankheiten wurde mit einem Indikator
ermittelt, der die Erkrankungsjahre pro Bevölkerung berücksichtigt, gewichtet
mit der Schwere der Beeinträchtigung durch die jeweilige Erkrankung. In den
entwickelten Ländern steht hier mit deutlichem Abstand die unipolare Depression
an erster Stelle (Abbildung), mit weitem Abstand vor allen anderen körperlichen
und psychiatrischen Volkskrankheiten. Hochrechnungen haben zudem eine in den
nächsten Jahren weiter zunehmende Bedeutung der Depression ergeben.
Wird zusätzlich der Verlust an Lebensjahren durch
vorzeitiges Versterben mit berücksichtigt, so stehen kardiovaskuläre Erkrankungen
(Herzinfarkt) an erster Stelle, die unipolare Depression jedoch bereits wieder
an zweiter Stelle in der Rangliste der wichtigsten Volkskrankheiten.
Diese in ihrer Deutlichkeit für viele überraschenden
Ergebnisse waren für die WHO Anlass, Aktionsprogramme auf nationaler Ebene zur
Bekämpfung depressiver Erkrankungen zu fordern.
Wodurch ergibt sich diese große Bedeutung der Depression?
Depressionen sind häufige Erkrankungen. Derzeit sind
schätzungsweise 5% der Bevölkerung in Deutschland an einer
behandlungsbedürftigen Depression erkrankt. Depressionen verlaufen meist in
Form von Krankheitsphasen (Episoden), die Wochen bis Monate, manchmal auch
Jahre anhalten können, die, vor allem wenn sie unbehandelt bleiben,
rezidivierend sind, d.h. erneut auftreten können und die in manchen Fällen auch
einen chronischen Verlauf nehmen können.
Depressionen gehen wie kaum eine andere Erkrankung mit
hohem Leidensdruck einher, da diese Erkrankung ins Zentrum des Wohlbefindens
und der Lebensqualität zielt. Von einer Patientin wurde dies in folgende Worte
gefasst: "Während meiner schweren körperlichen Erkrankungen wollte ich
Hilfe und hatte Hoffnung, während der Depression wollte ich nur mehr
sterben."
Nicht nur vom subjektiven Erleben her, sondern auch
objektiv gesehen ist die Depression eine schwere, oft lebensbedrohliche
Erkrankung. Hier ist die Gefahr der Suizidversuche und der Suizide zu nennen.
Fast alle Patienten mit schweren Depressionen haben zumindest Suizidgedanken.
In der Gruppe von Patienten mit schweren depressiven Störungen liegt die
Lebenszeit-Suizidalität bei erschreckenden 15%. Zirka die Hälfte der Patienten
mit depressiven Störungen begehen in ihrem Leben einen Suizidversuch. Umgekehrt
besteht bei der Mehrheit der Patienten, die Suizide begehen, ein depressives
Syndrom. Depression und Suizidalität sind also sich überlappende Bereiche.
Auch unabhängig von der Suizidalität kann z.B. bei älteren Menschen die
Depression durch Rückzugsneigung ins Bett, durch Appetitlosigkeit, zu geringe
Flüssigkeitsaufnahme sehr rasch zu lebensbedrohlichen Zuständen führen. Auch
ist sehr gut belegt, dass der Verlauf vieler anderer Erkrankungen wie z. B.
Diabetes mellitus oder der Zustand nach Herzinfarkt äußerst negativ beeinflusst
wird, wenn gleichzeitig eine unbehandelte Depression vorliegt.
Eine häufiger Grund für die Unterschätzung der Depression
liegt darin, dass wir umgangssprachlich schon von Depressionen sprechen, wenn
lediglich die Stimmung etwas gedrückt ist. Eine depressive Erkrankung besteht
jedoch nicht, wenn lediglich eine gedrückte Stimmung oder Traurigkeit vorliegt,
sondern es müssen weitere Symptome der Depression hinzukommen.
Die Depression ist eine mittlerweile gut zu behandelnde
Krankheit, trotzdem ist sie durchaus lebensgefährlich. Untersuchungen belegen,
dass 40 - 60 % der Menschen, die sich jährlich in Deutschland das Leben nehmen,
zum Zeitpunkt ihres Suizids an einer Depression leiden. Von denen an einer
Depression schwer erkrankten Patienten - die dann auch in einer psychiatrischen
Klinik behandelt werden müssen - sterben heute noch bis zu 15 % durch Suizid.
Todeswünsche und Selbsttötungsideen findet man bei etwa 60 % aller stationär
behandelten depressiven Patienten. Ärzte und Angehörige depressiver Patienten
müssen deshalb die Äußerung von Todeswünschen oder Selbsttötungsabsichten sehr
ernst nehmen, mit dem Kranken auch darüber reden und dann entsprechende
Vorkehrungen treffen. Wichtige Anzeichen sind direkte oder indirekte
Ankündigungen: Äußerungen über Hoffnungslosigkeit, nicht mehr leben wollen,
keine Freude mehr am Leben zu haben.
Geht eine Depression mit Wahnvorstellungen einher, z.B.
mit dem Gefühl von Straferwartung, von elendigem Zugrundegehen, von
selbstverschuldeter Verarmung und Katastrophe der Familie, oder liegt
Hoffnungslosigkeit vor, dass einem nicht mehr geholfen werden könne, ist von
einem erhöhten Risiko auszugehen. Auch Vorbereitungen, bisher Versäumtes in
Ordnung zu bringen, das Schreiben von Testamenten, die Klärung von
Versicherungsangelegenheiten usw., können direkte Hinweise auf Suizdgefahr
sein.
Viele Menschen haben Hemmungen, direkt nach
Selbstmordgedanken zu fragen. Dabei ist das direkte, offene und ernsthafte
Nachfragen die einzige Möglichkeit, Klarheit über die aktuelle Situation zu
bekommen. Nur ernsthafte Gespräche und Hilfsangebote können das Vertrauen
schaffen, das notwendig für den Depressiven ist, um das Wagnis einzugehen,
wieder Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen. Jedes bagatellisierende
Verhalten, eine Verkleinerung oder Verharmlosung des Leids fördert die
Grundstimmung der Hoffnungslosigkeit.
Das Gespräch sollte sehr konkret, direkt und einfühlsam
geführt werden. Die Erfahrung zeigt, dass Patienten froh sind, auf ihre
Suizidgedanken angesprochen zu werden.
Manchmal versuchen die Kranken, ihre Suizidgedanken zu
verharmlosen: "Ach, nimm das nicht so ernst, das tue ich schon nicht, das
geht mir nur jetzt gerade durch den Kopf." Dabei besteht die Gefahr, dass
sich Patient, Therapeut und Angehörige über das Ausmaß der Gefährdung täuschen
und notwendige Maßnahmen unterbleiben.
Besteht eine Selbsttötungsgefahr, müssen sofort
Hilfsmaßnahmen eingeleitet werden. Es muß eine Gesprächsmöglichkeit geschaffen
werden. Die Suizidabsicht muß als Notsignal offen und direkt, aber einfühlsam
angesprochen werden. Es sollten Bindungen im Leben des Gefährdeten betont
werden, vor allem aber auch die Hoffnung auf eine zu erwartende Besserung. Im
Gespräch sollte herausgestellt werden, was den Kranken noch hält und bindet:
z.B. die Kinder, Verwandte oder die berufliche Situation. Gibt es eine eigene
innere Hoffnung? Hat der Kranke dies schon einmal erlebt und überlebt? Gibt es
Wünsche, für deren Erfüllung sich weiter zu leben lohnt? Ist man im Gespräch an
einem solchen Punkt gelangt, stehen Fragen nach Veränderungen der jetzigen
Situation an: Was soll sich ändern? Wieviel Zeit gibt der Kranke sich? Wieviel
Hoffnung hat er? Hierher gehören auch Fragen nach den Zukunftsperspektiven: wie
soll es in einem Jahr in seinem Leben aussehen? Die Zukunftspersepktiven des
Depressiven sollten möglichst genau angesprochen werden. Stellen Sie Fragen und
hören Sie aufmerksam zu. Außerdem müssen Sie, falls es noch nicht geschehen
ist, den Kranken zum Aufsuchen eines Arztes bewegen bzw. den behandelnden Arzt
so schnell wie möglich von der Suizidgefährung unterrichten, um mit ihm
zusammen eine Entscheidung über eine mögliche Einweisung herbeizuführen.
Das einfühlsame und ausführliche Gespräch mit dem
depressiv Kranken ist die Grundlage für alle weiteren Schritte. Sie können in
diesem Gespräch vieles tun, um über die akute Gefahr der Selbsttötung
hinwegzukommen und den Suizidgefährdeten in kompetente Fürsorge zu bringen.
Manchmal ist dabei auch die Einweisung in die psychiatrische Klinik gegen den
Willen des Kranken nötig. Im Sinne der Lebensrettung sollte dies rasch
geschehen. Bedenken Sie: Schuldgefühle und ein falsches Verständnis von
menschlicher Freiheit ("Jeder kann tun, was er will, auch wenn er für sich
selbst nicht mehr die Verantwortung tragen kann") können für den
Depressiven in einer derartigen Krisensituation lebensgefährlich werden.
Selbsttötungsdrohungen, besonders konkret formulierte,
müssen immer ernst genommen werden.
Sie müssen nicht selbst Problemlösungen finden; wichtiger ist das aufmerksame
Zuhören und das einfühlsame und ernsthafte Nachfragen. Gut gemeinte Ratschläge,
"Moralpredigten" und Aufmunterungsversuche drängen den
Selbstmordgefährdeten nur immer tiefer in seine Ausweglosigkeit zurück.
Teilen Sie Ihre eigenen Gefühle angesichts der
Selbstmorddrohung ehrlich mit, auch wenn Sie damit in Widerspruch zu den
Äußerungen des Verzweifelten geraten.
Nach einem glücklicherweise fehlgeschlagenen Selbstmordversuch braucht der
Depressive Ehrlichkeit, Offenheit und Respekt. Es wäre völlig falsch, ihn bei
der Vertuschung seiner verzweifelten Situation zu unterstützen und vielleicht
so zu tun, als ob der Selbsttötungsversuch nur ein Versehen oder ein Unfall
gewesen wäre. Fragen Sie offen nach den Gründen und Problemen, die die
Lebenssituation scheinbar aussichtslos gemacht haben. Verbergen Sie dabei auf
keinen Fall Ihre eigenen Gefühle von Wut, Hilflosigkeit, Angst, Schuld oder
Liebe.
Wenn Sie sich durch den Selbstmordgefährdeten überfordert oder sogar erpreßt
fühlen, sollten Sie nicht zögern, sich weitere Hilfe durch Außenstehende zu
holen.
Zu Ihrer eigenen, notwendigen seelischen Entlastung ist es
wichtig, mit vertrauten Personen über den Selbstmordversuch zu sprechen und ihn
nicht als "Schande" zu verheimlichen.
"Die Depression ist gleich einer Dame in Schwarz.
Tritt sie auf, so weise sie nicht weg, sondern bitte sie als Gast zu Tisch und
höre, was sie zu sagen hat." Dieser C.G. Jung zugeschriebene Ausspruch
macht durchaus Sinn, wenn man die Depression als einen Schutzmechanismus
akzeptieren kann, der aus dem Unbewußten heraus in ein Leben eingreift, in dem
der Betroffene über seine eigene Bedürfnisse hinweggeht und so seine Gesundheit
und seine Integrität aufs Spiel setzt. Das Unbewußte duldet es nicht, dass wir
fern von der Wirklichkeit Dingen nachlaufen, die durch ihre Unerreichbarkeit
unsere ganze Energie absorbieren und so unsere Gesundheit gefährden.
Wir leben mehr in Illusionen, als wir uns eingestehen
wollen. Dabei liegt die Illusion meist nicht in den Zielen, die wir uns setzen,
sondern in der Belohnung, die wir uns dafür erhoffen, dass wir diese Ziele
erreichen. Zu den am häufigsten und hartnäckigsten verfolgten Zielen gehören
Reichtum, Erfolg und Ruhm. Unsere Kultur wird geradezu durch den Mythos vom Reichsein
bestimmt. Wir unterscheiden zwischen "Besitzenden" und
"Besitzlosen". Wir glauben, die Reichen seien glücklich, weil sie das
Geld besitzen, um sich durch die Erfüllung ihrer Wünsche selbst zu
verwirklichen. Leider stimmt das nicht so. Die Reichen werden ebenso depressiv
wie die Armen. Finanzieller Reichtum kann nur wenig zu der Art von
Selbstverwirklichung beitragen, die das Leben mit Sinn erfüllt. Viel zu häufig
lenkt uns der Drang, Reichtum zu erwerben, von Tätigkeiten ab, die
schöpferischer sind und mehr zur Selbstverwirklichung beitragen als Geld zu
verdienen.
Auch hinter dem Drang nach Erfolg und Ruhm steht eine
Illusion. Wir glauben, wir könnten unsere Selbstachtung und natürlich auch die
Achtung anderer vor uns durch äußere Erfolge steigern. Erfolg verschafft uns
die Geltung und die Billigung, die wir zu brauchen meinen. Wenn das wahr wäre,
hätten nicht schon so viele erfolgreiche Leute auf dem Gipfel ihrer Karriere
Selbstmord begangen. Wer hat durch seinen Ruhm je wirklich wahre Liebe gefunden?
Wer hat durch äußere Erfolge das Gefühl der inneren Einsamkeit überwunden?
Geld, Ruhm und Erfolg werden in den Medien der Massengesellschaft glorifiziert,
aber das wirkliche Leben wird immer noch auf eine ganz persönliche Weise
gelebt. Die Idole, die die Medien aufbauen, um von ihnen zu leben, sind
gefährliche Leitbilder. Sie haben dazu beigetragen, dass jemand der arm und
unbekannt ist, zu einem "Niemand" wird, der es nicht wert ist,
geliebt zu werden. Der "Erfolg-Reiche" mag wie ein "Jemand"
wirken, weil er sich mit den äußeren Anzeichen der Wichtigkeit umgibt -
Kleidung, Autos, ein großes Haus und die Aura der Berühmtheit geben einen
blendenden Anschein. Aber der Anschein ist außen und hat vielleicht keinen
Bezug zum inneren, wirklichen Leben dieses Menschen. Tatsächlich weist der
Umstand, dass jemand den Anschein erwecken muß, "jemand zu sein",
darauf hin, dass er in seinem Inneren das Gefühl hat, "niemand" zu
sein.
Wir sind anfällig für Depressionen, wenn wir den Sinn
unseres Lebens an äußeren Werten orientieren. Solange wir unsere Erfüllung und
Befriedigung von Quellen außerhalb von uns selbst erwarten, werden wir immer
wieder enttäuscht werden. Wenn wir, müde und erschöpft durch das fruchtlose
Verfolgen illusionärer Ziele, unsere Enttäuschung nicht wahrhaben wollen,
fallen wir in Depressionen.So kann man die Depression als den Weg ansehen, den
das Unbewußte wählt, um einer sinnlosen Vergeudung von Lebenskraft und -zeit
ein Ende zu setzen.
Diagnose der Depression
Depressive Erkrankungen gehen mit Krankheitsanzeichen
einher, die sich von normaler Niedergeschlagenheit meist klar abgrenzen lassen.
Da die Symptome der Depression aber in unterschiedlicher Zusammensetzung,
Dauer, Intensität und Periodik auftreten, ist es für den Arzt nicht immer
leicht, eine "Depression" als behandlungsbedürftige Krankheit ohne
gezieltes Nachfragen sofort zu diagnostizieren.
Zudem klagen die Patienten meist nicht über depressive
Verstimmung, sondern über körperliche Beschwerden. So verlangen depressive
Patienten beim Hausarzt z.B. oft nur nach Kopfweh- oder Schlafmitteln. Nach
einer Studie der Universität Mainz befürchten außerdem 80% der depressiv
erkrankten Menschen durch das Bekanntwerden einer psychischen Krankheit
nachteilige Folgen für ihr Berufs- und Privatleben. Über die Hälfte aller
Depressionen bleiben daher trotz Arztbesuch unerkannt. Das Kompetenznetz
"Depression" will deshalb geeignete Diagnoseverfahren etablieren und
insbesondere die Hausärzte in Qualitätszirkeln u.a. mit Hilfe neuer Medien
(Lehrvideos) für das Krankheitsbild Depression sensibilisieren.
"Die allermeisten Menschen mit depressiven Störungen
wenden sich zuerst an den niedergelassenen Hausarzt und nicht an den Facharzt
(Psychiater). Es ist daher von größter Wichtigkeit, gerade den Blick der
Hausärzte für diese oft versteckte Krankheit zu schärfen."
Dr. Veit Wambach
Ein sowohl international als auch in Deutschland
gebräuchliches Diagnosesystem ist die sogenannte ICD 10 (International
Classification of Disorders). Dabei werden systematisch in Abhängigkeit von
Anzahl, Dauer und Schwere des Auftretens der Symptome verschiedene Arten der
depressiven Erkrankungen unterschieden, so zum Beispiel:
- die depressive Episode im Rahmen einer unipolaren
Depression. Diese wird in eine leichte, mittlere und schwere Form unterteilt.
- die depressive Episode im Rahmen der bipolaren
affektiven Störung. Bei Patienten mit dieser Erkrankung treten neben
depressiven Episoden auch Manien mit gesteigertem Antrieb und gehobener
Stimmung auf.
- die Dysthymie. Hierbei handelt es sich um eine meist im
jungen Erwachsenenalter beginnende, eher chronisch verlaufende Depression.
Die depressiven Episoden können Wochen, Monate und
unbehandelt manchmal auch Jahre anhalten. Gerade bei lang dauernden Phasen
besteht die große Gefahr, dass sich ein fatalistischer Gewöhnungsprozess bei
den Angehörigen und auch dem Patienten selbst einstellt und die Beschwerden
nicht als Ausdruck einer Erkrankung, sondern der Persönlichkeit oder der
Lebensumstände des Patienten angesehen werden.
"Bei einem depressiven Menschen sind immer sowohl die
Physiologie als auch das Verhalten und Erleben verändert. Dies sind nur zwei
Seiten einer Medaille. Es ist deshalb naheliegend, sowohl mit Medikamenten als
auch mit Psychotherapie zu behandeln."
Prof. Dr. Ulrich Hegerl
Die wichtigsten Säulen der Behandlung sind die Pharmakotherapie (Medikamentenbehandlung)
mit Antidepressiva und die Psychotherapie. Handelte es sich in den achtziger
Jahren bei dieser Alternative noch um eine Art Glaubensfrage, so wird heute im
Dienste des Patienten sachlich diskutiert und geforscht. Die früher
gebräuchliche Einteilung in entweder psychogene/reaktive oder endogene
Depressionen ist in der Psychiatrie verlassen worden. Die Pharmakotherapie gilt
inzwischen als unverzichtbares und wirksames Heilverfahren. Aber auch
psychotherapeutische Verfahren wie z.B. die kognitive Verhaltenstherapie haben
ihren festen Platz bei der Behandlung der Depression. Wenn möglich, werden
beide Therapieformen kombiniert.
Interpersonelle Therapie (IPT)
Auch die Wirksamkeit der IPT bei depressiven Patienten ist
in methodisch sorgfältigen wissenschaftlichen Untersuchungen belegt worden. Im
Mittelpunkt der therapeutischen Gespräche stehen die Beziehungen des Patienten
zu seinen Mitmenschen. Auch wenn Konflikte mit Partnern oder Angehörigen selten
eine Depression auslösen, so werden umgekehrt die Beziehungen des Patienten
meist durch die Krankheit stark belastet. Durch das Aufgreifen von Themen wie
Trauer und Abschluss von Lebensabschnitten eignet sich die Interpersonelle
Psychotherapie auch besonders gut für ältere Menschen. Gerade für ältere
Menschen konnte die Wirksamkeit der Interpersonellen Therapie besonders gut
nachgewiesen werden, obwohl sie auch bei jüngeren Erwachsenen zur Besserung
einer Depression geeignet ist.
Basis der Interpersonellen Therapie bilden
wissenschaftliche Untersuchungen, die gezeigt haben, dass Depressionen mit
folgenden vier Bereichen in Verbindung stehen:
(1) Verlust von geliebten Menschen und Trauer,
(2) menschliche Konflikte,
(3) Abschluss von Lebensabschnitten,
(4) Kontaktschwierigkeiten.
Aus diesen vier Bereichen werden meist zwei Themen
ausgewählt, die für den jeweiligen Patienten am wichtigsten sind. Ist Trauer
ein zentrales Thema, weil z.B. der Lebenspartner verstorben ist oder ein
anderes unglückliches Ereignis eingetreten ist, wird der Ausdruck von Trauer
gefördert, Interessen und neue Beziehungen werden aufgebaut. Stehen
interpersonelle Konflikte im Mittelpunkt, sollen diese zunächst erkannt und mit
dem Partner diskutiert werden. Bei einem problematischen Rollenwechsel, z.B.
von der Berufstätigkeit in die Berentung, ist es von Bedeutung, den Verlust der
alten Rolle anzunehmen und zu betrauern, die neue Rolle positiv zu sehen und
das Selbstwertgefühl wiederherzustellen. Leidet ein Patient unter
Kontaktproblemen, wird er beim Schließen von Freundschaften unterstützt.
Der Therapeut ermuntert den Patienten stets zum Ausdruck
seiner Gefühle und Gedanken. Neue oder schwierige Situationen werden immer
wieder im Rollenspiel geübt.
Die Therapie mit Licht wird vor allem bei der kleinen
Gruppe der saisonal abhängigen Depressionen, den sogenannten
Winterdepressionen, als zusätzliches unterstützendes Therapieverfahren
erfolgreich eingesetzt. Dabei setzt sich der Patient Licht von mindestens 2.500
Lux, besser 10.000 Lux aus, und zwar am besten vormittags für 30 bis 40
Minuten. Die Behandlung dauert mehrere Tage bis zu einer Woche. Der Patient
muss immer wieder in die Lichtquelle sehen, damit über Retina und Sehnerv die
Ausschüttung von Serotonin und Melatonin ausgelöst wird. Auch die Lichttherapie
muss man als unterstützendes Verfahren in Kombination mit Pharmako- und
Psychotherapie sehen.
Für die Wahl des richtigen Psychotherapeuten gibt es keine
Faustregel - nur soviel: die "Chemie" muss stimmen. Zu Ihrem
Therapeuten sollten sie volles Vertrauen haben, so dass Sie auch
Auseinandersetzungen mit ihm führen können, die unweigerlich in einer Therapie
auftreten. Der Therapeut oder die Therapeutin sollte genügend
Einfühlungsvermögen aufbringen, Ihre Lage zu verstehen und Ihre Gefühle
nachvollziehen zu können. Auch sollte er eine klare Vorstellung von dem geben,
was Sie erwartet. Vorsicht sollte bei "Schnell- oder Wunderheilern"
geboten sein.
Die Psychotherapie kann von einem behandelnden Psychiater
oder Nervenarzt verordnet werden, seit letztem Jahr auch von psychologischen
Psychotherapeuten, die eine staatliche Anerkennung haben. Eine Psychotherapie
kann sowohl von Ärzten als auch von Psychologen durchgeführt werden. Dabei
sollte auf den Zusatztitel "Psychotherapeut" geachtet werden, der
seit dem Jahr 2000 geschützt ist. Therapeuten mit dieser Bezeichnung haben eine
einheitliche Grundausbildung absolviert und die generelle Erlaubnis zur
Ausübung des Berufes des Psychotherapeuten erlangt. Erkundigen Sie sich bei
Ihrem Hausarzt, ob dieser mit Psychotherapeuten zusammenarbeitet oder sie an
einen Kollegen vermitteln kann, der entsprechende Kooperationen aufgebaut hat.
Adressen von Psychotherapeuten geben die örtliche AOK, der
Bundesverband der Psychotherapeuten oder die örtliche Kassenärztliche
Vereinigung heraus. Auch der Psychotherapie-Informations-Dienst vermittelt
Anschriften und Telefonnummern registrierter Psychotherapeuten in ganz
Deutschland. Wegen zum Teil längerer Wartezeiten lohnt es sich, sehr frühzeitig
Kontakt zu Therapeuten aufzunehmen. Keiner kann Ihnen im Voraus sagen, welcher
Therapeut der richtige für sie ist. Haben Sie sich zusammen mit Ihrem Arzt oder
Psychologen für eine bestimmte Therapie entschieden, sollten sie mit einem
Therapeuten sogenannte probatorische Sitzungen vereinbaren, in denen Sie
herausfinden können, ob Sie eine fruchtbare Zusammenarbeit aufbauen können.
Maximal fünf probatorische Sitzungen werden von der Krankenkasse unabhängig von
der später bewilligten Anzahl von Stunden bezahlt. Natürlich kann auch Ihre
jeweilige Ärztin oder Ihr Arzt die Therapie führen, sofern sie oder er dafür
ausgebildet ist. Legen Sie großen Wert auf diese Gespräche - nur wenn die
Rahmenbedingungen stimmen und Sie Vertrauen fassen können, kann die Therapie Erfolg
bringen.
- Erkennen Sie an, dass die Person krank ist und dass die
Behandlung die höchste Priorität hat.
- Geben Sie bedingungslose Liebe und Unterstützung.
- Behalten Sie Ihre Tagesroutine soweit wie möglich bei.
- Denken Sie daran, dass die Symptome einer Depression das
Verhalten einer Person verändern können.
- Seien Sie sich bewusst, dass depressive Personen eine
negative Sicht der Dinge haben.
- Sprechen Sie über Ihre Gefühle.
- Nehmen Sie die Dinge nicht persönlich.
- Denken Sie daran, dass auch die Familienmitglieder eine
belastende Phase durchmachen.
- Denken Sie daran, dass die Familienmitglieder
möglicherweise ihre Aufgaben anpassen müssen -Haushalten, einfachere
Mahlzeiten, mehr Hausarbeit.
- Ergreifen Sie die Initiative und reagieren Sie nicht
lediglich auf Situationen.
- Bekämpfen Sie die Depression gemeinsam als Team.
- Sprechen sie offen mit dem Arzt über Fortschritte und
Behandlungserfolg.
- Gestehen Sie sich zu, um Hilfe zu bitten, wenn Sie sie
benötigen.
- Unterstützung geben
- Erwarten Sie nicht, dass Sie die Depression
"heilen" können oder dass sich die Depression über Nacht in Luft
auflösen wird.
- Kritisieren Sie die Person nicht wegen ihres depressiven
Verhaltens und machen Sie ihr keine Vorwürfe.
- Erwarten Sie nicht, dass die Person die Erkrankung
einfach so "abschüttelt".
- Versuchen Sie nicht, der erkrankten Person jede Arbeit
abzunehmen, auch wenn das wie Hilfe aussehen mag.
- Schließen Sie die erkrankte Person nicht aus
Familienangelegenheiten oder Besprechungen aus.
- Haben Sie keine Angst, Fragen zu stellen.
- Versuchen Sie während der Genesung von der Depression
nicht, alle schlechten Gewohnheiten auszumerzen.
- Treffen Sie während einer depressiven Erkrankung keine
wichtigen Entscheidungen in Ihrem Leben (Ehe, Scheidung, Arbeitsplatzwechsel,
Umzug).
Die Angehörigen des Depressiven
In der Regel befinden sich die Angehörigen eines an
Depression erkrankten Menschen in einer schwierigen Situation. Sie haben keine
Erfahrung mit dieser Erkrankung und verwechseln die Depression dann mit einer
Verlust- oder Trauerreaktion. Auf diese Weise wird die Behandlung der Krankheit
hinausgezögert. Erst nach einiger Zeit, wenn sich neben der Traurigkeit auch
andere Anzeichen der Erkrankung bemerkbar machen, z.B. anhaltende
Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme und Schlafstörungen, wird erwogen, einen Arzt
aufzusuchen. Besonders kompliziert wird diese Situation dann, wenn der - nicht
erkannte - depressive Kranke auf die liebevolle Zuwendung seiner Angehörigen
nicht reagiert. Die Angehörigen sind irritiert, weil sie das in sich
zurückgezogene Verhalten des Depressiven als Mißachtung ihrer Bemühungen
interpretieren. So entsteht eine Verärgerung, die den Depressiven zwangsläufig
noch tiefer in den Rückzug treibt. Die Eskalation der allgemeinen Situation und
der Krankheit sind so zwangsläufig miteinander verbunden.
Die Angehörigen müssen, um sich dem Depressiven gegenüber
richtig verhalten zu können, wissen, dass der Kranke unter seiner Unfähigkeit,
Gefühle auszudrücken, selbst am meisten leidet. Es geht hier nicht um eine
absichtliche Verweigerung, um Lieblosigkeit oder gar Bösartigkeit, sondern um
eine Störung, die Bestandteil und Ausdruck der Depression ist. Dieser Zustand
wird sich aber im Laufe der Therapie wieder zum Besseren verändern. Er wird
nicht ewig anhalten
Die mit der Depression einhergehende emotionale Blockade
ist zusätzlich verbunden mit der Unfähigkeit, etwas wie gewohnt zu tun, der
Klage über diese Unfähigkeit und einer schnellen Erschöpfbarkeit insgesamt. All
das wirkt besonders in der ersten Zeit sehr verwirrend auf alle im Umfeld des
Depressiven befindlichen Personen. Das Nichtkönnen wird dann gerade von den
Arbeitskollegen als Nichtwollen verkannt. Es ist wichtig, sich immer wieder ins
Bewußtsein zu rufen, dass es beim Depressiven nicht um das Nichtwollen, sondern
um das Nichtkönnen geht.
Aber ähnlich wie die durch das Nichtwissen bedingte
Verständnislosigkeit und ein Mangel an Fürsorge kann auch eine
Überfürsorglichkeit der Gesundung des Kranken im Wege stehen, wenn sie die
Entwicklung von Eigeninitiative und Selbstverantwortlichkeit behindert. So
kommt es z.B. einer Entmündigung gleich, wenn Angehörige mit dem Arzt oder mit
dem Therapeuten über den Kranken reden, wenn dieser nicht dabei ist, oder noch
schlimmer, als ob dieser nicht dabei wäre. Die Depression ist keine
Geisteskrankheit, sondern eine Gemütskrankheit, und der depressiv Kranke ist,
auch wenn er schweigt, nicht entmündigt. Er ist kein hilfloser und
grundsätzlich lebensunfähiger Mensch. Er braucht Unterstützung im Sinne von
Aktivierung und Bestätigung und darf durch überbeschützende und bevormundende
Maßnahmen nicht zusätzlich behindert werden. In diesem Sinne sollten Angehörige
auch keinen Einfluß auf medizinische oder psychotherapeutische Maßnahmen
ausüben.
Quelle: Augsburger Allgemeine vom 02.11.2001 / Nina-Anna
Beckmann
Sozialpsychiatrischer Dienst bietet Hilfe bei seelischen
Problemen - Jeden Mittwoch Teestube
Krumbach/Günzburg
Es gibt Krankheiten, die sieht man nicht, denn sie
betreffen die Seele. - Und sie machen einsam. Denn viele Menschen stehen
solchen Krankheiten, die nicht so einfach zu diagnostizieren und zu heilen sind
wie ein Armbruch, hilflos gegenüber. Wie sehr ein Mensch unter Depressionen
oder Angstzuständen leidet, kann oft nur jemand nachvollziehen, der selbst
betroffen war oder ist. Einer der Gründe, weshalb der Sozialpsychiatrische
Dienst Günzburg mehrere Selbsthilfegruppen und Treffs für Menschen mit
seelischen Problemen eingerichtet hat. Und das nicht nur in Günzburg. Auch in der
Außensprechstelle im Krumbacher Kreishaus trifft man sich jeden Mittwoch zu
einer Teestube.www.
Wer das kleine Zimmer im ersten Stock des Krumbacher
Kreishauses zur Teestuben-Zeit des Sozialpsychiatrischen Dienst betritt, hat
nicht den Eindruck, auf Menschen mit schwerwiegenden Problemen zu treffen. In
lockerer Runde sitzen fünf Männer und zwei Frauen um den großen Tisch, auf dem
sich neben Mandel-Marzipanhörnchen und den ersten Lebkuchen-Sternen auch
Schinkenbrote türmen. Bei einer Tasse Kaffee oder Tee werden Neuigkeiten
ausgetauscht: „Ich habe vergangene Woche ein neues Klingelschild bekommen“,
erzählt ein 51 Jahre alter Mann und fügt kopfschüttelnd hinzu, dass man seinen
Namen darauf falsch geschrieben habe.
Noch etwas zu retten?
Gemeinsam überlegt die Runde, ob bei dem Schild noch etwas
zu retten ist oder ob ein neues her muss. Dann berichtet sein Tischnachbar,
dass er gestern bei der Computer-Tomographie war und wahrscheinlich etwas an
den Bandscheiben hat. Dass er sich über diesen Befund Sorgen macht, ist seinem
Gesicht anzusehen. Ihm diese Sorgen nehmen, können die anderen
Teestuben-Teilnehmer zwar nicht, aber sie hören ihm zu und das ist auch schon
eine Hilfe.
„Meist sitzen wir in netter, lustiger Runde zusammen, aber
wenn etwas ansteht, sprechen wir auch über Probleme“, erklärt Christiane
Schuhmann-Wagner, die den Krumbacher Teestuben-Treff ehrenamtlich leitet. Über
die Gründe und Probleme, die jeden einzelnen hierher führen, wird nicht groß
geredet. „Wir kennen uns inzwischen gut und wissen vom anderen, was los ist“,
sagt ein 44-jähriger Mann. Wer dennoch nach den Gründen fragt, bekommt
bereitwillig Auskunft.
Die Menschen hier haben gelernt, über ihre Probleme zu
reden. So zum Beispiel ein 40-jähriger Mann, der vor 14 Jahren in Rente gehen
musste. „Man weiß nicht, wie man den Tag rum kriegen soll: Man raucht eine
Zigarette, dann kocht man Kaffee, dann raucht man wieder eine Zigarette.
Irgendwann fällt einem die Decke auf den Kopf und man glaubt verrückt zu
werden“, schildert der gebürtige Saarländer nahezu emotionslos seine
Erfahrungen. Irgendwann seien dann die Depressionen gekommen und „die
Einsamkeit frisst einen auf.“
Die Mittwochsrunde hier im Kreishaus habe ihm geholfen.
Hier wisse man, dass man mit seinen Problemen nicht allein sei, weil man auf
Menschen träfe, die ähnliche Schwierigkeiten hätten. Und sein Nachbar zur
Rechten ergänzt schlicht: „Ich habe hier Freunde gefunden“ und der Rest der
Runde nickt zustimmend. Außer der Teestube jeden Mittwoch bietet der
Sozialpsychiatrische Dienst Günzburg noch zahlreiche andere Gruppen und
Aktionen an. „Wir treffen uns zum Beispiel jeden Freitag von 9 bis 10.30 Uhr
zum Frühstücken in der Günzburger Hauptstelle an der Zankerstraße 1a“,
berichtet Diplom-Psychologe Felix Göb, der hauptamtlich beim Sozialpsychiatrischen
Dienst in Günzburg angestellt ist und regelmäßig in Krumbach vorbeischaut. Aber
auch Radtouren, Malkurse und eine einwöchige Urlaubsfahrt im Sommer werden
angeboten. „Das ist wirklich super“, schwärmt ein 51-Jähriger, der nach eigener
Auskunft an jeder Veranstaltung begeistert teilnimmt und keine auslässt. Und
die Familie, ist die nicht böse, wenn er kaum noch zu Hause ist? Nein, sagt er
den Kopf schüttelnd. Er habe keine Familie. Und nach einer kurzen Pause fügt er
hinzu: „Meine Familie ist hier.“
Wer Interesse an dem Angebot des Sozialpsychiatrischen
Dienst sowohl in Krumbach als auch in Günzburg hat, kann sich unter (0 82 21) 3
21 50 näher informieren. Zur Teestube jeden Mittwoch von 15 bis 17 Uhr im
Kreishaus Krumbach an der Robert-Steiger-Straße ist jeder herzlich willkommen.
Quelle: DIE WELT online vom 21.05.2001
Von Anne Malburg
Eigentlich ist alles organisiert. Nur eine Frage ist noch
offen, als der Diplom-Psychologe David Althaus sich auf den Weg zur Beratungsstelle
in der Nürnberger Pilotystraße macht. Die wichtigste: Werden die zwei Frauen
kommen, die über ihre Krankheit sprechen wollen? Das wäre wichtig. Die haupt-
und ehrenamtlichen Mitarbeiter der evangelischen Kirche, die heute an der
Fortbildung teilnehmen, werden Fragen haben. Sie wollen ja verstehen: Was
passiert mit einem Menschen, der unter Depressionen leidet? Dieser Krankheit,
die äußerst quälend ist und doch so häufig verborgen bleibt.
Die Deutschen reden an sich gerne über ihre Krankheiten
und Wehwehchen. "Doch eine Depression ist nicht salonfähig", sagt
Althaus. Über schwere seelische Erkrankungen wird lieber hinter vorgehaltener
Hand getuschelt. Andererseits neigen viele dazu, die Macht der Depression zu
unterschätzen, weisen ihr eher den Status einer bösen Erkältung zu. Das wissen
auch die Betroffenen - die meist alles daran setzen, ihren Zustand geheim zu
halten. Umso bewundernswerter findet es Alt-haus, dass die zwei Frauen ihre
Zusage einhalten. Beide sind schon lange wegen Depressionen in Behandlung und
inzwischen Mitglieder einer Selbsthilfegruppe. Das gibt Ihnen den Mut, sich in
die Öffentlichkeit zu wagen: Sie wollen mithelfen, andere über das Wesen ihrer
Erkrankung aufzuklären.
Dass dies gerade in Nürnberg geschieht, ist kein Zufall:
Die Stadt ist dabei, ein Kapitel Medizingeschichte zu schreiben. Denn hier
läuft mit dem "Nürnberger Bündnis gegen Depression" ein weltweit
einmaliges Forschungsprojekt - Experten hoffen, dass es für Ärzte wie
Depressionskranke erhebliche Fortschritte bringt. Das Bündnis präsentierte sich
der Öffentlichkeit erstmals im Januar dieses Jahres. Doch noch immer fragen
sich viele: Wer oder was steckt hinter einem "Bündnis gegen
Depression"?
"Erst einmal haben wir den Kontakt zu allen gesucht,
die in einschlägigen Bereichen tätig sind", sagt Projektleiter David
Althaus. Das sind neben den Klinikärzten die niedergelassenen praktischen
Ärzte, Psychologen und Therapeuten sowie einige Ämter. Aber auch die Nürnberger
Pfarrer, die Mitarbeiter von Beratungsstellen und Seniorenheimen oder Lehrer
sind wichtige Partner: Möglichst viele, die beruflich täglich mit Menschen zu
tun haben, sollen über das Erscheinungsbild der Depression informiert sein.
Denn die Krankheit tarnt sich gut. Viele Betroffene
entwickeln körperliche Symptome wie Schlafstörungen, Kopf- oder Magenschmerzen.
Ihre Lustlosigkeit, ihr mangelndes Interesse an der Umwelt, ihren Rückzug, das
Gefühl zu versagen und ihre schlechte Stimmung erklären Sie sich dann als Folge
des körperlichen Unwohlseins. Das tun auch viele der Ärzte, an die sich die
Hilfesuchenden wenden.
Die Folge: Nicht einmal die Hälfte aller Depressionen
werden diagnostiziert, Sehr viele Fälle bleiben unbehandelt. Was nicht nur
unnötiges Leid bedeutet, sondern lebensgefährlich sein kann: Bis zu 56 Prozent
aller Depressiven versuchen irgendwann, sich das Leben zu nehmen. Experten
machen nicht erkannte oder unzureichend behandelte Depressionen für einen
Großteil aller Selbstmorde verantwortlich. Das Nürnberger Projekt soll daher
auch zeigen, ob breite Aufklärung helfen kann, die Selbstmordrate spürbar zu
senken.
"Allein in Nürnberg gibt es schätzungsweise 25 000
depressiv erkrankte Menschen. Die meisten denken, nur sie hätten ein Problem,
wissen nicht, dass es effektive Hilfe für sie gibt", meint David Althaus.
Angeboten werden daher neben Fortbildungen für Fachleute auch Infoabende, die
allen offen stehen. Plakate, Kinospots und Aktionstage sollen die zentralen
Botschaften des Bündnisses transportieren: Depression ist eine Krankheit, sie
kann jeden treffen, aber den meisten Betroffenen kann heute wirksam geholfen
werden.
"Wir wollen, dass die Menschen über ihr Problem
endlich reden können", sagt Althaus. Das wäre auch für die Angehörigen
eine große Erleichterung. Sie stehen meist hilflos vor den Veränderungen, die
eine Depression in einem Menschen bewirkt; dabei ist gerade ihre Unterstützung
sehr wichtig. Erste Informationen könnten sie künftig per Video bekommen: Der
15-Minuten-Film für Patienten und ihre Angehörigen ist fertig. Den Nürnberger
Hausärzten werden Kassetten zur Ausleihe an Patienten zur Verfügung gestellt.
Sie erhalten auch ein spezielles Ärztevideo zur Diagnose und Therapie der
Depression. Und da "alles sehr praxisnah sein muss", wie Althaus
weiß, gibt es sogar Seminare zum Abrechnungsverfahren bei
Depressionsbehandlungen.
"Natürlich haben die Nürnberger gefragt: Warum sind
gerade wir die Versuchskaninchen?", so Althaus. Die Antwort: Nürnberg ist
repräsentativ. Nicht zu groß und nicht zu klein, die Versorgung mit Ärzten und
Kliniken entspricht dem Standard. "In einer Großstadt wie München ist so
ein Arbeitsbündnis schwerer zu organisieren. Auch sitzen dort sehr viele
Kliniken und Spezialisten, das ergibt ein verzerrtes Bild", erläutert
Althaus. Skandinavische Forscher setzten bei einem Vorläufer des Nürnberger
Projekts sogar auf einen viel isolierteren Raum. Sie wählten die Ostseeinsel
Gotland mit nur rund 58 000 Einwohnern. Ihre Studie belegte: Die Zahl der
Selbstmorde ließ sich allein durch die Depressions-Schulung von
Allgemein-ärzten binnen drei Jahren um über die Hälfte reduzieren.
Die Hausärzte spielen im Nürnberger Bündnis ebenfalls eine
zentrale Rolle. Sie sind meist die erste Anlaufstelle für Erkrankte. Das
erfordert nicht nur die Fähigkeit zur Diagnose einer Depression. Die
Niedergelassenen haben es auch mit anderen Formen der Erkrankung zu tun als
ihre Klinik-Kollegen. Menschen mit schweren Depressionen müssen häufig
stationär behandelt werden; leichtere Formen könnte ein gut informierter
Hausarzt betreuen. Wie die optimale Therapie in solchen Fällen aussieht, ist jedoch
ungeklärt: Bisher lag das Augenmerk der Forscher hauptsächlich auf der Therapie
schwerer und mittelschwerer Depressionen. Daher wird man gemeinsam mit den
niedergelassenen Ärzten systematisch der Frage nachgehen, wie leichte
depressive Störungen in der Praxis zu behandeln sind.
Sowohl das Nürnberger Bündnis für Depression als auch die
Behandlungsstudie sind Teil eines bundesweiten Forschungsvorhabens: Beide sind
eingebunden in das neue Kompetenznetz Depression, Suizidalität, das von München
aus koordiniert wird. Für Althaus, der sein Büro an der Psychiatrischen Klinik
der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität hat, bedeutet das viel Pendelei.
Denn es hat sich gezeigt: Die Nürnberger, ihre Ärzte und Therapeuten, nehmen
die Info- und Fortbildungsangebote begeistert wahr.
Quelle: Ärzte Zeitung vom 10.01.2001
Nürnberg (sto). Damit Patienten, die an einer Depression
erkrankt sind, künftig früher erkannt und dann adäquat behandelt werden, ist
gestern in Nürnberg offiziell ein bundesweit einmaliges Aktionsprogramm
gestartet worden. Beteiligt sind Ärzte, Psychiater und Medienexperten ebenso
wie die Kirchen und staatliche Stellen.
Durch eine Vielzahl von Aktionen strebt das
"Nürnberger Bündnis gegen Depression" in den kommenden zwei Jahren
eine Verbesserung der Versorgung depressiv erkrankter Menschen an, um auf diese
Weise auch die Zahl der Suizide zu verringern. Durch gezielte
Aufklärungskampagnen bei Ärzten und in der Öffentlichkeit soll vor allem die
Wahrnehmung für erste Anzeichen einer Depression geschärft werden, sagte
gestern der Sprecher des Kompetenznetzes Depressionen, der Münchner Psychiater
Professor Ulrich Hegerl, vor der Presse in Nürnberg. Die Depression sei eine
lebensbedrohliche Erkrankung, an der bundesweit mehr als vier Millionen
Menschen leiden. Schätzungsweise 6000 Depressive nehmen sich jährlich das
Leben.
Tatsächlich haben viele Menschen vor einem Suizid Kontakt
zu einer Einrichtung im Gesundheitswesen gehabt, ohne daß dort die Warnzeichen
erkannt wurden, berichtete der Psychiater Dr. Günter Niklewski vom Klinikum
Nürnberg Nord. Auch würden viele Depressionen von Ärzten zu spät erkannt und
dann nicht oder falsch behandelt. Dies müsse sich ändern.
Geplant sind unter anderem Fortbildungsveranstaltungen für
Ärzte, Lehrer, Berater, Pfarrer oder Pflegekräfte. Begleitet wird das
Aktionsprogramm von einer Aufklärungskampagne. Die zentralen Aussagen:
"Depression kann jeden treffen" und "Depression ist behandelbar".
(Telefonnummern der städtischen Notdienste für
Krisenintervention und Selbstmordverhütung erhalten Sie über die Auskunft oder
die DGS)
Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS)
Bezirks-Krankenhaus
Nordring 2
95445 Bayreuth
Tel.: 0921 - 283-301
Die Arche - Zentrale für Selbstmordverhütung und
Lebenshilfe
Viktoriastraße 9
80803 München
Tel.: 089 - 33 40 41
Konfliktberatung - Selbstmordverhütung
Jebenstraße 1
10623 Berlin
Tel.: 030 - 313 66 60 22
Notrufdienste sind rund um die Uhr besetzt.
In den meisten Großstädten Deutschlands gelten die
einheitlichen Rufnummern
0 - 800 -111 0 111 und
0 - 800 -111 0 222
gebührenfrei
Dachverband Psychosozialer Hilfsvereinigungen e.V.
Bundesverband Psychiatrieerfahrener e.V. und Bundesverband
der Angehörigen psychisch Kranker e.V.
Gemeinsame Adresse:
Thomas-Mann-Straße 49a
53111 Bonn
Tel.: 0228 - 63 26 46
Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V.
Friedrichstraße 28
35392 Gießen
Tel.: 0641 - 702 24 78
Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur
Unterstützung von Selbsthilfegruppen NAKOS
Albrecht-Achilles-Straße 65
10709 Berlin
Tel.: 030 - 891 40 19
Selbsthilfekontakt- und Informationszentrum SEKIS
Friedrichstraße 28
35392 Gießen
Tel.: 0641 - 702 24 78
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