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Christoph Keller - Der beste Tänzer


Auszug eines "Rundschreibens" des Autors:

Betr. „Der beste Tänzer“ von Christoph Keller ist ein Jahr alt

Liebe Freundinnen und Freunde, Bekannte und Interessierte

zwar will ich hier nicht gerade Michael-Moore-mässig die Werbetrommel für mein Buch „Der beste Tänzer“ rühren, und doch erfüllt es mich mit grossem Stolz, dass sich ein Buch – und nicht einmal ein Dieter-Bohlen-mässig simples und erst noch ehrliches – auf dem immer schwieriger werdenden Markt hält – seit einem Jahr schon! Im September 2003 erschien „Der beste Tänzer“ anlässlich des Festivals kosmosAutor in Bregenz, in dessen Rahmen auch mein Stück „Ballerina“ uraufgeführt wurde. Nach zwei erreignisreichen Monaten wurde es ruhig um das Buch, doch dank Mund-zu-Mund-Propaganda „tauchte“ es im Januar 2004 wieder „auf“, schliesslich für sechs Wochen gar auf der Schweizer Bestsellerliste, wohin ich mich nie geträumt hatte – um seither nicht mehr zu verschwinden:

Ich bin nun insgesamt bereits zum vierten Mal auf Lesereise – mein herzlicher Dank all jenen, die mir dabei (auch physisch!) geholfen haben! -, und das fünfte Mal, im Dezember, kündigt sich bereits wieder an: Eben durfte ich für mein Buch den Schillerpreis der Zürcher Kantonalbank entgegennehmen, am 24.9. bin ich um 22.00 Uhr auf SWR im „Nachtcafé“ zu Gast, am 2. Dezember strahlt 3sat um 14.30 Uhr ein 30-Minuten-Porträt aus, für 2005 plant die Zürcher Filmproduktion Videoladen ein 52-Minuten-Porträt ... Ich freue mich auf das zweite Jahr!

Doch geht es dabei nicht nur um die Literatur, von der ich beruflich herkomme, sondern auch um meine „Behinderung“, von der ich als Mensch mitbestimmt werde. „Der beste Tänzer“ hat ein sogenanntes Anliegen – etwas, das im weiten Feld der Literatur einem oft etwas krumm genommen wird (nicht in diesem Fall, mein Dank an alle Kritikerinnen und Kritiker, die alle das Buch ausschliesslich literarisch eingeordnet haben). Das Anliegen meines Buches – sozusagen seine ausserliteralische Berufung – ist, nun, nichts weniger, als auf die vielen „Anderen“ (alle zusammen im Grunde die grosse Mehrheit) aufmerksam zu machen und ein bisschen zu einer offeneren und integrativeren Welt beizutragen, der es nicht „zu teuer“ ist, allen Menschen ein gleichberechtigtes Leben zu ermöglichen (was im übrigen, aber jetzt, verehrte Scheinpolitiker, wird es schon politisch, „erst noch billiger“ ist).

Der Tänzer tanzt und tanzt und tanzt ... Ich musste das Buch gegen viele Widerstände – Hindernisse innerer und äusserer Art – durchsetzen. Ich glaube, es hat sich gelohnt. Und lohnt sich hoffentlich weitherhin: Helft mir / helfen Sie mir – um des Anliegens willens (der Widerstand ist hartnäckig genug!) –, das Buch weitertanzen zu lassen und leitet / leiten Sie dieses Mail an alle weiter, die an einem solchen Buch Interessiert sein könnten. Und das sind ja, wenn man es sich genau überlegt, alle ... Danke!

Auf mehr LeserInnen und weniger Hindernisse freut sich

Christoph Keller

Das Buch

Auf zwei Rädern durch die Welt: Christoph Keller erzählt seine erstaunliche Lebensgeschichte, die ihn als Rollstuhlfahrer von Sankt Gallen über viele Stufen, Treppen und Rampen, vorbei an einem verständislosen Vater, bis nach New York führte und zu einem Tänzer machte.

„Der beste Tänzer“ erschien im September 2003 im S.Fischer Verlag, Frankfurt

Pressestimmen

Der St. Galler Autor Christoph Keller leidet an spinaler Muskelatrophie, auch Muskelschwund genannt. Sein jüngstes Buch „Der beste Tänzer“ ist jedoch weit mehr als ein Krankenbericht, es ist grosse Literatur.

Tatsächlich ist „Der beste Tänzer“ ein wunderbares Buch geworden. Mit tänzerischer, stilistischer Souveränität behauptet sich Keller zwischen den zwei gefährlichen Mahlströmen seines Lebens. Ein Buch, in dem sich Gefühle der Kraftlosigkeit aufs Schönste abwechseln mit befreienden Glücksmomenten.

Beat Mazenauer, Der Bund

„Der beste Tänzer“ ist ein bewundernswert offenes Buch. Ein Buch des Abschieds von der Kindheit und Jugend, von Vater und Mutter, nachgetragene Liebe und sanfte Abrechnung. Ein Buch der Aufklärung dazu – und nicht nur zum Thema Behinderung. Es ist ein bekenntnishaftes Buch und wohl auch ein Befreiungsschlag für seinen Autor. Ein Buch, das bleibt.

Aber „Der beste Tänzer“ endet nicht im Trübsal, sondern auf dem weiten Feld der Literatur. Am Schluss deutet er einen individuellen, ja für ihn glücklichen Ausweg aus dem Gefängnis Körper an: Keller zu Fuss begegnet Keller im Rollstuhl. Ein Unding? Nein, Phantasie! Dichtung! Ohne sie keine Wahrheit – und auch kein „Bester Tänzer“. Wir werden noch von Keller hören.

Siegmund Kopitzki, Südkurier

Das Buch bietet zwar eine bewegende Lektüre, ist indes ebenso eine im Goethe´schen Sinne „ironische Ansicht des Lebens“. Der Autor lässt oft genug Humor aufblitzen und beweist darüber hinaus ein Faible für komische Situationen. Die „Coda“ schliesslich, worin Christoph Keller seine Rolle als Autor und als literarische Figur mit einem Selbstinterview ad absurdum führt, präsentiert sich sogar in der satirischen Art von „Gulp“ und „Ich hätte das Land gern flach“. Christoph Keller schafft damit die paradoxe Situation, dass er sich gerade dort am eindeutigsten zu erkennen gibt, wo er zum autobiografischen Schreiben auf Distanz geht. Ein glänzenderes Finale hätte man sich für diese Sonate aus Dichtung und Wahrheit nicht denken können.

Gieri Cavelty, Neue Zürcher Zeitung

Eine erstaunliche Lebensgeschichte

„Stufen“
Auszug aus „Der Beste Tänzer“
von Christoph Keller
erschienen im S.Fischer Verlag, 2003
ISBN 3-10-049512-8
www.s-fischer.de
€ 22.90

Stufen : Das ist alles, woran er denken kann. Bevor er die acht sieht, die zum Hauseingang führen, tauchen sie, wie auch die vier, die hinter der verschlossenen Haustür liegen, in seinem Kopf auf. Als Ohnmacht. Scham. Erniedrigung. Wut. Als Prüfung: Schafft er sie noch? Dass er eine Treppe bereits einmal überwunden hat, heißt nur, dass er sie dieses eine Mal geschafft hat, auch, dass er sie noch für Monate, wenn nicht Jahre, schaffen wird, nicht aber, dass er sie, als habe er den Test ein für allemal bestanden, von nun an immer wird überwinden können. Seine Muskeln sind schwach, und sie werden schwächer.

Treppen steigen – Stufen nehmen – ist nichts, das er lernen kann und dann für immer beherrscht. Und doch ist es ein bisschen wie etwas Gelerntes: Es ist das, was man wieder vergisst. Das weiß er seit der Matura, die bereits vier Jahre zurückliegt. Bei allem, wofür man Muskelkraft braucht, schwingt dieses Noch mit: Noch kann er von seinem Sofa aufstehen; von einem niedrigen Mäuerchen zum Beispiel kann er es nicht mehr. Noch kann er aus seinem mit Hilfe eines Freundes selbst restaurierten Triumph Spitfire aussteigen; doch er kann nicht mehr unter den Wagen kriechen: Dies tut sein zu günstigen Konditionen arbeitender Mechaniker-Freund für ihn. Noch kann er kraftvoll das Gaspedal durchdrücken und beim Vorbeifahren an den Straßencafés die Reifen aufheulen lassen. Noch kann er allein duschen. Noch kann er sich selbst anziehen. Noch kann er von der Toilette aufstehen. Noch kann er seinen Arm über den Kopf heben, um sich zu kämmen. Noch kann er ein volles Glas zum Mund führen. Noch kann er atmen.

Noch, noch, noch.

Er greift nach dem Geländer. Es ist kühl, unnachgiebig und fest mit der Mauer verankert, welche die Treppe abschirmt. So fühlt er sich kräftig. So kann er die erste Stufe in Angriff nehmen.

Er ist vierundzwanzig; die meisten seiner Freunde segeln, reiten, und einer ist dabei, die Helikopterprüfung abzulegen, während er – er schwingt das linke Bein auf die erste Stufe – bereits wie ein alter Mann geht. Seine Muskeln fühlen sich an, als seien sie in Gummi eingeschweißt. Egal, wie sehr er sich anstrengt, er kommt nicht schneller voran. Auch wird er sich nicht ausruhen können, hat er einmal die zwölf Stufen, die vor ihm liegen, überwunden.

Steht der linke Fuß fest? Das gilt es beim Stufennehmen zu berücksichtigen. Für einen Augenblick ist dieser Fuß für die Stabilität des ganzen Körpers verantwortlich. Rutscht er weg, fällt er hin. Seine Schuhsohlen sind aus Gummi, zusätzlich hat er sie mit Schmirgelpapier aufgerauht; die Stufen sind im günstigsten Fall (wie hier) aus rohem Granit; ist der Stein aber poliert, so genügen ein paar Tropfen, um ihn ausrutschen zu lassen. Einmal hat er darum bitten müssen, dass man ihm die Stufen vor dem Betreten trocknete; das Mädchen, das er besuchte, hätte ihm als Freundin gefallen. Doch nachdem sie sich für ihn auf die Stufen hinkniete, den Stein mit einem Geschirrtuch abwischte und immer wieder „Reicht es jetzt?“ sagte, worauf er immer wieder „Noch ein bisschen“ antworten musste, verflüchtigte sich der gegenseitige Wunsch, diese Freundschaft zu vertiefen, Stufe für Stufe.

Heute aber scheint die Sonne schon den ganzen Tag, und der Stein ist trocken. Auch besucht er keine, die als Freundin in Frage käme. Er stemmt den rechten Arm durch. Diese Hebelbewegung ersetzt jene Muskeln, die das Knie kommandiert und das Bein zum Durchbeugen und somit – unter anderem – zum Treppensteigen bringt. Das linke Bein, dessen Fuß den Körper auf der Stufe verankert, bildet mit dem durchgestreckten rechten Arm eine Achse, und aus dieser Achse – der Schieflage, in die dieses Manöver seinen Körper bringt – gewinnt er die Hebelkraft, das rechte Bein auf die Stufe zu hieven. Als könne er es nicht glauben, dass er auf der ersten Stufe steht, löst er die Hand vom Geländer, reibt sie und umfasst es gleich wieder. Er wird die zwölf Tritte schaffen. Was danach kommt, wird ihm vermutlich nicht gelingen; dennoch ist er es sich, und als Ältester auch der Familie schuldig, diesen Schritt zu tun.

Er geht nicht wirklich wie ein alter Mann. Eher watschelt er wie eine Ente. Eine alte Ente. Er hat einen Entenpo, das sagt er selber. Der bei jedem Schritt wackelt. Der sich so sehr nach hinten wölbt wie sich sein Bauchansatz nach vorne streckt. Der Entenpo ist eine Kompensationsbewegung, die sich dadurch ergibt, dass er sich beim Gehen stets leicht nach vorne beugt. Ein noch kräftiger Muskel muss leisten, was ein geschwächter nicht mehr kann. Da er die Knie nicht mehr durchzubeugen vermag, kompensiert er diese Bewegung mit seinem ganzen Körper, und so stolziert er manchmal, Sankt Gallens Dandy, dessen Haar allerdings immer kürzer wird, durch die Multergasse, Sankt Gallens Champs Elysées. Mit dem Stolzieren wiederum gleicht er ein bisschen den Entengang aus, stolziert also wie ein Storch, was etwas besser aussieht. Ein Storch mit einem Entenpo. Die Beine stöckeln, die Hüfte wippt. Eine Frau hat ihm einmal nachgerufen, ob er die Art, wie er gehe, etwa lässig finde, und sollte das zutreffen, müsse sie ihn wissen lassen, dass bei ihr diese bescheuerte Anmache nicht ankomme. Eine andere versprach ihm einen Abend lang, von nun an seine Beine zu sein, doch als sie sah, was es brauchte, bis er auf diesen stand, wollte sie ihm ihre Telefonnummer nicht mehr geben.

Er ist oben. Steht im Niemandsland des Treppenhauses, dessen Licht der Timer schon wieder ausgeschaltet hat, auf einem durchgewetzten Teppich. Schaut hoch: Würde er hier wohnen, müsste er bei jedem Stockwerk das Licht von neuem anknipsen und dennoch jedes halbe Stockwerk im Dunkeln besteigen. Er hat die Treppe und die Eingangstür in weniger als zwei Minuten geschafft. Hundertzwanzig Sekunden geteilt durch zwölf Stufen macht zehn Sekunden pro Stufe. Die Konzentration auf das Treppensteigen hat ihn abgelenkt; auch wenn er die Zeit, die er dafür braucht, einkalkuliert, so ist er manchmal doch dankbar um die Verzögerung. Der Weg wird länger, die Gedanken klarer. Mag er auch an Muskeln verlieren, so gewinnt er doch an Zeit. Jetzt ist er da. Jetzt wird er dem Bewohner der Wohnung, an dessen Tür er klingelt, erklären – ihn bitten? zwingen? ihn auffordern? –, doch bitte (bitte!) mit der Zerstörung der eigenen Familie aufzuhören.

„Willkomm, Sohn.“

Ist es höhnisch gemeint, traurig oder ist sein Vater einfach nur angetrunken? Betrunken ist er nicht, war es auch zu Hause um diese Zeit meist noch nicht. Er überwindet sich, die Hand seines Vaters zu schütteln. Sie fühlt sich rau an, auch das ist ihm vertraut. Sein Vater dreht sich um, geht ihm voran und verschwindet um eine Ecke. Er folgt ihm, so schnell er kann. Immerhin hat er so Zeit, sich umzusehen.

In der Wohnung ist es dunkel. Schattig scheint das treffendere Wort zu sein, da die vielen Objekte, die dem Licht im Weg stehen, überall Schatten werfen, Schatten, die ineinander fließen, Schatten, die alles einschwärzen. Licht scheint das einzige zu sein, von dem es in dieser Wohnung nicht zu viel gibt. Im Korridor brennt eine Lampe, deren Schirm so verfärbt ist – vom Tabak? –, dass ihr eigenes Licht nur dazu reicht, auf sich aufmerksam zu machen. Was sich weiter entfernt befindet – wie auch sein Vater, der bereits unter ihr durchgegangen ist – taucht sie in Halbdunkel. Er begreift, weshalb die Wohnung so dunkel ist: Es gibt keine Fenster. Das heißt, es gibt sie, doch sind sie verklebt. Oder verstellt. Hinter dem eintürigen Schrank, an dem er vorbeikommt – stand er nicht früher im Haus an der Alpsteinstraße im Wohnzimmer? –, könnte ein Fenster sein.

Sonst ist alles vertraut, obwohl er zum ersten Mal hier ist. Die Zimmer sind Fluchtburgen, der Korridor eine Schlucht, in dem nicht nur Muskelschwache aufpassen müssen, nicht zu stolpern. Drei Zimmer, für jeden verstoßenen Sohn ein vollgestopftes. Eine Existenz zwischen Steinbären und Plastikgartenzwergen, Weihnachtsbaumengeln und Flohmarktholzpuppen. Leere Vogelbauer. Teppiche aus Persien, Burma und Peru geschichtet, Ölbilder gereiht, Lithographien gestapelt. Die ozeanischen Masken, die gerahmten Fragmente alter Holzschränke. In das Rauschen des Radios tickende Uhren. Rost, Staub, Knochen, Glasscherben, verschimmeltes Brot.

Obwohl hinter einer Wand von Gegenständen ein Bett hervorschaut, erinnert ihn die Wohnung an ein aufgegebenes Archiv, ein Magazin. Überwältigt von der Masse hat er seinen Vater, der das alles angeschleppt hat, bereits wieder vergessen, und ist überrascht, als er ihn aus dem Raum, den andere als Stube benutzen würden, herausragen sieht – der Archivar, der stämmige Magaziner, der bärtige Häuptling, der seinen Stamm verloren, der Eingeborene, der sich in sein Reservat zurückgezogen hat.

„Du siehst ja, wie ich hausen muss“, sagt sein Vater. Er hält sich an der Klinke der Stubentür fest. „Warum hast du auf nichts gehört?“

Bevor er sich setzt, muss er dafür sorgen, dass sich ihm gegenüber ein zweiter freier Stuhl befindet, zumal es jetzt darum gehen muss, einen geeigneten Einstieg in das schwierige Gespräch zu finden. Er befindet sich schon mittendrin, und läuft es nicht bereits schief? Soll es schief laufen? Ist er vielleicht deshalb hier? Weil er im Grunde weiß, dass es schief laufen wird, weil sein Vater nicht anders kann, und weil er, der Sohn, es sich ein letztes Mal bestätigen lassen muss, bevor endgültig zu Ende ist, was so lange auf dieses Ende hingesteuert hat?

“An gutem Willen hat es mir nie gefehlt”.

Er ist sich nicht sicher, ob sein Vater das wirklich gesagt oder ob er es sich eingebildet hat.

Ihn beschämt, dass er ihn darum bitten muss, ihm einen zweiten Stuhl zu bringen, damit er aufstehen kann. Noch verletzender ist es, sich von jenem helfen lassen zu müssen, der sich entschlossen hat, ihn auf juristischem Weg zu Fall zu bringen. Er hat seinem Vater nur die Hand geschüttelt, und schon ist das Gespräch eine Verhandlung geworden. Zumindest ist es eine Vorverhandlung, ein Vermittlungstreffen ohne Vermittler, um die eigentliche Verhandlung vor Gericht, die sein Vater eingeleitet hat, zu vermeiden. Damit man sich einigt. Wie einigt man sich mit einem, der alles will? Er wünscht sich, er hätte seinen Vater nicht hier getroffen, sondern in einem Restaurant, auf neutralem Boden. Und doch glaubt er in seinem Gegenüber noch etwas von einem Vater zu entdecken, von dem Vater, den er, was er nicht gern zugibt, gebraucht hätte.

Sein Vater bringt ihm den zweiten Stuhl, murmelt etwas wie: „Ist doch klar,“ und: „Von mir kann man doch alles haben.“ Er bietet ihm Mineralwasser an und sagt: „Siehst du, von Alkohol keine Spur. Auch so ein Blödsinn.“

„Vater“, sagt er zögernd und nimmt einen Schluck, bevor er zur Sache kommt, „wenn du den Prozess gegen uns zurückziehst, kannst du auch weiterhin damit rechnen, dass wir dich besuchen werden. Dann hast du drei Söhne gewonnen, sonst hast du drei Söhne verloren. Dann werde ich gehen, und du wirst uns nicht wiedersehen. Ich spreche hier im Namen deiner drei Söhne.“

Sein Vater grinst nur.

„Du kannst nicht erwarten, dass wir mit dir verkehren, wenn du gleichzeitig gegen uns prozessierst.“

Sein Vater könnte den Versuch unternehmen zu erklären, der Prozess sei nicht gegen seine Söhne, sondern einzig gegen seine Exfrau gerichtet. Aber er tut es nicht. Statt dessen kramt er aus dem Stapel Papier auf dem Tisch eine Polaroid-Aufnahme hervor und hält sie stolz seinem Sohn hin. Es ist eine junge Frau, die auf einem Stuhl sitzt. Ihr Kopf ist nicht zu sehen, die Beine schneidet der Rand der Aufnahme unterhalb der Knie ab. Sie ist nackt, ihre Beine sind gespreizt. Mit den Fingern zieht sie ihre Schamlippen auseinander.

„Ich brauch deine Mutter nicht“, sagt sein Vater.

Wie sehr er aufspringen und ihm die Faust ins Gesicht rammen will! Am Kragen will er ihn packen, ihn durchschütteln, ihm ins Gesicht schreien, was für ein Schwein er sei. Er will ihn von sich wegstoßen, ihn aus sich herausreißen. Doch er kann das alles nicht; er brüllt ihn nicht einmal an. Weiß er denn, wozu dieser Mensch fähig ist? Trotz seiner Drohungen ist sein Vater nicht gewalttätig; aber vielleicht stimmt das so nicht. Ihm hat er einmal ein Messer nachgeworfen. Vielleicht ist sein Vater nur jenen gegenüber gewalttätig, die nicht kräftig genug sind, sich zu wehren.

„Ich würde gern wissen, was für eine für dich die Beine breit macht. Musst du immer bezahlen?“

Einmal hat sein Vater seiner Freundin ein Kondom hingehalten und, als sie sich empört abgewandt hatte, gebrummt, sie solle sich nicht so anstellen, das Kondom sei ihm aus der Tasche gefallen. Wenige Tage später hat er damit geprahlt, die Freundin seines Sohnes habe ihm ein Kondom zustecken wollen.

„Kriegst du ihn überhaupt hoch? Ist doch auch ein Muskel, oder?“

Er greift nach der Stuhloberfläche und rüttelt daran, um die Standfestigkeit des Stuhles zu überprüfen. Er zittert vor Scham, Wut, Ohnmacht. Er hofft, er kann auf Anhieb aufstehen, und als wolle ihm sein Vater zeigen, wie einfach das ist, springt dieser hoch und bleibt vor ihm stehen, breitbeinig, die Hände in die Hüfte gestemmt.

„Wenn ihr mich nicht besuchen wollt, lasst es bleiben. Ist mir auch recht. Spart mir Zeit. Die Klage wird durchgezogen, da bilde dir mal nichts ein. Ich verklage euch, bis ich habe, was ich will.“

Er stemmt sich mit Hilfe seiner Hand von der Sitzfläche hoch. Der Oberkörper geht nach unten, der Entenpo nach oben.

„Ich bin im Recht, und ich werde mir Recht verschaffen, verlass dich drauf. Alles gehört mir. Ihr seid Halunken. Ihr habt mir alles gestohlen. Alles, was ihr habt, gehört mir. Hörst du: alles!“

Sein Vater steht bedrohlich nah.

Wenn der Stuhl, einer der Stühle, egal welcher, in diesem Augenblick wegrutscht, würde er vor seinem Vater auf dem Boden liegen.

„Alles habt ihr mir genommen, das Haus, die Sammlung, das Geschäft, die Familie, alles! Ihr habt alle gegen mich aufgehetzt, die Bank, die Gläubiger, die Konkursbeamten, die ihr ins Haus gelassen habt, als es mir einmal schlecht ging!“

Was, wenn er auf diesen Mann angewiesen ist, um wieder auf die Beine zu kommen?

„Jetzt hole ich mir wieder, was mir gehört. Wirst schon sehen. Ihr werdet alle bluten, so, wie ich auch geblutet habe!“

Was, wenn ihn sein Vater umwirft – ein sanfter Stoß würde genügen?

Er sieht seinen Vater verzerrt, von unten. Er ist dabei, den Oberkörper mit dem rechten Arm hochzustemmen, sodass sein Kopf auf der Höhe der Hüfte seines Vaters ist.

Sein Vater schlägt ihn nicht. Er ist näher getreten, um ihm die Polaroid-Aufnahme mit dem nackten Mädchen noch einmal vor das Gesicht zu halten.

„Umgekehrt ist es, mein Lieber! Nicht du, Sohn, stellst hier die Bedingungen. Wenn du etwas von mir willst, komm angekrochen. Ich bin noch immer dein Vater, vergiss das nicht. Ihr habt die Wahl, nicht ich. Wenn ihr euch auf Mutters Seite stellt, mach ich euch eben mit fertig.“

Es gibt kein Warum mehr. Es ist jetzt einfach so und wird von nun an einfach so sein. Das wird ihm klar, wie er endlich diesem Mann, seinem Vater, gegenüber steht.

Sie berühren sich fast.

Dann endlich tritt sein Vater einen Schritt zurück.

Lacht.

Zeigt auf die Tür.

Wedelt mit der Polaroid-Aufnahme.

Sagt: „Es sei denn, es springt etwas für mich dabei heraus. Dann kommen wir jederzeit ins Gespräch. Aber was sind drei Krüppel schon wert?“

(c) Christoph Keller 2003

(c) S.Fischer Verlag, Frankfurt (für diese Ausgabe)

hier noch ein Auszug:

„Aus dem Muskelbuch“
Auszüge aus „Der Beste Tänzer“
von Christoph Keller
erschienen im S.Fischer Verlag, 2003
ISBN 3-10-049512-8
www.s-fischer.de
E 22.90


Heute wieder rasend vor Glück.

Am Morgen den Gummiabsatz meines Stocks verloren: Jetzt klappere ich beim Gehen. (Nur auf harter Unterlage.)

Das Erste, was ich am ersten Tag des neuen Jahres ausprobiere, ist nicht, ob mein Computer, sondern ob mein Körper noch funktioniert. Das hat mit dem Jahreswechsel, der auch ein Jahrhundert- und Jahrtausendwechsel ist, nichts zu tun, ich tue es jeden Morgen. Es ist mir egal, ob mein PC den Y2K-Virus hat: In mir lebt ein neuromuskuläres Sabotageprogramm, das mich Schritt für Schritt verlangsamt. Mein Körper hat SMA, Spinale Muskelatrophie (Typ III, Kugelberg-Welander).

Wer mit einer fortschreitenden Erkrankung lebt, macht es sich zur Routine, täglich zu testen, was noch funktioniert. Kann ich auch am ersten Tag des neuen Jahrtausends noch von meinem Bürostuhl aufstehen? In die Küche gehen? Da ich weiß, dass ich es eines Tages nicht mehr kann, muss ich – nun, täglich mit diesem Tag rechnen. Kann ich diese Stufe, diesen Gehsteigrand noch nehmen, diese Strecke – tausend, fünfhundert, hundert, zwanzig Meter – noch zurücklegen? Kann ich noch bis zur Toilette watscheln (mit dem Stockklappern, das mich ankündigt)? Und wieder zurück?

Mein Muskelbuch: Um über mein Leben mit dieser Erkrankung schreiben zu können, um mir Klarheit darüber zu verschaffen, was es bedeutet, dass ich nie genau weiß, was noch immer möglich ist – mit Gewissheit weiß ich nur, dass eines Tages jede Bewegung, selbst das Atmen, unmöglich sein könnte –, nehme ich mir für das Jahr 2000 vor, täglich über meine Muskeln Buch zu führen.

Mir fällt – plötzlich? „schlagartig“? – auf, weshalb ich keine neuen Schuhe brauche. Ich benutze sie kaum, weil ich meist sitze. Ich betrachte die Schuhsohlen: Darauf muss man erst einmal kommen.

Den ausziehbaren Stock mit der Skiwerbung darauf will ich nicht. Wir stehen (ach, ich sitze im Rollstuhl, Jan steht) im, wie heißt das?, Spital-und-Pflegebedarf-oder-so-Geschäft in Sankt Gallen. So wie der Rollstuhl mein Rettungsboot im Auto ist, damit ich vom Parkplatz ins Restaurant komme, so soll mir der faltbare Stock im Rollstuhlnetz mein Rettungsboot vom Rollstuhlparkplatz zum Pissoir sein.

Muss ich unterwegs austreten, hilft mir Jan vor der öffentlichen Toilette – vorausgesetzt, wir finden überhaupt eine, die für mich zugänglich ist – aus dem Rollstuhl, indem sie ihre Arme um meinen Oberkörper legt und mich auf die Beine zieht. Sie öffnet die Toilettentür, ich mache mich auf den Weg. Fünf Meter, zehn, zwanzig Meter, kein Problem. Ich halte mich an der Wand, an den Lavabos, am Handtrockner fest, während Jan draußen wartet. Manchmal, erschöpft vom Stoßen, setzt sie sich in den Rollstuhl, auch wenn ihr die – fragenden? vorwurfsvollen? abschätzenden? – Blicke der Männer, die an ihr vorbeikommen, unangehm sind.

„Vor einem Sturz kann mich auch ein Stock nicht bewahren“, wehre ich mich im Spital-und-Pflegebedarf-oder-so-Geschäft. Natürlich weiß ich, dass das nicht stimmt. Einen Stock kaufen aber hieße zuzugeben, dass es mir wieder etwas schlechter geht.

„Doch“, sagt Jan, „denn dein Stock signalisiert, dass du nicht so sicher auf den Beinen stehst, wie es den Anschein hat. Er macht die Leute darauf aufmerksam, vorsichtiger zu sein.“

Die Stockabteilung des Spital-und-Pflegebedarf-oder-so-Geschäfts ist auch die Inkontinenzabteilung. Vorwiegend Plastik, etwas Glas. Wer will schon in Glas. Und wohin mit dem Glas danach? In den Aktenkoffer, in die Jackentasche? Ist es auch wirklich dicht? Nicht jetzt, inkontinent bin ich nicht, ich bin hier wegen eines Stocks, den ich auch nicht wirklich will. Ich könnte ein solches Gefäß gebrauchen, um notfalls im Rollstuhl sitzen zu bleiben und mein Geschäft im Schutz eines Baumes zu machen. Hätte die Polizei Verständnis für ein öffentliches Ärgernis dieser Art? Zwar würde ich gegen ein Gesetz verstoßen, doch, könnte ich mir sagen, verstößt das Gesetz nicht auch gegen mich, in dem es die meisten öffentlichen Toiletten für mich nicht zugänglich macht? Was für eine Gleichberechtigung ist das, wenn es nicht einmal zum gleichberechtigten Pinkeln reicht?

Meine Blase ist trainiert, für unwegsame Städte, lange Abende bei Bekannten, deren WC im oberen oder unteren Stockwerk ist, den Flug von Zürich nach New York: sieben Stunden fünfundfünfzig Minuten plus zwei Stunden Ein- und Aussteigen. Ich schaffe es ohne Toilettenbesuch bis nach Manhattan, mit Zoll und Taxifahrt plus weitere zwei Stunden. Zwar steht neben meinem Bett seit kurzem (und wenn Jan nicht da ist) ein Cocktailshaker aus Plastik für die Nacht, doch habe ich gelernt, darüber zu schweigen. Mein russischer Freund Ju., der mir schon von der Toilette aufgeholfen hat – immer sofort spülen! –, sagt, ich müsse darüber schreiben, wer schriebe schon über so etwas, also schreibe ich darüber, aber ich schäme mich, beim Pinkeln und beim Schreiben erst recht, gelernt ist gelernt.

Selbst die Hersteller schämen sich dafür, solche Produkte herzustellen. Würden sie sie sonst so kindisch „uribag“ nennen? Was das für ein Gefühl im Pflegebedarf-oder-so-Geschäft war? Wie in einer fremden Stadt im Sexladen. Hut aufsetzen. Sonnenbrille nicht vergessen.

Die Verkäuferin in der Stock-und-Inkontinenzabteilung im Pflegebedarf-oder-so-Geschäft bringt mir einen faltbaren Metallstock aus kupferglänzendem Material mit hartem Griff. Es gelingt mir nicht, den Stock auseinanderzuziehen und wieder zusammenzufalten. Jan versucht es, auch vergeblich. Ich mache meine „Behinderte-müssen-auch-Athleten-sein“-Bemerkung. Die Verkäuferin lächelt verlegen das Uribag-Lächeln. Als es ihr auch nicht gelingt, aus den vier durch einen Gummi verbundenen Teilen einen Stock zu formen, holt sie ein anderes Modell. Diesen Stock schaffen die Verkäuferin und Jan zu zweit. Ich komme bis Phase drei (von vieren) und kann so zumindest signalisieren, dass ich nicht so fest auf den Beinen stehe, wie es aussieht. Um Phase vier zu bewältigen, muss man den Stock in beide Hände nehmen und ihn wie einen Extender auseinanderziehen. Meine Arme ermüden, doch ist das eine gute Übung. Ich kaufe den Stock und lasse ihn im Rollstuhlnetz in meinem Rücken für immer verschwinden. Den Uribag werde ich kaufen, sobald sie ihm einen anderen Namen gegeben haben.

Erkundigte mich einmal in Paris bei einem Polizisten, ob die öffentliche Toilette, auf die er mit seinem Schlagstock zeigte, „accessible“ sei. Er schaute mich verwundert an (schaute verwundert auf mich im Rollstuhl herab) und sagte, bevor er sich abwandte: „Theoretisch müsste sie für alle zugänglich sein.“ Sie war es nicht.

///

Nach New York! Nach New York! Nur den Arm nicht vergessen! Mit dem Metallgreifer, der meinen Arm verlängert, kann ich stehend Gegenstände vom Boden aufklauben oder sitzend aus dem Regal fingern. Was nicht immer gelingt. Papier vom Boden auflesen bedarf einer gewissen Könnerschaft, zumal ich zugleich auf mein Gleichgewicht Acht geben muss, und die Bücher, die ich aus dem Regal angle, könnten mir auf den Kopf fallen –

„Kann er im Flugzeug zu seinem Sitz gehen oder braucht er den Tragstuhl?“ fragt mein Betreuer über meinen Kopf hinweg die Hostess. Falls er mich meine, sage ich und muss zu dem Mann aufschauen, solle er doch bitte auch mich fragen. Dass ich im Rollstuhl sitze, heiße nicht, dass ich nicht über mich selber Auskunft geben könne. Der Betreuer, der die Frage gestellt hat, ist verlegen und entschuldigt sich bei mir. Dann fragt er die Hostess: „Wird er in New York abgeholt?“

Eine Ground Hostess am New Yorker Kennedy-Flughafen schiebt mich, die Taschen auf dem Schoß, durch den Zoll – nichts zu deklarieren –, und hinter der Absperrung schält sich Jan aus der Menge. Sie begrüßt mich mit einer roten Rose, nimmt meine Hände und tanzt um mich herum. Ich wippe in meinem Stuhl unter der Last der Taschen, so gut es geht. Der Rollstuhl klappert, die Rose tanzt über unseren Köpfen. Jan nimmt meine Hände in die ihren, ich bewege meinen Oberkörper, die Leute schauen, selbst hier ist ein Tänzer im Rollstuhl ein ungewöhnlicher Anblick.

Das Taxi hält vor unserem Haus im New Yorker West Village. Ich bezahle den Fahrer, während Jan aussteigt, um den Rollstuhl aus dem Kofferraum zu holen. Der Taxifahrer drückt einen Knopf, worauf der Kofferraum aufspringt. Ein junger Afroamerikaner, der an der Ecke steht, als habe er auf uns gewartet, setzt sich in Bewegung. Was will er? Während der (weiße) Fahrer sitzen bleibt und auf sein Geld wartet, nimmt der Fremde den Stuhl aus dem Kofferraum. Ich sehe, wie er ihn auseinanderzieht, wie er die Sitzfläche gerade drückt, wie er den Stuhl schon fast zärtlich hält.

Der Fremde sieht, dass Jan Mühe hat, mir aus dem Wagen zu helfen und bedeutet ihr, zur Seite zu treten. Er fasst mich unter den Armen und zieht mich hoch. Kaum in Manhattan angekommen, umarme ich einen fremden Menschen. Wie gut das tut. Er habe selbst einen Rollstuhl benutzt, als er sein Knie verletzt habe, sagt der Fremde. Erst als er mich sicher in meinem Rollstuhl weiß, verschwindet er in der Menge.

„Seit ich Sie kenne, achte ich auf Stufen, Fahrstühle, Begehbarkeit, als hätte ich ein neues Auge entwickelt.“

„Ich weiß“, sage ich, „das ist mein Auge.“

///

„Hey, Bill Gates, gib mir was!“ Ein Bettler kommt mir entgegen. Weshalb ausgerechnet ich im Rollstuhl der reichste Amerikaner sein soll, weiß ich nicht. Stellt der Penner sich vor, Bill Gates habe sich zur Tarnung einen Rollstuhl zugelegt? Der Kerl kriegt nichts, sonst werde ich nie so reich wie Bill.

Meistens passiert es in der Nähe Harlems, und meistens sind es Afroamerikaner, die auf mich zugehen, mir „Du bist stark, Bruder!“ zurufen oder mir auf die Schulter klopfen; doch diesmal ist es ein Weißer, der in einem Postamt im Village auf mich zusteuert.

„Dir wird es täglich besser gehen”, sagt er mit einer Stimme, die keinen Zweifel zulässt. Nicht schon wieder ein Verrückter, denke ich undankbar. Weshalb nur zieht mein Rollstuhl sie an? „Dann ist ja gut”, antworte ich und will an ihm vorbei. Der alte Mann lächelt und fährt unbeirrt weiter: „Du bist großartig.” Er ist weiser als ich. Ich höre zu, gespannt, was er noch über mich zu sagen hat. „Du siehst gut aus.” Meint er wirklich mich? Vielleicht ist er gar nicht verrückt. Ich schaue ihn an, schaue in dieses alte, schöne Gesicht. Es setzt wieder ein, dieses Gefühl, auch ein bisschen privilegiert zu sein. Wer erhält schon auf der Straße Komplimente!

„Du bist ein 13-Millionen-Genie”, verkündet der Mann, „du hast mir den Tag vergoldet.” Ich murmle, „wie Sie meinen” und fahre wieder aus dem Postamt, ohne meine Briefe aufgegeben zu haben.

In einem Fahrstuhl lässt eine Frau ihren Hund an mir schnuppern. Der Hund sei in einem Erziehungskurs und sie müsse herausfinden, wie ihr Hund auf Rollstühle reagiere. Ich sage, das sei allright, doch könne ich nicht sagen, wie mein neuer Rollstuhl auf Hunde reagiere.

Ich warte hinter einem geparkten Auto. Jan winkt ein Taxi herbei, das neben ihr anhält. Behinderte und Hunde willkommen , steht an der Tür. Als der Fahrer mich im Rollstuhl sieht, schaltet er das Besetzt-Zeichen ein. Jan ruft ihm zu, er tue das nur, weil er den Rollstuhl nicht transportieren wolle. Keineswegs, entgegnet der Fahrer und gibt Gas. Noch bevor er um die nächste Ecke gebogen ist, schaltet er das Frei-Zeichen wieder ein.

Ah, da kommt er mir wieder entgegen, mein Freund, der alte Weise, der vor nur wenigen Stunden in mir das 13-Millionen-Genie erkannt hat! Er hält auf meiner Höhe und teilt mir mit, dass er geradewegs aus der Grace Church komme. Ob es nicht verrückt sei, dass so viele Unschuldige in den Gefängnissen sitzen würden. Bevor ich das bestätigen kann, beugt er sich über mich und will wissen, ob auch ich über Sex und Sexualität lese. Er tue das dauernd. Der Mann ist kaum zu verstehen, während mein 13-Millionen-Genie-Prophet deutlich gesprochen hat. Hatte jener nicht auch mehr Zähne als dieser? Es darf doch nicht sein, dass mein Seher völlig verrückt ist. Er darf nur gerade so verrückt sein, dass er sämtliche Genies, die ich alle bin, sehen kann.

Dann sagt er auf Russisch „Doswidanije“, und als auch ich ihm „Doswidanije“ wünsche, wendet er sich ab. Erst jetzt sehe ich seine Betreuerin. Sie zuckt die Achsel, während sich ihr Schützling bereits über ein Baby im Kinderwagen beugt und es fragt, ob es auch dauernd über Sex und Sexualität lese.

Jan und ich sehen den schwarzen Spinner fast jeden Tag auf dem Broadway, eine Furcht erregende Erscheinung: hochgewachsen, drahtiger Bart, aggressiv. Oft fuchtelt er mit einer Holzlatte. Manchmal rennt er auf der Straße den Autos nach. Immer brüllt er irgendetwas. Unbedingt Augenkontakt vermeiden!

Aber heute bin ich ihm ausgeliefert. Als Jan in einem Laden verschwunden ist, sehe ich ihn auf mich zukommen. Er ist noch einen Block entfernt, doch sie wird nicht vor ihm zurück sein, und ich kann im manuellen Rollstuhl, mit dem wir heute unterwegs sind, nicht wegrollen. Und der Schwarze steuert auf mich zu. Ich weiche seinem Blick aus. Warum auch kauft Jan ausgerechnet jetzt ein Eis? War wohl meine Idee: Plötzlich ist es so warm geworden . . .

Da steht er vor mir, der schwarze Kerl, es gibt kein Entrinnen. Doch er will mir keine Holzlatte über den Kopf hauen. Er will nicht einmal Geld. Er nimmt meine weiße Hand in seine schwarze, streicht sie über seinen Bart, der keineswegs drahtig, sondern flauschig ist, führt sie zu seinen Lippen und sagt: „Ich habe für dich gebetet. Fühlst du dich schon besser?“

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Ist die Elektrotechnik die freie Entscheidung des Nichtbehinderten für eine Behinderung? Wer weiß, vielleicht werde ich unbewusst beneidet; das heißt, ich weiß es. Da ich vieles nicht kann, muss ich vieles auch nicht. Es gibt viele kleine Vorteile. Ich brauche bei manchen Museen nicht den vollen Eintrittspreis zu bezahlen. Ich finde immer häufiger für mich reservierte Parkplätze. Wenn man bedenkt, was die Menschen alles für einen Parkplatz tun, ist das vielleicht sogar ein großer Vorteil. Ich muss mich auf der Post nicht anstellen und fahre gratis Bus. Allerdings nur in New York: In der Schweiz müssen Behinderte anstehen wie alle anderen auch – schließlich wollen sie ja gleichberechtigt sein. Die Frage, ob die öffentlichen Verkehrsmittel gratis sein sollten oder nicht, stellt sich in der Schweiz nicht, weil sie für Behinderte meist ohnehin nicht zugänglich sind. Und ich muss nicht in den Krieg; das kann ein lebensrettender Vorteil sein.

Der Hauptgrund aber, weshalb ich beneidet werde, ist, denke ich, dass ich von den modernen Prothesen wirklich profitiere, während sie den Nichtbehinderten in ein noch hektischeres Geschöpf verwandeln und im Grunde – behindern. Mich aber, den Behinderten, rücken sie näher an den Nichtbehinderten und machen den Unterschied kleiner. Im Internet komme auch ich in jedes Geschäft, kann mit der ganzen Welt korrespondieren und habe Zugang zu allen Informationen, die mir die nicht virtuelle Welt oft verweigert, womit ich ein großes Stück weit wieder wie jeder andere geworden bin. Ein E-Mail aber bedeutet in der Berufswelt nur eine weitere Erhöhung des Erwartungsdrucks, während ein Handy nichts anderes als die noch kürzere Leine der Firmen ist, an denen die erschöpften Angestellten, Tag und Nacht erreichbar, hängen. Wir gleichen uns an, indem wir uns auf dieselben Prothesen einigen. Doch für mich sind sie eher Vorteil als Nachteil, weil sie den Nichtbehinderten um ein weiteres Stück einschränken, während sie mir mehr Bewegungsfreiheit verleihen.

Was ist im Jahr 2000 ein Behinderter überhaupt noch, was bleibt in ein paar Jahrzehnten noch von ihm übrig? Die Technik und die Elektronik, die sie steuert, „raubt“ mir meinen Status. Ich brauche mein Haus nicht mehr zu verlassen, wie viele andere auch nicht. Was ich zur Unterhaltung meines Organismus benötige, und sei es ein Orgasmus, wird alles ins Haus geliefert. Ich brauche nicht einmal zu wissen, dass ich nicht mehr (oder immer schlechter) von meinem Stuhl aufstehen kann.

Wenn meine Muskulatur zu schwach sein wird, um auch nur meinen Finger zu heben (jetzt schon könnte ich dem Computer meine Sätze sprechend eingeben), wenn ich die totale Bewegungslosigkeit erreicht haben werde, werde ich zugleich den Idealzustand des modernen Menschen, jenen des 21. Jahrhunderts, erreicht haben.

Der eigentliche Krüppel ist ohnehin der Nichtbehinderte (schon deshalb, weil er glaubt, keiner zu sein). Der Preis, den er für all die Prothesen – Cyberhandschuh, Flugzeug, Auto, Tastatur, Handy – bezahlt, ist hoch: Es ist seine Freiheit, während umgekehrt der Behinderte eben mit Hilfe dieser Prothesen seine Freiheit zu einem gewissen Grad zurück erhält. Seine Freiheit ist es in diesem Fall, nicht die Wahl zu haben.

Als Nächstes wird der Mensch verkleinert werden. Es macht keinen Sinn mehr, einen so großen Körper zu haben, wenn wir ihn nicht mehr wirklich benutzen. Unser Körper ist uns doch bereits lästig: Krebs frisst sich durch unsere Zellen, Knochen brechen, Pickel sprießen. Unser Körper macht keinen Sinn. Er macht uns irgendwann alle zu Krüppeln. Oder ist das der Sinn?

Ohne Körper fällt die Bewegung weg. Alles, was wir brauchen, ist ein Denk- und Fühlzentrum. Unsere Seele braucht nur noch eine Festplatte. Und die wird immer kleiner. Das Ideal unserer zukünftigen Daseinsform ist die kleinste elektronische Informationseinheit: das Bit.

1/0.

An/Aus.

Wahr/Falsch.

Das ist, nebenbei, die Lösung aller Probleme, welche die Menschheit verursacht hat.

Sie können Ihren Computer jetzt ausschalten.

(c) Christoph Keller 2003

(c) S.Fischer Verlag, Frankfurt (für diese Ausgabe)

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