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Die Ursachen

 
 

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Erstmals wurde die Multiple-Sklerose vor über 100 Jahren von dem französischen Neurologen Jean-Martin Charcot beschrieben. Er brachte die beobachteten Krankheitssymptome mit schon vorher bei Autopsien entdeckten »braunen Flecken« im Zentralnervensystem in Verbindung und gab der Erkrankung ihren Namen: »sclerose en plaques«- verhärtete Stellen. In der Folge konzentrierten sich Forscher neben der Suche nach den eigentlichen Krankheitsursachen mit Erfolg auf epidemiologische Untersuchungen. Sie haben entscheidende Erkenntnisse über das Vorkommen der Erkrankung gebracht.

  Dabei zeigte sich, daß Menschen in kühlen, äquatorfernen Regionen besonders häufig an Multipler Sklerose erkranken: in den nördlichen USA, Kanada, Mittel- und Nordeuropa, Neuseeland und im südlichen Australien. In tropischen und subtropischen Ländern ist das Erkrankungsrisiko offenbar geringer. Die meisten Forschungsergebnisse legen den Schluß nahe, dass der eigentliche Beginn der MS schon vor dem 18. Lebensjahr anzusetzen ist, auch wenn die Krankheit erst Jahre oder Jahrzehnte später ausbricht. Bei Beginn der Erkrankung liegt das Durchschnittsalter zwischen 20 und 40 Jahren, Frauen erkranken häufigem als Männer. Immer noch in der Diskussion ist ob bestimmte Infekte in der Kindheit über eine Autoimmunreaktion auslösend für die spätere Erkrankung sind. 

  Weltweit leiden schätzungsweise zwei Millionen Menschen an Multipler Sklerose. In Deutschland sind mindestens 120 000 Menschen erkrankt. Die tatsächliche Zahl ist wahrscheinlich noch weit höher, da viele Patienten, die von dem milden Form betroffen sind, gar nicht erfaßt werden. Bei ihnen treten nur leichte Beschwerden auf, die nach einigen Wochen oder Monaten teilweise oder vollständig zurückgehen. Nach Monaten oder Jahren können erneut solche Schübe auftreten, ohne daß aber insgesamt eine Verschlechterung eintritt In etwa 70 Prozent der Fälle beginnt die Multiple Sklerose (MS) mit Schüben von Symptomen zentralnervöser Störungen mit typischer kompletter oder inkompletter Rückbildung. Weniger häufig (ca. 20 bis 30 Prozent) besteht von Anfang an eine chronische Progression von Funktionsstörungen, wobei etwa 50 Prozent dieser Patienten zusätzlich Schübe mit inkompletten Rückbildungen erleiden (progredient schubförmig).

  Erste Krankheitszeichen sind häufig Sehstörungen, Bewegungseinschränkungen und Empfindungsstörungen, wie etwa Kribbeln oder Taubheitsgefühle in den Beinen. Die meisten Beschwerden können auch bei vielen anderen Krankheiten auftreten, zum Beispiel bei Durchblutungsstörungen oder Bandscheibenleiden. Deshalb ist es im Frühstadium der MS selbst für erfahrene Neurologen oft nicht möglich, die Krankheit mit ausreichender Sicherheit genau zu diagnostizieren.

  Eine seltene Sonderform ist die akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM). ADEM tritt manchmal möglicherweise nach Infekten oder Impfung und Infusionen mit pflanzlichen Arzneimitteln auf, kann aber auch spontan vorkommen. Die klinische Symptomatik ist unterschiedlich und nicht selten schwerwiegend. Der Liquor zeigt meist eine lymphozytäre Pleozytose und erhöhten Proteingehalt; Normalbefunde kommen ebenfalls vor. Die Kernspintomografie weist einzelne oder multiple demyelinisierende Läsionen nach, die in der Regel Kontrastmittel anreichern. Unter Kortisontherapie kommt es bei der Mehrzahl der Patienten rasch zur Symptomremission. Bei Versagen von Kortison können Immunglobuline, Zytostatika und Plasmapherese eingesetzt werden. Im Unterschied zur Multiplen Sklerose (MS) verläuft die Erkrankung monophasisch (also meist ohne weitere Krankheitsschübe) und hat eine gute Langzeitprognose. Multiphasische Verläufe sind selten. Bisher gibt es keine diagnostischen Kriterien, die in der akuten Phase eine sichere Unterscheidung der ADEM vom ersten Schub einer MS zulassen. Somit handelt es sich bei der ADEM vermutlich um eine Variante der MS und nicht um eine eigenständige Krankheit. 

Diagnose:

  Nach Erhebung der Vorgeschichte, und einer neurologischen Untersuchung mit beispielsweise Prüfung der Augen, des Gleichgewichtes, des Schmerz und Vibrationsempfindens sowie der Reflexe sind auch technische Untersuchungen zur Absicherung der Diagnose und zum Ausschluß anderer Krankheitsursachen erforderlich.

Evozierte Potentiale messen die Intaktheit der Nervenbahnen. Es handelt sich um einfache schnell durchführbare und vergleichsweise billige Untersuchungen ohne Nebenwirkungen, die bei dieser Erkrankung häufig zur Diagnose führen und das Ausmaß der Funktionsstörungen anzeigen.

  Mit Hilfe der Kernspintomographie lassen sich MS-Herde im Gehirn bildlich darstellen Die Untersuchung im Kernspintomographen dauert eine halbe bis eine Stunde. Abgesehen davon, daß in der engen Röhre bei dem lauten Geräusch manche Patienten Platzangst bekommen, hat sie keine Nebenwirkungen. Die Untersuchung muß in der Regel nur einmal zu Beginn der Erkrankung durchgeführt werden, da die Anzahl der Herde häufig nicht mit dem spürbaren und bei der neurologischen Untersuchung erkennbaren Verlauf der ja entscheidend ist parallel geht. Eventuell kann sich dies ändern wenn MS Bilder ein Wirksamkeitsnachweis der teuren Interferone werden.

  Eine Untersuchung des Nervenwassers ist heute meist (aber nicht immer) entbehrlich. Sie liefert zwar ebenfalls wertvolle Hinweise auf die Erkrankung, erfordert aber einen stationären ‘Aufenthalt und verursacht häufig für 2-3 Wochen heftige aber harmlose Beschwerden.

  Die Diagnostik ist heute fast immer sicher und nebenwirkungsfrei ambulant möglich.

  Machmal sind zusätzliche Untersuchungen zum Ausschluß anderer Erkrankungen erforderlich wie z.B. Blutabnahmen zum Ausschluß einer behandelbaren durch Zeckenbiß verursachten Erkrankung.

  Eine isolierte Optikusneuritis ist oft das erste Symptom einer MS. In einer Nachbeobachtung von 102 Patienten hatten nach einem mittleren Zeitraum von 2,3 ± 1,6 Jahren hatten 37 (36,3%) der Patienten eine MS entwickelt. Diese war nach 2 Jahren bei 13%, nach 4 Jahren bei 30% und nach 6 Jahren bei 37% aufgetreten, nach 8 und 10 Jahren betrug der Prozentsatz 42%. Geschlecht, Alter und Jahreszeit bei Auftreten der Optikusneuritis hatten keinen Einfluß auf diese Entwicklung. Während sich allerdings bei keinem Patienten mit einer normalen MRT-Untersuchung des Gehirns nachfolgend eine MS einstellte, trat diese bei 37 jener 71 Patienten (52%) auf, welche zumindest eine Läsion in der MRT des Gehirns gezeigt hatten. Nachfolgendes Auftreten einer MS wurde auch häufiger bei Patienten mit intrathekaler IgG-Synthese (43%) als ohne Hinweise dafür (28%) beobachtet. Dieser Unterschied war aber statistisch nicht signifikant. Der Vorhersagewert multimodal evozierter Potentiale war insgesamt gering und am ehesten durch Einbeziehung somatosensorisch evozierter Potentiale gegeben. Im allgemeinen war der Krankheitsverlauf der MS nach Optikusneuritis leicht, was sich in einem EDSS-Wert von 2,2 ± 1,9 nach einem mittleren Beobachtungszeitraum von 6,2 Jahren niederschlug.  Die Entwicklung einer MS nach isolierter Optikusneuritis erfolgt üblicherweise in den ersten 2­5 Jahren, wobei das Risiko für diesen Zeitraum bei etwa 30­40% liegt. Einer positiven MRT-Untersuchung in Form fokaler Signalhyperintensitäten kommt der höchste Vorhersagewert zu. Gleichzeitiger Nachweis einer intrathekalen IgG-Synthese erhöht das Risiko, besitzt selbst aber nur begrenzte Aussagekraft. Die Bedeutung multimodal evozierter Potentiale im Hinblick auf die Vorhersage einer MS nach isolierter Optikusneuritis ist noch geringer. Die Untersuchung bestätigt bei Patienten mit isolierter Optikusneuritis einen hohen Vorhersagewert positiver MRT-Befunde bezüglich nachfolgender Entwicklung einer MS, wie dies bereits ganz allgemein für Patienten mit einem möglichen Erstsymptom einer MS gezeigt werden konnte. In  diesen Studien wurde der Wert einer Liquoruntersuchung sowie multimodal evozierter Potentiale als prädiktive Informationen ebenfalls geringer eingeschätzt.  Hervorzuheben ist der im allgemeinen günstige Krankheitsverlauf, wenn sich eine MS nach einer isolierten Optikusneuritis entwickelt, wobei eine eventuelle Modifikation durch therapeutische Interventionen in vorliegender Arbeit allerdings nicht speziell adressiert wurde.

  Ghezzi A, Martinelli V, Torri V, et al. Long-term follow-up of isolated optic neuritis: the risk of developing multiple sclerosis, its outcome, and the prognostic role of paraclinical tests. J Neurol 1999;246:770­5.

Quelle: Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Pschoanalyse


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