Hohenheimer
Konsensusgespräch - Ernährung und Altern
Aktuelle
Ernährungsmedizin - Zeitschrift für Stoffwechselforschung
- Klinische Ernährung - Diätetik
Mitwirkende:
C.J Bates, D.Benton, H.K. Biesalski, H.B. Staehlin,
J. van Staveren,
P.Stehle, P.M.Suter, G.Wolfram
Zusammenfassung
Ziel: Das Verhältnis zwischen Ernährung und Altern
zu betrachten. Bestehende Kenntnisse zusammenzufassen und
Bereiche des Nichtwissens zu identifizieren. Ausführung:
Experten einer Reihe relevanter Disziplinen erhielten und
betrachteten eine Reihe von Fragen zu dem Aspekt des aktuellen
Themengebietes. Ort: Universität Hohenheim, Stuttgart,
Deutschland. Intervention: Die Experten trafen sich, diskutierten
die Fragen und kamen zu einem Konsensus. Schlussfolgerung:
Viele spezielle Schlussfolgerungen wurden gezogen, die die
generelle Sicht unterstützten, dass während unseres
Alterungsprozesses eine inadäquate Ernährung zum
Verlust von Funktionen und der Entwicklung und dem Fortschreiten
von Krankheiten beiträgt. Der Ernährungsstatus
wird beeinflusst von einer Reihe medizinischer, physiologischer,
psychologischer, sozialer und situativer Variablen. Angemessene
Ernährung und körperliche Aktivitäten sind
Aspekte eines gesundheitsfördernden Lebensstils. Die
Ermutigung zu besserer Ernährung und Bewegung sind
kosteneffektive Wege, um das Auftreten und Fortschreiten
altersbedingter Krankheiten zu verringern. je früher
solche Interventionen durchgeführt werden, desto besser.
Vorbemerkung
Im November 2000 traf sich eine Gruppe Wissenschaftler an
der Universität Hohenheim, Stuttgart, zur zwölften
einer Folge von Konsensustreffen, um sich mit dem Effekt
von Ernährung und Altern zu befassen. Die Diskussionsteilnehmer
betrachteten eine Reihe von Fragen, bis sich daraus ein
Konsensus entwickelte. Die Reihe von Fragen, der Konsensus
und einige Veröffentlichungen, die eine Vertiefung
des Themenbereichs ermöglichen sollten, sind im Folgenden
aufgelistet.
Altern wird assoziiert mit physiologischen Veränderungen,
die eine Wirkung auf die Aufnahme von und den Bedarf an
Energie haben könnten, insbesondere den Bedarf für
Nährstoffe, deren Aufnahme und Stoffwechseländerungen.
Darüber hinaus kann eine unausgewogene Diät im
jüngeren Lebensabschnitt auf die altersabhängigen
Veränderungen Einfluss haben. Abgesehen von physiologischen
Veränderungen können psychosoziale Faktoren Fehlernährung
verstärken oder sogar hervorrufen. Die generelle Schlussfolgerung
war, dass während des Alterungsprozesses eine adäquate
Ernährung zur Aufrechterhaltung der Gesundheit und
des Wohlbefindens beiträgt. Es ist kaum möglich,
die Bedeutung dieses Themas überzubewerten.
Ist unzureichende Ernährung älterer Menschen ein
generelles Problem oder begrenzt auf spezifische Untergruppen?
Konsensus: Ungenügende Ernährung
führt zu einem Funktionsverlust und somit der Entwicklung
und Weiterentwicklung von Krankheiten. Adäquate Ernährung
spielt eine wesentliche Rolle für einen gesunden Lebensstil,
der körperliche und mentale Funktionen erhält.
Diese adäquate Ernährung wird nicht bei allen
Gruppen älterer Menschen erreicht.
Hintergund: Die Definition eines „hohen"
Lebensalters ist gegenwärtig in der Diskussion. Der
Regelruhestand liegt meist bei 65 Jahren. In diesem Alter
haben Männer und Frauen in entwickelten Ländern
noch eine Lebenserwartung von 15 -20 Jahren [ 1851. Verschiedene
Menschen altern in unterschiedlichem Tempo, das beinhaltet,
dass ein chronologisches Alter nicht unbedingt mit dem biologischen
Alter gleichgesetzt werden kann [1861. Deshalb wurden, abgesehen
von einer chronologischen Definition, die älteren Menschen
oft entsprechend ihrem Gesundheitsstatus klassifiziert.
Diejenigen, die erfolgreich altern, leben unabhängig
und zeigen wenig bis fast gar keinen Verlust von Funktionen,
was als Altern per se definiert werden könnte; diejenigen,
welche im typischen Sinne altern, leben unabhängig
und haben eine Vielzahl medizinischer Probleme; jene, deren
Alterungsprozess beschleunigt ist, tragen eine schwere Bürde
in Form chronischer Krankheiten und Behinderungen, welche
sie in den häufigsten Fällen zwingen, in entsprechenden
Einrichtungen zu leben. Diese Klassifikation hebt die Heterogenität
der älteren Bevölkerung hervor.
Eine adäquate Nahrungszufuhr wurde als notwendiger
Faktor dafür gesehen, ein verbessertes langes Leben
[35], gute Gesundheit [161,162] und die Lebensqualität
[177] zu erhalten. Wie auch immer, es stellt sich das Problem,
angemessene Ernährung zu definieren. Biochemische Standards
- die oft von Studien jüngerer Menschen extrapoliert
werden - können nicht länger als der goldene Standard
eingesetzt werden. Gerontologen und Ernährungswissenschaftler
sind jetzt eher interessiert an der benötigten Nährstoffmenge
zur Prävention chronischer Krankheiten, als an der
Menge von Nährstoffen, die zur Verhinderung eines Mangelstatus
erforderlich ist [72]. In der USA wurde kürzlich eine
neue Sammlung von Referenzwerten für die Nährstoffzufuhr
veröffentlicht, die dieses neue Paradigma widerspiegelt,
untermauert von einer umfangreichen Literaturübersicht
[72]. Es gibt ähnliche europäische Publikationen
mit der gleichen Zielsetzung [54,1031].
Nahrungsverbrauchsuntersuchungen haben in der Bevölkerung
gezeigt, dass die Energie- und Mikronährstoffaufnahme
in einem hohen Prozentsatz gesunder, mobiler, älterer
Menschen angemessen zu sein scheint [4,36,37,87 1. Einige
Forscher haben nicht nur die Beziehung zwischen einzelnen
Nährstoffen und der Gesundheit untersucht, sondern
auch Kostbewertungen entwickelt, um Ernährungsmuster
charakterisieren zu können. Sie zeigen, dass sich eine
vorteilhafte Ernährung positiv auf die Gesundheit und
ein längeres Leben auswirken [137,169].
Wie dem auch sei, selbst in relativ gesunden Gruppen können
altersbedingte physiologische Veränderungen auftreten,
die zu einer unzulänglichen Ernährung führen
können. Beispielsweise kann häufig ein unangemessener
Vitamin-B12-Status diagnostiziert werden, aufgrund einer
verminderten Absorption [ 171,172]. Durch seine Bedeutung
für die Reduktion erhöhter Homozysteinkonzentrationen
im Blut steht Vitamin B12 in engem Bezug zu Folat und Vitamin
B6. Ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre
Erkrankungen in Verbindung mit hohen Homozysteinwerten tauchte
in einer 10-Jahres-Verlaufsstudie von Männern in einer
niederländischen Kohorte der Sieben-Länder-Studie
auf [159]. Darüber hinaus wurden Beziehungen zwischen
kognitiver Funktion und der Aufnahme von Vitamin B6, Folat
und Vitamin B12 gefunden. Mechanismen verbunden mit dem
Vitaminstatus, Homozystein und kognitive Funktionen verbinden,
erfordern weitere Untersuchungen.
Auch Vitamin-D-Mangel wird häufig bei älteren
Menschen beobachtet, aufgrund verminderter Synthese in der
Haut und einer reduzierten Hydroxylierung von Vitamin D3
in den Nieren [1731. Ein niedriger Vitamin-D-Status steht
in Beziehung mit einer niedrigen Knochenmineraldichte und
einem ansteigenden Risiko für Knochenbrüche [46].
Körperliche Aktivität und Grundumsatz sinken im
hohen Alter ab, weshalb eine herabgesetzte Energieaufnahme
erforderlich ist [116]. Auftretende Krankheiten wirken im
Allgemeinen einem Absinken des Grundumsatzes entgegen, aber
die begleitende Reduzierung der körperlichen Aktivität
führt meist zu einem insgesamt niedrigen Energiebedarf
[112]. Eine niedrige Energieaufnahme ist in aller Regel
mit einem erhöhten Risiko für inadäquate
Mikronährstoffaufnahme verbunden [32, 33].
Sowohl europäische als auch amerikanische Gesundheitsuntersuchungen
zeigen, dass im Alter von über 70 Jahren eine negative
Energiebalance die Regel ist: Das Körpergewicht neigt
zu einem Absinken, selbst bei gesunden Individuen [2,301.
Dieser unfreiwillige Gewichtsverlust im späteren Lebensabschnitt
erhöht das Risiko für Proteinenergiemangelernährung,
Mikronährstoffmangel, ernährungsbezogene Krankheiten
und ist assoziiert mit Gebrechlichkeit und erhöhter
Erkrankungsziffer. Mangelernährung ist insbesondere
häufig bei institutionalisierten älteren Menschen.
Studien beschreiben unzureichende Ernährung und einen
Mangelstatus bei 15 -40% der Altersheimbewohner [71 ].
Basierend auf ausführlicher Literaturrecherche haben
Payette et al. (1995) [108,109] ein Modell der Determinanten
der Ernährung für in Gemeinden lebende ältere
Menschen entwickelt, gruppiert in drei Hauptkategorien:
- physisch: chronische und akute Krankheiten, funktionale
Behinderungen, Appetit, Medikamente, vorgeschriebene Diäten,
Vorhandensein von Lebensmittelgeschäften, Motorisierung;
- psychisch: Depression, wahrgenommene Fähigkeiten,
Gesundheitsempfinden, Essensüberzeugungen und -einstellungen,
psychologische Determinanten für den Appetit, Kochkenntnisse;
- sozial: Hilfe, Lieferservice, soziale Isolation, Gesellschaft
während der Mahlzeiten.
Payette et al. (1995) [108,1091 verwendeten dieses Modell,
um Vorhersagen über Energie- und Nahrungsaufnahme innerhalb
einer Hochrisikogruppe älterer Menschen, die soziale
Fürsorge erhalten, zu identifizieren. In dieser Studie
erwies sich die Bürde von Krankheit, Vorhandensein
von Arthritis, Einnahme von psychotropen Medikamenten sowie
Schwierigkeiten beim Einkaufen als negativ assoziiert mit
der Energie- und Nahrungsaufnahme. Qualität von Ästhetik
und Appetit zeigten positive Beziehung zur Nahrungsaufnahme.
Finanzielle Mittel, die früher mit Qualität- oder
Quantität der Nahrung assoziiert wurden, wurden nicht
in Payettes Veröffentlichung diskutiert. In der SENECA-Studie
(Untersuchung in Europa über die Ernährung bei
älteren Menschen; eine konzertierte Aktion) existierten
finanzielle Probleme praktisch nicht. Einzig in Portugal
(etwa 50%) und in Polen (etwa 40%) waren solche Probleme
vorherrschend [135].
Die Variablen in Payettes Modell zeigen beträchtliche
Überlappung mit Gewichtsverlust als Ursache, beschrieben
in Morley (1997) [91] mit den 9 Ds von Robbins (1989) [121]
und den 11 Abnahmefaktoren („dwindles") von Egbert
(1996) [42]. Insbesondere bei beschleunigtem Altern werden
Interventionen als entscheidend angesehen, um das Fortschreiten
von Krankheiten zu verhindern und der ins Negative laufenden
Gesundheitsspirale, wie sie von Egbert (1996) [42] beschrieben
wird, entgegenzuwirken.
Welche Faktoren beeinflussen adäquate Ernährung?
Konsensus: Es gibt altersbedingte Veränderungen,
wie verminderte körperliche Aktivität und der
Verlust von fettfreier Körpermasse, die zu einer reduzierten
Energieaufnahme führen. Es gibt eine lange Liste von
Faktoren, die zu dem Ernährungsstatus älterer
Menschen beitragen, und sie beinhaltet: die Fähigkeit,
Nährstoffe zu absorbieren und zu metabolisieren; einen
erhöhten Nährstoffumsatz aufgrund chronischer
Krankheit; körperlicher Behinderungen; schlechte Zahnstatus;
Armut; Arzneimittel; Verlust von Geschmackssinn; Appetitverlust;
Dehydrierung; Zusammensetzung der Nahrung und Ernährungsweise;
Freudlosigkeit (Anhedonie); der Verlust mentaler Funktionen;
psycho-soziale Faktoren (Einsamkeit, Verlust von Partnern).
Hintergrund: Veränderungen, die während des
Alterns auftreten, beinhalten den Verlust von Körpergröße,
Muskelmasse, Knochenmasse, Fettanteil und Wasseranteil im
Körper. Am relevantesten sind Änderungen der Verteilung
von Fettmasse und fettfreier Körpermasse und Veränderungen
der Knochenzusammensetzung. Abhängig vom Alter selbst,
Aktivitätsniveau und Geschlecht findet eine Abnahme
von fettfreier Körpermasse statt, hauptsächlich
wegen eines Verlustes bei der Skelettmuskelmasse. Im Durchschnitt
nimmt die fettfreie Körpermasse deutlich ab, beginnend
etwa in der siebten Dekade, bis hin zu 40% Verlust verglichen
mit jungen Erwachsenen (5 kg bei Frauen, 12 kg bei Männern).
Gleichzeitig erreicht die Atrophie von Organen wie Nieren,
Leber und Lunge 10-20%. Ein stabiles Köpergewicht bei
Beginn dieses Prozesses kann durch eine begleitende Erhöhung
des Gesamtkörperfetts erklärt werden. Bereits
im Alter von 35-40 Jahren kann eine Verminderung der Knochendichte
beobachtet werden, sowohl bei Männern als auch bei
Frauen. frauen können die Hälfte ihrer trabekulären
und etwa ein Drittel ihrer kortikalen Knochenmasse verlieren,
bei Männern ist dieser Verlust signifikant niedriger
( nur 50 - 70 % dessen von Frauen).
Die Veränderungen in der Körperzusammensetzung
beeinflussen unmittelbar Aspekte der Nährstoffaufnahme
und des Stoffwechsels. Der tägliche Energieumsatz wird
herabgesetzt durch einen niedrigeren Grundumsatz (niedrigerer
Anteil an metabolisch aktivem Gewebe), wobei absolute Nährstoffbedürfnisse
generell unverändert bleiben. Folglich sollten ältere
Menschen einen höheren Prozentsatz von Nahrungsmitteln
mit hoher Nährstoffdichte konsumieren, um die Energieaufnahme
zu limitieren und gleichzeitig ausreichend essenzielle Nährstoffe
zu gewährleisten. Der Verlust von Muskelmasse wie auch
die hohe Inzidenz von Osteoporose und die damit assoziierten
klinischen Beobachtungen wie Knochenfrakturen können
zu Immobilisation und einer reduzierten Fähigkeit führen,
das tägliche Leben zu organisieren.
Die Empfindung für Geschmack (Verringerung von Geschmackszellen)
und Geruch (Veränderungen der olfaktorischen Rezeptoren)
ist bei älteren Menschen herabgesetzt. Eine Reduzierung
des Speichelflusses und Störungen der Kaufunktion wegen
eines schlechten Zahnstatus (Verlust von Zähnen, Mangel
an adäquater Zahn- und Zahnfleischpflege) trägt
zu einer unzureichenden mechanischen Zermahlung und initialen
Verdauung im Mundraum bei. Atrophische Gastritis (vermutlich
zurückzuführen auf Langzeitkolonialisierung mit
Helicobacter pylori) mit einer reduzierten Säuresekretion
ist ein wohlbekannter Faktor, der die Verdauung im Magen
erniedrigt. Eine Verminderung des Volumens und Veränderungen
der Zusammensetzung der Bauchspeicheldrüsensekretion
(niedrigere Bikarbonat- und Enzymkonzentrationen) können
die Nährstoffverdauung und die spätere Absorption
im Dünndarm behindern. Veränderungen der Dickdarmfunktion
und -integrität (Schleimhautatrophie, Unbeweglichkeit,
veränderte Zusammensetzung der Mikroflora) können
jedoch durch eine adäquate Nahrungsaufnahme im jüngeren
Alter stärker beeinflusst werden als im späteren
Leben. Im Allgemeinen können Veränderungen des
Gastrointestinaltraktes als Senkung der Reservekapazität
angesehen werden (die Größe ist abhängig
von Genetik und Lebensstil). Nur nach größerem
Verfall werden diese Veränderungen die Verdauung und
Absorption der Nahrung beeinträchtigen.
Mit dem Alter treten mehrere Veränderungen bei Mengen
und Wirkungen der zirkulierenden Hormone auf. Glukosetoleranz
kann durch eine reduzierte Insulinsekretion und/oder Insulinsensitivität
(häufig in Verbindung mit Übergewicht und geringer
körperliche Aktivität) geschwächt werden.
Die verminderte Produktion von Wachstumshormonen und Prolaktin
könnte zumindest teilweise die Erhöhung des Körperfettes
und den Verlust der Muskelmasse erklären. Die Produktion
von Schilddrüsenhormonen ist häufig vermindert;
Herunterregulierung des Schilddrüsenhormonumsatzes
kann als ein Mechanismus angesehen werden, um den Körper
zu schonen. Die Sekretion von Sexualhormonen (Testosteron
und Östrogen) wird im Alter vermindert, wahrscheinlich
wegen einer progressiven Atrophie der Genitalorgane.
Diese hormonellen Veränderungen stehen in Wechselbeziehungen
zueinander. Der Stoffwechsel ist wegen verschlechterter
Glukosetoleranz limitiert, Stickstoffretention sowie Bildung
und Abbau von Lipiden wie Lipoproteine und Cholesterin sind
vermindert. Offensichtlich tragen solche Veränderungen
zur Entwicklung gewisser Krankheiten wie Diabetes, Hypercholesterinämie,
Arteriosklerose und Osteoporose bei.
In Industrieländern steigt die Inzidenz chronischer
Erkrankungen kontinuierlich mit dem Alter an, inbegriffen
entzündliche Prozesse, (kardio)vaskuläre Krankheiten,
Fettleibigkeit, Diabetes und maligne Erkrankungen. Abgesehen
von der Tatsache, dass die Krankheit selbst die Nahrungsbedürfnisse
verändern kann, werden Geschmacks-, Geruchs- und Appetitsinn
modifiziert. Erbrechen oder ein trockener Mund können
daraus resultieren. Dabei können Änderungen in
der Nährstoffaufnahme und im Metabolismus (z. B. Vitamine,
Mineralien) und folglich ein Verlust von Nährstoffreserven
auftreten. Schlaganfall, Parkinson und auch Demenz können
schwerwiegende Probleme der Nahrungsaufnahme verursachen
(Zittern, Schmerz, Verkrampfung). Körperliche Behinderungen
können zu einer Immobilisierung und Hilfsbedürftigkeit
während des Essens führen.
Sarkopenie und altersbedingte metabolische Krankheiten (z.
B. Osteopenie, muskuloskelettale Erkrankungen, Osteoporose)
sowie das Vorhandensein individueller Behinderungen können
in einer Abnahme körperlicher Aktivität resultieren.
Darüber hinaus ist für ältere Menschen wegen
verminderter maximaler Sauerstoffaufnahme und Muskelfaseratrophie
eine größere körperliche Anstrengung für
gleiche körperliche Arbeiten notwendig. Dies kann zu
der Entscheidung, sich nicht zu bewegen führen, und
somit zu einem geringeren Energieaufwand.
Zwei Aspekte des sozialen Kontextes werden häufig unterschieden:
sozioökonomische und psychologische. Sozioökonomische
Aspekte beinhalten Alter, Geschlecht, Bildung, Einkommen,
Kocheinrichtungen, Tagespläne, Rente/Freizeit, Entfernung
zu Lebensmittelgeschäften, Erreichbarkeit von Transportmitteln
und Verfügbarkeit gewohnter Nahrungsmittel. Von dem
psychologischen Gesichtspunkt aus sollten soziale Aktivitäten,
Selbstachtung, Ernährungskenntnisse, Einsamkeit, Verwitwung,
mentales Bewusstsein, Nahrungsmittelvorlieben/-abneigungen
und Vorurteile in Betracht gezogen werden. Am wichtigsten
ist jedoch, dass sich der Ernährungsstatus unabhängig
Lebender von dem institutionalisierter älterer Personen
unterscheidet.
Welche spezifischen Nährstoffe, insbesondere
Mikronährstoffe, benötigen spezielle Aufmerksamkeit?
Konsensus: Die allgemeine Nahrungsaufnahme,
insbesondere der Mikronährstoffe, ist innerhalb mehrerer
Untergruppen niedriger als empfohlen und das trägt
zur Funktionsverminderung und Erkrankungsrate bei. Die kritischsten
Nährstoffe sind Vitamin D, in Kombination mit adäquatem
Kalzium, Vitamin B1z und Folsäure.
Hintergrund: Verschiedene Untergruppen älterer
Menschen haben unterschiedliche Ernährungsprobleme:
- beispielsweise haben einige eine gestörte Absorption
oder ein unvollständiges Gebiss;
- andere haben wenig Appetit wegen geringen Energieaufwands,
aber dennoch haben sie einen hohen Bedarf an gewissen Mikronährstoffen,
möglicherweise resultierend aus Krankheit, Entzündungsprozessen,
Auswirkungen von Medikamenten;
- wieder andere können Vitamin-D-Mangel aufweisen wegen
zu geringer Sonnenlichtexposition.
Obwohl es schwierig ist, beliebige Mikronährstoffe
als unzweideutig irrelevant für die Gesundheit älterer
Menschen auszuschließen, so ist es doch möglich,
Kategorien abnehmender Signifikanz vorzuschlagen.
Hohe Priorität: Die so genannten „antioxidativen"
Nährstoffe, die Vitamine C, E und Selen [53]; Vitamin
D für Länder mit geringer Sonnenlichtexposition
im Winter, wo ein hohes Risiko für Knochenerweichung
und Osteoporose vorliegt [1461; Vitamin B12 und Folate bei
einzelnen Hochrisikoindividuen; Eisen und wahrscheinlich
Zink; exzessive Aufnahme von Natrium für gewisse Hochrisikogenotypen.
Mittlere Priorität: Vitamin A und verwandte
Retinoide in Relation zum Krebsrisiko [101 ]; Vitamin K
in Relation zu Knochenkrankheiten [147]; Riboflavin und
Vitamin B6 in Relation zu den Methionin-Homozystein-Zystein-Metabolismus-Wegen
[81]; Thiamin in Relation zu alkoholischen Neuropathien
und dem Wernicke-Korsakoff-Syndrom; Kalzium, Magnesium,
Kalium, Kupfer, Chrom, Jod.
Niedrige Priorität: Niazin, Biotin und Panthotensäure,
Mangan, Vanadium, Bor, Fluorid, Phosphor und Silizium.
Noch nicht exakt bewertet: Viele potenziell nützliche,
organische Nahrungskomponenten, z. B.: Karotinoide und verwandte
Substanzen; Bioflavonoide; Phytoöstrogene, Isoflavone;
Lignane usw.; Nahrungsmittelfasern und deren Komponenten
und andere sulfatenthaltende Substanzen; Pteridine; Phenole
wie Koenzym Q TOPA-Quinon, PQQusw.; Karnitin, Cholin, Inisitol,
essenzielle Fettsäuren und andere Lipidkomponenten.
In dem Britisch National Diet and Nutrition Survey, der
Menschen, die älter als 65 Jahre sind [11,48,1521 erfasst,
wurden die Vitamine C, D, B12 und Eisen als die Nährstoffe
hervorgehoben, für die ein hoher Anteil älterer
Menschen das Risiko einer unangemessenen Versorgung aufweist.
Die Natriumaufnahme war bei vielen Teilnehmern höher
als wünschenswert. Gründe für die schlechte
Versorgung sind unangemessene Aufnahme, aber auch andere
Risikofaktoren wie chronische Erkrankungen und Rauchen (für
Vitamin C: Walmsley et al. 1999) [1811, inadäquate
Lichtexposition (für Vitamin D) und geringe Absorption
(für Vitamin B12). Funktionale Indizes, wie Plasmahomozystein
lieferten weitere Beweise für einen unangemessenen
Vitamin-B-Status, insbesondere für Folat, Vitamin B12
und Vitamin B6 [ 11 ].
Da ältere Menschen, bezogen auf ihre Ernährungsprobleme,
eine sehr unterschiedliche und inhomogene Bevölkerungsgruppe
bilden, ist es sehr schwierig, eine empfohlene Nahrungsmittelaufnahme
festzulegen, die die Bedürfnisse der Mehrheit deckt,
ohne unpraktikabel oder unangemessen für diejenigen
zu sein, die relativ fit und gesund sind. Wichtige Herausforderungen
für Ernährungsberater sind „adäquate"
oder „angestrebte" Aufnahme- und Statusindizes
zu definieren, die geeignet für ältere Menschen
und von diesen erreichbar sind. Ein praktisches Problem,
das angesprochen werden muss, ist, dass Bedürfnisse
über einen Zeitraum hin zwischen Individuen und bei
Einzelnen variieren, so dass speziell entwickelte Nahrungsmittel
und/oder Nahrungsergänzungsmittel benötigt werden
könnten, die auf einer nahezu individuellen Basis entwickelt
werden müssten.
Gibt es irgendwelche Beweise dafür, dass einzelne
Mikronährstoffe eine spezifische Rolle bei der Wahrnehmungfähigkeit
oder dem Gedächtnis älterer Menschen spielen?
Konsensus: Es gibt vorläufige Hinweise dafür,
dass eine Kost, die reich an Gemüse und Antioxidantien
ist, zur Wahrnehmungsleistung und/oder dem Gedächtnisleistung
älterer Menschen beitragen kann.
Hintergrund: Es ist häufig vorgeschlagen worden,
dass oxidativer Stress eine Rolle bei der Neurodegeneration
spielen kann, beispielsweise dass er zu Alzheimer führen
kann [151 ]. Da das Gehirn einen hohen Sauerstoffbedarf
hat, ist es ein gutes Substrat für Oxidation, insbesondere
da mehrfach ungesättigte Fettsäuren bedeutende
Komponenten von Zellmembranen sind und diese höchst
empfänglich für oxidative Prozesse sind. Zusätzlich
ist die Konzentration von Antioxidantien im Gehirn niedrig
und einige Bereiche sind reich an prooxidativem Eisen [77].
Die älteren Menschen könnten ein spezifisches
Risiko aufweisen aufgrund von altersbezogenen Veränderungen
bei der Ernährung und der verringerten Fähigkeit,
antioxidative Mikronährstoffe zu absorbieren und zu
verstoffwechseln.
Perrig et al. (1997) [110] berichten von einer positiven
Assoziation zwischen den Spiegeln von Betakarotin und Vitamin
C im Plasma und dem Gedächtnis. Die österreichische
Studie zur Schlaganfallverhinderung berichtet davon, dass
Läsionen der weißen Gehirnsubstanz, die sowohl
mit dem vaskulären Risiko als auch mit der geringen
kognitiven Funktion assoziiert sind, mit niedrigen Plasma-Vitamin-E-Spiegeln
in Verbindung gebracht wurden [136]. Eine französische
Studie berichtet von niedrigeren Plasma-Vitamin-C-Spiegeln
bei Alzheimer-Patienten, obwohl die Aufnahme mit der Nahrung
akzeptable Spiegel erreichte [120]. Eine amerikanische Studie
berichtet davon, dass eine umfangreichere Auswahl von Vitaminen
mit der Wahrnehmung korreliert war. Niedrige Vitamin-B12-Spiegel,
Folat, Riboflavin und Vitamin C wurden mit geringen kognitiven
Funktionen assoziiert [56], eine Entdeckung, die weitaus
später repliziert wurde [76].
In epidemiologischen Studien wurde Supplementierung mit
einem verlangsamten kognitiven Verfall assoziiert, wenn
entweder Vitamin E (Durchschnittswert 29,3 mg/Tag) [76],
oder sowohl Vitamin C als auch E eingenommen wurden [83,84].
In dieser Art von Studie bleibt unklar, in welchem Maß
die Entscheidung, eine Nahrungsergänzung einzunehmen,
ein Hinweis auf andere gesundheitsbezogene Verhaltensweisen
ist.
Ein Review des Themas kommt zu dem Schluss, dass Vitamin
E eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung neuronaler
Integrität und Prävention von Zellverlust spielen
kann [23]. Vitamin E ist das einzige lipidlösliche,
kettenbrechende Antioxidanz, das in biologischen Membranen
gefunden wird. Daher ist es gut zu überlegen, ob es
sich bei neurologischen Störungen, welche mit oxidativem
Stress in Zusammenhang gebracht werden, als nützlich
erweisen kann. Orale Supplementierung von Vitamin E (1000
mg/Tag +300 mg/Tag an Vitamin C) für zwölf Monate
verbesserte das Gedächtnis, die motorischen Leistungen
und die Stimmung [155]. Bei Alzheimer-Betroffenen schob
die VitaminE-Supplementierung die Institutionalisierung
um zwei Jahre hinaus, der Tod wurde durchschnittlich um
230 Tage verzögert [132].
Bei Alzheimer-Patienten wurden häufig niedrige VitaminB12-Se-rumspiegel
gefunden [143]. Der zugrunde liegende Mechanismus wird nicht
vollständig verstanden, jedoch schränkt ein Mangel
an Vitamin BI2, Folat oder an beiden die Synthese von Methionin
und S-Adenosylmethionin ein, wodurch die Verfügbarkeit
von Methylgruppen, die essenziell sind für die Produktion
von Myelinmembranphospholipiden und einigen Neurotransmittern,
reduziert wird. Ein Mangel an Folat, Vitamin B12 oder Vitamin
B6 wird mit steigenden Plasmahomozysteinspiegeln assoziiert.
Vorausgesetzt, dass Homozystein die Blutgefäßwände
zerstören kann, könnten kognitive Schädigungen
durch homozysteinbezogene zerebrovaskuläre Läsionen
vermittelt werden.
Die Verwendung von Plasmahomozystein als metabolischer Marker
des Folatstatus weist darauf hin, dass subklinischer Folatmangel
bei älteren Menschen nicht selten ist [170]. Es gibt
deutliche Hinweise auf eine Beziehung zwischen einem niedrigen
Folatstatus und einer Depression [3]. Ubbink [170] schlägt
vor, dass eine Folatsupplementierung in Erwägung gezogen
werden könnte, auch wenn eine Supplementierung keine
adäquate Ernährung ersetzen sollte, falls der
medizinische, körperliche und soziale Hintergrund einer
depressiven älteren Person eine angemessene Ernährung
verhindert.
Die Anwendung von antioxidativer Supplementierung muss noch
umfassend behandelt werden. Fragen, die in Erwägung
gezogen werden müssen, beinhalten die Wichtigkeit des
Alters, in welchem die Supplementierung begonnen wird, wie
auch die aktive Dosis. Altern ist ein lebenslanger Prozess,
und es könnte einfacher sein, einen Verfall zu verlangsamen
als diesen umzukehren. Eine fünfjährige Studie
könnte zu kurz sein, wenn man kognitive Veränderungen
berücksichtigen möchte. Die Sicherheit ist eine
vorrangige Überlegung und die Wirkung eines Konsums
großer Mengen von Vitaminen über viele Jahre
hin wird weitgehend nicht in Betracht gezogen.
So gibt es durchaus anhaltende Hinweise darauf, dass die
Einnahme von antioxidativen Mikronährstoffen mit einer
langsameren Rate von kognitiver Abnahme assoziiert werden
können. Eine Empfehlung, die vorläufig in Betracht
gezogen werden muss bis Daten verfügbar sind, ist,
dass eine Kost, die reich an Obst und Gemüse ist und
damit an Antioxidantien, zur Aufrechterhaltung von Wahrnehmungsfähigkeit
und Gedächtnis der älteren Menschen beiträgt.
Dies ist ein Vorschlag, der eher die Theorie, dass oxidativer
Stress mit neuronaler Degeneration assoziiert ist, reflektiert
als den empirischen Nachweis, dass solch eine Diät
nützlich ist. Als die diätetische Einnahmemenge
von Antioxidantien geschätzt wurde, berichtete die
Rotterdamer Studie von einer Beziehung zwischen niedriger
Betakarotinaufnahme und kognitiven Schäden, nicht jedoch
in Hinblick auf die Vitamin-Eund Vitamin-C-Aufnahme (Jama
et al.1996). Der vergleichbaren Zutphen-Senioren-Studie
misslang es, eine Assoziation zwischen antioxidativer Aufnahme
und kognitiver Funktion zu finden. Die verwendeten Messungen
waren jedoch extrem grob und sensitivere Messungen hätten
möglicherweise genauere Beziehungen aufzeigen können.
Sind Indizes verfügbar, vor allem betreffs Mikronährstoffen,
mit denen sich der Ernährungsstatus älterer Personen
bestimmen lässt?
Konsensus: Unfreiwillige Gewichtsabnahme über einen
längeren Zeitraum ist ein guter Indikator für
eine unzureichende Ernährung und/oder eine zehrende
Krankheit. Einige biochemische und funktionelle Indikatoren,
vor allem in Kombination, können bei der Bestimmung
ausgewählter Defizite hilfreich sein. Die Wahl der
Indikatoren hängt davon ab, ob Mangelernährung
bei einem Patienten diagnostiziert werden soll oder ob Mangelzustände,
die in einer Bevölkerung vorhanden sein könnten,
eingegrenzt werden sollen.
Hintergrund: Indizes für den Ernährungsstatus
lassen sich in verschiedene Kategorien einteilen:
1. Maße für den allgemeinen Gesundheitszustand
und die Krankheitsanfälligkeit.
2. Indikatoren, die ein teilspezifisches „funktionelles"
Bild liefern für das Risiko für eine bestimmte
Krankheit, eine abnormale physiologische Funktion oder für
einen abnormen Stoffwechsel.
3. Methoden, die die metabolische Antwort auf ein spezifisches
Nährstoffdefizit oder auf eine Nährstoffüberversorgung
erfassen. Schließlich solche, die die Konzentration
eines bestimmten Nährstoffs (oder einer Gruppe von
Nährstoffen) in zugänglichen Körperflüssigkeiten
wie Blut oder Urin messen, was als Ersatzmessung für
die Gewebekonzentration dient [10-12].
Die Wahl der Indikatoren hängt teilweise vom Zweck
der Studie ab, zum Beispiel davon, ob das Ergebnis für
die Diagnose von Mangelernährung bei einem Individuum
benötigt wird oder für die Überwachung einer
Bevölkerungsgruppe, vielleicht zur Identifikation von
Risikogruppen. Das Interesse könnte umfassend auf dem
allgemeinen Gesundheitszustand liegen, in diesem Fall wäre
das Gewicht bzw. Gewichtsverlust ein nützlicher Index.
Der Fokus könnte aber auch spezifischer auf einem bestimmten
Nährstoff oder einer Nährstoffgruppe liegen, dann
würde man spezielle biochemische Nachweisverfahren
benötigen.
Eine umfangreiche Batterie biochemischer Tests verlangt
nach einer Fachlaborausstattung sowie nach umsichtiger Bewertung
und Interpretation, um sicherzustellen, dass diese Tests
aufschlussreich sind und nicht in verhängnisvoller
Weise durch Störfaktoren wie Akutphasenreaktion (Infektion,
Entzündung usw.) beeinträchtigt werden. Vorgänge
und Reaktionen dieser Art können, unabhängig von
der Nährstoffzufuhr und den Körperspeichern, einige
Indexwerte verringern und andere erhöhen (Thurnham
1997).
Ein Allgemeinarzt wird normalerweise nur einfachere Tests
zur Verfügung haben und sich üblicherweise eher
mit dem generellen Bild des Ernährungsstatus beschäftigen
(obwohl diese mögliche Einschränkung in Zukunft
wegfallen könnte, wenn einfachere und „handlichere"
biochemische Testverfahren für spezifische Nährstoffe
entwickelt werden). In einer Ernährungserhebung wird
man generell ausgefeiltere und spezifischere Methoden anwenden.
Außerdem wird man in einer Erhebung eher darauf abzielen,
die ernährungsmäßige Grundlage für
das zukünftige Krankheitsrisiko zu erkunden, welches
vom aktuellen Ernährungsstatus abzugrenzen ist. Durch
diese Anforderung wird man sich veranlasst sehen, relativ
ausgefeilte Indizes für biochemische Abweichungen und
beginnende oder zukünftige Organerkrankungen zu suchen.
Indizes wie Hämoglobin oder eine Auszählung des
Blutbildes, einschließlich weißer Blutzellen
und eines Differenzialblutbildes, können wertvolle
Informationen über den allgemeinen Gesundheitszustand
geben, welcher durch den Ernährungsstatus beeinflusst
werden kann. Es gibt auch spezifischere Indikatoren des
Ernährungsstatus, die mit bestimmten Erkrankungsvorgängen
in Verbindung gebracht werden. Ein gutes Beispiel dafür
ist das Plasmahomozystein, das besonders mit bestimmten
B-Vitaminen und dem Risiko für Gefäßerkrankungen
in einer engen Beziehung steht [142]. Weitere Beispiele
beinhalten den Plasmaparathyroidhormonspiegel, der in Zusammenhang
mit dem Vitamin-D- und Kalziumstatus sowie dem Risiko für
Knochenerkrankungen steht [147]. Methylmalonsäure im
Plasma bzw. Urin stellt einen funktionellen Index für
den Vitamin-B12-Status und damit für perniziöse
Anämie sowie das Risiko für VitaminB1Z-Mangel-Neuropathie
[133] dar. Bei jungen Kindern in Entwicklungsländern
bedeutet eine Anpassung über dunkle Pigmentierung einen
spezifischeren Index für den Vitamin-A-Status, um das
Risiko für Zustände wie Xerophthalmie oder schwere
Morbidität oder Mortalität vorherzusagen, die
verbunden sind mit Infektionen aufgrund eines Vitamin-A-Mangels
oder aber durch einen solchen verschlimmert werden.
Andere nährstoffspezifische oder quasispezifische funktionale
Indizes beinhalten Rote-Blutzellen-Peroxidationsanfälligkeit
(Vitamin E); unterkarboxyliertes Osteokalzin (Vitamin K)
[146,147]; Lipid- und DNA-Peroxidationsprodukte (die „antioxidativen"
Mikronährstoffe einschließlich der Vitamine C
und E). Es gibt spezifische Produkte von Stoffwechselwegen,
die sich auf spezielle B-Vitamine beziehen. Sie können
nach oraler Zufuhr einer Vorläufersubstanz in Blut-
oder Urinproben gemessen werden.
Viele Nährstoffe können im Blutplasma, Serum,
in roten oder weißen Blutzellen und manche Spurenelemente
und Mineralien in Haar- oder Nagelproben gemessen werden.
Allerdings ist die Interpretation dieser Indizes häufig
kompliziert und schwierig. Manche B-Vitamine werden normalerweise
durch die Messung des Aktivierungskoeffizienten spezifischer
B-Vitamin-abhängiger roter Blutzellenzyme bewertet:
dazu gehören Transketolase (Thiamin); Glutathionreduktase
(Riboflavin) und Aspartataminotransferase (Vitamin B6).
Einige Nährstoffe wie Natrium-, Kalium- und Niazinmetabolite
werden üblicherweise im Urin gemessen.
Der Wert der biochemischen und funktionalen Statusindizes
ist, dass sie eine verlässliche und objektive Einschätzung
ernährungsbezogener Risiken bieten können, indem
sie entweder auf einzelne Nährstoffe oder auf Gruppen
derselben oder aber auf spezifische Krankheiten beziehungsweise
den generellen Gesundheitsstatus abzielen 110-12]. Sie unterliegen
nicht denselben Messproblemen wie diätetische Nährstoffaufnahmemessungen
(Fehler im Protokoll, fluktuierende Aufnahmen, Beobachterinterferenzen
usw.) und können deshalb als objektive Messungen des
Ernährungszustandes betrachtet werden. Sie neigen dazu
nährstoffspezifischer als klinische Indizes zu sein
und sie reagieren schneller und spezifischer auf Nährstoffsupplementierung.
Es sollte aber im Gedächtnis bleiben, dass es viele
Faktoren gibt, die auf eine „einfache" lineare
Beziehung zwischen Nahrungsaufnahme und Ernährungsstatus
störend einwirken können. Diese biochemischen
und klinischen Indizes des Ernährungsstatus sind alternative,
teilweise unabhängige, Fenster zur Vollwertigkeit einer
Ernährung.
Biochemische und funktionale Indizes sind wertvoll für
Studien aller Altersgruppen. Alter und Geschlecht [14] können
aber Effekte aufweisen, die unabhängig von und zusätzlich
zu Nahrungsaufnahmestudien sind. Bei älteren Menschen
sind die Auswirkungen von Medikation und Akutphaseeffekten
übliche Störfaktoren, die sorgfältig untersucht
werden müssen. Es gibt keine Patentlösungen. Eine
andere, häufig vergessene Tatsache ist, dass Inter-Labor-Harmonisierung
nicht als gegeben betrachtet werden darf, sondern vorsichtig
überwacht werden muss, beispielsweise durch den Austausch
qualitativ kontrollierter Proben sowie durch Inter-Labor-Qualitätseinschätzungsschemen
mittels „Ringversuchen" [10,12].
Innerhalb von Populationen älterer Menschen
existiert eine große Spanne an Nährstoffbedarfswerten.
Ernährungszustand und Gesundheitsindizes variieren
deutlich, wobei sie den Bogen von „gesundem hohen
Alter" bis hin zu extremer Gebrechlichkeit widerspiegeln.
Ist es folglich realistisch, gemeinsame Ziele für diesen
gesamten Bereich zu definieren oder sollten Ziele den Untergruppen
entsprechend zugeschnitten werden?
Konsensus: Die aktuellen RDAs sind entwickelt
worden, um die Bedürfnisse von Bevölkerungsgruppen
gesunder ältererMenschen abzudecken. In derZukunft
werden spezielle Empfehlungen für Untergruppen von
Individuen unverzichtbar sein unter Berücksichtigung
des individuellen Gesundheitsstatus und genetischer Faktoren
(z. B. Polymorphismus).
Hintergrund: Es existieren einige ungelöste
Probleme mit Gesundheitsindizes und Nährstoffbedarfswerten
älterer Menschen. Der Bodymass-Index (BMI) ist ein
Vorhersageindikator für ernährungsbezogene Krankheiten,
wobei die Validität dieses „Propheten" mit
dem Alter abnimmt [7,160]. In der Tat kann ein niedriger
BMI bei älteren Menschen mit einer höheren Mortalität
assoziiert werden [49]. Körpergröße ist
ein grundlegendes biologisches Charakteristikum, welches
bei der Berechnung des BMI involviert ist, und sie verändert
sich mit dem Alter. Der kumulative Längenverlust in
der Altersspanne von 30-70 Jahren liegt durchschnittlich
bei etwa 3 cm für Männer und 5 cm für Frauen.
Im Alter von 80 Jahren liegt der Verlust bei 5 cm für
Männer und 8 cm für Frauen. Dieser Grad des Längenverlustes
würde für eine „messartefaktbedingte°
Zunahme des BMI von etwa 0,7 kg/m2 für Männer
und 1,6 kg/m2 für Frauen im Alter von 70 Jahren verantwortlich
sein; mit 80 Jahren betrüge der Zuwachs 1,4 beziehungsweise
2,6 kg/m2. Falls der Nenner der Gleichung zur Berechnung
des BMI ( Gewicht/Größe2) vermindert
ist, verstärkt der altersassoziierte Verlust an Größe
den BMI aufgrund eines Messartefakts, ohne die reale Adipositas
zu verstärken.
Körpergröße stellt jedoch nicht den einzigen
Aspekt der Körperzusammensetzung dar, der sich mit
dem Alter verändert. Auch Verlust an fettfreier Körpermasse
(vorwiegend Muskeln) und normalerweise eine Zunahme an adipöser
Gewebemasse kommen vor. Diese Veränderungen steigern
die reale, wahre Adipositas (Prozentanteil des Körperfetts).
Interpretationen irgendeines gegebenen BMI irgendwo in der
Altersspanne, ist kompliziert, will man den Körper
in fetthaltige und fettfreie Masse aufteilen. Eine einfache
Anpassung des beobachteten BMI an den Längenverlust
wird den BMI nicht zu einem altersunveränderlichen
Maß machen.
Mit dem Alter sinkt der Bedarf an bestimmten Nährstoffen
nicht ab, aber für einige Nährstoffe (siehe unten)
kann er sogar ansteigen. Da sich der Grundumsatz und die
körperliche Aktivität verringern, wird der Energiebedarf
niedriger. Um den Bedarf der älteren Menschen für
essenzielle Nährstoffe zu decken, muss die Nährstoffdichte
der Nahrung hoch sein.
Ältere Erwachsene sind nicht einfach eine ältere
Version der jungen Erwachsenen, sondern sie haben spezifische
metabolische Charakteristika, die den Bedarf an manchen
Nährstoffen verändern. Wenn Menschen älter
werden, wird außerdem die Variabilität der Bedarfszahlen
eher größer als geringer. Es ist jedoch schwierig,
grobe Verallgemeinerungen über den Nährstoffbedarf
älterer Menschen zu machen. Einfache Extrapolierungen
vom Bedarf jüngerer Erwachsener bieten keine Garantie
[130].
Mit dem Altern sind die gastrointestinalen Funktionen gut
erhalten, was Verdauung und Absorption von Mikronährstoffen
betrifft, aber der alternde Gastrointestinaltrakt absorbiert
Vitamin B12, Vitamin D und Kalzium weniger effektiv.
Die neuen Dietary Reference Intakes (DRI) empfehlen täglich
1200 mg an Kalzium und 15 ug an Vitamin D für Personen
über 70 Jahre. Für andere Vitamine wie Riboflavin,
Niazin, Thiamin, Folat, Vitamin B6 und Vitamin
B12 sind die neuen DRIs dieselben innerhalb der
ältesten Alterskategorien, also für diejenigen
über 70 Jahre und die Gruppe der Nächstjüngeren.
Vitamin B12 stellt ein besonderes Problem für ältere
Menschen mit atrophischer Gastritis dar. Die Fähigkeit,
das Vitamin von Essensproteinen abzuspalten, ist vermindert
und dies resultiert im Freisetzen nur kleinerer Mengen für
ein anschließendes Binden an den Intrinsicfaktor,
welcher die endgültige Absorption erlauben würde.
Zusätzlich wird die kleine Menge des freigesetzten
Vitamin B12 schnell aufgenommen durch die erhöhte Bakterienanzahl,
die im proximalen Dünndarm angesiedelt ist. Es muss
selbstverständlich ein großes Interesse an der
Prävention eines Vitamin-B12-Mangel bei älteren
Menschen vorhanden sein, da Vitamin-B12-Mangel gleichermaßen
zu neurologischen Schäden als auch zu höheren
Plasmahomozysteinkonzentrationen führen kann, was wiederum
ein erhöhtes Risiko für vaskuläre Krankheiten
mit sich bringt. In Fällen vermuteter atrophischer
Gastritis sollte man nicht zu lange zögern, eine Vitamin-B12-Supplementierung
zu beginnen.
Die Kalziumabsorption vermindert sich auch mit fortschreitendem
Alter, aber man glaubt, dass dies in erster Linie auf Probleme
des Vitamin-D-Stoffwechsels zurückzuführen sei,
da ältere Personen verminderte Aufnahme aus der Nahrung
und verringerte Sonneneinwirkung aufweisen können.
Darüber hinaus ist ihre Haut, selbst wenn sie dem ultravioletten
Licht ausgesetzt wird, weniger fähig, Vitamin D zu
synthetisieren. Die Nieren älterer Personen sind darüber
hinaus weniger fähig, 25-Hydroxyvitamin D zu der 1,25-Dihydroxyform
zu aktivieren. Und außerdem führt die verminderte
Anzahl der Vitamin-D-Rezeptoren in der intestinalen Schleimhaut
älterer Personen zu einer verminderten Kapazität
Vitamin D zu absorbieren. Zusammengenommen resultieren alle
diese Probleme des Vitamin-D-Stoffwechsel in einer verminderten
Kalziumabsorption älterer Menschen.
Neuere epidemiologische Studien haben Vitamin K als potenziell
wichtigen Nahrungsfaktor herausgestellt, der Beeinträchtigungen
der Knochendichte und das Risiko von Hüftfrakturen
bewirken kann [47]. Vitamin K ist ein Kofaktor für
die Synthese von Proteinen, die bei der Blutkoagulation
und dem Knochenstoffwechsel involviert sind. Einer davon,
Osteokalzin, weist starke kalziumbindende Eigenschaften
auf, und ist notwendig für die ordnungsgemäße
Mineralisierung neuer Knochen. Innerhalb der älteren
eher noch als innerhalb der jüngeren Altersgruppen
war die Vitamin-K-Aufnahme niedriger und mit einer höheren
Hüftfrakturhäufigkeit assoziiert [211].
Wenig ist bekannt, wie der Bedarf an speziellen Nährstoffen
durch physischen Stress oder Krankheit beeinflusst wird.
Darüber hinaus ist die Rolle etlicher Nährstoffe
unklar (z. B. Folsäure, Kalzium sowie Vitamine D und
K) in Hinblick auf Verhinderung verschiedener Krankheiten
und Störungen, die mit dem Altern in Verbindung gebracht
werden (z.B. kardiovaskuläre Erkrankungen und Osteoporose).
Verschiedene Faktoren, die die Appetitkontrolle beeinflussen,
müssen besser verstanden werden, um eine Erklärung
für altersbezogene Anorexie zu finden. Kurzgefasst
heißt das, dass ältere Personen einzigartige
metabolische Charakteristika aufweisen, die gerade am Beginn
einer genaueren Definition stehen.
Gibt es einen Bedarf für eine höhere RDA
bezogen auf Vitamin B12 für ältere Menschen als
die derzeitige?
Konsensus: Die Antwort lautet prinzipiell
ja. Wegen der niedrigen Bioverfügbarkeit von proteingebundenem
Vitamin B12 in der Nahrung ist es nicht wirksam. Individuen
mit dem Risiko niedriger Bioverfügbarkeit (z.B. atrophischer
Gastritis) benötigen (kristallines) Vitamin B12 in
Form einer Ergänzung oder in angereicherter Nahrung.
Hintergrund: Epidemiologische Studien unterschiedlicher
Länder beschrieben ein Absinken der Plasma-/Serumkonzentration
von Vitamin B12 im Laufe des Alters [ 102,188]. Abhängig
von dem Gesundheitsstatus älterer Menschen wie auch
von der Definition eines Mangels wurde bei bis zu 30% der
älteren Menschen Vitamin-B12-Mangel festgestellt [8].
Bei der Verwendung funktionaler Evaluierungen wie der Messung
von Methylmalonsäure und/oder Plasmahomozysteinspiegeln
in Kombination mit Plasmavitamin B12 wurde sogar ein höheres
Vorkommen von Störungen des Vitamin-B12-Status gefunden
[156].
In der Nahrung wird Vitamin B12 an Protein gebunden und
das Vitamin muss für die Absorption aus seiner Proteinbindung
freigesetzt werden. Neben einem funktionellen ilealen Rezeptor
ist eine optimale Proteinverdauung eine Vorbedingung für
die Absorption. Das Altern ist charakterisiert durch ein
vermehrtes Überhandnehmen atrophischer Gastritis (Typ
B), was zu einer erniedrigten Magensäureproduktion
und dadurch zu einer suboptimalen Proteinverdauung und einer
bakteriellen Überwucherung im oberen Bereich des Gastrointestinaltraktes
führt [8,152,165]. Die zuletzt genannten Veränderungen
führen zu einer Malabsorption von proteingebundenem,
also nahrungsgebundenem, nicht jedoch (ungebundenem) kristallinem
Vitamin 1312. Atrophische Gastritis ist folglich der wichtigste
Grund für einen gestörten Vitamin-B12-Status,
eine Reflektion auf dessen niedrige Bioverfügbarkeit
[6]. Die Verbreitung atrophischer Gastritis variiert stark.
Wobei sie bei 5-30% gesunder älterer Menschen vorkommt,
die meisten über 60-Jährigen weisen eine klinisch
asymptomatische milde Form atrophischer Gastritis auf [
131]. Die Malabsorption von nahrungsgebundenem Vitamin B12
ist der Hauptgrund für das Absinken des Plasma-VitaminB12-Spiegels
während des Alterns.
Neue Daten deuten darauf hin, dass selbst bei Vorhandensein
niedrig-normaler Vitamin-B12-Spiegel eine funktionelle Störung
[24] mit einer hohen langfristigen pathophysiologischen
Wirkung durch Messung der Spiegel von Methylmalonsäure
und Homozystein gefunden werden kann [ 153].
Tierische Produkte (z.B. Fleisch, Fisch, Molkereiprodukte,
Eier) stellen die einzige natürliche Nahrungsquelle
für Vitamin B12 dar. Wegen altersbedingter physiologischer
Veränderungen bei der Nahrungsaufnahme wie auch aufgrund
sozioökonomischer Zwänge ist die Aufnahme dieser
Vitamin-B12-haltigen Nahrungsmittel häufig bei älteren
Menschen verringert. Verändertes Essverhalten und die
Zusammensetzung der Kost, in Kombination mit der reduzierten
Bioverfügbarkeit, verursachen eine Verstärkung
des Vitamin-B12-Mangels. Da sich die Bioverfügbarkeit
des kristallinen Vitamins B12 nicht verändert, sollte
die Aufnahme von mit Vitamin B12 angereicherter Nahrung
und/oder von Nahrungsergänzungsstoffen für ältere
Menschen favorisiert werden. Die Anreicherung sollte sich
nach den Grundnahrungsmitteln älterer Menschen richten.
Angesichts dieser altersbedingten Veränderungen der
Magenfunktion, des Einflusses auf die Vitamin-B12-Bioverfügbarkeit
und des häufigen Vorkommens einer funktionalen Störung
des Vitamin-B12-Status bei scheinbar normalen Plasma-VitaminB12-Spiegeln
scheint eine höhere Aufnahme von Vitamin B12 für
alle älteren Menschen gerechtfertigt zu sein.
Ist es wünschenswert, dass spezielle Nahrungsmittel
(Supplemente, funktionelle Nahrung, spezielle Diät)
für ältere Menschen entwickelt werden?
Konsensus: Eine ausgewogene Ernährung
ist der beste Weg, einen Mangel zu vermeiden und die Gesundheit
aufrecht zu erhalten. Falls in Untergruppen älterer
Menschen eine angemessene Ernährung nicht erreicht
werden kann, können niedrig dosierte Nahrungssupplemente
und/oder angereicherte Nahrung und Getränke zu einer
verbesserter Nahrungsaufnahme beitragen.
Hintergrund: Mit fortschreitendem Alter tendieren die
Nahrungsaufnahme und somit auch die Energieaufnahme dazu,
abzusinken. Das Risiko von Unterernährung und selektiven
Mangelerscheinungen steigt an. Die Nahrungswahl und die
Verfügbarkeit unterliegen Traditionen, Glauben und
ökonomischen Zwängen. Eine hochvariable Nährstoffdichte
bietet viele Möglichkeiten für eine adäquate
Aufnahme essenzieller Mikronährstoffe. Das Altern wird
mit einem fortschreitenden Verlust endogener Kontrollmechanismen
in Verbindung gebracht [111,122], die es erschweren, die
Homöostase aufrecht zu erhalten. Bei verminderter Energieaufnahme
ist eine adäquate Zufuhr von Mikronährstoffen
notwendig. Eine ausgewogene Ernährung ist in der Lage,
eine adäquate Nährstoffaufnahme zur Verfügung
zu stellen [201. Das erfordert jedoch eine sehr bewusste
Anstrengung. Eine 30%ige Kalorienreduktion verlängert
die Lebensdauer von Tieren. In diesen Tierversuchen werden
jedoch essenzielle Nährstoffe auf einem optimalen Niveau
gehalten [104]. Diese Tatsache ist wichtig, da ältere
Personen, die ihre Energieaufnahme reduzieren, auch zur
Reduktion der Mikronährstoffaufnahme neigen.
Weiterhin können altersbezogene physiologische Veränderungen
eine Steigerung der Mikronährstoffe aus exogenen Quellen
erforderlich machen. Dies ist der Fall bei Vitamin D. Die
Haut älterer Personen synthetisiert ungefähr die
Hälfte oder sogar weniger von dem, was bei Jüngeren
produziert wird. Zusätzlich ist die Umwandlung in den
aktiven Metaboliten von Vitamin D in den Nieren vermindert.
Vergleichbar deutet der altersabhängige Anstieg von
Homozystein darauf hin, dass die gegenwärtig empfohlene
Aufnahme von Folat unzureichend ist für die Aufrechterhaltung
optimaler metabolischer Zustände. Ernährungsgewohnheiten
(z. B. die von Veganern) und bestimmte medizinische Zustände
(z. B. atrophische Gastritis oder Langzeittherapie mit Magensekretionsprotoneninhibitoren)
können zu einem selektiven Mikronährstoffmangel
beitragen.
Diese altersbezogenen Veränderungen lassen die Frage
aufkommen, wie eine adäquate Mikronährstoff- und
Energiezufuhr sichergestellt werden kann. Es gibt Hinweise
darauf, dass Menschen, die Nahrungsergänzungsmittel
einnehmen gesünder sind 1104]. Es ist wichtig zu betonen,
dass dieser Einfluss auf die Morbidität nicht nur bei
Personen mit manifestem Mikronährstoffmangel gesehen
werden kann (welche innerhalb der europäischen Bevölkerung
rar sind), sondern auch bei Bevölkerungen, die am unteren
Ende des gegenwärtigen Bereichs der Mikronährstoffzufuhr
liegen. Die höhere Homozysteinkonzentration bei älteren
Personen deutet auf eine inadäquate Aufnahme von Obst,
Gemüse und anderen Folatquellen hin. Diese Beobachtung
untermauert die Verwendung von Nahrungsergänzungsmitteln,
wobei sichere Plasmaspiegel noch nicht festgelegt wurden.
Während epidemiologische Belege darauf hindeuten, dass
eine höhere Aufnahme bestimmter Mikronährstoffe,
insbesondere Antioxidantien, nützlich sein könnte,
so bleiben doch experimentelle Belege aus Interventionsstudien
kontrovers. Daten sekundärer Interventionsstudien deuten
darauf hin, dass der schützende Effekt nicht notwendigerweise
das Resultat lebenslanger Ernährungsgewohnheiten ist,
sondern vielmehr in manchen Fällen vergleichbar ist
mit Medikamentenwirkung. Die verwendete Dosierung für
die Intervention war weitaus größer als die tägliche
Aufnahme mit der Nahrung. Dennoch werden in epidemiologischen
Studien, die sich mit primärer prävention befassen,
eindeutige Effekte bei Personen gesehen, die keine Nahrungsergänzungsmittel
eingenommen haben [118].
Akute und chronische Krankheiten haben eine tiefgreifende
Wirkung auf den Appetit und somit auch auf die Nährstoffaufnahme.
Fehlernährung, insbesondere der Mangel an bestimmten
Mikronährstoffen, ist weit verbreitet bei hospitalisierten
Patienten beziehungsweise solchen, die in Heimen oder anderen
Einrichtungen leben [80]. Die gegenwärtigen Beweise
deuten darauf hin, dass nicht nur Mikronährstoffe,
sondern auch die Wahl von Kohlenhydraten (glykämischer
Index) und Fettsäuren (n-6/n-3) betroffen sind. Eine
Reihe von Beweisen deuten darauf hin, dass akute Krankheiten
zu einem Mangel an Mikronährstoffen mit geringen Körperspeichern
und kurzen Halbwertzeiten, wie beispielsweise Vitamin B1,
führen könnten.
Die hohe Verbreitung genereller Indikatoren für Fehlernährung,
spezifische Störungen bei vorhandener Krankheit und
die Grenzen von Supplementierung mittels üblicher Möglichkeiten
mit Ernährung lassen die Frage der Nahrungsergänzung
aufkommen. Sollten hospitalisierte alte Patienten routinemäßig
eine spezifische Nahrungsunterstützung erhalten?
Wenn man Reaktionen auf diese Probleme betrachtet, so ist
ein wichtiger Aspekt der, dass eine inadäquate Energiezufuhr
normalerweise mit insuffizienter Mikronährstoffaufnahme
assoziiert ist. Sowohl Ärzte als auch Krankenschwestern
sind häufig nicht in der Lage, Unterernährung
zu erkennen, da sie „nicht ausgebildet wurden, danach
zu suchen" [1411. 70% der nach Hause gelieferten Essen
in den USA wiesen einen Nährstoffgehalt unterhalb von
60% der RDA für drei oder mehr Nährstoffe auf
[1]. Mängel waren besonders erkennbar bei der Aufnahme
von Energie, Kalzium, Magnesium und Zink. Eine große
Anzahl von Untersuchungen deuten darauf hin, dass eine adäquate
Aufnahme von Vitaminen des B-Komplexes, Folsäure und
Vitamin C unter vielen Gegebenheiten beobachtet werden kann.
Hinzu kommt, dass wichtige Faktoren die Plasmakonzentrationen
und vermutlich die Gewebeverfügbarkeit einiger Nährstoffe
beeinflussen: Die Konzentrationen von Vitamin C und Karotin
sind geringer bei Rauchern als bei Nichtrauchern und höher
bei Frauen als bei Männern [61].
Die Nährstoffaufnahme aus regulären Portionen
ist häufiger inadäquat als ausreichend, besonders
bei gebrechlichen älteren Menschen, und Aufnahmemengen
über den niedrig-normalen Bereich hinaus können
nur mit Nahrungsergänzungsmitteln erreicht werden.
Der vermutliche krankheitsverhindernde Effekt adäquater
Mikronährstoffsupplementierung rechtfertigt eine positivere
Einstellung gegenüber Supplementierung im großen
Maßstab durch die Ärzte und die staatliche Gesundheitsbehörden.
Zusammenfassend könnte die Aufnahme angereicherter
Nahrung, z. B. mit Folsäure und Vitamin D, allgemein
für gesunde ältere Menschen empfohlen werden.
Während akuter Erkrankung und bei chronischen Krankheiten
könnten spezielle Nahrungsträger in Form von Functional
Food, Mikronährstoffsupplementen und speziellen Diäten
nützlich sein. Solche Vorgehensweisen sollten allerdings
ebenso vorsichtig erwogen werden wie Medikamententherapien.
Was sind die speziellen Bedürfnisse älterer
Menschen, die in Institutionen wie Pflegeheimen untergebracht
sind oder in Krankenhäusern für Kurzzeitaufenthalte
aufgenommen werden? Was sind die besten Strategien für
ihre Versorgung?
Konsensus: Die beste Strategie ist eine ununterbrochene
Kontrolle der Nahrungsaufnahme und des Ernährungsstatus.
Das Pflegepersonal sollte in einer Weise geschult werden,
dass es sich der zu den Ernährungsproblemen führenden
Faktoren bewusst ist. Strategien, die angewendet werden
können, umfassen: Menüplanung; Ernährungsrichtlinien;
modifizierte Regelmahlzeiten; therapeutische Diäten.
Eine Ernährungsintervention (Energie, Protein, Mikronährstoffe)
wird für ältere Menschen sowohl vor einer Krankenhausaufnahme
als auch während des Aufenthalts empfohlen.
Hintergrund: Ältere
Menschen, die in entsprechenden Einrichtungen wie Pflegeheimen
leben, werden als „beschleunigt Alternde" betrachtet
[128,150,174]. Generell ist diese Gruppe einer Reihe von
Gesundheitsstörungen ausgesetzt, die entweder mit erhöhten
metabolischen Bedürfnissen oder mit Anorexie, d. h.
mit daraus resultierender verringerter Nahrungsaufnahme
in Verbindung stehen [113]. Ein erhöhter metabolischer
Bedarf kann durch Fieber, Infektionen oder das Vorhandensein
von Druckwunden verursacht sein [113]. Anorexie kann mit
Krankheiten, Medikamenten, Demenz oder Stimmungsschwankungen
assoziiert sein [93]. Eine reduzierte Nahrungsaufnahme kann
aus Dysphagie, Kauproblemen, Übelkeit, Erbrechen, Diarrhö,
Schmerz oder Verstopfung resultieren [91 ]. Aus diesen Gründen
kann ein unbeabsichtigter Gewichtsverlust häufig bei
älteren Menschen beobachtet werden, die in entsprechenden
Einrichtungen leben. Die Krankheiten sollten behandelt werden,
aber gleichzeitig ist es unerlässlich, spezielle Ernährungserfordernisse
mit dem Pflegepersonal und den Bewohnern oder deren Bevollmächtigten
zu diskutieren.
Der spezielle Nährstoffbedarf erfordert einen individuellen
Ansatz. Jedoch sind die niedrigen Energiebedürfnisse,
die auf Immobilität und eine niedrigere Grundumsatzrate
aufgrund Reduktion der fettfreien Körpermasse (Sarkopenie)
zurückzuführen sind, ein verbreitetes Phänomen
bei in Einrichtungen untergebrachten älteren Menschen
[126,127]. Verminderter Appetit und eine geringe Energieaufnahme
machen es sehr schwierig, eine angemessene Mikronährstoffaufnahme
zu garantieren [174]. Allgemein empfohlene Mikronährstoffaufnahmen
unterscheiden nicht zwischen in entsprechenden Einrichtungen
wohnenden und selbständig lebenden älteren Menschen,
solange keine Krankheiten vorhanden sind oder andere Störungen,
die den Nährstoffbedarf erhöhen können [128].
Eine Ausnahme kann der Vitamin-D-Bedarf sein, da Pflegeheimbewohner
stärker hausgebunden sind als unabhängig lebende
ältere Menschen, und somit die Haut nicht dem ultravioletten
Licht ausgesetzt ist [69].
Austrocknung ist ein weiteres großes Problem mit einer
Verbreitung von 5-10% in Pflegeheimen [27]. Eine herabgesetzte
Nierenfunktion, der Verlust des Durstgefühls, die Angst
vor Inkontinenz und ein gesteigerter arthritischer Schmerz,
der von zahlreichen Toilettengängen herrührt,
können mit adäquater Flüssigkeitsaufnahme
verhindert werden. Austrocknung kann zu Verstopfung, fäkaler
Impaktion, kognitiven Störungen, Verfall von Fuktionen
und sogar Tod führen [74]. Die für Pflegeheimbewohner
zur Zufuhr empfohlen wird, ist verwirrend [168]. Eine allgemeine
Empfehlung schreibt vor, 15002000 ml Flüssigkeit täglich
zuzuführen [88]. Die SENECA-Studie fand jedoch heraus,
dass 20 -70% der unabhängig lebenden älteren Menschen
diesen Anforderungen nicht entsprachen [62].
Ein damit verbundenes Problem älterer Erwachsener ist
die Unfähigkeit, die Essens- und Flüssigkeitsaufnahme
zu regulieren [ 123 -1251. Das bringt die Energie- und Flüssigkeitsbalance
weiter durcheinander - mit einer ins Negative laufenden
Gesundheitsspirale [42]. Zieht man die modifizierbaren Determinanten
des Appetitverlustes und der Mangelernährung, wie von
Payett et al. (1995) [108,109) und Morley (1996) [90] beschrieben,
in Betracht, so kann der ins Negative laufenden Gesundheitsspirale
zumindest teilweise entgegengewirkt werden durch die Integration
von Essens- und Ernährungsservice in das Gesundheitsprogramm.
Vor kurzem hat die American Dietetic Association (ADA 2000)
eine Stellungnahme veröffentlicht über die Notwendigkeit
der Integration von Ernährungsfürsorge in die
Gesundheitspflegepakete. Diese Gruppe hat auch bei der Publikation
eines klinischen Führers zur Prävention und dem
Management von Fehlernährung in der Langzeitpflege
mitgewirkt [168]. In Europa haben mehrere Gruppen multidisziplinäre
Richtlinien vorbereitet, die Ernährungsfürsorge
als einen integrierten Teil der kontinuierlichen Gesundheitsfürsorge
für ältere Menschen festschreiben [99]. Häufig
sind Ablaufpläne in diese Richtlinien eingeschlossen,
und deren Hauptmerkmale werden unten diskutiert.
Der erste Schritt ist das Ernährungsscreening. Verschiedene
Screeningwerkzeuge sind verfügbar [40,60,168], die
verschiedene Punkte und diagnostische Kriterien abdecken.
Die verwendeten Methoden führen zu einer großen
Streuung der Ergebnisse. In einer Studie mit 151 älteren
Patienten fanden Joosten et al. einen Nachweis für
Probleme bei 6,5 bis hin zu 85 % abhängig von den verwendeten
Parametern des Ernährungsstatus. Anhand von Studien
wurde aufgezeigt, dass ein unfreiwilliger Gewichtsverlust
der empfindlichste und spezifischste Indikator für
eine Mangelernährung ist [168]. Ein Verlust von 5%
innerhalb von 30 Tagen oder von 10% in 180 Tagen wird als
Mangelernährung diagnostiziert und erfordert eine spezielle
Ernährungstherapie. Da das Pflegepersonal Vorkehrungen
treffen sollte, bevor ein solcher Gewichtsverlust entsteht,
wurden andere Indikatoren in die Screeningliste aufgenommen:
1. beispielsweise anthropometrische Indikatoren zusätzlich
zum Gewicht [182,187]
- ein niedrigerer BMI als 19 oder 21 [167]
- ein mittlerer Armumfang < 22, ein Wadenumfang <
31 2. Erkrankungen wie vorher beschrieben
3. Aspekte von Appetit und Diät
- das Übriglassen von mehr als 25 % des Essens in den
vergangenen 7 Tagen oder von zwei Drittel der Mahlzeiten
basierend auf einer 2000-kcal-Diät
- das Weglassen spezieller Nahrungsmittel, wie Fleisch und
Fisch, Obst oder Gemüse [40,60]
4. soziale und psychologische Faktoren - wie Isolationsgefühle.
In einer kürzlich von Vellas et al. (2000) [175] veröffentlichten
Publikation wurde gezeigt, dass durch die Verwendung eines
Screeningwerkzeugs der Ernährungsstatus von Heimbewohnern
verbessert werden konnte. Falls das Screeningwerkzeug aber
ein Problem aufzeigt, sollte eine umfassendere Erhebung
des Ernährungsstatus Teil einer medizinischen Diagnostik
sein.
Alle Strategien sollten mit dem Patienten und/oder dessen
Bevollmächtigten diskutiert werden. Der Grund für
diese Strategien besteht darin, die Compliance zu fördern.
Mangelernährung während der Langzeitpflege ist
in ihrem Ursprung multifaktoriell, und Ernährungsinterventionen
sollten auf ihre Wirksamkeit geprüft werden und gleichzeitig
mit medizinischen Interventionen laufen [168].
Faktoren, die im Kontext von Ernährungsfürsorge
in Betracht gezogen werden sollten, umfassen:
1. die Überprüfung der Essensvorlieben und, wo
immer möglich, die Empfehlung einer Nahrung, die besonders
gern oder als Trost gewählt wird [99], die Planung
der Ausgabe von Essen und Snacks über den Tagesverlauf
hin [85], die Prüfung der Atmosphäre, Klärung
der Frage, ob der Bewohner bevorzugt im Speisesaal oder
alleine isst, Nachdenken über Dekoration und Beleuchtung
[86],
2. Verbesserung der Essensqualität, Beachtung der Essenstemperatur,
ihrer Schmackhaftigkeit sowie Sicherstellen angemessener
Portionsgrößen bezogen auf den individuellen
Appetit [86].
3. Diskussion des Menüs mit den Bewohnern, Ändern
des Menüs mindestens alle vier Wochen [99], Inbetrachtziehen
von Geschmacksverstärkern [86], Sicherstellen, dass
eine benötigte Hilfe für Essen und Trinken vorhanden
ist [19], Ermutigen der Familie, während der Mahlzeiten
zu helfen und zu füttern, Überprüfen der
Mundhygiene (Mundpflege, Zahnprothesen und medikamentenbedingte
Geschmacksbeeinträchtigungen).
4. Sicherstellen einer korrekten Haltung durch angemessene
Hilfen und der Erreichbarkeit des Tisches, Zulassen angemessener
Zeit, Auseinandersetzung mit Beeinträchtigungen wie
Übelkeit und Verstopfung (Überprüfen von
Wasseraufnahme, Zufuhr von Ballaststoffen und Medikamenten)
und mit der Notwendigkeit, Medikamente während der
Mahlzeiten zu verabreichen [26], Inanspruchnehmen einer
geeigneten Hilfe bei Depressionen [17], breiige Nahrung
bei Schluckbeschwerden oder eingedickte Flüssigkeiten,
eine spezielle Strategie für die Verwendung von Nahrungsergänzungsmitteln,
enteraler und parenteraler Nahrung.
5. Argumente für diesen Typ spezieller Pflege sind
immer zu dokumentieren.
Ein strukturierter Ansatz für das Langzeitmanagement
und die Prävention von Mangelernährung sollte
in das gesamte Gesundheitspaket integriert werden. Einige
kleine Studien haben die Wirksamkeit eines solchen Vorgehens
gezeigt [86]. Forschung in größerem Umfang wird
empfohlen, um den Gesundheitspolitikern den Wert eines solchen
Vorgehens zu demonstrieren.
Zahlreiche Studien konnten ein großes Vorkommen von
EiweißEnergie-Mangelernährung bei älteren
hospitalisierten Patienten zeigen [26]. Mowe et al. (1994)
[98] zeigten, dass eine reduzierte Nährstoff- und Energieaufnahme
innerhalb dieser Altersgruppe vor der Aufnahme in das Krankenhaus
stattfand, ein Faktor, der möglicherweise zur Entwicklung
der Krankheit beitrug. Ihre Daten und die Daten von Klipstein
et al. (1995) [75] demonstrierten, dass viele ältere
Erwachsene eine stattliche Reihe von Intensivdienstleistungen
benötigen, einschließlich medizinischer Ernährungstherapie
zu Hause vor der Krankenhauseinweisung aber auch während
des Krankenhausaufenthaltes. Das Letztere wird bestätigt
durch eine Studie von Sullivan et al. (1995), der anhand
einer Gruppe von 497 hospitalisierten Patienten Beobachtungen
anstellte. Von den 65-Jährigen und älteren, hatten
21 % (n=102) eine durchschnittliche Nährstoffaufnahme
von weniger als 50% des für sie kalkulierten Energiebedarfs.
Die Schwere einer Krankheit bei der Krankenhauseinlieferung,
die durchschnittliche Dauer des Aufenthaltes und Albumin-
und Präalbuminspiegel im Plasma bei der Aufnahme unterschieden
sich für diese Gruppe nicht signifikant von jenen,
die höhere Energiemengen konsumierten. Die niedrige
Nährstoffgruppe hatte eine hohe Mortalitätsrate
im Krankenhaus (relatives Risiko von 8,0; 95%-Vertrauensintervall
von 2,8-22,6) und 90-TageMortalität (relatives Risiko
2,9; 95%-Vertrauensintervall von 1,4-6,1).
Die oben beschriebenen Daten zeigen die Bedeutung einer
Ernährungsintervention vor der Aufnahme in das Krankenhaus
und auch während des Aufenthaltes. Bis jetzt wurden
nur wenige kleine Studien über die Wirksamkeit einer
solchen umfassenden klinischen, sozialen und ernährungsbezogenen
Dienstleistung durchgeführt [85,86]. Diese Dienstleistungen
sollen das Management von Übergangsernährung,
enteralen und parenteralen Therapien, Ernährungskomplikationen,
Dysphagie und Wasserhaushalt einschließen (ADA 2000).
Die Wirksamkeit medizinischer Therapien während heilender
Druckgeschwüre [18], Genesung von Hüftfrakturen
(Chapuy et al. 1999) und die Handhabung von Diabetes mellitus
Typ 1 und Typ 11 wurden dokumentiert [ 148]. Die ADA (1999)
wies darauf hin, dass ein multidisziplinärer Ansatz
entscheidend ist für den Erfolg von Ernährungstherapie
und verbesserter Pflegequalität. Die Autonomie des
Patienten soll immer gewürdigt werden [99].
Welche Bereiche staatlicher Gesundheitsversorgung
und Intervention sind wahrscheinlich am kosteneffektivsten?
Konsensus: Eine Intervention, die adäquate Ernährung
und körperliche Aktivität umfasst, produziert
einen gesundheitsfördernden Lebensstil und ist ein
kosteneffektiver Ansatz. Je früher dies eingeführt
wird, desto besser.
Hintergrund: Es gibt keine Strategie, die den Alterungsprozess
per se verhindert, jedoch können einige Strategien
das altersbedingte Abnehmen der meisten Organfunktionen
günstig beeinflussen und folglich die Entwicklung und/oder
das Fortschreiten der meisten chronischen Krankheiten reduzieren.
Der Alterungsprozess ist durch zwei allgemeingültige
Phänomene charakterisiert: den Anstieg des Körpergewichts
und die Abnahme körperlicher Aktivität.
Beide Faktoren fördern einerseits die Entwicklung chronischer
Krankheiten und stellen auf der anderen Seite den viel versprechendsten
und kosteneffektivsten Weg zu einer Verbesserung der Gesundheit
älterer Menschen dar.
Übergewicht ist der wichtigste physiologische Einzelparameter,
der das Risiko der meisten altersbedingten chronischen Krankheiten
beeinflusst. Das Vorkommen von Übergewicht und Fettleibigkeit
bei den nicht in Einrichtungen lebenden älteren Menschen,
die 65-74 Jahre alt sind, liegt bei etwa 60%. Fettleibigkeit
repräsentiert einen der wichtigsten Modulatoren der
kardiovaskulären Risikofaktoren (Bluthochdruck, Dyslipoproteinämie,
Glukoseintoleranz) und spielt eine Rolle in der Pathogenese
wie auch für die Weiterentwicklung vieler Hauptursachen
für den Tod. Das pathophysiologische Potenzial für
Fettleibigkeit ist nicht nur auf erhöhtes Körpergewicht
per se zurückzuführen, sondern es reflektiert
auch spezifische metabolische und hormonelle Veränderungen,
die durch die erhöhte Fettmasse verursacht sind. Zusätzlich
wird der Stoffwechsel verschiedener Nährstoffe während
des Alterns und bei Vorliegen von Fettleibigkeit verändert.
Die Hauptursachen für Fettleibigkeit liegen in der
über den Bedarf hinausgehenden Energieaufnahme wie
auch in einem verminderten Energieverbrauch [67]. Unabhängig
vom Alter ist die Behandlungsprognose für Fettleibigkeit
sehr schlecht. Entsprechend ist das Verhindern einer Gewichtszunahme
im Erwachsenenalter die sicherste und kosteneffektivste
Strategie [6]. Eine Diät, die reichhaltig an Obst und
Gemüse ist, in Kombination mit regelmäßiger
körperlicher Aktivität, scheint der viel versprechendste
Ansatz zu sein [67,158].
Das zweite allgemeine Phänomen während des Alterungsprozesses
ist eine Abnahme körperlicher Aktivität: epidemiologische
Ergebnisse zeigen, dass mit einem gesteigerten Training
ein eindeutiger dosisbezogener Rückgang der Mortalitätsraten
bezogen auf sämtliche Ursachen insgesamt als auch auf
spezifische Ursachen wie Herzkranzgefäßerkrankungen
einhergeht [78,106,107, 1831. Körperliche Aktivität
stellt einen der zentralen Modulatoren für verschiedene
physiologische Funktionen dar - wie Appetit, Energiewechsel
und folglich Körpergewicht, Muskelmasse und -funktion,
metabolische Faktoren wie Fettstoffwechsel und Glukosetoleranz
[148]. Zusätzlich wurde beschrieben, dass körperliche
Bewegung einen günstigen Effekt auf die mentale Funktion
und das Krebsrisiko hat (z. B. Kolonkarzinom). Die vorbeugenden
Effekte von körperlichem Training sind vielfältig
und umfassen die allgemeine Krankheitsprävention, die
Prävention von Behinderungen, von Immobilität,
von psychischem Verfall und letztlich auch die Verhinderung
sozialer Isolation [55,96,1891. Eine regelmäßige
körperliche Aktivität verbessert das Stoffwechselprofil
und senkt folglich das Krankheitsrisiko, selbst bei Übergewicht
oder Fettleibigkeit.
Die Vorteile körperlicher Aktivität können
schon durch mäßige Aktivitäten wie tägliches
Laufen oder häusliche Trainingsstunden erreicht werden.
Außerdem soll die Verbesserung der Muskelkraft, basierend
auf progressivem Widerstandstraining, einen vorteilhaften
Effekt auf die allgemeine Gesundheit der älteren Menschen
haben [28,70,166]. Um den Gesundheitsstatus älterer
Menschen zu verbessern, muss kein intensiver Ausdauersport
betrieben werden, eher zeigen leichte regelmäßige
Aktivitäten mit sich langsam steigernder Intensität
positive Effekte. Die wichtigsten Aspekte für die Verordnung
körperlicher Aktivität sind, dass sie regelmäßig
und idealerweise jeden Tag oder zumindest jeden zweiten
Tag durchgeführt werden sollte.
Altern ist ein Phänomen, das früh im Leben beginnt.
Entsprechend sollten die zwei Lebensstilfragen, die in diesem
Abschnitt diskutiert werden, idealerweise so früh wie
möglich implementiert werden [ 178]. Auf der anderen
Seite ist es niemals zu spät zu beginnen [79].
Ist es wünschenswert, die Ernährungsweise
älterer Menschen regelmäßig zu überwachen,
um Trends zu etablieren und anfällige Untergruppen
zu identifizieren?
Konsensus: Es ist eine wichtige Aufgabe nationaler Ernährungspolitik,
mindestens Zehn-Jahres- Untersuchungen für alle Gruppen
so durchzuführen, dass der Vergleich zwischen Nationen
möglich ist (z. B. über ganz Europa).
Hintergrund: Nationale Ernährungsuntersuchungen
können in zwei Haupttypen durchgeführt werden.
Ein Querschnittsansatz bietet einen „Schnappschuss"
der Ernährung einer repräsentativen Bevölkerungsgruppe.
Diese können in Intervallen, nach z. B. zehn Jahren,
wiederholt werden (mit verschiedenen Individuen), um Veränderungen
über eine Zeit hin zu beobachten. Der zweite Ansatz
ist eine Langzeitstudie. Dabei werden dieselben Individuen
zu mehr als einem Zeitpunkt untersucht, um so die gesundheitsbezogenen
Ergebnisse in Bezug zu den betreffenden vorherigen Ernährungscharakteristika,
Entscheidungen und Erfahrungen zu setzen. Dies kann Informationen
über Krankheitsrisikofaktoren geben und einige der
Interpretationsprobleme bei Querschnittsuntersuchungen vermeiden
helfen (z. B. Ursache und Wirkung).
Der Hauptzweck des ersten Untersuchungstyps ist es, für
Regierungen und Gesundheitsplaner Hochrisiko- oder Benachteiligtengruppen
zu identifizieren, die spezielle Hilfe benötigen zur
Erreichung eines akzeptablen Ernährungsstatus und folglich
zu einer Reduktion des Krankheitsrisikos. Man kann auch
Veränderungen über einen Zeitraum beobachten und
die Entwicklung staatlicher Gesundheitspolitik unterstützen.
In Großbritannien hatte eine Reihe nationaler Diät-
und Ernährungsuntersuchungen diese Erfordernisse während
des vergangenen Jahrzehnts angesprochen [48,57-59]. 1994-1995
wurde eine Feldstudie durchgeführt für den „National
Diet and Nutrition Survey: People Aged 65 Years and Over"
(NDNS), und zwei Berichte, die die Hauptergebnisse wiedergaben,
wurden veröffentlicht [48,157].
Die Hauptelemente der Untersuchung waren:
a) Fragebogen bezüglich Lebensstil, Verwendung von
Medikamenten, allgemeiner Gesundheit, demographischer und
sozioökonomischer Faktoren,
b) ein vier Tage umfassendes Aufnahmeprotokoll abgewogenen
Essens (mit Nahrungsergänzung) sowie anthropometrischer
Messungen,
c) eine Untersuchung der oralen Gesundheit (Zähne)
und
d) eine Nüchternblut- und -urinprobe wurde für
eine umfassende Reihe ernährungsbezogener Messungen
verwendet.
Zwei frühere britische Untersuchungen älterer
Menschen hatten auch einige dieser Parameter untersucht
(Department of Health and Social Security 1972,1979), womit
ein Maß an Langzeitüberwachung langfristiger
Trends ermöglicht wurde.
In vielerlei Hinsicht teilt die NDNS-Untersuchungsserie
seine Charakteristika und Absichten mit der NHANES-Untersuchungsreihe
in den USA [100]. In beiden Ländern haben diese Untersuchungen
wertvolle Daten ergeben, die die Regierungspolitik über
Ernährungsfragen in Kenntnis gesetzt haben. Da Untersuchungen
dieses Typs nicht in europäischen Ländern durchgeführt
wurden, ist es angemessen und an der Zeit, die Frage zu
stellen - soll eine Reihe von PAN-europäischen Ernährungsuntersuchungen
angestoßen werden, und wenn, wie können sie koordiniert
werden? Die Erfahrung von EPIC (European Prospective Investigation
into Cancer) hat ein mögliches Modell beschrieben [31].
Die SENECA-Studie ist eine weitere Untersuchung [45]. Deutlich
vorhanden ist ein Bedarf an geförderten Initiativen
auf nationaler Ebene, aber auch an Harmonisierung auf europäischer
Ebene, um Vergleichbarkeit, so weit möglich, zwischen
Methodologien zu erreichen. Solch ein koordiniertes Projekt
weist auf jeden Fall ein beträchtliches Potenzial für
eine Wertsteigerung auf. Inter-Länder-Vergleiche werden
unzweifelhaft Unterschiede herausfinden, die auf das Krankheitsrisiko
bezogen werden können, in der gleichen Weise, wie sie
zwischen verschiedenen Regionen Großbritannien identifiziert
wurden.
Einer der problematischsten Aspekte des Studiendesigns ist
die Themenselektion und die Compliancerate. Wenn die Compliancerate
niedrig ist, dann ist die Auswahl teilweise „selbstselektiert"
und somit nicht repräsentativ für die Bevölkerung.
je größer das Ausmaß der angeforderten
Kooperation ist, desto schwieriger ist es, die Kooperation
der Versuchspersonen sicherzustellen. Der Anteil der Bevölkerung,
der bereit ist teilzunehmen, kann zwischen Ländern
und Risikogruppen variieren. In den britischen Untersuchungen
wurden Gewichtungsvariablen verwendet, um die Untersuchungsresultate
repräsentativer für die allgemeine „Zensus"-Bevölkerung
zu gestalten, jedoch kann dies nur eine Teillösung
darstellen. Vorausgesetzt, dass diese und andere methodologische
Fallen erkannt und zwischen Ländern harmonisiert werden,
sollte es möglich sein, Zwischen-Länder- und Zwischen-Bevölkerungs-Vergleiche
zu erlangen, die sowohl stabil als auch informativ und nicht
durch methodologische Unterschiede infrage gestellt sind.
Qualitätssicherung zwischen den Laboratorien ist ein
besonders wichtiger Aspekt dieser Anforderungen.
Im Fall älterer Menschen, deren Anteil an der gesamteuropäischen
Bevölkerung sich innerhalb der nächsten wenigen
Dekaden substanziell vermehren wird, ist es unbedingt wünschenswert,
sich insbesondere auf diejenigen Messungen, Indizes und
Faktoren zu konzentrieren, die als ausschlaggebend für
die Gesundheit im späteren Lebensabschnitt betrachtet
werden müssen. Das aktuelle Konsultationsdokument ist
bestrebt, diese kritischen Indizes zu definieren und deren
Interpretation zu erleichtern.
Welche Art der Forschung wird benötigt, um
neue und verbesserte Indizes für den Nährstoffstatus
zu entwickeln, insbesondere für ältere Menschen?
Konsensus:
1. Wir müssen die Nährstoff-, Medikamenten- und
Krankheitsinteraktionen verstehen.
2. Gruppen mit speziellem Risiko für Nährstoff-Gen-Interaktionen
müssen herausgefiltert werden.
3. Verbesserte Werkzeuge zur Etablierung der Nahrungszufuhr,
des Ernährungsstatus und damit verbundenen Gewebefunktionen
müssen entwickelt werden.
4. Strategien zur Evaluierung von Langzeiteffektivität
und Sicherheit von Supplementen, funktionellen und neuartigen
Nahrungsmitteln müssen entwickelt werden.
5. Effektivität, Nutzen und Sicherheit photochemischer
und anderer bioaktiver Nahrungskomponenten wie Antioxidantien
müssen verstanden werden.
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Prof.
Dr. med. H. K. Biesalski
Universität Hohenheim
Institut für Biologische Chemie
und Ernährungswissenschaft
Fruwirthstr.12
70599 Stuttgart