Solarbetriebenes Implantat soll die Sehkraft wiederherstellen
Netzhaut wird mit Neurotransmittern besprüht
Chicago - 24.04.2006 - Ein Implantat, das Chemikalien auf die Rückseite des Auges sprüht, klingt auf den ersten Blick ziemlich gewagt. Ein solarbetriebener Chip, der die Zellen der Netzhaut stimuliert, in dem er sie mit Neurotransmittern besprüht, könnte jedoch blinden Menschen die Sehkraft wieder zurückgeben. Anders als andere derzeit in Entwicklung befindliche Implantate, die eine elektrische Ladung direkt auf die Netzhautzellen anwenden, verursacht das von Laxman Saggere von der University of Illinois http://www.uic.edu entwickelte Implantat keine Erwärmung der Zellen. Zusätzlich wird nur sehr wenig Energie verbraucht, so dass externe Batterien nicht erforderlich sind.
Die Netzhaut, die die Rücksite und die Seiten des Augapfels bedeckt, enthält Sehzellen, die als Reaktion auf Licht Signal gebende Chemikalien, die so genannten Neurotransmitter freisetzen. Die Neurotransmitter gehen in die Nervenzellen auf dem oberen Teil der Sehzellen ein, von wo die Signale über eine Reihe von elektrische und chemische Reaktionen an das Gehirn weitergeleitet werden. Bei Menschen mit Erkrankungen der Netzhaut wie altersabhängiger Makuladegeneration oder Retinitis pigmentosa werden diese Sehzellen beschädigt. In letzter Konsequenz kommt es zu einer Erblindung der Patienten.
Im vergangenen Jahr präsentierte der Techniker Laxman Saggere Pläne für ein Implantat, das diese beschädigten Sehzellen durch einen Satz Neurotransmitterpumpen ersetzen würde, die auf Lichtreize reagieren. Jetzt ist es Saggere gelungen, einen entscheidenden Bestandteil zu realisieren. Dabei handelt es sich um einen solarbetriebenen Aktuator, der sich als Reaktion auf das mit geringer Helligkeit auf die Netzhaut einfallende Licht biegt. Mehrfach-Aktuatoren auf einem einzelnen Chip erfassen die Details eines Bildes, das auf der Netzhaut scharf gestellt ist und ermöglichen, dass einige Bildpunkte an das Gehirn weitergegeben werden.
Der Prototyp des Aktuators besteht aus einer beweglichen Siliziumscheibe mit einem Durchmesser von rund 1,5 Millimetern und einer Dicke von 15 Mikrometer. Wenn das Licht auf eine Solarzelle aus Silizium trifft, die sich in der Nähe der Scheibe befindet, produziert sie eine elektrische Spannung. Die Solarzelle ist mit einer Schicht aus piezoelektrischem Material bestehend aus Blei-Zirkonat-Titanat (PZT) verbunden, das seine Gestalt in Reaktion auf die Spannung verändert und hinunter auf die Silikonscheibe drückt. In Zukunft wird sich laut New Scientist ein Behälter unter der Scheibe befinden. Der beschriebene Vorgang wird dann die Freisetzung der Neurotransmitter auf die Zellen der Netzhaut einleiten.
Quelle: pte
Durchbruch bei Kampf gegen Altersblindheit
Hamburg - 08.03.2006 - Bei der Behandlung der Hauptursache für irreversible Erblindung ist Medizinern offenbar ein entscheidender Durchbruch gelungen. Mit neuen Medikamenten kann die bösartige Form der sogenannten Makuladegeneration (feuchte AMD) erstmals wirksam behandelt werden, schreibt die ZEIT. Fast eine Million älterer Menschen sind allein in Deutschland von der Netzhauterkrankung betroffen. Die Therapie mit dem Medikament Lucentis des US-Unternehmens Genentech werden allerdings Milliardenkosten verursachen. Sollte Lucentis, mit dessen Zulassung in kommenden Jahr zu rechnen ist, in die Erstattungspflicht gelangen, drohe den Krankenkassen der Kollaps. "Das", prophezeit der Essener Augenmediziner Norbert Bornfeld, "wird die Kassen ruinieren".
Quelle: Die Zeit
Schüsselgene für altersbedingte Makula-Degeneration ermittelt
Zwei Gene für fast zwei Drittel der Erkrankungen verantwortlich
New York - 06.03.2006 - Ein Team unter der Leitung von Wissenschaftlern der Columbia University http://www.cumc.columbia.edu hat jene zwei Gene identifiziert, die für fast zwei Drittel der Erkrankungen an einer der häufigsten Ursachen für Blindheit verantwortlich sind. Die altersbedingte Makula-Degeneration (AMD) führt weltweit bei Millionen älterer Menschen zum Verlust der Sehkraft. Die Forscher hoffen, dass die Identifizierung von Faktor H und Faktor B einen Beitrag zur Entwicklung neuer Behandlungsansätze liefern kann. Die Ergebnisse der Studie wurden in Nature Genetics http://www.nature.com/ng veröffentlicht.
AMD ist durch einen fortschreitenden Verlust der Sehkraft in der Mitte des Sehfeldes gekennzeichnet. Verantwortlich dafür ist eine Degeneration der Makula, die für wesentliche Sehleistungen von entscheidender Bedeutung ist. Frühere Studien hatten gezeigt, dass mehrere Varianten des Gens Faktor H das Risiko einer Erkrankung an AMD deutlich erhöhen. Faktor H kontrolliert die Produktion eines Proteins, das hilft die Immunreaktion des Körpers zu beenden nachdem eine Infektion erfolgreich bekämpft wurde. Menschen mit diesen vererbten Varianten von Faktor H können Entzündungen, die durch Infektionen hervorgerufen werden, schlechter kontrollieren. Dieser Umstand kann im Verlauf des späteren Lebens AMD auslösen. Es wurde jedoch auch nachgewiesen, dass bei einem von drei Betroffenen mit einer risikoreichen Genvariante AMD nicht diagnostiziert wurde.
Die aktuelle Studie konzentrierte sich nicht nur auf Faktor H, sondern auch auf andere Gene, die eine Rolle bei der gleichen Immunreaktion spielen. Die genetische Analyse von 1.300 Personen ermöglichte sehr rasch die Identifizierung des zweiten Gens Faktor B. Während Faktor H die Immunreaktion auf eine Infektion hemmt, aktiviert Faktor B sie. Aufgrund der gegensätzlichen Aufgaben der beiden Gene kann eine schützende Faktor B Variante gegen AMD schützen, auch wenn eine das Risiko erhöhende Variante des Faktor H vorhanden ist und umgekehrt. Die Wissenschafter wiesen nach, dass 74 Prozent der AMD-Patienten entweder über ein Faktor H oder ein Faktor B Risiko oder über beide Risikofaktoren verfügten. Ihnen fehlen jedoch die schützenden Varianten gegen jedes der beiden Gene. Der leitende Wissenschafter Rando Allikmets erklärte laut BBC, dass ihm keine andere derartige Erkrankung bekannt sei, bei der fast 75 Prozent der genetischen Ursachen identifiziert seien. Die Forscher suchen jetzt nach den spezifischen Auslösern, die eine Immunreaktion die anschließende Infektion in Gang setzen.
Quelle: pte
Erblindungsrisiko von Rauchern ist doppelt so hoch -
Direkter Zusammenhang mit altersbedingter Makuladegeneration
London 07.09.2005 - Raucher sind doppelt so gefährdet im Verlauf ihres Lebens zu erblinden. Zu diesem Ergebnis ist eine Studie der AMD Alliance UK http://www.amdalliance.org gekommen. Der Zusammenhang zwischen der altersbedingten Makuladegeneration (AMD) sei nun so direkt nachgewiesen wie der Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs. Viele Raucher seien sich immer noch nicht bewusst, dass der Nikotinkonsum ihr Augenlicht kosten kann. AMD tritt in trockener und feuchter Form auf. Bei 90 Prozent der Erkrankungen handelt es sich um die trockene Form, die nicht behandelt werden kann. AMD Alliance UK und das Royal National Institute of the Blind http://www.rnib.org.uk fordern daher entsprechende Warnhinweise auf den Zigarettenpackungen sowie die Finanzierung einer Kampagne zu den Gefahren des Rauchens durch die britische Regierung. Zusätzlich wird ein vollständiges Rauchverbot in allen geschlossenen öffentlichen Räumen angeregt.
Die altersbedingte Makuladegeneration tritt in den meisten Fällen nach dem 50. Lebensjahr auf und betrifft die Mitte der Netzhaut. Diese Erkrankung ist laut BBC in Großbritannien derzeit die führende Ursache für den Verlust der Sehkraft. Derzeit sind rund 500.000 Personen betroffen. Es wird geschätzt, dass AMD bei 54.000 Personen auf das Rauchen zurückzuführen ist. Eine Erhebung von AMD Alliance UK ergab, dass nur sieben Prozent der Menschen wissen, dass AMD die Augen schädigt. Befragt wurden 1.023 erwachsene Briten. Sieben von zehn Rauchern würden entweder ganz mit dem Rauchen aufhören (41 Prozent) oder weniger Rauchen (28%), wenn sie wüssten, dass sie damit ihre Sehkraft beeinträchtigen können. Studien haben nachgewiesen, dass Menschen, die vor 20 Jahren aufgehört haben zu rauchen, über ein ähnliches AMD Risiko verfügen wie Nichtraucher. Das Risiko beginnt sich nach zehn Jahren des Nichtrauchens zu verringern.
Quelle:
pte
Familienkrankheit Trachom macht Kinder und ihre Mütter blind
84 Millionen Menschen in über 35 Ländern benötigen Behandlung mit Tetracycline-Augensalbe
Bensheim/Genf - 05.04.2005 (ots) - Die Gesundheit von Müttern und ihren Kindern steht in diesem Jahr im Fokus des internationalen Weltgesundheitstages, der am 7. April von der Weltgesundheits-organisation (WHO) ausgerufen wird. Eine typische Familienkrankheit, die unbehandelt zu unheilbarer Blindheit führt, ist nach Angaben der Christoffel-Blindenmission (CBM) das Trachom. Diese Infektionskrankheit tritt besonders bei Kindern bis zu zehn Jahren auf sowie bei Frauen, die sich an ihren Kindern regelmäßig infizieren.
Die Übertragung des Erregers erfolgt durch Fliegen, die sich an die ungewaschenen Augen der Kinder setzen. Wenn Mütter lediglich mit Tüchern deren Augen abwischen und damit dann dasselbe bei sich oder ihren anderen Kindern tun, übertragen sie so die Erreger. Diese andauernde Reinfektion bildet den Nährboden für das Fortschreiten der Augenkrankheit. 10 bis 20 Jahre nach deren Ausbruch bilden sich Narben am Augenlid, durch die die Wimpern einwärts wachsen und auf der Hornhaut scheuern. In diesem Stadium hilft nur noch eine kleine Lidoperation, mit der das Restsehvermögen gerettet wird. Das Trachom findet man vor allem in den Armutsgebieten dieser Welt, wo trockenheißes Klima, verbunden mit mangelnder Wasserversorgung und schlechten Hygieneverhältnissen, vorherrschen.
Weltweit benötigen nach Angaben der WHO mindestens 84 Millionen Menschen in über 35 Ländern eine Behandlung mit der antibiotischen Tetracycline-Augensalbe. Bei rund sieben Millionen Menschen ist die Erkrankung so weit fortgeschritten, dass nur eine Operation ein völliges Erblinden verhindern kann. Für rund 1,3 Millionen Menschen kommt jede Hilfe zu spät: Sie sind unheilbar erblindet. In den meisten Fällen hätten jedoch einfache Hygienemaßnahmen, die Vergabe von Tetracycline-Augensalbe oder eine einfache Lidoperation ausgereicht, um die Erblindung zu verhüten. Die Kosten für eine Operation liegen - so die Christoffel-Blindenmission - lediglich bei 15 Euro. Im Jahr 2003 konnte die CBM mehr als 35.000 dieser Operationen durchführen und so den Betroffenen ihr Augenlicht erhalten.
Weitere Informationen unter www.christoffel-blindenmission.de
Bionisches Augenlicht für Blinde
UNCD-Diamantbeschichtung schützt Retinal Implantat

Bild: photoCase
Sylmar, Kalifornien - 01.04.2005 - Ein bionisches Auge, das es blinden Menschen erlaubt wieder zu sehen, ist nun von einem intentionalen Forscherteam verbessert worden: Durch die Entwicklung einer schützenden Diamantenumhüllung konnte die Leistung der künstliche Retina signifikant verbessert werden. Der Siliconchip wird in Zusammenarbeit mit dem auf visuelle High-Tech spezialisierten Unternehmen Second Sight http://www.2-sight.com produziert.
Die Schwierigkeit liegt darin, dass der Chip eine hermetische Abdichtung gegenüber den Flüssigkeiten im Auge benötigt und die derzeit existierenden Chips darum relativ groß sind. "Es ist als ob man einen Fernseher ins Meer wirft und dann erwartet, dass er funktioniert. Bisher ist man so vorgegangen, dass man den Chip in ein sperriges und großes Gehäuse eingebaut hat", erklärt Robert Greenberg, der Präsident von Second Sight.
Doch nun ist es den Forschern gelungen einen so genannten "Ultrananocrystalline Diamond Film" (UNCD) zu entwickeln, der sich durch seine garantierte Sicherheit, Langlebigkeit, Temperaturresistenz, elektronische Isolierung und seine extreme Härte auszeichnet. Der UNCD-Film ist die erste Umhüllung, die alle wichtigen Kriterien für die Ummantellung des Implantats aufweist, erklärt der Erfinder des Schutzfilms, Xingcheng Xiao vom Argonne National Laboratory in Illinois http://www.anl.gov .
Die kleinen Diamanten-Körner, die den Film überziehen, haben die Größe von rund einem Fünfmillionstel eines Millimeters und bestehen aus einer Mixtur von Methan, Argon und Wasserstoff, welche sich auf der fünf Quadratmillimeter großen Fläche des Chips mit rund 400 Grad Celsius bewegt. Derzeit wurde das Implantat bereits an Hasen erprobt und auch nach sechs Monaten konnte keine Abwehrreaktion festgestellt werden.
Grundsätzlich funktioniert ein Retinal-Implanta wie ein Bypass, der die kranken Zellen umgeht und elektronisch die gesunden Zellen stimuliert. Die Patienten "sehen", indem sie Brillengläser tragen, in die eine winzige Kamera installiert ist. Diese sendet via Funk ein digitalisiertes Bild an das Implantat. Durch die Entwicklung des neuen Chips wollen die Forscher bisherige, oft sehr komplizierte und große Apparate vereinfachen und in nur einer einzigen Einheit in dem Augenchip vereinen. Die Forscher rechnen mit der Entwicklung praktikabler Geräte für Menschen in einigen Jahren.
Die Ergebnisse der Untersuchung werden heute, Freitag, beim Treffen der Materials Research Society http://www.mrs.org in San Francisco vorgestellt.
Quelle: pressetext.austria
Forscher regenerieren beschädigte Sehnerven von Mäusen
Boston (pte, 02. Mär 2005 12:15) - Amerikanischen Wissenschaftern ist es nunmehr gelungen, beschädigte Sehnerven von Mäusen komplett zu regenerieren, berichtet die BBC. Die Forscher des US-amerikanischen Boston Eye Research Institutes http://www.theschepens.org/ sehen in den Forschungsergebnissen ein großes Entwicklungspotenzial für neue Behandlungsmethoden für Patienten, die an grauem Star leiden, sowie für Patienten mit Rückenmarksverletzungen und Verletzungen des zentralen Nervensystems. "So nahe ist die Wissenschaft noch nie an eine Möglichkeit herangekommen Nervenstränge zu reparieren, die vorher als irreparabel galten", erklärte Dong Feng Chen, der Leiter des Forscherteams.
Bild: franky / photoCase
Die Forschungsergebnisse stellen einen enormen Durchbruch dar, denn der Sehnerv und das zentrale Nervensystem haben nicht die Fähigkeit, so wie viele Gewebsarten im Körper, sich nach einer Verletzung selbst zu regenerieren. "Weitere Forschungsuntersuchungen könnten zu Techniken führen, welche möglicherweise die Behandlung von sehbehinderten oder erblindeten und querschnittgelähmten Patienten revolutionieren", erklärte David Wright, Geschäftsführer der International Glaucoma Association http://www.glaucoma-association.com .
Das Forscherteam fand heraus, dass die Unfähigkeit des Sehnervs sich selbst zu regenerieren damit zusammenhängt, dass das so genannte BCL-2 Gen inaktiv ist. Darüber hinaus wird der Regenerationsprozess durch einen Narbenbildungsprozess blockiert, der bereits kurz nach der Geburt durch Glial-Zellen initiiert wird. Diesen Erkenntnissen folgend züchteten die Forscher Mäuse, in denen das BCL-2 Gen permanent aktiv war, die Fähigkeit Glial-Gewebe zu produzieren jedoch reduziert war. Sie stellten fest, dass die gezüchteten Tiere fähig waren ihren Sehnerv zu regenerieren. "Wir konnten nachweisen, dass mindestens 40 Prozent des Sehnervs wieder hergestellt werden konnte. Wir glauben sogar, dass ein noch viel höherer Prozentsatz tatsächlich regeneriert war", erklärte Chen.
Quelle: pressetext.austria
Mathematik für blinde Schüler und Studierende - Kein Problem mit Formeln dank Lambda
18.02.2005 - Informatiker der Universität Stuttgart unter Federführung von Dr. Waltraud Schweikhardt vom Institut für Visualisierung und Interaktive Systeme arbeiten mit Kollegen aus acht europäischen Ländern daran, die Integration blinder Schüler und Studierender vor allem im Fachgebiet Mathematik zu ermöglichen und zu erleichtern.
Innerhalb des von der Europäischen Union geförderten Projekts Lambda (Linear Access to Mathematics for Braille - Device and Audio-Synthesis) haben die beteiligten Forscher den Prototyp eines Editors entwickelt, mit dem sich für Blinde die Bearbeitung mathematischer Formeln und Texte deutlich vereinfacht. Grundlage dafür ist eine lineare, einfache und intuitive Schreibweise, die unmittelbar in die Mathematiksprache MathML konvertiert werden kann. Der Lambda-Editor funktioniert wie ein normaler Texteditor und bietet zusätzlich Instrumentarien für Symbole und Formeln. Der neue Editor wird blinden Schülern und Studierenden, die bisher bei naturwisssenschaftlichen Fächern und Studiengängen deutlich benachteiligt waren, ihre Ausbildung erleichtern.
Die Unterstützung für Blinde mit Hilfe der Informationstechnologie hat bei den Stuttgarter Informatikern Tradition: schon seit 1978 beschäftigt sich die Gruppe um Waltraud Schweikhardt in einem eigenen Arbeitsgebiet mit rechnerunterstützten Hilfen für Blinde und hat unter anderem die bereits in der Praxis erprobte Stuttgarter Mathematikschrift für Blinde entwickelt. Quelle: Universität Stuttgart
Erblindung durch lahmende "Müllabfuhr"?
Ein verzögerter Abtransport von Kohlendioxid könnte eine Ursache von Netzhauterkrankungen sein. Das berichtet eine internationale Forschergruppe im Fachblatt "Human Molecular Genetics". Ist das Gen für eines der beteiligten Proteine mutiert, scheinen die empfindlichen Lichtsinneszellen der Netzhaut in ihrem eigenen "Müll" zu versinken.
Die Folge sei eine Retinitis pigmentosa, erläutert Kang Zhang von der University of Utah in Salt Lake City. Bei dieser Gruppe erblicher Erkrankungen geht die Netzhaut allmählich zugrunde, sodass das Sehvermögen nachlässt und schließlich gänzlich verloren gehen kann. Derzeit sei noch unklar, wie viele Erkrankungsfälle tatsächlich auf die neu entdeckte Mutation zurückgehen, betont der Mediziner. "Durch die Untersuchung von vier betroffenen Familien haben wir jedoch bereits wertvolle Einsichten gewonnen. Der nächste Schritt ist nun, pharmazeutische Gegenmaßnahmen zu entwickeln."
Die Netzhaut gehört zu den Geweben mit dem größten Energiehunger und produziert entsprechende Mengen von Kohlendioxid, die über die Aderhaut abtransportiert werden müssen. Da Kohlendioxid mit Wasser zu einer Säure reagiert, droht bei Transportstörungen eine Übersäuerung. Eine solche Störung konnten Zhang und seine Kollegen, darunter Eberhart Zrenner und Bernd Wissinger von der Universität Tübingen, nun identifizieren. Ursache ist eine Mutation in dem Gen für die Carboanhydrase 4, kurz CA4.
Dieses Protein wird nicht in der Netzhaut gebildet, sondern in den Kapillaren der Aderhaut, ermittelten die Mediziner. Dort arbeitet es Hand in Hand mit einem zweiten Protein, dem Natrium-Bicarbonat-Cotransporter 1 (NBC1), und gewährleistet so einen effektiven Kohlendioxid-Abtransport. Mutationen in dem CA4-Gen stören diese Zusammenarbeit jedoch, sodass der Säure-Base-Haushalt der Netzhaut aus der Balance gerät. Nach Ansicht der Forscher wirft dieser Befund auch ein neues Licht auf Carboanhydrase-Hemmstoffe, wie sie zur Behandlung mehrerer Augenerkrankungen eingesetzt werden. Langfristig könnten diese Medikamente vielleicht einen negativen Einfluss auf das Sehvermögen haben.
Forschung: Zhenglin Yang und Kang Zhang, Department of Ophthalmology and Visual Science, University of Utah Health Sciences Center, Salt Lake City; Eberhart Zrenner und Bernd Wissinger, Pathophysiologie des Sehens und Neuroophthalmologie, Universitätsaugenklinik II, Tübingen; und andere
Online-Veröffentlichung Human Molecular Genetics, DOI 10.1093/hmg/ddi023
Quelle: Scienceticker
Bücherfuchs" wandelt Textseiten in Blindenschrift oder Sprache um!
Preis der EU-Kommission für bahnbrechende Erfindung
17.11.04 - Die Bergische Universität Wuppertal zählt zu den Gewinnern der ersten Preisverleihung der Europäischen Kommission für herausragende Leistungen in den Bereichen Assistive Technologie und Universelles Design: Diesen Erfolg erzielten Prof. Dr.-Ing. Jürgen Schlingensiepen und Dipl.-Ing. Jörg Beyer mit dem Prototyp eines vollautomatische Buchscanners, dem "Bücherfuchs". Er ermöglicht blinden Menschen, Bücher automatisch elektronisch aufzubereiten und in Blindenschrift oder eine Sprachausgabe umzuwandeln. Der Preis wurde von der Europäischen Kommission im Rahmen eines Festaktes im Congress Center Düsseldorf Süd anlässlich der "REHACARE international 2004", international führende Messe der Reha- und Pflegebranchen, vergeben.
Menschen mit starken Sehbehinderungen werden durch die Wuppertaler Entwicklung in die Lage versetzt, ganze Bücher fehlerfrei zu erfassen und barrierefrei zu "lesen". Ebenso ist es eine hervorragende Arbeitshilfe für stark Sehbehinderte (Vergrößerung) und Menschen mit einer Körperbehinderung, die selbstständig mit Büchern nicht umgehen können. Das Fachgebiet Produktionstechnik unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr.-Ing. Schlingensiepen hatte eine Idee des blinden Wuppertaler Studenten Matthias Fuchs (= "Bücherfuchs") aufgegriffen, der auch an der Entwicklung mitgearbeitet hat. Im Rahmen einer Diplomarbeit von Dipl.-Ing. Jörg Beyer entstand der jetzt vorgestellte Prototyp.
Für den in zwei Kategorien aufgeteilten Preis hatten sich 201 Bewerber aus 17 Ländern beworben. Der Beitrag der Bergischen Universität, der "Bücherfuchs", musste sich 47 Mitbewerbern stellen, die von 126 Teilnehmern am AT-Award in die Endausscheidung kamen.
Und so funktioniert der "Bücherfuchs": Das Buch wird aufgeklappt mit den Seiten nach oben in eine Schublade eingelegt. Es können Bücher in zwei Grundstellungen - bis DIN A4 doppelseitig (Duplex) und bis DIN A3 einseitig (Simplex) - verarbeitet werden. Um die Seiten optimal scannen zu können, wird der Dickenunterschied des Buches automatisch ausgeglichen. Die Textseiten werden mit Hilfe eines Dreh-Saug-Mechanismus automatisch umgeblättert, und es erfolgt Seite für Seite der Scanvorgang mit einem handelsüblichen Flachbettscanner; anschließend werden die Daten auf einem PC oder Laptop abgespeichert. Eine entsprechende Software wandelt die Daten dann in Blinden- oder Großschrift um bzw. macht sie durch Sprachausgabe taktil oder akustisch zugänglich. Die Steuerung erfolgt über ein einfaches Bedienelement.
Aufgrund der einfachen Bauweise und das Zurückgreifen auf marktübliche Standardgeräte kann der "Bücherfuchs" in verschiedenen Versionen nach seiner Markteinführung voraussichtlich ab 1500 € angeboten werden.
Diabetische Makulopathie: Unscharfe Sicht
13.11.2004 - Augenschäden gehören wegen des Erblindungsrisikos zu den am meisten gefürchteten Diabetesfolgen. Trotzdem wird die Gefahr oft unterschätzt: Umso wichtiger, den Beginn der Erkrankung frühzeitig zu entdecken! Bei der diabetischen Makulopathie ist die Stelle des schärfsten Sehens auf der Netzhaut betroffen. Ab dem 55. Lebensjahr sollten sowohl gesunde Menschen als auch Diabetiker regelmäßig den so genannten Amsler-Test machen. Zuckerkranke sollten altersunabhängig einmal im Jahr den Augenarzt für eine umfangreiche Kontrolluntersuchung aufsuchen, empfiehlt die »Neue Apotheken Jllustrierte/Gesundheit« in ihrer aktuellen Ausgabe vom 15. November.
Der zentrale Punkt der Netzhaut, mit dem wir lesen, heißt Makula (gelber Fleck), es ist der Punkt des schärfsten Sehens; ist speziell dieser auf Grund schlechter Blutzucker-Einstellung und/oder langer Diabetesdauer betroffen, spricht man von einer diabetischen Makulopathie. Wird der gelbe Fleck durch Wassereinlagerungen oder Blutungen geschädigt kommt es zu einer Quellung, einem so genannten Ödem. Die Folge: Patienten sehen Dinge zunächst grau und verzerrt. Das heißt, das scharfe Sehen ist reduziert. Was vielen Erkrankten besonders zu schaffen macht ist auch, dass sie keine Gesichter mehr erkennen können. Derzeit gibt es Behandlungsmöglichkeiten aber keine Heilung. Frühere Forschungen haben gezeigt, dass die Einnahme von antioxidanten Vitamin- und Mineralgaben gegen diese Krankheit schützen können. Zusätzlich wurde nachgewiesen, dass hohe Dosen von Vitamin C und E sowie Betacaroten und Zink ihr Fortschreiten verlangsamen können.
Neue Apotheken Illustrierte
Brille hilft Blinden wieder sehen - TELTRA funktioniert Nachtsichtgerät zur Therapiebrille um
Brille hilft Blinden wieder sehen
Umfunktioniertes Nachtsichtgerät trainiert die Sehnerven
Online-Therapie gegen kortikale Blindheit
11.11.2004 - Wenn Patienten durch eine Kopfverletzung, einen Schlaganfall oder einen Hirntumor erblinden, obwohl die Augen völlig intakt sind, dann kann eine Sehtherapie helfen. Nachdem das Verfahren, das vom Kompetenz- und Servicezentrum für Telemedizin und Traumatologie TELTRA an den BG-Kliniken Bergmannsheil, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum, entwickelt wurde, am Computerbildschirm erfolgreich war, gehen jetzt die ersten "Curavishmd"-Trainingsbrillen in Betrieb: Umfunktionierte Nachtsichtgeräte, die eigentlich für militärische Zwecke gedacht sind, zeigen dem Träger die stimulierenden Muster. "Das ist nicht nur komfortabler als mit einer Kinnstütze vor dem Monitor zu sitzen, sondern verbessert auch die Trainingsbedingungen", erläutert Nicole Steffen von TELTRA, das das weltweit einzige Training gegen die sog. kortikale Blindheit anbietet.
Foto: Ruhr-Universität Bochum
Vorher: Die Patientin trainiert mit Kinnstütze am Monitor.
Foto: Ruhr-Universität Bochum
Nachher: Die Therapiebrille ermöglicht größere Bewegungsfreiheit und verbessert die Therapiebedingungen.
Wenn Patienten durch eine Kopfverletzung, einen Schlaganfall oder einen Hirntumor erblinden, obwohl die Augen völlig intakt sind, dann kann eine Sehtherapie helfen. Nachdem das Verfahren, das vom Kompetenz- und Servicezentrum für Telemedizin und Traumatologie TELTRA an den BG-Kliniken Bergmannsheil, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum, entwickelt wurde, am Computerbildschirm erfolgreich war, gehen jetzt die ersten "Curavishmd"-Trainingsbrillen in Betrieb: Umfunktionierte Nachtsichtgeräte, die eigentlich für militärische Zwecke gedacht sind, zeigen dem Träger die stimulierenden Muster. "Das ist nicht nur komfortabler als mit einer Kinnstütze vor dem Monitor zu sitzen, sondern verbessert auch die Trainingsbedingungen", erläutert Nicole Steffen von TELTRA, das das weltweit einzige Training gegen die sog. kortikale Blindheit anbietet.
Nervenzellen übernehmen Aufgaben ihrer defekten Nachbarn
Patienten, die von der kortikalen Blindheit betroffen sind, können höchstens noch Umrisse oder Bewegungen erkennen, obwohl ihre Augen unversehrt sind. Schuld an der Blindheit ist eine Verletzung der Nervenzellen im Sehzentrum des Gehirns, die den optischen Reiz zu einem Seheindruck verarbeiten.. Meistens sind diese Nervenzellen jedoch nicht in ihrer Gesamtheit zerstört: Durch ein maßgeschneidertes Training können die verbliebenen gesunden Nervenzellen lernen, die Aufgaben ihrer beschädigten Nachbarn mit zu übernehmen.
Online von zu Hause aus trainieren
Tägliches Training über mehrere Monate ist dafür unerlässlich. Dank der von TELTRA entwickelten Online-Therapie kortikaler Blindheit (OTCB) kann der Patient zu Hause üben. Nach einer mehrtägigen Untersuchung des genauen Ausmaßes seiner Hirnschädigung in der Neurologischen Klinik der Ruhr-Universität in den Berufsgenossenschaftlichen Kliniken Bergmannsheil bekommt der Patient die Zugangsberechtigung zu seiner persönlichen Trainingsumgebung auf der TELTRA-Homepage. Ist er eingeloggt, zeigt ihm der Computer zunächst einige Minuten lang Flacker-Weißlicht zur sog. Basisstimulation, das seine Aufmerksamkeit steigert und sein Gehirn für die Trainingseinheit empfänglich stimmt. Dann beginnt das Training, zunächst mit geometrischen Figuren, später mit komplexeren Bildern, die der Patient erkennen und per Tastendruck bestätigen muss. Der Computer registriert Treffer und Fehler und startet das nächste, schwierigere Trainingslevel erst dann, wenn eine Lektion erfolgreich absolviert ist. Die begleitenden Spezialisten Prof. Dr. Martin Tegenthoff und Dr. Walter Widdig (BG-Kliniken Bergmannsheil, Klinikum der RUB) können von ihren Computern aus den Lernfortschritt der Patienten überwachen und die Lektionen jederzeit individuell anpassen.
Brille schafft mehr Bewegungsfreiheit
Bislang trainierten die Patienten am Computermonitor in einem abgedunkelten Raum. Eine Kinnstütze sorgte dafür, dass der Abstand zum Monitor stets gleich war. "Gerade für Patienten, die durch ihre Hirnverletzung zusätzlich unter Spastik litten, war das allerdings sehr anstrengend", so Nicole Steffen, die die Patienten betreut. "Mit der Trainingsbrille können die Patienten entspannt im Sessel sitzen und sich auf die Lichtreize konzentrieren. In der Brille ist es nämlich perfekt dunkel." Die Brille "Curavishmd" - hmd steht für head-mounted display - ist über ein Kabel mit einer Steuereinheit verbunden, über die der Patient bestätigt, was er erkannt hat. Brille, Rechner und Steuereinheit bekommen die Patienten leihweise von TELTRA.
Experimentelle Studie zum diffusen Gesichtsfeldausfall
Nachdem TELTRA seit etwa einem Jahr erfolgreiche Trainingssysteme gegen die kortikale Blindheit und gegen halbseitige Gesichtsfeldausfälle anbietet, haben die Forscher als nächstes diffuse Gesichtsfeldausfälle, sog. Skotome, im Visier. Erste Tests mit einer entsprechend weiterentwickelten Software starten jetzt.
Quelle: Ruhr-Universität Bochum
Neues Internet-Angebot zur Blindenschrift
"Dein Name in Blindenschrift" startet am internationalen Aktionstag der Blinden / Notwendigkeit des Blindengeldes betont
14.10.2004 - Am 15. Oktober startet unter www.absv.de ein neues Angebot. Die Internetseite "Dein Name in Blindenschrift" soll bei Kindern und Erwachsenen Interesse für die Punktschrift der Blinden wecken. Das Ganze funktioniert denkbar einfach, nachdem man seinen Namen eingegeben hat, wird dieser auf Mausklick in eine Blindenschrift-Darstellung umgewandelt. Mit einem weiteren Mausklick kann man sich Info-Texte und Fotos zum Thema anschauen.
Der Allgemeine Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin (ABSV) möchte mit dieser Seite darauf hinweisen, dass die Blindenschrift auch 179 Jahre nach ihrer Erfindung immer noch unersetzlich ist. Das System der sechs tastbaren Punkte hat nicht nur seinerzeit die größte Revolution in der Entwicklung des Blindenwesens ausgelöst, sondern auch mühelos den Sprung ins Computerzeitalter geschafft. Wie genau das funktioniert, wird auf der Internet-Seite ebenfalls erläutert.
Der jährlich am 15. Oktober stattfindende "Tag des weißen Stockes" ist seit 40 Jahren der internationale Aktionstag, der von den über 50 deutschen Organisationen der blinden Menschen und ihrer Förderer genutzt wird, um auf die speziellen Belange dieser Behindertengruppe hinzuweisen. Er ist zugleich Abschlusstag der "Woche des Sehens", einer Gemeinschaftsaktion von 9 Partnerorganisationen. Dieses Jahr informieren der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) und seine rund 270 Landes- und Ortsvereine unter dem Motto "Wie ist das, blind zu sein?" über den Alltag der 145.000 blinden Menschen in Deutschland.
Überschattet wird der diesjährige Tag des weißen Stockes durch die Pläne einiger Landesregierungen, das Blindengeld zu kürzen oder ganz abzuschaffen.
Sollten diese Pläne umgesetzt werden, würde dies nicht zuletzt den Einsatz der Blindenschrift einschränken. Schließlich wird das Blindengeld unter anderem genutzt, um teure Punktschriftbücher und Blindenschrift-Zubehör für den Computer anzuschaffen.
Quelle: Allgemeiner Blinden- und Sehbehindertenverein
Hoffnung im Kampf gegen Altersblindheit
24.09.04 - Diagnose: "Altersabhängige Makuladegeneration" - eine weit verbreitete Netzhaut-Erkrankung, die bisher nur in wenigen Fällen therapierbar ist. Betroffene können aufgrund eines immer fortschreitenden Sehverlusts nicht mehr Zeitung lesen und erkennen ihre Freunde auf der Straße nicht. In Deutschland leiden rund 4,5 Millionen Menschen an dieser Altersblindheit. Doch jetzt geben zwei in den USA entwickelte Medikamente - Macugen und Lucentis - Anlass zur Hoffnung. Macugen wurde bereits weltweit an über 1000 Patienten mit Erfolg getestet. Beide Wirkstoffe sind in Deutschland noch nicht zugelassen. Die Augenklinik des Universitätsklinikums Bonn erprobt diese Präparate derzeit im Rahmen einer Studie.
Die altersabhängige Makuladegeneration AMD ist die häufigste Ursache für die Erblindung im Alter. Erste Alarmzeichen sind in der Ferne nicht zu entziffernde Schilder. Fast 90 Prozent der Patienten leiden an der trockenen Form der AMD, die nicht therapierbar ist. Stoffwechselbedingte Ablagerungen, so genannte Drusen, zerstören die Sinneszellen an der Stelle des schärfsten Sehens, auch der gelbe Fleck genannt, und verursachen so einen langsamen Verlust der Sehschärfe. Bei der feuchten AMD verliert der Betroffene dagegen rasch seine zentrale Sehkraft. Abnormale, undichte Blutgefässe wuchern in die Makula und sondern Flüssigkeit ab. Die Netzhaut schwillt an und löst sich zunehmend von der Gefäßhaut. Dadurch nimmt der Betroffene nur noch verzerrte Bilder wahr. Diese schwerere Form der Netzhaut-Erkrankung lässt sich derzeit nur bei wenigen Patienten behandeln. Eine Laserbehandlung, die oft auch gesundes Gewebe zerstört, und die bessere Option, die so genannte photodynamische Therapie, können den Krankheitsverlauf nur verlangsamen und im besten Fall stoppen.
Experten erwarten jetzt von den Präparaten Macugen und Lucentis, die beide in umfangreichen Vorarbeiten im Labor entwickelt wurden, bessere Behandlungserfolge. "Macugen und Lucentis können potentiell mehr, als die uns derzeit zur Verfügung stehenden Therapien. Bei vielen Patienten bremst es die Erkrankung und bewirkt sogar in einzelnen Fällen eine Rückbildung und Abdichtung der wuchernden Blutgefässe", sagt Professor Dr. Frank Holz, Direktor der Augenklinik des Universitätsklinikums Bonn. Beide Wirkstoffe werden direkt in den hinteren Augenabschnitt, auch Glaskörper genannt, in Abständen von mehreren Wochen gespritzt. Dieser Eingriff wird ambulant in örtlicher Betäubung durchgeführt und ist nicht schmerzhaft. Im Auge blockieren die Substanzen einen körpereigenen Botenstoff, das so genannte Wachstumshormon VEGF, und hemmen so die Gefäßneubildung. Der Pharmakonzern Pfizer und das Biotechunternehmen Eyetech, die Macugen entwickelten, hoffen auf eine Zulassung des Präparats in den USA Anfang 2005. Das Medikament Lucentis der Pharmafirmen Genentech und Novartis wird vermutlich noch etwas länger bis zur Zulassung brauchen.
Vorbeugung und ein jährlicher Besuch beim Augenarzt ab 50 bleiben jedoch die besten Mittel gegen die altersabhängige Makuladegeneration, so Professor Holz: "Rauchen, Bluthochdruck sowie schlecht Fettwerte gehören zu den Risikofaktoren. Und besonders wichtig ist immer noch die Früherkennung."
Quelle: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Blinde haben feineres Gehör
15.07.2004 - Fans von Stevie Wonder oder Ray Charles haben es immer gewusst: Blinde geben exzellente Musiker ab. Die wissenschaftliche Bestätigung reichen kanadische Psychologen nun im Magazin "Nature" nach. Das Gehör von Blinden kann Folgen sehr kurzer oder kaum variierender Töne auch dann noch erkennen, wenn Normalsichtige nur noch raten können.
"Je früher der Zeitpunkt der Erblindung, desto besser sind die Leistungen", schreiben die Forscher um Pascal Belin von der Université de Montréal. Dieses Ergebnis "ist im Einklang mit der größeren Plastizität des Gehirns in jungen Jahren." Offenbar könnten sich früh Erblindete in Ermangelung optischer Information stärker auf die akustische Wahrnehmung verlegen.
Frühere Untersuchungen hatten belegt, dass Blinde sich besser als Normalsichtige anhand von Geräuschen in ihrer Umwelt orientieren können. Ob sie auch ein feineres Gehör für Stimmen oder Musik haben, war jedoch unklar. Belin und Kollegen spielten nun sieben im Kleinkindalter und sieben deutlich später erblindeten Personen sowie 12 Normalsichtigen Folgen zweier Töne vor. Die Versuchsteilnehmer sollten dann angeben, ob der zweite Ton höher oder tiefer war als der erste.
Beginnend mit einer Drittel Sekunde langen Tönen und Intervallen von 1,5 Halbtönen, reduzierten die Forscher Tönlänge bzw. Intervallabstand zunehmend. Erwartungsgemäß nahm die Erfolgsquote in allen drei Gruppen ab. In jedem Fall zeigten vor dem zweiten Lebensjahr erblindete Personen jedoch deutlich bessere Leistungen als die übrigen Teilnehmer. So konnten sie noch etwa 80 Prozent der Tonsprünge korrekt einordnen, wenn die Tonlänge nur noch eine Fünfzigstel Sekunde oder der Intervallabstand einen Zwanzigstel Halbton betrug. Normalsichtige brachten es unter diesen Umständen auf eine Trefferquote von etwa 50 Prozent.
Forschung: Frédéric Gougoux und Pascal Belin, Centre de Recherche en Neuropsychologie et Cognition, Département de Psychologie, Université de Montréal, Québec; und andere
Veröffentlicht in Nature, Vol. 430, 15. Juli 2004, p 309
Quelle: Scienceticker
Woche des Sehens 2004 mit neuen Aufgaben
Augenoptiker planen eine der größten Sehtestaktionen Deutschlands • breit angelegte Kampagne zur Glaukomfrüherkennung der Augenärzte • Denkmal-Verhüllung in Stuttgart • Blindenverbände demonstrieren Leistungsfähigkeit von blinden Menschen
Eine Sehtest-Aktion in Deutschland und eine breit angelegte Kampagne zur Glaukomfrüherkennung – das sind in diesem Jahr die Highlights der Woche des Sehens. Vom 9. bis 15. Oktober bieten die neun Woche-des-Sehens-Partner damit noch mehr Service und mehr Veranstaltungen als in den beiden Vorjahren an. Ein Ziel - so Woche-des-Sehens-Sprecher Andreas Pruisken - ist es, die Ursachen von Blindheit zu bekämpfen und auf die Bedeutung guten Sehvermögens hinzuweisen.
Um dies zu erreichen, ruft beispielsweise der Zentralverband der Augenoptiker (ZVA) seine Mitgliedsbetriebe dazu auf, im Rahmen der Woche des Sehens 50.000 Sehtests durchzuführen. Damit wird eine der größten Sehtest-Aktionen Deutschlands realisiert.
Beratungen zur Glaukom-Vorsorge und Sehnerv-Checks
Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) und der Berufsverband der Augenärzte (BVA) werden verstärkt auf die Gefahren einer unentdeckten Glaukom-Erkrankung aufmerksam machen. In Deutschland ist die Glaukom-Erkrankung die zweithäufigste Erblindungsursache. Bei frühzeitiger Behandlung können die Patienten jedoch vor der Erblindung bewahrt werden. Die Woche des Sehens will dazu – so Andreas Pruisken – einen wichtigen Beitrag leisten. Der Berufsverband ruft daher seine Mitglieder auf, Beratungen sowie Sehnerv-Checks in ihren Augenarztpraxen anzubieten. Außerdem veranstalten Augenkliniken während der Aktionswoche Tage der offenen Tür zum Thema Glaukom. Die Ergebnisse werden anschließend wissenschaftlich ausgewertet.
Mit Spenden blinden und augenkranken Menschen helfen
Neu ist auch eine vom Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) unter dem Motto ”0 % Sehleistung – 100 % Leistung im Beruf” initiierte Kontaktbörse für blinde und sehbehinderte Arbeitssuchende. Erstmalig werden auch Spenden gesammelt, wie beispielsweise für das landesweite Blindheitsverhütungsprogramm in Ruanda, das von der Christoffel-Blindenmission (CBM) und dem Hilfswerk der deutschen Lions unterstützt wird. Außerdem soll in Deutschland mit den Spenden die Verbreitung der Blindenschrift gefördert werden. Zur Initiierung konkreter Projekte hat der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) seine Mitgliedsorganisationen, Blindenschriftverlage und -druckereien, Blindenschulen und Berufsbildungswerke aufgerufen.
Bewährtes Programm:
Denkmal-Verhüllung, Tag des weißen Stocks und Erlebnisgang
Am 11. Oktober wird zu Beginn der Woche-des-Sehens-Tournee auf dem Schlossplatz in Stuttgart dem Herzog-Christoph-von-Württemberg-Denkmal symbolisch eine Augenbinde angelegt, um auf das weltweite Aktionsprogramm ”VISION 2020 – das Recht auf Augenlicht” hinzuweisen. Ziel dieser Kampagne ist es, bis zum Jahr 2020 die heilbare und vermeidbare Blindheit zu überwinden. Insgesamt gibt es derzeit weltweit rund 45 Millionen blinde Menschen.
Danach tourt die Woche des Sehens mit Angeboten der Partner, wie dem Erlebnisgang der Christoffel-Blindenmission oder Infotheken vom Deutschen Komitee zur Verhütung von Blindheit sowie Pro Retina und anderen Verbänden der Blindenselbsthilfe durch Ulm, Mannheim/Ludwigshafen und Saarbrücken.
Bundesweit mehr als 200 Veranstaltungen erwartet
Zum Abschluss der Woche – am Tag des weißen Stocks (15.10.) – informiert die Woche des Sehens in Mainz über den Alltag blinder Menschen und welche Unterstützung für sie dabei notwendig ist. Ziel ist es, die Leistungsbereitschaft blinder Menschen zu demonstrieren sowie Gesellschaft und Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft für die Anliegen dieser Menschen zu sensibilisieren.
Bundesweit rechnen die Initiatoren mit über 200 Veranstaltungen: Dazu zählen u.a. Infostände in Fußgängerzonen, Ausstellungen von blinden Künstlern, Leser-Telefonaktionen mit Tageszeitungen und Tage der offenen Tür. Dass die Woche des Sehens in ihrem dritten Jahr weiter an Bedeutung gewinnt, beweist auch die steigende Zahl der Sponsoren. Neu dabei sind die Hauptsponsoren Chibret und Heidelberg Engineering sowie Carl Zeiss Meditec AG und der Verlag der Kinderzeitschrift Junior. Mehr Infos gibt es unter www.woche-des-sehens.de.
Broschüre "Wie man wählt" in Blindenschrift erschienen
09.06.2004 - Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband gibt Informationen zur Europawahl in Blindenschrift für blinde Menschen mit zusätzlichen geistigen Behinderungen heraus
Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) gibt erstmals die Wahlhilfebroschüre "Wie man wählt: Europawahl", ein Kooperationsprojekt verschiedener Behinderten- und Sozialverbände, in Blindenschrift heraus. Die Broschüre richtet sich an geistig behinderte Menschen und Personen, die lernbehindert sind. Sie gibt in leicht verständlicher Sprache die einzelnen Schritte der Wahl wieder und will dazu ermutigen, dass auch diese Behindertengruppe von ihrem Wahlrecht Gebrauch macht. Erstmals können sich nun auch geistig behinderte Menschen, die zusätzlich blind oder stark sehbehindert sind, über den Ablauf der Wahl informieren.
"Wir hoffen, dass wir damit einer wirklich benachteiligten Gruppe in unserer Gesellschaft helfen, sich politisch zu beteiligen. Denn, nur wer wählen geht, dessen Interessen können von den Politikern berücksichtigt werden", so Jürgen Lubnau, Präsident des DBSV.
Am 13. Juni sind alle Wahlberechtigten dazu aufgerufen, das Europaparlament zu wählen. Dies gilt auch für viele lern- oder geistig behinderte Menschen. Denn, wem das Erfassen komplizierter Zusammenhänge schwer fällt, ist deshalb vom Wahlrecht längst nicht ausgeschlossen. Doch viele von ihnen haben noch nie gewählt.
Für blinde Menschen mit zusätzlicher Behinderung ist die Hürde, sich an der Wahl zu beteiligen, um einiges höher.
Neben der Broschüre gibt der DBSV bundesweit Wahlschablonen heraus, die blinden und sehbehinderten Menschen helfen sollen, selbständig und unabhängig von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen.
Die Broschüre in Punktschrift ist kostenlos bei der DBSV - Geschäftsstelle erhältlich, die unter der Rufnummer (030) 28 53 87-24 zu erreichen ist.
Quelle: DBSV
Tag der Sehbehinderten: Altersbedingter Makuladegeneration aktiv begegnen / Initiative Augengesundheit empfiehlt regelmäßige Vorsorge
02.06.2004 - Anlässlich des Tages der Sehbehinderten am 6. Juni 2004 empfiehlt die Initiative Augengesundheit allen Menschen über 50 Jahren,
mindestens einmal pro Jahr zum Augenarzt zu gehen. "Eine regelmäßige
Kontrolle des Auges ist unser wichtigstes Instrument, um
Netzhauterkrankungen wie die altersbedingte Makuladegeneration (AMD)
rechtzeitig zu erkennen und gezielt Maßnahmen zum Erhalt der Sehkraft
einzuleiten", betont der Augenarzt Dr. Peter Heinz, Schlüsselfeld.
In Deutschland leiden ca. 3 Millionen Menschen an einer mehr oder
weniger schweren Form der AMD. Bei ungünstigem Verlauf kann diese
Netzhauterkrankung, bei der die Stelle des schärfsten Sehens (die
Makula) geschädigt wird, Betroffene in der selbstständigen
Bewältigung ihres Alltags stark einschränken. Trotz ihrer Häufigkeit
und den möglichen negativen Auswirkungen auf die Sehkraft ist AMD in
weiten Kreisen der Bevölkerung noch völlig unbekannt, wie eine von
der Initiative Augengesundheit in Auftrag gegebene Emnid-Umfrage vom
Februar diesen Jahres bestätigt.
Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen beim Augenarzt sind ein
wichtiger Baustein in der Prävention der AMD. Auch ist der aktive
Augenschutz bei dieser Netzhauterkrankung nicht zu unterschätzen. Man
weiß heute, dass starke Sonneneinstrahlung sowie freie Radikale an
der Entstehung einer AMD mitwirken. Freie Radikale entstehen z. B.
durch Medikamente, Rauchen, oxidativen Stress und unausgewogene
Ernährung. Von außen können wir unser Auge durch eine geeignete
Sonnenbrille mit Blaulichtfilter schützen. Die Natur selbst hat mit
dem Carotinoid Lutein von innen Mechanismen zum Schutz der Makula
entwickelt, die unterstützt und aktiviert werden können. Es gilt als
gesichert, dass Lutein schädliches UV- und Blaulicht filtern und
freie Radikale abfangen kann. Da dieses Schutzpigment mit dem Alter
im Auge abnimmt und vom Körper selbst nicht hergestellt werden kann,
müssen wir von außen dafür sorgen, dass es in ausreichender Menge in
der Makula vorhanden ist. Dies gewährleisten wir durch eine
luteinhaltige Ernährung mit grünem Gemüse wie Brokkoli, Spargel und
Grünkohl sowie eine kontrollierte Bereicherung unserer täglichen
Nahrung mit luteinhaltigen Nahrungsergänzungsmitteln. Auch eine die
Augengesundheit fördernde Lebensweise gehört zum Aufgabenbereich des
Augenarztes. "Der Augenspezialist ist nicht nur erster
Ansprechpartner was Diagnose und Therapie betrifft. Er ist auch
wertvoller Ratgeber und Begleiter in allen Fragen einer augengesunden
Lebensweise", beschreibt Heinz seine Rolle als Augenarzt.
REGELN FÜR EINE AUGENGESUNDE LEBENSWEISE
- Niemals "oben ohne": Die richtige Sonnenbrille schützt
- Über eine gesunde Ernährung freut sich das Auge
- Augenschutz stärken durch Lutein
- Auf Zigarettenkonsum verzichten - Regelmäßig zum Augenarzt
Wer feststellen möchte, ob die Makula bereits durch eine AMD
geschädigt ist, kann einen einfachen Selbsttest, den so genannten
Amsler-Gittertest, durchführen. Eine Broschüre mit ausführlichen
Informationen zur AMD und einem Amsler-Gittertest sind bei der
Initiative Augengesundheit kostenlos erhältlich unter: Postfach
70833, 60599 Frankfurt, Telefon 0180/3003344
(Montag bis Freitag 8.00 - 20.00 Uhr, EUR 0,09/Minute).
ots Originaltext: Initiative Augengesundheit
Unsichtbar
- und doch real
Ein Film über Blinde mit Blinden
Die Welt ist ein Labyrinth, in dem es Orientierungspunkte
herauszufinden gilt.
09.01.2004
- Mit der Kamera versucht Jörg Sorge solche Orientierungspunkte
im Leben blinder Menschen zu finden.
Da ist Frank Wallenta, der sich dem Hund Fjorda anvertraut
und Mario Weise, der mit dem Langstock Fühlung aufnimmt.
Herbert Heller, der mit einem Reliefbuch Sehenswürdigkeiten
erkundet und wieder Frank Wallenta, dem Waschmaschine
und Geschirrspüler nützliche Helfer sind. Am
Ende merkt manch einer gar nicht, dass der Mensch, der
vor ihm steht, blind ist...
DVD-Video
- 17 Minuten - mit Audiodeskription
Zu
Beziehen bei:
KOM-IN-Netzwerk
Kina-TV
Ortsstr. 48
07330 Unterloquitz
info@kom-in.de
www.kom-in.de
Veröffentlichung
mit freundlicher Genehmigung von Herman van Dyck
Kleiner Ratgeber für
den Umgang mit Blinden
von Herman van Dyck
Herausgeber: Deutscher
Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. - Spitzenverband
in der Bundesrepublik Deutschland
Sie haben in
Ihrer Familie keinen Erblindeten oder schwer Sehbehinderten,
kennen auch keinen im Kreise Ihrer Freunde oder
Bekannten? Um so besser; aber lesen Sie trotzdem
diesen kleinen Ratgeber, denn vielleicht schon morgen,
in einem Monat oder später können Sie einem Mann
oder einer Frau mit dem weißen Stock auf der Straße,
bei einer Veranstaltung oder in einer Gaststätte
begegnen.
Vielleicht möchten
Sie gerne helfen, wagen es aber nicht, weil Sie
nicht recht wissen wie. Oder vielleicht helfen Sie
der blinden Person spontan, aber so ungeschickt,
dass Sie mit Ihrer gutgemeinten Hilfe eher das Gegenteil
erreichen.
Darum will Ihnen dieser kleine Ratgeber helfen.
Ohne jedoch Anspruch auf Vollkommenheit zu erheben,
wird er Ihnen helfen, jenen auf nützliche, korrekte
und vor allem menschliche Weise beizustehen, die
Ihre Hilfe brauchen.
Ein liebenswürdiger Dienst, im richtigen
Augenblick erwiesen, kann für beide Seiten eine
bereichernde Erfahrung sein und beglückend
wirken. Wenn dieser kleine Ratgeber dazu beitragen
kann, hat er seine Aufgabe erfüllt.
Herman van Dyck
Der Blinde: "Was ist los ? ? ? Aber nein, ich will
die Straße ja gar nicht über-queren!"
BEIM ÜBERQUEREN VON STRASSEN
Es sollte eine
goldene Regel sein, einen Blinden zu fragen, ob
man ihm helfen kann, bevor man etwas für ihn tut.
Man respektiert damit seine persönliche Freiheit.
Außerdem hat diese Regel einen praktischen
Grund. Um diesen zu illustrie-ren, hier ein Beispiel:
Während ich am Gehsteigrand warte, passiert es mir
oft, dass ich beim Arm genommen und auf die andere
Straßenseite geschleppt werde, ohne daß ich auch
nur die Stimme des unbekannten "Wohltäters"
gehört habe. Wenn man erklärt, daß man die Straße
nicht zu überqueren wünscht, sondern nur auf die
Straßenbahn warte, kann es geschehen, daß
der unbekannte Helfer so überrascht ist, daß er
einen mitten auf der Straße stehen lässt und einige
vage Entschuldigungen stammelt. Es bleibt einem
dann nichts anderes übrig, als zu versuchen, mit
heiler Haut wieder auf den Gehsteig zurückzukommen.
Fragen
Sie deshalb: "Darf ich Ihnen beim Überqueren der
Straße behilflich sein?" Ist die Antwort bejahend,
dann sagen Sie einfach: "Bitte, nehmen Sie meinen
Arm und überqueren wir die Straße gemeinsam."
Warnen Sie den von Ihnen geführten Blinden, wenn
es beim Gehsteig hinunter- oder hinaufgeht.
BENUTZUNG VON VERKEHRSMITTELN
Am häufigsten wird den Sehbehinderten
Hilfe zuteil, wenn sie in eine Straßenbahn, einen
Autobus oder in den Zug steigen wollen. Es kann
auch vorkommen, daß sie im Gedränge von "blinden"
Sehenden beim Einsteigen einfach zur Seite geschoben
werden. Das kommt jedoch glücklicherweise nur selten
vor.
Die gutgemeinte Hilfe wird aber oft so nachdrücklich
oder durch so viele zugleich angeboten, daß der
Blinde eher wie ein Sack hinaufgezogen wird, statt
ihm die Möglichkeit zu geben, wie jeder andere Fahrgast
einzusteigen. Beim Aussteigen ist wieder das Gegenteil
der Fall: Der Nichtsehende wird mit Gewalt vorne
und hinten festgehalten, so daß er größte Mühe hat,
hinunterzusteigen. Selbst bei bester Absicht ist
diese Form der Hilfsbereitschaft überflüssig.
Ein alleinreisender Blinder weiß, wie man
die Straßenbahn, den Zug oder den Autobus benutzt.
Es genügt, daß Sie ihn bis zur Wagentür geleiten und ihm, indem Sie
seine Hand darauf legen, die Griffstange zeigen.
Die Füße des Blinden sind in Ordnung, und er kann
daher normal ein- oder aussteigen wie jeder andere
Fahrgast. Beim Aussteigen zeigen Sie ihm ebenfalls
den Handgriff und lassen ihn selbst gewähren.
Wenn Sie zusammen
ein- oder aussteigen, geht der Führende immer voran,
zeigt den Handgriff oder reicht die eigene Hand,
wobei auch angedeutet werden sollte, ob die Stufen
hoch oder niedrig sind.
Beim Einsteigen in ein Auto führt man
den Sehbehinderten vor die geöff-nete Wagentür und
legt seine Hand an deren Oberkante, während seine
andere Hand zur Orientierung erst das Dach des Autos
berührt und dann auf den Sitz greift. Das ist die
ganze Hilfe, die er von Ihnen erwartet.
WIE FÜHRT MAN AM BESTEN?
Es
kann vorkommen, dass Sie mit einem Sehbehinderten
im selben Verkehrsmittel fahren und bei derselben
Haltestelle wie er aussteigen, oder es fällt Ihnen
ein Blinder auf der Straße auf, der nur langsam
vorwärtskommt, weil der Verkehr stark ist, viele
Hindernisse auf seinem Wege sind oder einfach, weil
er diese Gegend nicht gut kennt. Zögern Sie nie,
sofort Ihre Hilfe anzubieten; das soll natürlich
nicht heißen, dass Sie sich aufdrängen müssen.
Sagen Sie zum Beispiel: "Ich muss zum Bahnhof,
soll ich Sie ein Stück mitnehmen?" Im bejahenden
Fall bieten Sie dem Blinden Ihren Arm zum Einhängen
an und setzen mit ihm Ihren Weg fort.
Seien Sie aber bitte nicht enttäuscht, wenn
Ihr liebenswürdiges Anerbieten abgelehnt wird. Es gibt Blinde, die ihre
Unabhängigkeit mehr schätzen als die Hilfe, die
ihnen Erleichterung bringen könnte. Ich weiß nicht,
ob diese Blinden recht haben, aber die Wahl steht
ihnen auf jeden Fall frei. Meistens aber wird ihre
Hilfsbereitschaft mit Freude und Dank aufgenommen.
Bieten Sie immer
Ihren Arm an. Nehmen Sie niemals einen Blinden beim
Arm, um ihn vorschiebend fortzubewegen. Es ist nicht
günstig, einen Blinden auf diese Weise zu führen,
da ihm so das Gefühl der Sicherheit genommen wird.
Gehen Sie Arm in Arm, erübrigt es sich zu sagen:
"Nun gehen wir nach links oder nach rechts." Der
Sehbehinderte spürt die Bewegung und folgt automatisch.
Beim Gehen durch eine Tür oder eine enge Stelle
geht der Führende immer voraus. Er hält den Blinden
mit dem Arm, den er ihm gereicht hat, leicht etwas
nach hinten, um einen ganz geringen Abstand zu gewinnen.
GEHSTEIGE UND TREPPEN
Beim Hinaufsteigen
auf ein Trottoir oder beim Hinuntersteigen auf
die Straße genügt es zu sagen, daß es hinauf-
oder hinuntergeht. Wenn Sie öfters ein und denselben
Blinden führen, ist es gut, ein vereinbartes Zeichen
zu benutzen, z. B. den Arm oder die Hand leicht
zu drücken. Es ist nicht nötig, den Blinden anzuhalten,
um ihn den Gehsteigrand mit seinem weißen Stock
tasten zu lassen.
Gehen Sie mit
einem blinden Mitmenschen Treppen hinauf oder
hinunter, sagen Sie einfach: "Achtung, Stufe (es
geht hinauf oder hinunter)", und dann gehen
Sie, dem Sehbehinderten Ihren Arm reichend, gemeinsam
hinauf oder hinunter.
Es ist dem Blinden bestimmt angenehm, sich
mit der anderen Hand am Treppengeländer festhalten
zu können. Legen Sie ihm diese darauf oder sagen
Sie: "Das Geländer ist rechts (oder links) von Ihnen."
Auf jeden Fall machen Sie ihn auf den Beginn oder
das Ende einer Treppe aufmerksam. Wenn Sie den Blinden
jedoch nicht weiter begleiten, zeigen Sie ihm das
Treppengeländer wie oben erwähnt.
Es ist auf keinen Fall nötig, dass Sie vorher die Stufen
abzählen, um dem Sehbehinderten deren Anzahl mitzuteilen.
In der Eile kann man sich doch leicht irren. Der
alleingehende Blinde nimmt das Ende einer Treppe
mit seinem Stock wahr. Wenn Sie aber die Begleitung
übernommen haben, dann verlieren Sie keine Zeit
mit dem Zählen der Stufen, sondern machen ihn lieber
auf die letzte aufmerksam.
Besteht die Möglichkeit der Wahl zwischen
einer normalen und einer Rolltreppe,
so überlassen Sie die Entscheidung immer dem Blinden.
Auf jeden Fall muß er immer deutlich darüber informiert
sein, wenn es sich um eine Rolltreppe handelt.
DER UNWILLKOMMENE SCHUTZENGEL
Alles, was
über Blinde und ihrem Streben nach Unabhängigkeit
gesagt oder geschrieben wird, führt leicht dazu,
dass manche Menschen - aus Respekt vor dieser Unabhängigkeit
- zögern, ihre Hilfe anzubieten, selbst dann, wenn
sie einen blinden Mitmenschen in Schwierigkeiten
- auf der Straße, am Bahnhof oder anderswo - sehen.
Einem Schutzengel gleich heften sie
sich an seine Fersen, um in einem kritischen Augenblick
zu verhindern, dass er mit einem auf seinem Wege
liegenden oder stehenden Gegenstand plötzlich in
Berührung kommt. Eine gute Absicht, gewiss! Vor
allem, weil diese Helfer der Meinung sind, daß der
Blinde nichts davon bemerkt. In vielen Situationen
- ganz bestimmt aber, wenn er ausgeht - sind alle
Sinne des Sehbehinderten hellwach, da er mit ihnen
das fehlende Augenlicht ausgleichen muß. Das Gehör
spielt dabei eine entscheidende Rolle.
Bald erkennt der Blinde doch, dass er einen "Schutzengel"
hinter sich hat. Das stört ihn, macht ihn nervös,
und die gutgemeinte Hilfe kommt dadurch eigentlich
nicht zu ihrer Wirkung. Zögern Sie deshalb nie,
Ihre Hilfe liebenswürdig anzubieten. Spielen Sie
aber auf keinen Fall die Rolle des "Schutzengels".
WIE MAN EINEN SITZPLATZ ZEIGT
Es ist
eine weitverbreitete, aber nichtsdestoweniger
falsche Meinung, dass man unter allen Umständen
einem blinden Menschen so rasch wie möglich einen
Sitzplatz anbieten soll. In der Straßenbahn, im
Zug oder im Autobus ist dies sicher angebracht,
weil der Sehbehinderte im Falle einer Notbremsung
nicht immer rasch genug einen entsprechenden Halt
finden kann. Dies trifft im allgemeinen bei älteren
Personen, aber ganz besonders bei bejahrten Sehgeschädigten
zu Wenden Sie auch hier die goldene Regel an:
Bieten Sie einen Sitzplatz an, aber überlassen Sie
es dem Blinden, davon Gebrauch zu machen. Aber selbst
eine einfache Sache wie das Anweisen eines Sitzplatzes
kann oft eine komplizierte Angelegenheit werden.
Zwei oder mehrere
Personen bemühen sich oft gleichzeitig um
die "Hilfeleistung". Der Blinde wird gedreht, geschoben,
an einem oder beiden Armen gehalten und schließlich
auf einen Sitz gedrückt.
Dabei wäre
es so einfach. Sie legen die Hand des Sehbehinderten
auf die Rückenlehne und sagen: "Hier ist ein Sitz,
dies ist seine Rückenlehne", und der Blinde
wird sofort erfassen, wo der Sitz ist und ohne Schwierigkeiten
darauf Platz nehmen. Oder Sie legen die Hand des
Blinden auf die Armlehne des Sitzes und sagen: "Die
Sitzgelegenheit ist rechts von Ihnen." Mit
einer Tastbewegung wird der Sehbehinderte sich rasch
mit dem ihm angebotenen Sitz vertraut machen.
WO IST "DA",
WO IST "DORT"?
Sagen Sie niemals "Dort ist ein Sessel"
oder "Auf dem Tisch dort hinten" oder "Dort
vorne ist ein Fahrrad an die Mauer gelehnt", indem
Sie in die betreffende Richtung weisen. Solche
Angaben haben ihren Wert nur für Sehende, jedoch
nicht für blinde Mitmenschen.
Sagen Sie lieber:
"Vor Ihnen steht ein Sessel", "Ein kleiner
Tisch befindet sich einen Meter hinter Ihnen"
oder "Ungefähr 10 Meter vor Ihnen links lehnt
ein Fahrrad an der Mauer." Bei Tisch, zum
Beispiel, können Sie sagen: "Ihr Glas steht links
vor Ihnen" und "Ein Aschenbecher steht neben
Ihrer rechten Hand." Sie können den fraglichen
Gegenstand auch leicht berühren, so daß der Blinde
ihn nach dem Klang finden kann. Wenn Sie ihm ein
Glas in die Hand geben, sagen Sie ihm aber auch,
wo er es hinstellen kann, z. B.: "Links, neben
Ihrem Sessel steht ein kleines Tischchen."
WO IST MEIN MANTEL?
Bei Zusammenkünften,
in Zügen oder in Gaststätten wird dem Blinden
oft aus dem Mantel geholfen, sein Hut und sein
Gepäck werden ihm mit den Worten abgenommen: "Kommen
Sie, ich helfe Ihnen!"
Und schon sind Mantel, Hut und Gepäck verschwunden!
Das Wiederfinden ist eine schwierige Sache: Der
Besitzer weiß oft nicht, welche Farbe der betreffende
Gegenstand hat. Es ist deshalb besser, wenn man
blinde Personen ihre Sachen selbst ablegen läßt.
Wenn Sie dem Blinden dabei helfen, sagen Sie:
"Ihr Mantel hängt am ersten Haken neben der Tür",
oder in der Bahn: "Ihr Gepäck ist im Netz über
Ihnen"
"Schauen Sie, wie gefällt Ihnen diese
schöne Flasche?"
KEINE TABUS
Im
Gespräch mit einem blinden Menschen wagen es viele
Leute nicht, Wörter wie "sehen", "betrachten"
oder "blind" zu gebrauchen. Sie sagen dann:
"Mein Onkel ist auch . . . äh, äh ... so", oder "Meine Großmutter hatte das
auch." Wenn sie irrtümlich doch das Wort "sehen"
gebrauchen, kann es geschehen, dass Sie die Fassung
verlieren, und Sie beginnen sich zu entschuldigen:
"Oh! Entschuldigen Sie ... ich hatte nicht daran
gedacht" usw.
Und
das, während Blinde selbst oft über ihre eigene
Behinderung zu launischen Späßen bereit sind.
Das Wort"blind" gebrauchen und hören sie
wie jedes andere Wort, und das Wort "sehen"
oder ähnliche Wörter wenden sie im Gespräch an,
um ihre besondere Art von sehen zu erklären:
riechen, tasten und berühren. "Ich habe dieses
Buch gelesen (in Blindenschrift oder als Hörbuch).
"Ich habe einen hübschen Gegenstand gesehen"
(gefühlt, getastet), "Ja, ich habe dieses Theaterstück
gesehen" (gehört.)
Es ist nicht taktvoll, sich in Gegenwart
eines Blinden flüsternd zu unterhalten, denn hören
können die meisten Blinden wohl sehr gut. Sie
können deshalb ohne jede Hemmung zu einem Blinden
sagen: "Wollen Sie sich das ansehen?", während
Sie ihm den Gegenstand in die Hände legen, z.
B. eine Flasche, ein Kleidungsstück oder etwas
anderes. Gebrauchen Sie ohne Scheu das Wort "blind"
oder "Blindheit", wenn es sich im Gespräch so
ergibt.
Aber
es zeugt von wenig Taktgefühl, wenn man fragt:
"Sind Sie blind? ... Völlig blind? ... Sie sehen
also gar nichts: ... Oh, das ist schrecklich!
. . . Sie sind so geboren? . . . Von einer Krankheit
oder einem Unfall her?" usw.
Denken
Sie immer daran, dass die Blinden wohl blind,
aber nicht taub sind und dass geflüsterte Bemerkungen
wie:
"Das scheint
mir das Ärgste zu sein, was es geben kann!"
oder: "Ich möchte lieber tot als blind sein"
wohl gehört werden. Natürlich bleibt es ihnen
überlassen, wie Sie darüber denken, aber die Blinden
selbst denken ganz anders darüber.
"Rate
mal, wer bin ich?"
KEINE RÄTSELSPIELE
Auf der Straße, im Zug, bei einer Zusammenkunft
kann es vorkommen, dass jemand einem Blinden auf
die Schulter klopft und sagt: "Guten Tag, Herr
XY, wie geht es Ihnen?" oder noch ärger:
"Raten Sie einmal, wer ich bin?" Im allgemeinen
haben blinde Menschen ein gutes Stimmengedächtnis,
aber von ihnen zu erwarten, dass sie eine Stimme
wiedererkennen, die sie nicht oft gehört haben,
und dies zu einem Zeitpunkt, wo sie sich auf andere
Wahrnehmungen konzentrieren müssen, ist zuviel
verlangt.
Sind Sie kein
Familienangehöriger oder ein guter Bekannter,
also jemand, dessen Stimme er sofort erkennen
kann, sagen Sie unaufgefordert: "Guten Tag, Herr
XY, ich bin Z."
Wie soll der Blinde wissen, dass Ihr
Gruß ihm gegolten hat? Liegt Ihre letzte Begegnung
mit dem Blinden schon längere Zeit zurück oder
Ihr Name ist ihm entgangen (man merkt sich leichter
Gesichter als einen Namen), geben Sie eine kurze
Erklärung, wie: "Sie erinnern sich bestimmt, wir
haben uns da und dort schon getroffen."
Es hat keinen
Sinn, Sehbehinderte auf dieselbe Weise wie Sehende,
etwa mit Kopfnicken oder einer Handbewegung, zu
begrüßen. Aber auch ein Blinder freut sich, wenn
er in alles einbezogen wird und am normalen Leben
teilnehmen kann. Das Nicken mit dem Kopf oder
die Geste mit der Hand ersetzt man durch einige
nette Worte: "Guten Tag, Herr X, ich bin der Briefträger!"
BLINDE SIND NICHT UNMÜNDIG
Immer wieder
können Blinde in Begleitung folgende Sätze hören
wie: "Gnädige Frau, möchte der Herr etwas trinken?"oder
"Fräulein!" kann der Herr selbst unterschreiben?"
oder "Meine Dame, möchte der Herr Platz nehmen?"
Man
spricht also mit der Begleitperson, anstatt sich
direkt an den Blinden zu wenden. So kam es, daß
eine Dame eines Tages lachend entgegnete: "Fragen
Sie meinen Mann ruhig selbst, er ist wirklich
nicht gefährlich!"
Man ist so stark an
den Kontakt mit den Augen gewöhnt, dass man sich
unsicher fühlt, wenn dieser fehlt, und sich deshalb
mit Vorliebe an die Begleitperson wendet. Das
ist verständlich, doch nicht angebracht. Diese
Behandlung eines Blinden kommt einer Bevormundung
gleich.
Wenn Sie einem Blinden etwas anbieten wollen, sprechen Sie
ihn mit dem Namen an, wenn Sie diesen kennen;
berühren Sie ihn leicht, wenn Sie seinen Namen
nicht wissen, damit er weiß, daß Sie sich an ihn
wenden, zum Beispiel in einer Gruppe. Vergessen
Sie nicht, die verschiedenen Auswahlmöglichkeiten
aufzuzählen, wenn es solche gibt, z. B.: "Herr
X, möchten Sie ein Getränk, eine Mehlspeise oder
sonst etwas? "Dann legen Sie das von ihm
Ausgewählte so neben ihn, daß es für ihn leicht
erreichbar ist, oder geben Sie es ihm in die Hand.
Halten Sie ihm aber nicht ein Tablett mit Gläsern
hin, da er dies nicht sehen kann und das Risiko
groß ist, daß er beim Abheben seines Glases ein
anderes umstößt. "Ja, und nun wollte ich Ihnen noch erzählen, dass ... ."
BEIM WEGGEHEN
Vielleicht haben
Sie schon einmal zu jemandem gesprochen, der gerade
nicht mehr anwesend war. Vermutlich haben Sie
sich mit einem Lächeln über Ihre Zerstreutheit
hinweggeholfen. Anders ist es natürlich bei einem
Blinden.
Bei Straßenlärm,
in einem teppichbelegten Zimmer, wo gar noch musiziert
wird, in einem geräuscherfüllten Lokal oder bei
einer größeren Gruppe sprechender Menschen usw.
ist es für ihn möglich, zu wissen, ob sein Gesprächspartner
noch da ist. Es kann also vorkommen, dass ein
Sehbehinderter zu einem leeren Stuhl spricht.
Ein angenehmes Gefühl ist es nicht, wenn er dies
nach einiger Zeit bemerkt.
Geben Sie Ihrem
blinden Partner immer zu verstehen, wann Sie ihn
verlassen und machen Sie sich auch bemerkbar,
wenn Sie zurückkommen. Wenn Sie das unterlassen,
kann es vorkommen, dass Ihr Partner stillschweigend
dasitzt, in der Annahme, dass Sie noch nicht zurück
sind.
Vergegenwärtigen Sie sich auch
immer, dass eine blinde Person eine gesprochene
Antwort erwartet; ein noch so nettes Lächeln,
ein Kopfnicken nützen ihm nichts.
WANN UND WIE MAN ETWAS BESCHREIBT
Viele Leute
glauben, wenn sie einen blinden Menschen begleiten,
dauernd reden zu müssen. Sie denken: "Spreche
ich nicht, weiß er nicht, ob ich noch da bin"
oder "Er hat sonst nichts, womit er sich beschäftigen
könnte." Auch wenn Sie es gut meinen kann
überflüssig Gesprochenes ungünstig wirken. Wie
bei allen Gesprächen darf man auch hier ruhig
eine Schweigepause einschalten. Außerdem rechnet
der Blinde damit, dass Sie ihn nicht verlassen,
ohne ihn darauf aufmerksam gemacht zu haben. Über
die Umgebung, die der Blinde nicht wahrnehmen
kann, ist er besser im Bilde als Sie annehmen,
denn zufolge der ihm gegebenen Wahrnehmungsmöglichkeiten
vermag er sich von der Umwelt eine gute Vorstellung
zu machen. Ob der Blinde von Personen, der Umgebung
oder Gegenständen eine Beschreibung in allen Einzelheiten
oder eine nur oberflächliche wünscht, werden Sie
selbst rasch genug bemerken. Drängen Sie ihm solche
Beschreibungen aber auf keinen Fall auf.
Demgegenüber ist es gut, dass Sie den Blinden spontan
auf besondere oder ungewöhnliche Dinge aufmerksam
machen, zum Beispiel: "Die Rolltreppe ist heute
außer Betrieb", selbst wenn Sie diese Treppe
im Moment nicht benötigen. Oder: "An dieser Ecke
ist ein neues Kleidergeschäft." Solche Informationen
können dem Blinden noch einen guten Dienst erweisen.
BEIM
EINKAUFENGEHEN
Wenn Sie einem
Sehbehinderten helfen, ein Geschäft zu betreten,
begleiten Sie ihn bis zu einem Verkäufer oder
einer Verkäuferin; man wird ihn gerne weiter gut
betreuen. Haben Sie aber etwas mehr Zeit, begleiten
Sie ihn bis zu der von ihm gewünschten Abteilung.
Weiß der Blinde
genau, was er haben möchte, wird er den Gegenstand
unverzüglich einkaufen. Möchte er aber zuerst
sehen, was es gibt, legen Sie ihm die verschiedenen
Gegenstände vor, damit er sie befühlen kann. Er
wird, um seine Wahl zu treffen, sich auf diese
Weise ein gutes Bild von der Form, der Größe und
der Qualität machen können.
Beschreiben
Sie die Farbe, das Muster usw. Zögern Sie nicht,
ihm zum Beispiel zu sagen: "Darf ich Ihnen sagen,
dass Ihnen diese Farbe wirklich nicht steht."
Nennt
Ihnen der Blinde beim Bezahlen den Wert der Banknote
nicht, die er Ihnen übergibt, dann sagen Sie selbst:
"Es sind 100 Mark, die Sie mir gegeben haben."
Gewöhnlich weiß der Blinde sehr genau, welche
Banknote er gibt, aber ein Irrtum ist nicht ganz
ausgeschlossen, und man soll Unliebsamkeiten möglichst
vermeiden. Es ist auch empfehlenswert, beim Zahlen
oder Geldwechseln das Geld in die Hand des Blinden
zu zählen, womit Sie ihm das Zusammensuchen, vor
allem des Kleingeldes, ersparen.
DAS WC
Blinde sind dankbar für Hilfe - in jeder
Situation
Ja, Sie haben
richtig gelesen, auch ein Sehbehinderter muss
einmal ein WC aufsuchen. Wenn ein blinder Mensch
Sie dabei um Ihre Hilfe bittet, sollten Sie keine
Hemmungen haben und immer daran denken, wie peinlich
ihm das selbst sein muss. Sind Sie vom gleichen
Geschlecht wie die blinde Person und Sie befinden
sich in einem öffentlichen Ort, können Sie zusammen
eintreten oder auch die Hilfe des Personals erbitten.
Ist ein Pissoir vorhanden und ein geschlossenes
WC, dann überlassen Sie dem Blinden die Wahl der
Benutzung. Wählt er das Pissoir, geben Sie ihm
eine knappe Beschreibung von der Art seiner Beschaffenheit.
Vor
dem Benutzen des WC kontrollieren Sie, ob es sauber
ist, zeigen sie wo sich Papier und Spülung befinden.
Haben Sie Zeit, draußen auf ihn zu warten, zeigen
Sie ihm auch das Waschbecken, die Seife, das Handtuch
oder den Handtrockner. Gegebenenfalls zögern Sie
nicht, ihm zu sagen: "Das Handtuch ist sehr schmutzig,
es wäre besser, das eigene Taschentuch zu benutzen."
Gehen
Sie aber immer so taktvoll vor, wie Sie selbst
gerne behandelt werden möchten, und bleiben Sie
nicht in allernächster Nähe, auf Ihren Schützling
wartend, stehen. Das alles sollte eigentlich selbstverständlich
sein, wird aber nicht immer so gehandhabt.
Ist
der Blinde vom anderen Geschlecht, erbitten Sie
die Hilfe des Personals oder eines anderen Anwesenden
gleichen Geschlechts. Ist keine entsprechende
Hilfe da, handeln Sie selbst im Sinne der obigen
Hinweise.
DAS VORLESEN
Trotz der Tatsache, das derzeit
von vielen Erfindern an der Herstellung brauchbarer
Lesemaschinen für Blinde gearbeitet wird, dürfte
es noch Jahre dauern, bis ein solches Gerät für
den Einzelnen verwendbar und finanziell erschwinglich
ist. Bis dahin bleibt der Blinde darauf angewiesen,
dass ihm vorgelesen wird. Die selbständige Lektüre
mittels der Punktschrift oder des Tonbandes, so
verbreitet sie auch schon ist, kann das Problem
nur zum Teil lösen. Kommentare, das ist sehr störend.
Sehr unangenehm
wirkt sich die Abhängigkeit vom Vorlesenden aus,
wenn es sich um persönliche Briefe, amtliche Schriftstücke
oder finanzielle Unterlagen handelt. Beim Vorlesen
solcher Schreiben sind Takt und absolute Verschwiegenheit
unerläßlich. Lesen Sie langsam und deutlich.
Schauen Sie
zuerst, ob sich auf dem Umschlag ein Hinweis auf
den Absender befindet. Unter Umständen könnte
sich der Blinde veranlasst fühlen, den Brief durch
jemand anderen vorlesen zu lassen.
Öffnen Sie aber nie einen Brief ohne die ausdrückliche Erlaubnis
des Blinden. Handelt es sich um eine finanzielle
Angelegenheit, ohne daß dies vom Umschlag her
ersichtlich ist, sagen Sie dies, bevor Sie zu
lesen beginnen. Bei einem persönlichen Brief nennen
Sie zuerst den Namen des Schreibers. Der Blinde kann dann entscheiden, ob er sich dieses Schreiben
von Ihnen vorlesen lassen möchte.
Lesen Sie aber niemals einen Brief für sich, um nachher zu
sagen: "Der ist von dem oder der, die das oder
jenes schreibt"oder "Das ist nur Reklame",
ohne zu sagen, um welche Werbung es sich zum Beispiel
handelt.
Eigene
Kommentare oder Zwischenbemerkungen mit Bezug
auf den Inhalt oder den Absender sollten Sie lieber
unterlassen, außer Sie werden darum gebeten. Denken
Sie immer daran, dass Sie nur stellvertretend
für den Blinden oder hochgradig Sehbehinderten
lesen.
Beim Vorlesen im allgemeinen, aber ganz besonders, wenn es
sich um Zeitungen und Zeitschriften handelt, gilt,
daß es nicht wesentlich ist, was Ihnen selbst
als interessant, wichtig und amüsant erscheint.
Lesen Sie einfach alle Überschriften, und Ihr
blinder Freund wird Ihnen sicher sagen, was er
gerne hören möchte. Unterbrechen Sie Ihre Lektüre
nicht durch Ausrufe oder Kommentare, das ist sehr
störend.
Interne
Stellungnahme
Natürlich kann
man das Vorlesen so handhaben, wie oben beschrieben.
Inzwischen ist es aber möglich, Bücher oder Briefe
mit der Unterstützung von Hilfsmitteln eigenständig
zu lesen. Ich bin selbst blind und arbeite am
PC. Als Hilfsmittel stehen mir eine Blindenschriftzeile
(Braillezeile), eine blindenspezifische Software
und ein Scanner zur Verfügung. Mit diesem kann
ich Schriftstücke im DIN-A4-Format einscannen
und sie mir durch die Sprachausgabe vorlesen lassen
oder mit der Braillezeile eigenhändig lesen.
Wer ausschließlich
lesen und nicht schreiben will, kann sich ein
sog. geschlossenes Vorlesesystem anschaffen. Es
beinhaltet einen Scanner mit integrierter Sprachausgabe
sowie eine kleine Eingabetastatur.
Die
private Anschaffung der Hilfsmittel wird in der
Regel durch die Krankenkasse finanziert. Und für
blinde Berufsanfänger übernimmt das Arbeitsamt
die Anschaffungskosten der Erstausstattung.
ORDNUNG UND PÜNKTLICHKEIT
Dies sind zwei
Tugenden, die möglicherweise nicht mehr sehr verbreitet,
aber für sehbehinderte Menschen doch von großer
Bedeutung sind. Es gibt eine Grundregel, die man
beachten muss, will man die Unabhängigkeit der
blinden Mitmenschen respektieren: Jedes Ding hat
seinen bestimmten Platz und muß dort jederzeit
gefunden werden können. Legen Sie also alles dorthin
zurück, woher Sie es genommen haben. Wissen Sie
es aber nicht mehr, dann fragen Sie die blinde
Person oder lassen von dieser selbst den Gegenstand
an seinen Platz zurücklegen.
Das ist von großer Wichtigkeit, vor
allem für Sehbehinderte, die allein wohnen, reisen
oder berufstätig sind.
Achten
Sie darauf, daß Haus- und Zimmertüren entweder
ganz offen oder geschlossen sind. Halbgeschlossene
Türen können Blinden zu einem gefährlichen Hindernis
werden. Schranktüren müssen immer ganz geschlossen
sein.
Lassen Sie keine Kübel, Besen, Mülleimer
usw. in der Umgebung
herumstehen, wo blinde Personen regelmäßig vorbeikommen.
Pünktlichkeit
hat ihre große Bedeutung bei Verabredungen und
Besuchen. Minuten können endlos werden, wenn man
nicht sieht und man sich während des Wartens mit
nichts beschäftigen kann. Das verursacht unnötig
Nervosität und Spannungen.
SCHLUSSWORT
Wir sind am
Ende unseres kleinen Ratgebers angelangt, der
für sich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben
möchte. Wenn Sie sich bei der nächsten Begegnung
mit jemand "aus der Welt der Blinden"
etwas weniger verlegen oder unsicher fühlen, hat
er trotzdem seinen Zweck erfüllt. Übrigens gibt
es diese Welt der Blinden doch gar nicht. Sie
leben in Ihrer Welt, in unserer Welt, auch wenn
sie auf Grund der ihnen gegebenen Mittel und Möglichkeiten
vielleicht anders leben und erleben als ihre sehenden
Mitmenschen.
Ein letztes
Wort ... Man hört ab und zu: "Ich versuchte einmal
einem Blinden zu helfen, doch er hat mich nur
angeschnauzt. Das passiert mir nicht ein zweites
Mal." So etwas kann wirklich einmal geschehen.
Die Sehbehinderten sind schließlich Menschen wie
alle anderen, ausgestattet mit guten Eigenschaften,
aber auch mit Fehlern behaftet. Und, Hand aufs
Herz, sind Sie noch nie von einem Sehenden, an
den Sie sich freundlich wandten, grob oder taktlos
behandelt worden? Die Dankbarkeit, mit der die
meisten Sehbehinderten Ihre Hilfe in Anspruch
nehmen, wird Sie diese eine schlechte Erfahrung
wieder vergessen lassen.
"Das Größte
bleibt dem Auge verborgen, nur mit dem Herzen
kann man es sehen." (A. de Saint Exupery)
Herman van Dyck
| Blindheit
nach dem BayBlindG |
Blind
ist, wem das Augenlicht vollständig fehlt.
Als
blind gelten auch Personen, bei denen folgende Tatbestände
vorliegen:
-
Es
besteht auf dem besseren Auge und auch bei beidäugiger
Prüfung eine Sehschärfe von nicht mehr als 1/50.
-
Es
liegen andere Störungen des Sehvermögens von einem
solchen Schweregrad vor, daß sie dieser Beeinträchtigung
der Sehschärfe gleichzuachten sind.
Eine
solche gleichzuachtende Sehstörung ist nach den
Richtlinien der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft
(DOG), die auch in die Anhaltspunkte für die ärztliche
Gutachtertätigkeit im Sozialen Entschädigungsrecht
und nach dem Schwerbehindertengesetz, Ausgabe
1996, Nr. 23 (3) aufgenommen wurden, gegeben:
-
bei
einer Einengung des Gesichtsfeldes, wenn bei
einer Sehschärfe von 0,033 (1/30) oder weniger
die Grenze des Restgesichtsfeldes in keiner
Richtung mehr als 30 Grad vom Zentrum entfernt
ist, wobei Gesichtsfeldreste jenseits von
50 Grad unberücksichtigt bleiben.
-
bei
einer Einengung des Gesichtsfeldes, wenn bei
einer Sehschärfe von 0,05 (1/20) oder weniger
die Grenze des Restgesichtsfeldes in keiner
Richtung mehr als 15 Grad vom Zentrum entfernt
ist, wobei Gesichtsfeldreste jenseits von
50 Grad unberücksichtigt bleiben.
-
bei
einer Einengung des Gesichtsfeldes, wenn bei
einer Sehschärfe von 0,1 (1/10) oder weniger
die Grenze des Restgesichtsfeldes in keiner
Richtung mehr als 7,5 Grad vom Zentrum entfernt
ist, wobei Gesichtsfeldreste jenseits von
50 Grad unberücksichtigt bleiben.
-
bei
einer Einengung des Gesichtsfeldes, auch bei
normaler Sehschärfe, wenn die Grenze der Gesichtsfeldinsel
in keiner Richtung mehr als 5 Grad vom Zentrum
entfernt ist, wobei Gesichtsfeldreste jenseits
von 50 Grad unberücksichtigt bleiben.
-
bei
großen Skotomen im zentralen Gesichtsfeldbereich,
wenn die Sehschärfe nicht mehr als 0,1 (1/10)
beträgt und im 50 Grad-Gesichtsfeld unterhalb
des horizontalen Meridians mehr als die Hälfte
ausgefallen ist.
-
bei
homonymen Hemianopsien, wenn die Sehschärfe
nicht mehr als 0,1 (1/10) beträgt und das
erhaltene Gesichtsfeld in der Horizontalen
nicht mehr als 30 Grad Durchmesser besitzt.
-
bei
bitemporalen oder binasalen Hemianopsien,
wenn die Sehschärfe nicht mehr als 0,1 (1/10)
beträgt und kein Binokularsehen besteht.
Daneben
gibt es auch Fälle gleichzuachtender Sehstörungen,
die ihre Ursachen nicht im Auge selbst haben;
z.B. Rindenblindheit oder visuelle Agnosie im
klassischen Sinn.
Vorübergehende
Sehstörungen sind nicht zu berücksichtigen. Als
vorübergehend gilt ein Zeitraum bis zu sechs Monaten.
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